Mannheim
Compact Memory

Von deutsch-jüdischer Jugend · 1926-10-08 · 7 (8.10.1926) · p. Seite 28

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
2 (1926)
Issue
7 (8.10.1926)
Date
1926-10-08
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9221535-9548924-9548935--047-2283705
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Student und Jugendbewegung. Von Ludwig Tietz. Das Thenra „Student und Jugendbewegung" ist schon oft genug besprochen worden, es soll deshalb an dieser Stelle nicht das Gesamtproblem theoretisch erörtert, vielmehr nur die Frage der Praktischen Zusa m menarbeit zwischen dem deutsch-jüdischen Studenten der Jugendbewegung mit dem der studentischen Verbindung betrachtet werden. Leider müssen wir seststellen, daß zwischen dem deutsch-jüdischen Verbindungsstudenten und dem jugendbeweglerischen Freistudeuteu eine Kluft besteht, die mehr oder weniger groß ist, jedenfalls immer groß genug, um eine Zusammenarbeit dieser beiden Kreise auf deutsch-jüdischem Gebiete zu verhindern. Dieser Zustand besteht. Es läßt sich sicherlich vieles zur Erklärung dafür anführen, man wird z. B. aus der verschiedenartigen Auffassung über Gesellfchafts- und Gemeinschaftsleben heraus theoretisch beweisen können, daß die Grundanschauungen dieser beiden Kreise so verschieden sein müssen, daß eine Zusammenarbeit nicht möglich, ja nicht einmal wünschenswert ist, und daß man nur, wie es auch jetzt der Fall ist, auf dem Gebiete der Hochschulpolitick — zur gerne! n s a m e n Abwehr also — gelegentlich Zusammengehen könne. An dieser Beweisführung ist vieles richtig. Anderseits aber besteht die Tatsache, daß es sich bei beiden Gruppen um junge Menschen g l e i ch e r G e n e r a t i o n und derselben Auffassung vom Judentum handelt. Häufig sind sich diese Menschen, die später in Couleur- und Wanderkluft aneinander vorüberzieheu, als gingen sie sich' gegenseitig nicht das mindeste an, vorher, bis zum Eintritt in die Hochschule, gar nicht so fremd gewesen. Die deutsch-jüdische Jugendbewegung braucht die Mitarbeit der studierenden Jugend in weit stärkerem Maße, als das bisher der Fall ist. Ein bedeutendes Kontingent der deutsch-jüdischem Studentenschaft stellt die große Schar der in jüdischen Dingen Indifferenten, und nun zerfällt noch der Teil, der aktiv interessiert und tätig ist, in zwei völlig voneinander getrennte Gruppen! Sollte dieser für die deutsch-jüdische Jugend wie auch für die Gesamtheit so unerfreuliche, ja höchst schädliche Zustand nicht zu beseitigen sein? Halten wir uns einmal vor Augen, wie die Verhältnisse auf der z i o n i st i scheu Seite sind. Erst kürzlich wurde diese Frage aus Leon 21. Delegiertentag in Erfurt in dem großen Jugendreserat von Dr. K a u o w i tz behandelt, es heißt darin: „ . . . Eine Mittelstellung innerhalb der Jugendbewegung nimmt das K. I. V. ein, das mit ferner Aktivrtas den Jugendbünden zuzurechnen ist, während es durch seine Alt-Herrenschaft naturgemäß aus der Jugendbewegung herauswächst." Gewiß ist dabei zu beachten, daß das K. I. D. nicht mehr zu hen „schlagenden" Verbindungen gehört, daß es also keine so aus- Mprägte Korporation wie etwa der K. E. ist. Wer aber die Organifationen und Menschen aus beiden Seilen kennt, der wird diesen Vergleich doch aufrecht erhalten können, da gerade in bezug auf die grundsätzliche Frage der Stellung zur Gesellschafts- .. form zwischen dem K. I. V.er und dem jugendbeweglerischen Zionisten