Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 52 (30.12.1937)
- Date
- 1937-12-30
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage der G-V.-Zeftung Nf;52 2. Beiblatt 30. Dezember 1937 Mitteilungen aus 'dem HilfsvereTn der JuHen in Deufsdiland New-Yorker Tagebuch Von Friedrich S. Brodnitz III. Stadt, der "Gegensätze New-York. Mitte Dezember. Acht Wochen in New-York. Lange genug, um die schnelle Sicherheit des ersten Urteils zu verlieren, und vier zu kurze Zeit, um in das verwirrende Durcheinander sich häufender Eindrücke Ordnung zu bringen. Acht Wochen gehe ich jetzt in dieser Stadt umher und muss gestehen, dass es mit jedem Tage schwerer wird, die Vielzahl einzelner Beobachtungen auf irgendeinen Nenner zu bringen. Es ist der Reiz, aber auch das Schwere des Emlebens in einem neuen Lande, dass man sich, steinchen für Sieincben, wieder ein Bild des gesamten Geschehens, eine Anschauung im wahrsten Sinne des Wortes formen muss. Die einzige Tatsache mitgebrachten Wissens, die mir noch gesichert erscheint, ist die Entdeckung Amerikas durch Columbus 1492. aber ich habe das Gefühl, als oh sich auch das schliesslich als falsch oder unkorrekt, herausstellen wird. Bleibt zunächst nur der Versuch der Beschreibung bei Vermeidung des Urteils. Das ist wenig, weniger vielleicht, als erwartet wird, aber das einzige, was ehrlicherweise verantwortet werden kann. Was das-Ordnen der Eindrücke so schwor macht, ist das Nebeneinander von schärferen Gegensätzen, als i rgeodwo in Europa. Es fängt, mit dem Wetter an. Nicht nur heissester Sommer und kältester Winter, Gegensätze auch in wenigen Stunden. Eben noch Sonne, Wärme: ruhige Luft, gleich darauf Wolken^ peitschender Wind und Regen. Man sollte "inmal eine Doktorarbeit über Regen schreiben lassen (es sind schon viel dümmere Themen Gehandelt worden). Von wo regnet es zum Beispiel? Von oben? 0 nein! Das tut es. vielleicht in Berlin, wo der Regen gesittet und langsam herabfällt. Schon in Amsterdam mit seinen Kanälen und Grachten ist es anders. Da icomint er — das ist jedenfalls meine Theorie — von oben und von unten. Hier aber regnet ■ s waagerecht. Von einem pfeifenden Wind gelrieben spritzt es von vorn und hinten, an jeder Ecke, anders, aber immer waagerecht. Wenige Schritte genügen, um die Hosen in aufbügelungsbedürftige Röhren zu verwandeln. So plötzlich, wie es begann, hört es auf, und dann steht die Luft, gesättigt von Feuchtigkeit. Ein unangenehmes, drückendes Wetter, aber nie ist New-York schöner, als wenn dann abends durch den Dunst, der alle harte Hässlichkeit wegwischt die Lichter der Häuserriesen hindurchscheinen und auf dem nassen Asphalt die Scheinwerfer der Autos zucken. Wir leben an der See, und man vergisst es nie. Der Hafen umfasst die Insel. Wohin man auch geht, nach Westen, Osten oder .Süden, — immer kommt man zu Schiffen, den Docks und dem Wasser. Abends hört man bei ruhigem Wetter deutlich die Töne des Hafens, das Tuten der Fähren, die helleren Sirenen der Schlepper. Und oft rufen um Mitternacht dreimal die tiefen Bässe der grossen Ueberseedampfer, die um diese Zeit hinauszufahren pflegen, ihren Abschiedsgruss über die Stadt hinweg. Wir hören es, halten im Schreiben irme' und freuen uns, hier zu sein, von wo die Strassen in die weite Welt hinausgehen. Kein anderes Gefühl regt sich: Europa ist so unendlich fern. In den Docks spazieren zu gehen, ist immer interessant. Auch hier Fülle der Kontraste. Die „Normane!ie". ein Kunstwerk unserer Zeit, fährt ab. Haushoch steht ihr Bug in der Eleganz weitausschwingender Linien wenige Meter vor dem Kai. Auffahrt teurer Wagen. Pelze. Orchideen und Schrankkoffer. Einen Pier weiter ist gerade ein Dampfer eingetroffen. Eine Gruppe Einwanderer, die irgendeine slawische Sprache sprechen, verlässt, beladen mit Pappkoö'ern. Körben und Bündeln unter Führung eines Agenten das Gebäude. Zwischen beiden Kais versperren ausgeladene Lasten den Weg. Wir sehen genauer hin. Vierzehn ..Lifts'* aus Berlin