Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 2 (19.2.1926)
- Date
- 1926-02-19
- Page
- Seite 4 (sequence 1)
- Language
- German
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Kr. 2 Beilass der Serlin, 19. Februar 192- Fahrgang 2 Dev jüdische Schüler. von Paul Hilöebrari-t, Hilöe Ephraim UN- Nuöi Golöftein. Umgang mit Schulkameraden. Von Professor Dr. Paul Hildebrandt. Welches Kind freute sich nicht auf seinen ersten Schultag? Nicht etwa, weil es glaubte, daß nun der sagenhafte „Ernst des Lebens" beginne, sondern weil es von ihm allerlei Schönes erwartet, das es sich Gott weiß wie. in seinem kleinen Hirn ausmalt. Alles — die neue Umge< mg, der Lehrer, die Kameraden, die geheimnisvolle Schub stube — erfüllt es mit zitternder Erwartung, und manchem kleinen Kerl wird die Zeit entsetzlich lang, bis er an der Hand der' Mutter oder einer Verwandten zum erstenmal das Haus betritt, das ihm von nun an eine zweite Heimat werden soll. Freilich — für viele nicht eine solche, an die man sich später mit sehr angenehmen Empfindungen erinnert. Gerade jüdische Kinder werden — gewöhnlich nicht auf dem Lande, wohl aber oft m den Städten — recht häßliche Erinnerungen aus den Lebensweg mitbekommen. Kinder sind vielfach grausam: sie kennen in Liebe und Haß keine Hemmungen, imb wenn ihnen gar vom Hause oder vom Lehrer die Idee eingepstanzt wird, daß der Jude einer Rasse von lauter Schädlingen angehört, dann finden sie gewöhnlich ein Vergnügen darin, ihre jüdischen Kameraden seelisch oder auch körperlich zu quälen und zu Peinigen. Dazu kommt, daß gerade unter diesem Eindruck der begabte Jude auf der Schule doppelt stark als „Streber", der unbegabte mit viel stärkerer Schadenfreude als ein christlicher Mitschüler als „blöder Kerl" verachtet wird. Kann der jüdische Schüler etwas dagegen tun? Zunächst scheint mir für ihr: gerade in dieser Lage eines unter allen Umständen vonnöten zu sein: Unbefangenheit und damit verbunden möglichst gleichmäßiges Wesen. Jüdische Eltern, die von Anfang an ihren Kindern sagen, sie sollten auf der Hut sein, denn ihre christlichen Kameraden würden ihnen ganz sicher bei jeder Gelegenheit einen Schabernack spielen, versündigen sich an ihren Kindern, weil sie ihnen die beste Waffe rauben, die sie besitzen. Nichts entwaffnet mehr als Harmlosigkeit. Je mehr dadurch jede Beschimpfung und jeder Angriffe auf die Person abgelenkt wird — auch in der schlechtest beeinflußten Klasse prügeln sich ja nicht nur die christlichen Schüler mit den jüdischen, sondern auch diese und jene untereinander —, desto mehr tritt Religion und Konfession zurück, desto weniger tritt jener Cliquengeist auf, der dann auf der anderen (Leite auch die gemäßigten Elemente zu der Behauptung bringt, die jüdischen Schüler nähmen auch dann für einander Partei, wenn sie wüßten, daß der Angegriffene unrecht habe. Es dürfen sich nichit zwei Lager bilden, von denen das eine nur die Juden umfaßt. Nun wird mir entgegengehalten werden, daß trotzdem gerade im Augenblick der Antifemitismus in den Schulen so stark ist, daß auch ohne jede Schuld der jüdischen Schüler immer und immer wieder Anrempelungen vorko m m e n. Aber — ich glaube, dies wurde schon' bei einer früheren Diskussion in der „C. V.-Zeitung" hervorgehoben — unter den jüdischen Schülern herrscht auch bisweilen eine sehr starke Empfindlichkeit, die womöglich vom Hause geschürt wird. „Das darfst du dir nicht gefallen lassen", „Das sollte einmal ein Christ hm, dann würde niemand etwas dabei finden", „Natürlich — bei einem Juden wird das bestraft, nur weil er ein Jude ist" — solcher Aeutzerungen gibt es viele, und sie haben fast immer die Wirkung, daß der jüdische Schüler immer mißtrauischer wrrd und endlich auch die Lehrer gegen sich aufbringt, die ihm im Anfang beigestanden haben. ' Ich gebe ohne weiteres zu, daß mitunter in einer Weise die Stimmung der Mitschüler sich gegen einen Juden richtet, nur weil er Jude ist, daß es für den Betroffenen unerträglich ist. Aber damit, daß er nun schimpft, wo er beschimpft wird, schafft er es nie. Es gibt doch nun einmal in den unteren und mittleren Klassen nur eins, das in Respekt setzt: Körperkraft. In dem Augenblick, wo der Angreifer weiß, daß er die Keile bezieht, hütet er sich, mit einem Gegner anzubinden — ganz gleich, ob das ein Jude oder ein Christ ist! Und an dieser