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Central-Verein-Zeitung · 1926-06-04 · 23 (4.6.1926) · p. Seite 312

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
23 (4.6.1926)
Date
1926-06-04
Page
Seite 312 (sequence 4)
Language
German
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312 Die Erschießung petljuras. Weg mit Sem politischen Mord! Hg. Fast gleichzeitig mit dem Beschluß des N echt sau sschusses des preußischen Landtags, der die Immunität des völkischen Landtag sab geordneten Wulle wegen Verdachtes der Beteiligung an einem Fememord aushebt, und während ein ähnlicher Beschluß für den völkischen Abgeordneten Kube zu erwarten ist, kommt aus Paris die Nachricht, daß ein s r ü h e r e x ukrainischer Jude namens Samuel S ch w a r Z b a r t den früheren Kosakenhetman Petljura durch Pistolenschüsse tödlich verletzt habe. Man ist versucht, diese beiden Tatsachen in einen gewissen inneren Zusammenhang zu bringen, denn es scheint, als ob die Zeitströmungen, aus denen heraus die politischen Morde gebilligt und mitunter sogar — man denke an Fälle wie Erzberger,Rat Henau, um Bettauer gar nicht zu erwähnen — auch verherrlicht werden, so stark sind, daß sie einen abseits vom politischen Leben stehenden stillen Menschen des Alltags glauben machen, zur Selb st wehr und zur Vernichtung des Nebenmenschen berechtigt zu sein. In Paris ist ein Jude der starken Suggestion, die von diesen politischen Mordserien ausging, erlegen. Welche inneren Beweggründe, welche äußeren Tatsachen dem Täter den Willen zu den tödlichen Schüssen eingaben, sind hier gleichgültig. Jedwede Erörterung dieser Art bedeutet die Entschuldigung einer unentschuldbaren Handlungsweise. Soweit ist die Verwirrung der Köpfe gekommen, daß der Nachhall des Donnerwortes vom Sinai: „Du sollst nicht töten!" in den Ohren eines Juden von den falschen Stimmen der Gegenwart übertönt wird! Den völkischen Kreisen sind die Schüsse am St. Michel willkommener Klang gewesen, und mit allen Mitteln versuchen sie, das Geschehene in Paris zur Abwehr gegenüber der von allen Seiten heran brau senden Flut von Entrüstungen wegen der völkischen Fememorde in Deutschland auszunutzen. Die Journalistik der Herren vom „Völkischen Beobachter" bekommt sogar fertig, dem Trauerspiel eine Satire folgen zu lassen. Unter dem Eindruck der Meldung aus Paris brachte dieses Blatt die sechsspaltige Ueberschrift: „Der Mo r d in Paris — ein Femem ord der 3. Internationale", und der darunter stehende Artikel will begründen, daß Petljura das erste Opfer eines bolschewistischen Befehls sei, der die Propaganda individuellen Terrors verlangt. Tags darauf jedoch hat sich der „Völkische Beobachter" besonnen, und aus dem Fememord wird die Ausführung eines Auftrags der geheimnisvollen „Kahal", jener jüdischen Organisationssorm, die nach den Quellenforschungen dieser völkischen Gelehrten das Vorbild der Sowjets ist. Das Wort „Fememord" ist, wie der „Völkische Beobachter" entschuldigend bemerkt, in der Eile nur gebraucht worden. „Die Feme war eine „altdeutsche ehrliche E i n r i ch t u n g". Also sogar der Mord ist ein anderer, wenn er als „Abkillen" mit Dolch und Beil in einem mecklenburgischen Walde, aus einem Grunewaldweg, im Döberitzer Sande geschieht und die Täter reinblütige Arier sind, oder wenn die tödliche Wunde von semitischen Händen versetzt wird! Dieser Wahnsinn hat Methode. Schon jetzt, um den völkischen Herren billige Argumente wegzunehmen, sei daraus hingewiesen, daß der Versuch, hier wieder einmal einen Akt des internationalen Judentums zu konstruieren, fehlschlägt. Wenn hier ein jüdischer Täter einen A n t i bolschewisten erwählt., so sei daran erinnert, daß beispielsweise das Attentat ans Lenin seinerzeit von einer Jüdin, Dora Kapphahn, verübt wurde. Mit der Behauptung von einer Ln einheitlicher Richtung wirkenden jüdischer GchcimvcrbinSrrng ist cs also nichts, und soweit wird sich der Einfluß gewisser Kreise auf jüdische Köpfe hoffentlich niemals auswirken, daß die Gerichte vor der Notwendigkeit stehen, sich mit der Missetat einer jüdischen Organisation Gonsul zu befassen. Und noch ein Letztes. Die völkischen Fememörder sehen in der Regel nur ihr eigenes Leben, schlimmstenfalls den B e st and ihrer Gruppe aufs Spiel. Samuel Schwarzöart trug eine höhere Verantwortung gegenüber der zahlenmäßig bedeutenden, verhältnismäßig aber kleinen Minorität seiner Glaubensgenossen in der Ukraine, gegen die die Erbitterung von Petljuras Anhängern, die sich an dem fernen Mörder nicht austoben können, sich in verstärktem Matze richten wird. Nicht die Tat bedeutet immer Heroismus. Viel höheres menschliches Heldentum ist die Unterordnung unter das ethische Gebot, auch wenn man glaubt, sich mit seiner Weisung nicht einverstanden erklären zu können. * Aus Paris wird uns über den Eindruck, den der Mord dort gernacht hat, von unserem R. R.