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Central-Verein-Zeitung · 1926-06-04 · 23 (4.6.1926) · p. Seite 310

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
23 (4.6.1926)
Date
1926-06-04
Page
Seite 310 (sequence 2)
Language
German
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310 die „Standart e". Mit einer tollkühnen Aufrichtigkeit setzt Ernst Jünger wörtlich'das Folgende hin („Standarte", Heft 8 vom 20. Mai 1926): . . Der formale Bestand der Vergangenheit ist abgeschlossen, seine Pflege kann den Spießbürgern einerseits und -den Blättern vom Schlage der „Weltbühne" anderseits überlassen werden. Die erste, selbstverständliche Pflicht des Nationalismus ist es, diesem aus einer untergeordneten Ebene liegenden Kampfplatz ohne jedes Ressentiment den Rücken zu kehren. Seine Aufgabe ist es vielmehr, mit allen Mitteln den Kampf gegen den augenblicklichen Bestand zu rüsten, der durchaus der Bestand von 1919, mit einigen für den Spießbürger berechneten Verschönerungen der Fassade ist. Hier darf kein Stein auf dem anderen bleiben. ♦ 4 4 Revolution! Revolution! Das ist es, was unaufhörlich gepredigt werden mutz, gehässig, systematisch, unerbittlich, und sollte dieses Predigen zehn Jahre lang dauern. Noch haben wenige diese Forderung in ihrer ganzen Schärfe erkannt, noch steht das sentimeutalische Gefasel von Verbrüderung und Einigung durch alte möglichen und unmöglichen Arten von Geist in voller Vlüte. Zum Henker damit oder in die Parlamente, wo das am Platze sein mag. Es gibt in der endlichen Welt keine Verbrüderung von Gegensätzen, es gibt nichts als Kampf. Die nationalistische Revolution braucht keine Prediger von Ruhe und Ordnung, sie braucht Verkünder des Satzes: „Der Herr wird über euch kommen mit der Schärfe des Schwerts!" Sie soll den Namen Revolution von jener Lächerlichkeit befreien, mit der er in Deutschland seit fast 100 Jahren bchastet ist. Im großen Kriege hat sich ein neuer gefährlicher Menschenschlag entwickelt, bringen wir diesen Schlag zur Aktion! . . (Von uns fett gesetzt. Tie SchrisileiLung.) Alle Hochachtung! Solche Sprache und solche Wege waren wir bisher von dieser Seite nicht gewöhnt. Solche Gedankengänge, solche Sähe entsprechen fast genau den Forderungen unb Grundsätzen des Bolschewismus. Ja, sie würden einem Nihilisten wie Bä k u n i n alle Ehre machen. Revolutionsluft weht durch die „Standarte". Hans Schwarz, der Poet, schreit hinaus: „Fort mit dem Schacher und her mit dem Recht, Feinde sind Feinde, und Knecht ist Knecht! Arbeit ist Herzblut und wird nicht verschenkt! Volksverrätcr, wer anders denkt! Revolution! Trommler, wirble mit jedem Schritt: Revolution! Die Masse mutz mit! Trommle die Stratzeu so lang wie breit, Schlage den Takt, bis die Menge schreit: Revolution! . . Ist nicht dagegen Georg Herweghs Vers: „Mann der Arbeit ausgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!" nur süße Limonade; denn er legt dem Arbeiter nur nahe, seine Macht in der Wirtschaft für sich einzusetzen. Die neuen Nationalisten aber fordern Revolution, bei der „kein Stein aus dem andern bleiben soll". ■ Heber ha% Programm des neuen auf den Trümmern des alten Deutschland errichteten Staates hier sich zu unterhalten, ist nicht der Platz. Der Feind steht für diese Nationalisten links, von den Demokraten an gerechnet, die sie besonders aufs Korn genommen haben. Jedenfalls erblühen ihren Feinden nette Aussichten. Äon der großen Abrechnung, von Andie-Wand-Stellen und dergleichen moralischen Handlungen wird gern und offen gesprochen. Uns jüdische Deutsche behandeln sie sozusagen nur im Feuilleton. An grundsätzlichen Aussätzen über die Judenfrage fehlt es vorläufig. Aber hinten wird unserer in bissigen Randbemerkungen und schon etwas abgebrauchten Wortprägungen wie „rassenmäßig begründeter Kenntnis", „blutmüßigen Bindungen", „talmudisch weisem Rat", „rassischvölkischer Eigenart" verständnisvoll gedacht. Und der berüchtigte Z 13 der „N o t v e r f a s s u n g , der „das ges a m t e b e w e g l i ch e u n d u n b e w e g l i ch e V e r m ö g e n der in Deutschland aufhältlichen Angehörigen des jüdischen