mit den bekannten Namen der Spediteure stellen da, vierzehn wasserdicht verpackte und plombierte Menschenschicksale. Noch bunter und reicher an Gegensätzen der Hafen der Frachtschiffe am Eastriver. Pier neben Pier, ein Durcheinander von Frachten aller Art. Lastautos, Dockarbeitern, Lärm und sehr viel Staub. Dann kommen die Anlegeplätze der Fischdampfer. Der Boden ist glitschig, es riecht, durchdringend nach den Tausenden von Fischen, Muscheln, Schaltieren und Austern, die hier als täglicher Bedarf der grossen Stadt, ausgeladen werden. Eine Ecke weiter ist es wieder ganz still, Menschengruppen stehen herum, offenbar beschäftigungslose Dockarbeiter, aus den müden Mienen und der gleichgültigen Lautlosigkeit des Wartens zu schliessen. Einige sehen ein paar Anglern zu, die mit komplizierten Geräten nichts fangen. Typen alter Rassen, kräftige Männer in sauberen Arbeitskleidern und alte Menschenwracks, die die wärmende Mittagssonne auf ihre Lumpen scheinen lassen. Gleich dahinter ist es auch sehr ruhig, aber das ist die Ruhe der Vornehmheit. Eine Inschrift an einem Häuschen, von dem Stufen zu einem stillen Hafenbecken hinunterführen, besagt, dass hier „Downtown-Skyport" liegt, der Hafen der privaten Wasserflugzeuge. Von hier fliegen jeden Tag nach Geschäftsschluss reiche Wallstreetmänner, deren Gleichgewicht noch mehr als das Auf und Ab der Börsenkurse verträgt, zu ihren Landsitzen zurück. Wo man auch durch die Stadt wandert, überall Gegensätze. Teuerste Wobngegeud aeben ärmslem Elendsviertel. Vornehmheit neben Kleinbürgertum. Von der stillen Strasse, in der ich wohne, führen wenige Schritte zum Centrai-Park, an dessen Rand die teuren. Appartementhäuser liegen, in deren gedämpft beleuchteten Eingängen die Türsteher mit weissen Handschuhen und Haisbinden gelangweilt einander angähnen. Schon in der nächsten Avenue, ebenso nahe in entgegengesetzter Richtung. Hochbahnkrach, Schmutz, kleinbürgerliche Läden. Jüdische Schneider und Schuster, chinesische Wäschereien, italienische Barbiere und griechische Fruchthändler. In der Fifth-Avenue aller Luxus der Welt in künstlerischen Schauiensterdekorationen und daneben der geräuschvolle 5-Cent-Bazar von Woolworth. Eine Fahrt mit der Subway führt in wenigen Minuten zur Eastside, ins Viertel der jüdischen Proletarier, zum gespenstischsten aller Märkte. Strassenweit verstopfen die ..push-carts", die Schiebekarren, auf denen Waren aller Art zum Verkauf liegen, den Verkehr. Lebensmittel, die den sehr hohen Ansprüchen der Ladenkäufer nicht genügen, in riesigen Mengen, Fabrikwaren mit grossen und kleinen Fehlern, Altmaterial aller Produktionen und in jedem vorstellbaren Zustande. Ein beängstigendes Gedränge aller ostjüdischen Typen. Verbrauchte Matralzen, kaputte Musikinstrumente, vertragene Schuhe, rostige Töpfe. Strümpfe mit Webefehlern, alles, was die grosse Stadt ausspeit, liegt hier und findet seineu Käufer. „Von dem. was New-Vork wegwirft, könnte Asien leben", lesen wir bei Paul Morand, der es seinerseits wieder von Claudel entlehnt hat. Und einen Block weiler'der Luxus dieses Viertels, eirie ganze Strasse mit Geschäften für Brautausstattungen, in «leren Schaufenstern Wachspuppen mit kunstseidenen Kleidern und Schleiern aus Maschinenspitzeo ihr gefrorenes Lächeln zur Schau steilen. Luxusgeschäft in der Fifth-Avenue und 5-Cent-Bazar, push-cart-Mnrkt und Brauischleier auf der Eastside.'Kontrost noch der Kontraste. Gegensatz auch als Mittel der Werbung. Bei Ford Ausstellung der neuen Modelle. Eine dichtgedrängte Menschenmenge steht, vom Broadwav auf einen Sprung hereingekommen, zwischen den Wagen. Ein Herr mit transportablem Mikrophon in der Hand gibt Erklärungen, die aus den Lautsprechern widerhallen. Wenn ihm die Luft oder der Stoff ausgebt, beginnt sofort eine vierzehnköpfige Jazzband zu spielen. Und mitten in dem Lärm dreht sich lautlos, doppelt wirkungsvoll, ein senkrecht hochgestelltes Aufschnittsmodel'I, ein Gedicht aus blitzendem Chromstahl, Gummi