-Mitarbeiter geschrieben: Die Ermordung des ukrainischen Generals Petljura hat nur wenig Aussehen erregt. Die französische Öffentlichkeit steht politischen Attentaten grundsätzlich nicht so ablehnend und verurteilend gegenüber, wie das für jeden Deutschen eine Selbstverständlichkeit ist. Ebenso wie die Volksstimmung und dementsprechend auch die. Geschworenengerichte betrogenen Ehegatten häufig das Recht zubilligen, sich selbst Vergeltung und Genugtuung zu schassen, so wird auch der politische Mord, wenn er ein psychologisch verständlicher V e r g e l t u n g s a k t ist, nicht ohne weiteres als etwas moralisch Verdammcnswertes angesehen. Damit soll natürlich kein Präjudiz angedeutet oder vorausgesagt sein, daß der Mörder des Generals Petljura, der russische Jude Samuel Schwär zbart, nicht eine schwere Strafe erhalten wird. Das Verfahren gegen ihn ist sofort eingeleitet worden und liegt in der Hand des Untersuchungsrichters B a c g u a r t. Die Pariser Presse hat sich aus den Gründen, die hier angegeben sind, auffallend wenig mit der ganzen Angelegenheit beschäftigt. Die meisten Blätter beschränken sich auf eine Wiedergabe des Polizeiberichtes oder aus eine nähere Beschreibung des Attentats. In den Blättern der Linken suchte man die Beweggründe Schwarzbarts zu analysieren. Nirgends fand sich, soweit wir sehen können, eine antisemitische Verunglimpfung oder das Bestreben, aus der Täterschaft eines russischen Juden Verallgemeinerungen zu konstruieren. Auch die militaristische Presse der Rechten bemüht sich um vollkommen objektive Darstellungen. Selbst das Blatt der äußersten Rechten, die royalistische „Action fran^aise", die bei anderen Gelegenheiten antisemitische Anspielungen nicht immer unterdrücken kann, obwohl sich auch in ihren Reihen Juden befinden, schaltet in ihrer Darstellung das konfessionelle und völkische Moment vollkommen aus und betitelt ihren Bericht: „Ein politisches Verbrechen auf dem Boulevard Saint-Michel — Petljura, der frühere antibolschewistische Chef der Ukraine, wird von einem Landsmann ermordet." Und das führende Blatt der französischen Nationalisten, das besonders in der französischen Armee gelesene „Echo de Paris", schreibt ebenfalls: „Petljura, der frühere Diktator der Ukraine, in Paris von einem seiner Landsleute ermordet." Ein Mitarbeiter dieses Blattes hat unmittelbar nach der Tat die Frau Samuel Schwarzbarts, der seit fünf Jahren in Paris wohnt, nach den Beweggründen ihres Mannes gefragt und sondiert, ob Schwarzbart irgendeiner politischen Gruppe angehört. Die Frau gab zur Antwort: „Ich glaube das nicht; wir sind Israeliten, und mein Mann wußte, was unsere Glaubensgenossen zur Zeit des weißen Schreckens in der Ukraine erduldet haben. Das hat ihn Zweifellos bestimmt, an dem Menschen Recht walten zu lassen, den er als seinen blutdürstigen Gewalthaber betrachtete." Das „Echo de Paris" enthält sich zu dieser Bemerkung jedes Kommentars. Es sieht, wie die gesamte französische Öffentlichkeit, in dem Vorfall die Austragung eines inner politischen ukrainischen Konfliktes, der sich zusällig in denStraßenvon Parisabgespielt hat. — Nichts weiter. Vorsaison im Riesengebirge. KnÄppel - Kunze spricht. Dem Strom der von Berufsarbeit ermatteten Städter, die sich in die reine Lust ruhiger Gebirgsorte begeben, um dort für das neue Arbeitsjahr frische Kräfte zu sammeln, ist Herr Richard Kunze gefolgt. Vielleicht war die geistige Aufnahmefähigkeih des Publikums in den staubigen und heißen Städten nicht mehr stark genug, um seinem hohen Gedankenslnge folgen zu können, vielleicht hat er auch nur die menschenfreundliche Absicht als eine Art komischer Attraktion aus die Lachmuskeln seiner Zuhörer einzuwirken und so zu ihrer Erholung beizutragen — jedenfalls haben in der letzten Woche in Schmiedeberg und Krummhübel Vorträge Kunzes st a t tg e j u n d e n , deren Inhalt hier nicht wiedergegeben werden kann, weil sie inhaltslos waren, die aber die alte Melodie von der Schlechtigkeit der Juden neu zu variieren versuchten. Es ist nun kaum anznnehmen, daß sich die Badegäste, außer um sich, wie gesagt, zu amüsieren, in die heißen Säle begeben, um Kunzeschen Offenbarungen zu lauschen. In viel stärkerem Maße freilich besteht die Möglichkeit, daß sich unreife Elemente der Ortsansässigen einftnden und sich in einer Art verhetzen lassen, die mit dem R u h e b ed ü rs n i s und dem Erholung s w i I l e n der Kurgäste, mögen es nun jüdische oder n i ch t j ü d i s ch e sein, im Widerspruch steht. Es ist anzunehmen, daß die Kurverwaltungen der in> Frage kommenden Orte.sich von der Kunzeschen Tätigkeit nur überraschen ließen.

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