Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 50 (16.12.1937)
- Date
- 1937-12-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XVI. Jahrgang / Nr. 50, Berlin, 16. Dezember 1937 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS?-??? Ä« Tf r ^J1"1«1^^ Anzeigenann^ Berlin W15, Emser Str. 42. Fernspr.: 928141-45. Telegr.-Adr.: Centraiglauben, Berlin. Postscheckkonten: Berlin 70344, Prag 77218, Zürich via -bobd._ BankKonto: (jrebr. Arnhold, berlin WS. Die C.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschlnss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die rost, oie die Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis Vierteljahr!. 81 Rpf. .(einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügl. 18 Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährl. 2,30 RM (umgerechnet in die Landeswahrung) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.). Im Falle höh. Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlief, od. Riickveruütuns der srczahlten Beträfe. - Anzeigengebühren: Preisl. 5 eültig. Die' l-gesp. mm-zeile Jü Kpt., f. btellengesu'-he 10 Rpf., f. Familienanzeigen 16 Rpf., weit, ermäss. Grundpreise s. Preisl. Einzelanzeigen nur geg. Vorauszahl. — Anzeigenschluss: Dienstas. Platzu. Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Die eigene Kraft I A. H. Als vor über Jahresfrist der Präsident der Jewish Agency, Weizmann, vor der Königlichen Kommission den Versuch unternahm, ein Bild von der Lage der Juden in der Welt und von ihren Nöten und ihren Notwendigkeiten zu zeichnen, addierte er die Anzahl der Juden in den Ländern, in denen sie nicht erwünscht seien — und kam auf sechs Millionen Menschen. Diese Zahl ist so überwältigend, dass schwache Gemüter in die Stimmung geraten könnten, resignierend die Hände in den Schoss zu legen. Denn für den Grossteil dieser sechs Millionen Juden gibt es ausserhalb ihrer Aufenthaltsländer keinen Raum, in Palästina nicht und nicht anderswo. Selbst eine gutwillige, politisch und wirtschaftlich unerschütterte Welt würde viele Jahrzehnte brauchen, um solche Millionenmassen umzuleiten und neu einzuordnen. Die Welt von heute ist dazu ausserstande. Die geschichtlichen Völkerwanderungen umfassten zahlenmässig höchstens- Hunderttausende — und sie gingen grösstenteils durch leere Räume. Die Wanderungsbewegungen der Neuzeit stiessen nicht an die Schranken von Einwanderungssperren und Deyisenproblemen, sondern unerschlossene Wirtschaftsgebiete brauchten und verbrauchten gern jede Kraft, die arbeiten und essen konnte. Und die einzige grosse und konstruktive Bemühung der Nachkriegszeit um einen Bevölkerungsaustausch hat sich zwischen zwei souveränen Ländern, Griechenland und der Türkei, abgespielt; der Völkerbund, damals noch ein einflussreiches Gebilde, nahm sich der Aktion an, finanzierte sie und überwachte die Abwicklung. Und auch damals handelte, es sich um weniger, als sechs Millionen. Von Zeit zu Zeit gehen Nachrichten durch die Presse, dass sich internationale Institutionen mit den aktuellen Wande- -rungsproblemen befassen wrollen oder befasst haben. Anfang 1938 wird wiederum eine solche Wanderungskonferenz stattfinden. Wir sehen ihr ohne Illusionen entgegen. Wir sind für jede Bemühung dankbar, die angestellt wird, um Juden, die neue Heimat suchen, das Finden und die Einordnung zu erleichtern; und ganz wesentliche Ergebnisse haben die internationalen Verabredungen in scheinbar formellen, aber im Einzelfall so lebenswichtigen Fragen wie die der Arbeitserlaubnis und der Legitimation erbracht. Aber all dies rührt nicht an den Kern des Problems und dringt nicht bis zum Kern des Sechsmillionenblockes vor. IL Es fügt sich nicht in die Tradition unserer jüdischen Gemeinschaft hier, das In dieser Nummer finden unsere Leser u. <z.: C.-V.