und Leder. Andächtig umsteht die Gemeinde das Götzenbild unserer Zeit, von dem ein Neger in weissem Mantel alle paar Minuten die letzten Stäubchen abwischt. — Kontrast das beherrschende Gefühl bei der täglichen Zeitungslektüre. Nicht nur der ■übermässige. Gegensatz zwischen dem Niveau der vornehmen Blätter und dem der populären Zeitungen, die man in den Händen von acht unter zehn Lesern in der Subway sieht. Zeitungen, bei deren Durchsicht man zwischen Interesse für die virtuose Aufmachung in simpelstem Massengeschmack und Abgestossenheit durch die bedenkenlose Anhäufung rohesier Sensation schwankt. Auch die guten Zeitungen voller Gegensätze. Auf der Frontseite neben den Meldungen eines unerreichten weltpolitischen Machrichtendienstes Ergebnisse von Fussbalhvettkämpfen. Im Blatt Diskussionen über ernsteste Fragen der Nation, und daneben, ausgebreitet über eine ganze Seite, Gesellschaftsklatsch. Vorn Behandlung drückender sozialer Probleme, weiter hinten unentwegte — also offenbar vom Leser verlangte — Berichte über die ..social aciivüies". nämlich die Parties. Verlobungsdinners und Empfänge der sogenannten Gesellschaft Ein gutes Abendblatt bringt auf einer Seite Glossen bester Federn des Landes, auf einer anderen eine Artikelserie, in der nach. Berufsgruppen interviewte Mädchen erzählen, mit welchen Begründungen sie Einladungen von Herren ablehnen. Für Junggesellen nicht gerade ermutigende Artikel, die aber immerhin den Vorteil haben, dass man aus ihnen mehr über das Leben in dieser Stadt lernen.kann, als aus dicken Büchern. Manchmal freilich bindet das Business die Kontraste, sogar die politischen. So, wenn eine grosse Zeitungsannonce verkündet, dass die Einrichtungen der Hauptquartiere beider feindlicher M. M.WARB URG&CO, GEGRÜNDET 1797 HAMBURG P6RD1 NANDSTR. 75 BERLINER BÜRO: TJERGARTSNSTR. 2 b Kandidaten aus der letzten BürgermeisterwabI gemeinsam von einer geschäftstüchtigen Firma billig verkauft werden. Kontraste, überall Kontraste, auch in der Entspannung. Tausende vou Kinos spielen von morgens oder mittags bis in die Nacht hinein. In dem billigen Kino an der Ecke sieht man für 30 Gent ältere Filme. Ein kleinbürgerliches Publikum folgt einem wilden — und sehr schlechten — Gangsterfilm mit erstaunlicher Naivität. Zwei Herren neben mir in Lederwesten regen sich furchthar_ auf und brechen, zusammen mit dem ganzen Parkett, in stürmischen Beifall aus, als im letzten, allerletzten Augenblick die.Polizei durchs Fenster _ steigt und das ungerecht verfolgte Paar rettet Und am anderen Ende der Skala steht Radio City Hall, wohl das grösste; sicher aber das schönste Kino der Welt Ein Riesenraum von vollendeter Einfachheit der Linien, Tausen.de von Menschen in bequemen Sesseln mit guter Sicht, Lautsprecheranlagen, die die feinste Schwebung der Stimmen durch das ungeheure Theater tragen, eine Bühnenschau, an deren Geschmack und Farben nur wenig heranreicht, was man von Balletten kennt. Aber auch in den Programmen selbst die grossten Gegensätze. In einem Kino, das auf gutes Publikum berechnet.ist. läuft ein bezaubernder Lustspielfilm, feinstes Kammerspiel mit gedämpftem, ironischen Humor. Und davor. Ausgeburt gröbsten Ungeschmacks. ein Kurzfilm, der sensationelle Unfälle im Sport zeigt: angefangen vom auf der Bahre davongetragenen Fussbaiispieler über Unfälle aller Art, begleitet von ein^m ..heroisierenden" Text, bis dann schliesslich der Qualität seit 1 86 1 Jemsjltäyjt* Damen-Mäntel- und Kleider-Fabrik Ring 39—40 Breslau I Albrechtstr. 3 J Wö^nliiyser zu kaufen gesucht. Hypotheken« m «nagt Beschaffung §5 BlüDEHi Immobilien Bruno Bender J& W. 9, Linkstr. 32 21 11 65/66 tigggS&r M AX RIEGEL Jßtmi]^gS^fn '""V Pariser Str. 28-29 fc^tt JOTÖ* 52 55 57. Uefa- 1 \ B rant d- Krankenkassen \«/ Mitglied d. iüd.Handir. Halbes Zimmer negen IlaushaUhllfe nahe Fried rieh str. abzugeben. Zuschriften um er II. 67Ö2 an die C.-V.-Zcitu«£r. Berlin W 13. 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