fast der gleiche Unterschied besteht wie zwischen dem K. C.er und dem Studenten der deutsch-jüdischen Jugendbewegung. Was verbindet auf zionistischer Seite diese beiden Lager zu gemeinsamer Arbeit? — natürlich der uationaljüdische Gedanke, das bei beiden Gruppenim Vordergründe stehende Ideal des Z i o n i s m u s. „Ter Schwerpunkt der K.J. V. - Arbeit liegt heute auf dein (reb et der zionistischen Durchbildung der älteren Generation und auf Werbung der Menschen aus der Assimiliation", so heißt ti in dem erwähnten Referate. Beide C r u p P e n verbindet also die von ihnen anerka n n t e, i h n e n s e l b st v e r st ä n d l i ch e B e r p s l i ch t u n g für die jüdische Arbeit. Es soll im Rahmen dieser Erörterungen nicht auf die Frage eingeganaen werden, ob heute noch wie vor dem Kriege der Standpunkt berechtigt ist, daß man nach dem Grundsätze: „similia similibtis curarttm*" den allgemeinen Studentenkomment für die deutschjüdischen Studenten anfrcchierhalten muß. Ganz bestimmt trennt dieser Komment gerade die deutsch-jüdische Studentenschaft in die zwei Lager. Aber wie dem auch sei, es gibt ja auch außer K o mm e nt die Lenden z, und vielleicht kann durch Verlegung des Schwergewichtes eine Zusammenarbeit hier oft gefördert werden. Die deutsch-jüdische Jugendbewegung ist heute gerade in den Kreisen ihrer Aelteren Zumeist nicht s o radikal, daß lediglich an A e u ß e r l i ch ke i t en die Zusammenarbeit scheitern würde. Wenn Frau Dr. Bäum er in ihrem hervorragenden Aufsatze „Der neue Mensch" („Das junge Deutschland", 1926, Nr. 9) am Schlüsse folgende Mahnung der gesamten Jugendbewegung zuruft: „Ich möchte zum Schluß einen Wunsch aussprechen, der mich bei der Darlegung des Sinnes der Jugendbewegung beherrscht hat, als einer Bewegung, die nicht Bewegung einer Altersstufe ist, sondern die ein Beginn ist und sortströmen wird auch mit den Menschen und durch die Menschen hindurch, die in ihr und mit ihr alt werden. Es ist der Wunsch, daß Sie bei diesen Ausführungen, bei der Vergegenwärtigung des gemeinsamen Sinnes der verschiedenen Gruppen der Jugendbewegung durch die Zeiten hindurch und in der Gegenwart einen Eindruck haben möchten, ähnlich dem, dessen sich vielleicht in an che von Ihnen mit mir aus der Physikftunde in der Schule erinnern, als uns zum ersten Male gezergt wurde,^ wie die mit den sieben Regenbogenfarben bemalte Scheibe bei rascher Drehung weiß wurde. So sollte die Jugendbewegung immer wieder dieses Spektrum, das sie selbst darstellt, so in Bewegung setzen, daß ihr deutlich wird, daß dieses Spektrum die Zerlegung einer einheitlichen Kraft ist —" so sollten diese Worte doppelt und dreifach' die deutsch-jüdischen Studenten zu gemeinsamer Arbeit für den deutsch-jüdischen Gedanken ermahnen. Die „Dsutjchssüörsche Irrgenö" ln öer soZßaLezr Arbeit. Bon Wilhelm Lewinski. Als wir unsere Mithilfe der Z e n t r a l mo h If a h r L s stelle der deutschen Juden Anfang vorigen Jahres zusagten, hatten wir uns keine neue Aufgabe gestellt, denn seit der Gründung der Deutsch-jüdischen Jugend ist die s o z i a l e A r b e i L ein Stück unserer Betätigung, wenn nicht das wichtigste überhaupt. Wenn im folgenden nur die Rede von der sozialen Arbeit für I u g e n d l i ch e ist, so steht fest, daß solche innerhalb und außerhalb des Vereins zu leisten ist. Leider sind so häufig die jungen Menschen, welche seelische oder körperliche Not leiden, durch religiöse politische