-Kalender für 1938 Moriz Kaswan: Der fröhliche Baldachin, Novelle Lucian Loeb: Wohnen in Philadelphia — Hilde Marx: Sprachenlernen überall — Max Goldstein: Arbeitsrecht aus alier Welt — Gretel Bergmann schreibt aus USA — Dr. Hans Kalisch: Boden- und Erbrecht in Palästina — Umflorte "Muse: Ernst Lissauer, -Max Pallenberg, Rosa Valetti Die Beilagen: Die Wanderung — Sportblatt — Wirtschaft der Woche — Palästina-Umschau eigene Schicksal wichtiger zu nehmen als das bedrängter Juden anderer Länder. Wir haben viele Jahrzehnte hindurch anderen geholfen und gewöhnen uns' nur schwer an den Gedanken, dass die Hilfe, die nun von glücklicheren Juden anderer Länder uns zuteil wird, anderen Juden fehlen könnte. Es wäre eine unschöne Vorstellung, aber sie trifft nicht zu. Denn bei der Unmög- 1 lichkeit einer raschen Gesamtlösung des Sechsmillionenproblems stellt sich die Erwägung von Teillösungen von selbst ein. Es wäre sinnlos, auf die unbewegbaren Millionen zu starren und dabei an die Zehntausende zu vergessen, für die es Möglichkeiten in der Welt gibt. Die Lösung der Schicksalsfragen der östlichen Juden wird von anderen Faktoren bestimmt, als sie im wesentlichen für die wTanderungsfähigen Menschen unserer Gemeinschaft, gültig, sind. Für jene entwickeln sich Ansätze, das Judenproblem in grössere aussen- und kolonialpolitische Aspekte einzubauen. Ministerbesprechungen bringen vorsichtige Andeutungen, die Presse ist deutlicher, ohne mehr Tatsachen bringen zu können. Und neben all dem stellt etwa: ein Zehntel einer Staatsbevölkerung eine. Kraft in sich dar, mit der die Wirtschafts-, und Innenpolitik rechnen müssen. Andererseits wiederum ist die berufliche Struktur der östlichen Juden für die Anforderungen der meisten Einwanderungsländer noch ungünstiger als die unserer Gemeinschaft hier. Und die riesigen Zahlen erweisen die Unmöglichkeit einer durchgreifenden Berufsumstellung und Berufsauswahl, wie sie bei unseren kleineren Verhältnissen möglich sind. Dort ist das Problem, so wie es sich heute darstellt, mit jüdischer Anstrengung allein unlösbar. Das Wanderungsproblem unserer jüdischen Gemeinschaft hier , ist in vieler Hinsicht anderer Natur. Für sie hängt unendlich viel davon ab, wie die vorhandenen eigenen Kräfte erfasst und genutzt werden können. III. In der Beilage der C.-V.-Zeitung dieser - Woche „D ie W"anderung" finden unsere Leser eine Mitteilung des Wanderungsausschusses der Reichsvertretung. Sie stellt einen Abschluss ' dar — und zugleich einen Beginn.' Es endet jede etwa noch vorhandene Zersplitterung " und Eigenbrötelei im Gesamtkomplex der jüdischen Wanderungsfragen hier, und es kommt der Anfang einer umfassenderen Planung, als sie bisher möglich war. Als Voraussetzung für eine ungestörte Arbeit sind die organisatorischen Grundlagen des~ Wanderungsausschusses verbreitert worden. Keine jüdische Gruppe, die auf Mitarbeit Anspruch erhob, steht mehr ausserhalb dieses Arbeitsgremiums. Man muss der Reichsvertretüng Anerkennung zollen für die Gesinnung, mit der sie Kritik und Wünsche auf Mitarbeit aufnimmt. Immer, sobald sie ernsthafte Absichten erkennt, ist sie für Kritik dankbar, die sie auf Mängel hinweist, und macht sie sich Kräfte nutzbar, die loyale Mitarbeit versprechend Die jüdische öffentliche Meinung nimmt hiervon gern Kenntnis und erblickt darin einen wesentlichen Ausdruck der-inneren Stärke der Reichsvertretüng und der moralischen Kraft ihrer führenden Menschen. Der Wanderungsausschuss ist nunmehr die Initiativ- und Planungsstelle für die Arbeit aller Wanderungsorganisationen, die ihrerseits ihre organische Selbständigkeit und ihren bisherigen Aufgabenkreis beibehalten. Das Palästina-Amt bearbeitet wie bisher alle mit der Palästinawanderung zusammenhängenden Fragen, der Hilfsverein die sog. Ueberseewanderung, die „IIa" (Jüdische Landr arbeit G. m. b. H.) — die unter Mitwirkung des Jüdischen Centrai-Vereins neben der „Reichsvertretung, der Jüdischen Gemeinde Berlin, dem Hilfsverein der Juden in Deutschland und dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten kürzlich ihre Tätigkeit wieder aufnahm — alle mit der Gruppen Wanderung zusammenhängenden Fragen. Daneben wird die Hauptstelle für jüdische Wanderungsfürsorge, die die sog. Repatriierungsfälie, Rückwanderung früher nach Deutschland eingewanderter Juden, besonders aus dem Osten in ihre Heimatländer, bearbeitet, ihre Tätigkeit fortsetzen. \ So viei Aufgabengebiete, so viel Propleme. Der - Wanderungsausschuss wird einen sehr wesentlichen Teil seiner Aufgaben darin zu