Volkstums beschlagnahm t", wird, wie die „Notversafsung" überhaupt im großen und ganzen, „für durchaus notwendig gehalten". Worauswilldasalles hinaus? Ist es nur rein zufällig, daß im „T a g", dem Organ der Deütfchnationalen Volkspartei (Nr. 29 vom 30. Mai 1926), Herr v. M e d e m feststellt, die Verhältnisse werden in den politischen Parteien rmmer verworrener, und rechts und links formieren sich die Massen der Verbände. Je weniger es ersichtlich sei, wie me politischen Parteien der aufgepeitschten Volkslerdenschaften Herr bleiben sollen, um so stärker ballen sich die Organisationen der grauen Windjackenträger zusammen. Ja, wörtlich heißt es: „Man kann es nicht mehr übersehen, daß sich hier Kräfte bilden, die eines Tages für den Bestand des Staates entscheide n d w e r d e n k ö n n e n." Ist es nur zufällig, daß die so überlegte Stahlhelmleitung den Herausgeber ihrer Wochenzeitung diese wilden Pläne gutheißen läßt? Ist es zufällig, daß die „Deutsche Tageszeitung", die „Deutsche Zeitung", „Der Tag" nicht sehen wollen, welche gefährlichen Bahnen hier begangen werden und lediglich die „S t a n d a r t e" als einen Bundesgenossen in der nationalen Aufklärung bewillkommnen? Wir wissen keine Antwort auf diese Fragen, aber das eine wissen wir: Wer heute in Deutschland die Revolution systematisch nach dem Vorbilde eines Lenin und nach den Lehren eines Bakunin fordert und fördert; wer dadurch glaubt, ein neues Deutschland und gar auf nationaler Grundlage errichten zu können, dem ist nicht zu raten und nicht zu Helsen. Das neue Deutschland kann groß und mächtig werden, wenn alle Kräfte, der Kaufmann und der Fabrikant, der Arbeiter und der Bauer, der Studierte und der Unstudierte, jedweder politischen Partei, jedweder Religion sich zusammensinden in dem Willen/uneigennützig Volk und Vaterland in stiller und zäher Arbeit zu dienen, sich gegenseitig zu achten und das Wort national nicht durch politischen Mißbrauch entwerten zu lassen. Daß diese tiefe Sehnsucht in allen einsichtigen Teilen des deutschen Volkes blühend lebt, erweist das Suchen und Mühen, eine neue Reichsfahne der Einigung herzustellen. Wer Bürgerkrieg wünscht, wer den Kameraden von draußen und wer den Volksgenossen als Todfeind mit Feuer und Schwert angreisen und vernichten will, wem noch nicht genug deutsche Leben getötet, deutsche Familien in Elend und Unheil gestürzt sind, der schreie nur laut nach der neuen Revolution. Das deutscheVolk wird diesem ein gerechter, aber sehr, sehr strenger Richter sein. Elternbeiratsrvahlenl Am 6. Juni in Preußen : Trotz mancherlei Hemmungen von feiten der Behörden und aus den Reihen der Elternschaft hat sich die Einrichtung der Elternbciräte Anerkennung verschafft. Es ist in der Hauptsache darauf Zurückzuführen, daß Elternbeirat und Schule versucht haben, sachlich und vorurteilsfrei zu arbeiten. Wir jüdischen Eltern sind von dem Schmerz nicht verschont geblieben, auch Fragen antisemitischen Charakters in der Elternbeiratssitzung vorzubringen. Wir haben aber die Erfahrung gemacht, daß j u d e n s e i n d! i ch e V o r! o m mnisse, dem Elternbeirate in taktvoller Weise v o rgetragen, von den christlichen Elternebenso verurteilt und aufs energischste bekämpft wurden wie von uns. Diese Erfahrungen legen uns jüdischen Eltern neben unserer allgemeinen Staatsbürgerpflicht, zn wählen, noch die besondere Verpflichtung auf, die Persönlichkeiten ans den Kisten, die nm unsere Stimme werben, genau ans ihre Eignung hin anznsehen. An den Schulen, an denen eine Einheitsliste eingereicht wurde, haben wir jüdischen Eltern unter diesen Gesichtspunkten die Listen mitcmfgestellt. Jetzt gilt es nur noch, unsere Aufmerksamkeit den Schulen Zu schenken, an denen mehrere Listen bestehen. Ten Eltern dieser Schulen rnstn wir zu: „Die Augen aufgemacht! Wenn Ihr am 6. Juni eure Stimmen gleich-gültig und sorglos, ohne genügende Prüstmg der einzelnen Listen abgebt, dann begeht ihr ein Unrecht an euren Kindern. Schützt durch die Wahl eure Kinder davor, in einer Atmosphäre politischer Verhetzung aufwachsen zu müssen!"

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