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Central-Verein-Zeitung · 1926-08-13 · 33 (13.8.1926) · p. Seite 430

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
33 (13.8.1926)
Date
1926-08-13
Page
Seite 430 (sequence 2)
Language
German
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430 Jdealgestalt, diesem Ausbund von Schlechtigkeit und Bösartigkeit, ohne bewußten eigenen Willensakt, in. automatischer Reaktion des Borstellungsapparates unsympathische Züge aus den einzelnen Angehörigen der verhaßten Gemeinschaft, mit dem ihn sein Berus zusammensührt, überträgt, sein Bild in seinem Innern sozusagen retouchiert? So kommen im Einzelfall fast zwangsläufig, gleichsam wie durch eine elektrische Induktion, die Verzerrungen zustande, mit denen der antisemitisch beeinstußte Richter das menschliche Objekt seiner amtlichen Tätigkeit unbewußt ausstattet; sein sonst vielleicht klarer Blick wird sofort eigenartig getrübt, sein Urteilsvermögen abgelenkt, sein Wille zur Gerechtigkeit durch eine wesensfremde, unsachliche Beimischung verfälscht und vergiftet. So und nur so erklären sich die grotesken Vorgänge und Entwicklungen des Magdeburger Trauerspiels, die sonst ohne die Unterstellung geistiger Störungen einfach nicht zu verstehen wären. Ihre schlimmste Auswirkung, der nackte Justizmord an Haas, ist zum Glück dem deutschen Volke und dem deutschen Namen erspart geblieben; daß dieser Kelch an uns vorbeigegangen ist, verdanken wir aber nicht etwa dem Walten einer objektiver gestimmten behördlichen Stelle, die dem frevelhaften Unwesen solcher Rechtsübung in den Arm gefallen wäre — hat sich doch die Magdeburger Richterschaft, einschließlich des dortigen Bezirksverbandes des Preußischen Richtervereins, man mochte sagen: natürlich, alle Mißgriffe des unmöglichen Untersuchungsrichters in Bausch und Bogen zu eigen gemacht —, sondern ausschließlich den aufopfernden Bemühungen der Verteidiger und Freunde des zu Unrecht Beschuldigten, die in Kürze die kriminelle Klärung des Falles herbeiführten. So gelang es, das Unheil, das sich dank den Herren Kökling und Tenhold wie ihren Schildhaltern vom Magdeburger Gericht schier unvermeidlich vorbereitete, doch noch zu bannen; aber wer will, ja wer kann auch nur daran zweifeln, daß, hätte man die Herren ungestört an der Arbeit gelassen, der Justizmord an dem unglücklichen Haas bei seiner angeblich schweren Belastung durch Schröder und die drei klassischen Zeuginnen von Rottmersleben möglich, ja fast sicher gewesen wäre? Welch erschütternd grauenvolle Perspektive! In den niederdrückenden Irrungen und Wirrungen dieser Vorgänge und Möglichkeiten darf uns nicht etwa die banale, sich bei solchem Anlaß fast immer mit Unrecht einstellende Aus* flucht trösten, der Magdeburger Fall sei eine bedauerliche Ausnahmeerscheinung deutscher Justiz. Eine solche ist er nur durch die grotesken Dimensionen, in die er durch das völlige Versagen und die Böswilligkeit der beteiligten „Rechtspflegeorgane" mit jedem Tage stärker hineingewachsen ist, aus der anderen Seite durch die unverhofft schnelle und glückliche Aufklärung des Kriminalfalles selbst. Das aber soll uns nicht darüber hinwegtäuschen, daß Tragödien von der Art der Affäre Haas — wenn auch von minderer Bedeutung und Furchtbarkeit — nach dem oben von der geistigen Verfasiung der Richterschaft und ihrer Grundeinstellung zum jüdischen Volksteil entworfenen Bild im Milieu zahlreicher Provinzgerichte genau so gut möglich sind, und daß solche Fälle sicher nicht selten tatsächlich Vorkommen — leider zumeist mit sachlich schlimmerem Ausgang, als ihn der Fall Haas schließlich gehabt hat. Das offen auszusprechen, ist in dieser Stunde Pflicht der Kundigen. Und wo ist der Weg zur Besserung der unsäglich trüben und traurigen Verhältnisse? Kein Schimmer von Hoffnung daraus ist möglich, kein noch so ferner Silberstreif am Horizont leuchtet aus! Man sehe sich die jungen Helden an, die jetzt auf den deutschen Hochschulen ungehindert und ungehemmt ihr völkisches Unwesen treiben, um nach wenigen Jahren, innerlich nicht im geringsten gewandelt, als Richter, Beamte und Lehrer auf unser armes Volk losgelassen zu werden! Wer könnte von ihnen Besserung der geschilderten Zustände, Selbstbesinnung und bewußten Willen zur Gerechtigkeit auch dem jüdischen Volksgenossen gegenüber erhoffen? Das wäre eitler Wahn! Von dort aus kann das Heil und wird die Heilung nicht