erblicken haben, die sachliche, Unterrichtung der. jüdischen Oeffent- Hchkeit sowie ihre Kenntnis der Wanderungssituation zu erweitern und die psychologischen und tatsächlichen Voraussetzungen für eine Auswanderung herbeizuführen. Ihm wird dabei die Hilfe der jüdischen Presse und der grossen jüdischen Organisationen zur Seite stehen, die sehr oft in viel unmittelbarerer Beziehung zu ihren Anhängern stehen als etwa in Grossgemeinden die Gemeindeleitung zu den Gemeindemitgliedern, die nicht auf Unterstützungen angewiesen sind. Wenn wir in nächster Zeit viele Tabellen und Statistiken über Auswanderung und Einwanderung lesen werden, so wird uns dabei immer gegenwärtig bleiben müssen, dass Menschenschicksale dahinter stehen, Menschendie uns nahestehen, deren Entwicklung und Lebensaussichten wir verfolgt haben und deren künftigen Lebensweg wir zwar nicht mit hundertprozentigen Garantien versehen können, für die wir aber ein Höchstmass an. verantwortlicher Vorarbeit leisten wollen; Menschen, denen wir innere Sicherheit durch jüdische Arbeit geben müssen und Aufbaufreudigkeit in der Ferne durch die innere-Ruhe über das Schicksal ihrer zurückbleibenden, durch Alter, Gesundheitszustand oder aus anderen zwingenden Gründen wanderungsunfähigen Angehörigen. ^Denn das A u s - Wanderungsproblem ist in hohem Masse das-Problem d.e r Zurückbleibenden. Die. Hilfsbereitschaft unserer grossen jüdischen Wolüfahrts- und Wanderungsorganisationen im Auslande ist gross, aber ohne unerhörte Leistungen von uns selbst ist die Wanderungsfrage nicht zu lösen. Wenn der Zustand der Gemeindefinahzen durch die Verminderung produktiv wirtschaftender jüdischer Existenzen die Beihilfen für Berufsausbildung und Wanderungskosten, unmöglich machen würde, wenn schwindende Reserven der einzelnen Juden die Erhaltung der Wander ungsorganisationen und der Fondsfür den Palästinaaufbau erschwerten, nützte die beste Planung nichts. Eine sehr wesentliche weitere Aufgabe des Wanderungsausschusses wird darin zu bestehen haben, dass über Parolen, die schlagwortmässig in die Diskussion geworfen werden, fachlich zureichende Aufklärung erfolgt. Was ist nicht beispielsweise über die Frage der G.ruppensiedlung und G r u p>p e n w a n d e r u n g in letzter Zeit gesprochen und geschrieben worden! Wer Stellen nahe steht, die sich mit Gruppenwanderungsprojekten befassen, der weiss, welche unendliche Mühen es macht, eine ausreichende Grundlage für Ludwig Tietz Fol. Herbert Tonnen leid ' In diesen Tagen wurde in den Räumen der Hauptgeschäftsstelle des Jüdischen Centrai-Vereins der Abguss einer Büste von Ludwig Tietz aufgestellt. Walt her Cohn hat' sie im: Auf- 1 trage der Reichsvertretung für die Lüdwjg-Tieiz- : Lehrwerkstätten - in Jagur geschaffen.- Für 'die Mitarbeiter des C.-V. bedeutet es eine ständige Mahnung und Erinnerung, wenn sie.den von dem Künstler nach Photographien und nach dem'Ge- . uächtnisbild der Angehörigen und Freunde lebenswahr gestalteten Kopf vor 'Augen haben. verantwortbare Ratschläge zu schaffen. Indem man in Zukunft die interessierten Kreise auf das allein Vertretbare konzentrieren wird, schaltet man störende Faktoren der Unsicherheit und Üngewissheit und die damit verbundene Nervosität aus. Ebenso wichtig wird es sein, Gerüchte über Schwierigkeiten irgendwo in der Welt; die in der Natur der Sache liegen, auf'ihren tatsächlichen Gehalt zurückzuführen —, wenn auch nur, um die Angehörigen von Menschen,- deren Schicksal in1 den Umkreis solcher Gerüchte fällt, von zerrüttenden Sorgen zu verschonen. IV. Es liegt in der Natur der Sache, dass die'; Schwierigkeiten der P a 1 ä s t i n a w a ad e-' rung neuerdings auch solche Kreise.veranlassen, sich mit - Fragen der Ueber- \ seewahderung zu ■■ beschäftigen, die bisher allein und ausschliesslich die „Alija" als legitime jüdische Wanderung angesehen haben. Dadurch kommt in die geistige Vorr : bereitung der Ueberseewariderurig wieder., ein Element ideologischer Auseinandersetzungen, das zwischen den älteren und erfahreneren Partnern auf diesem Arbeits- [ gebiet nicht mehr Gegenstand der Kontroverse ist. Wir halten es für eine materielle Erschwerung der Ueberseewanderung und