Stelle ist es wieder sehr oft das Elternhaus, das den Kindern schadet: es ist ja nicht zu leugnen, daß vielfach jüdische Kinder gerade aus begüterten Häusern viel zu sehr „verpimpelt" werden. Die Angst, dem Kinde könne etwas nicht gut bekommen, beeinflußt Vater oder Mutter, ihn vom Turnen dispensieren, ihn nicht schwimmen zu lassen, ihn womöglich von den Wanderungen anszuschließen. Das ist jedesmal ein grober Fehler. Die körperliche Airs bi! düng ist gerade heute von entscheidender Wichtigkeit, imb man kann mit voller Berechtigung sagen, daß der Turnunterricht in den letzten 50 Jahren sich von Grund aus vervollkommnet hat. Auch schwächlichere Kinder sollten unter den nötigen Vorsichtsmaßregeln — dazu gibt es doch Sprechstunden der Klassen- und Turnlehrer und gegebenenfalls auch des Schularztes — am Turnunterricht teilnehmen, damit sie nicht in der Klasse als verweichlicht verschrien werden. Die Jungen sind gar schnell bei der Hand, zu sagen: „Natürlich, wieder ein Jude!" Ueberhaupt sollte gerade das jüdische Haus darauf sehen, daß seine Kinder sich nicht davor scheuen, Spiele mitzuspielen, bei denen es auch einmal wild hergeht. Wenn dann der Junge nach Haus kommt und wirklich einmal eine blutige Nase oder eine Brüsche am Kopf hat, dann darf Vater und Mutter nicht gleich zum Kadi, will sagen zum Lehrer, laufen, sondern sie müssen ihrem Jungen beibringeu, daß Feigheit die schlimmste Eigenschaft ist, die ein Junge haben kann. Im übrigen sind Kinder doch harmloser, als man denkt. Im christlichen Religionsunterricht ist natürlich ganz srüh schon davon die Rede, daß Jesus von den Juden gekreuzigt sei — so wird es wenigstens nach meiner Erinnerung immer von den Sextanern ausgefaßt, selbst luetin der Lehrer darauf hinweist, daß die Römer die eigentlichen Täter sind. Trotzdem fällt es Kindern gewöhnlich gar nicht ein, einen jüdischen Mitschüler etwa mit diesen Juden in einen Tops zu werfen — vielmehr kommt ihnen seine Zugehörigkeit zu jenem Volk erst dann zum Bewußtsein, wenn sie ausdrücklich daraus hingewiesen werden. Das aber geschieht eben erst, wenn sie schon erwachsener find und fast immer außerhalb der Schocke. Tor große Wandel, der in den Eniwicklungsjahren Antritt, verlegt das Schwergewicht bei Jungen und Mädchen von der körperlichen Ausbildung uns den G e i st; jetzt imponiert nur noch Klugheit, Fixigkeit, geistiges Training. Man soll keine allgemeinen Urteile fällen und etwa behaupten, daß jeder einzelne Jude an Klugheit seinen Nachbarn überlegen ist, aber lvenn man in die Schule der sogenannten Gebildeten, d. h. besitzenden Stände hmeinsieht, so hat man vielfach den Eindruck, daß diese Kinder von Hause aus stärker mit geistigen Dingen befaßt werden als ihre christlichen Mitschüler. Woran das liegt, braucht hier nicht erörtert zu werden. Es braucht auch durchaus nicht der jüdische Schüler sein Licht unter den Scheffel zu stellen, wenn er nur nicht sich vordrängt oder sich etwas auf seine natürliche Klugheit einbildet. Auch hier ist wieder das Entscheidende das Haus. Protzt es mit den Kenntnissen und Fähigkeiten seiner Kinder und streicht sie womöglich — eine ganz besondere Untugend! — in Gegenwart Fremder heraus, so kann sich Vater und Mutter nicht darüber wundern, wenn das in der Schule Rückschläge bringt, wenn die christlichen Kameraden darüber schimpfen, daß sich „natürlich wieder der Jude" dicke tut. Ich habe namentlich in den oberen Klassen immer wieder erlebt, daß kluge jüdische Schüler, die innerlich bescheiden waren, mit ihrer Klasse ganz besonders gut standen — schon weil diese echt schülerhaft sich in allen Nöten an sie wendeten. Und nun noch ein Wort über die Lehrer. Der wahre P ä d - agoge wird niemals einen Unterschied zwischen einem hübschen oder einem häßlichen Schüler, zwischen einem gescheiten und einem weniger begabten, zwischen einem jüdischen und christlichen Schüler machen. Er würde eine unverzeihliche Sünde begehen! Entscheidend muß für ihn die Art sein, wie sich allmählich der Charakter des Schülers herausbildet. Auch geistig Minderbegabte Paul Hildebrandt: Umgang mit Schulka m -e r a d e n. — Hilde Ephraim: Das K l n d in der Schul e. — Nrrdi Goldstern: Der jüdische Schüler. — Werner van der Zyl: Geda n - ken zur Sch uls rage. — Ludwig Tietz: „Der Jugendbund". — Wolfgang Matzdorff: Deutsch-jüdische SLudentenbeweguug.