kommen! Nur von dem wirklich republikanischen Volk her winkt die Rettung! Gelingt es ihm, echte und rechte Macht im Staat zu gewinnen — heut' ist es noch weit, unendlich weit davon entfernt —, dann muß es die völkisch verseuchten Teile des Staatskörpers, die Schulen, Universitäten, Gerichte und Aenrter, mit eisernem Besen auskehren! Die Republik den Republikanern — nicht ihren offenen und heimlichen Feinden! Dann — aber auch nur dann — können die deutschen Juden hoffen, daß auch für sie endlich einmal nach tausendjährigem Leidensweg die Befreiungsstunde kommen wird, die schlimme Unterdrückung und schmähliche Rechtlosigkeit von ihren gebeugten Schultern nimmt. Solange dieser schwerste und härteste Kampf um Recht und Gerechtigkeit noch nicht siegreich durchgeführt ist, dürfen die deutschen Juden das JdealvonFreiheitundGleichberechtigung, das ihnen seit Jahrhunderten anscheinend unerreichbar vorschwebt, nur, wie Moses das Gelobte Land, mit Empörung und Wehmut zugleich in dämmernder Ferne grüßen! 3L. II. Die von Herrn Roth behandelte Frage weitet sich, dem Kenner zur Aufrollung des Problems der Stellung des jüdischer: Staatsbürgers nicht nur z u m Richter, sondern zu den Behörden überhaupt. Das Archiv des Centralvereins birgt gar manchen Stoff, der zeigt, daß die unbewußte Einstellung von Polizei-, Finanzrmd Justizbehörden zu uns oft genug zu mittelalterlichem Unrecht führt. Wir erfahren namentlich aus kleinen Städten — in denen die Hilflosigkeit des einzelnen größer ist — tagtäglich, wie völkische Willkür auf den jüdischen Seelen lastet. Gewiß soll anerkannt werden, daß namentlich in Preußen die Zentralbehörden Abhilfe bereitwilligst Zusagen und sie auch durchzusetzen versuchen, soweit dies möglich ist, — im Reiche könnte durch die Zentralbehörde hier und da auch mehr geschehen — aber darauf kommt es nicht allein, ja nicht einmal entscheidend an. Was hat aber zu geschehen? Wir haben darauf hinzuwirken: 1. daß die ängstliche Scheu der Betroffenen, „s i ch h e r a u s z u st e l l e n", ü b e r wunder: w i r d. Was heißt überhaupt „sich Herausstellen", wenn man schon genügend vor: gegnerischer Seite „herausgestellt" ist. Wenn heute Dutzende von Steuerzahlern festzustellen glauben, daß sie von als völkisch bekannten Finanzarntsbeamten grundsätzlich gequält werden, dann heraus mit dem Material! Man wird schon einen geeigneten Weg der Abhilfe finden. Genau so steht es mit allen denen, die mit der Justiz in Verbindung stehen. Wenn, ein strenggläubiger Jude, der am Sabbat ebnen Eid nicht leisten will, den Richter bittet, mit Rücksicht aus seine religiöse Ueberzeugung, ihn an einem andern Tage Zu vernehmen, und er trotz Angabe dieses Grundes zu der als unerhört, zu bezeichnenden Strafe von 100 Mark verurteilt wird, so muß bis Zun: letzten gegangen werden. Aber der Mut Zur Ve rfolgung muß da sein; 2. d a h d e r e i n s i ch t i g e und gerecht empfindende Teil der Bevölkerung die V o rto n:m n i sse erfährt, die uns bedrücken. Der Fall Magdeburg zeigt in erschreckender Weise, wie dem einen Teil des Volkes durch die herrschende Presseverwilderung die Kenntnis der Tatsachen einfach vorenthalten wird. Man mag politisch stehen wie man will — und es dürfte wohl nach Klärung der Sachlage kein Zweifel mehr seim daß Magdeburg an sich mit Politik nichts zu tun hat —, so wird man feststellen müssen, daß die rechtsstehenden Blätter ihre Chronistenpslicht leider völlig verkannt und ihre Leser in unglaublichster.Weise im unklaren gelassen haben. Das können wir leider nicht ändern. Wir können aber etwas anderes tun: Durch Wort und Schrift die Allgemeinheit unterrichten. „Die Lehren aus den: Fall Haas" müßten im Herbst überall in Rede und Broschüren behandelt werden. „Die Rechtslage der deutschen Juden" wird von uns zum Gegenstand einer Veröffentlichung zu machen sein. Sorgen wir dann, daß diese Veröffentlichung in die richtigen Hände kommt. 3. E i n „K u lturspiege l" aus d e m e r st e n Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts muß in möglichst lückenloser Weise all das zusammen stell e n, was wir je erfahren haben. „Das jüdische Kind in der Schule", „Unsere Universitäten", „Der deutsche Richter und der jüdische Prozeßbeteiligte", hier darf nicht beschönigt werden. Der gesunde Sinn der Bevölkerung wird geweckt werden, mag auch der Weg schwierig und dornenvoll sein.

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