oder kulturelle Einstellung von uns getrennt. Dennoch wollen mir ihnen Licht und Freude bringen. Viele unserer Freunde haben in den von der jüdischen Gemeinde eingerichteten Gruppen, die Kinder der vom Wohlfahrtsamt unterstützten Eltern zusamrnenführen, mitgearbeitet und es verstanden, in diese lediglich gesellschaftlichen, bestimmten engen Zwecken dienenden Vereinigungen Frische und Fröhlichkeit hineiuzutragen. Klare, große Aufgaben sehen wir noch vor uns. Inflation, Arbeitslosigkeit, Unstimmigkeiten im Elternhause haben viele Jugendliche vom rechten Wege abkommen lassen, sie dem Schund und Kitsch in die Arme getrieben. Ihnen wollen wir beikommen, sie des Lebens wahre Werte wieder oder erst erfassen lehren. Noch melden sich zu wenig ältere Jugendliche den Jugendämtern, um Jugendschuhaussichten zu übernehmen. Hier lockt ein Weg, der nicht für die alte Generation, sondern gerade für die Jugendbewegung gegeben ist. In diesem Winter wollen wir daran gehen, in einem Waisenhaus und einem L e h r k i n g s h e im zu helfen; durch munteres Spiel, gemeinsames Singen, Volkstänze und ernste Arbeit diesen vom Schicksal so ungerecht behandelten Menschenkindern etwas von unserer Lebensfreude abgeben. In der Bewegung selbst brauchte kaum seelischer Not gesteuert werden, die war durch das Zusammenleben und Aussprache behoben Wohl aber könnten wir materiell helfen. Leider können wir nicht das Nebel an der Quelle fassen, der Not im Elternhause zu steuern, geht über unser Vermögen. Dem jüdischen Proletariat zu helfen, verhärmte Gesichter wieder leuchtend zu machen, im täglichen Broterwerb verbrauchte Geister auch für einige Minuten geistiger Arbeit wieder freizumachen, bleibt leider nur unser Wunsch. Daß wir aber solchen Jugendlichen Beiträge erlassen, Fahrtzuschüsse geben und sie so auf unseren Wanderungen in alle Teile unserer schönen Heimat führen, ihnen Theater, Museen und andere Bildungsinstitute erschließen, braucht wohl nicht erwähnt zu werden. Aber kein förmlicher Antrag um Gewährung neuer Beihilfe, ein Wort beim Kassierer genügt. Wir alle tragen bei, ohne wissen zu wollen, wem wir helfen. Wohlweislich kassieren unsere treuen Beamten von jedem, der es vermag, einen Aufschlag mit ein. Die Art der sozialen Betätigung ist es, die betrachtet zu werden verdient. Gemeinschaftliche menschliche Pflicht leitet uns, uns sind große Feierlichkeiten bei Darbietung von Gaben und die Abtragung der Dankesschuld, deren Notwendigkeit man oft dem Beschenkten in beschämender Weise zu verstehen gibt, äußerst zuwider. Wir wissen aus den Erzählungen der Freunde, wie es in einem Menfchenherzen aussieht, das Hilfe braucht, sie aber in entehrender, seines inneren Wertes nicht achtender, es bedrückender Weise erfährt. Die Hilfe, die Gegenleistung, ' und sei es moralische, verlangt, ist doch keine. Nicht steife Bureaukratie oder Betonung des helfenden Standes, sondern die jugendliche Herzlichkeit läßt auch Glück über die Hilfe empfinden. Die soziale Ungleichheit besteht, ihre Beseitigung wird auch erfolgen, schreiten wir doch ewig vorwärts. Die aus ihnen aber entstehenden Vorurteile halten wtr für unjüdisch. Wir wollen helfen sie zu bekämpfen und nach dem inneren Menschen sehen. Dann wird unsere Hilfe angenommen und ihren Zweck erfüllen. Verantwortlich filo die Beilage „Von d-euckch-iüdischer Jwgend"; Alfred Hirfchberg (Berlm-Charlottenburg).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.