Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 49 (9.12.1937)
- Date
- 1937-12-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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SCVL Jafo'gaag? Nr. 49 Berlin, 9. Dezember 1937 Preis 10 Pfennig [GEMEIN Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitnng, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W 15, Emser Str. 42. Fernspr.: 928141—45. Telegr.-Adr.: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonten: Berlin 70044, Prag 77213, Zürich VIII 26363. Bankkonto: Gebr. ArnhoW, Berlin WS. Die C.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftssielle entgegen. Zustellung erfolgt ter neue Oherkommissar In einem Punkte ist der unselige Schwebezustand in Palästina von einem neuen Stützpunkt unterbaut worden: Sir Harold Alfred MacMichael ist zum Oberkommissar und Höchskommandierenden für Palästina und zum Oberkommissar für Transjordanien ernannt worden. Sir Harold MacMichael ist 55 Jahre alt und entstammt ursprünglich dem Polizeidienst. Seit 1905 war er im politischen Dienst im Sudan tätig und wurde im Jahre 1934 zum Gouverneur und Höchstkommandierenden von Tanganjika ernannt. Er hatte während seiner Tätigkeit im Sudan Gelegenheit, das Araberproblem zu studieren. Er gilt als Anhänger einer energischen Kolonialpolitik. Wenn auch Genaueres über die politischen Anschauungen des neuen Oberkommissars noch nicht bekannt ist, so ist doch schon der eindeutige Ruf eines besonders tatkräftigen Kolonialpolitikers, der ihm vorausgeht, eine gewisse Handhabe zur Einschätzung seiner künftigen Wirksamkeit. Diese Einschätzung wird bei allen ordnungsliebenden Elementen im Lande durchaus positiv sein. Nichts ist im Augenblick notwendiger als die Wiederherstellung von Ruhe und Frieden. Hinter dieser Aufgabe tritt die Bedeutung politischer Nuancierungen zunächst zurück. Sollte in der Ernennung Sir Harold MacMichaels ein Zeichen dafür zu sehen sein, dass die britische Regierung nunmehr mit ganzer Kraft der Unruhen Herr zu werden entschlossen ist, so würde diese Wendung freudig zu begrüssen sein, Sir Arthur Wauchope, der sich nach einem mehrmonatigen Krankheitsurlaub zur Zeit in Jerusalem befindet, wird das Amt im Februar übergeben. Durch die Ernennung des Generalmajors R. H. H a i n i n g zum Oberkommandierenden der britischen Truppen in Palästina hat auch dieses Amt eine neue Besetzung erfahren. Der neue Oberkommandierende ist zur Zeit Kommandant des Imperial Defence College. Er ist 55 Jahre alt. Von. besonderer jüdischer Seite wird uns geschrieben: Der Leitartikel „Zwischen Leben und Leben" in der letzten Nummer der C.-V.- Zeitung hat weit über das Land bereite Aufnahme gefunden. Er war so recht geeignet, in diesem Augenblick unseren Mensehen neuen inneren Halt zu geben. Es kann der Auffassung nur beigestimmt werden, dass dieser Halt nur von innen heraus und nur aus unserm Judesein kommen muss. Es sei deswegen nicht als Kritik aufgerasst, wenn von einem sehr aufmerksamen Leser dieses Artikels zum Ausdruck gebracht .wird, dass ihm ein Gesichtspunkt in diesem Artikel gefehlt hat. Die Mahnung nämlich: Lernt schweigen! Diese Mahnung richte!' sich nicht an die üdische Presse. Diese hat die Aufgabe., die jüdischen Menschen zu unterrichten, und sie ist verpflichtet, wTahrheitsgemässe ind verbürgte Nachrichten auch dann wiederzugeben, wenn sie den Lesern vielleicht schmerzlich sind. Niemand wird betreiten wollen, dass die jüdische Presse In dieser Nummer finden unsere Leser u. a.: Die Aufsätze: Arno Herzberg: Bilderbogen aus Algier — Erika Gütermann: Der jüdische Film — Leo Rein: Die jüdische Voiksliteratur i'Schiuss) — Herbert Rosenfeid (Ponta Drosse): „Leise zieht durch mein Gemüt" — Manfred Friedmann: Leichtathletik in Tabellen — Aufbau und Lehrgeld in der Schiffahrt diszipliniert und tapfer ihrer Aufgabe gerecht wird. Die Mahnung richtet sich auch nicht an die jüdischen Organisationen. Im Gegenteil, diese sollten vielleicht noch mehr sprechen, noch häufiger den Weg zu den jüdischen Menschen, insbesondere auch ausserhalb der Grassstädte, finden. Man kann nur zustimmen, wenn ein Jude aus einer kleinen Gemeinde schreibt, warum müssen w7ir immer nur darüber lesen, dass in Berlin oder einer Gross-Gemeinde ein Vortrag über ein allgemein interessierendes Thema gehalten worden ist. Und in allen jüdischen Blättern ist in der vorigen Woche im Anschluss an die von der Reichsvertretung, der Gemeinde, der Jewish Agency und dem Hilfsverein veranstaltete Gedenkfeier für Felix Warburg darauf hingewiesen, dass es neben Vorträgen auch andere Formen gibt, zu den jüdischen Menschen zu sprechen. Sie zu sammeln, zu unterrichten, zu erheben, ist eine der zur Zeit wächtigsten Aufgaben aller jüdischen Organisationen; nicht zuletzt der Reichsvertretung, die . auf diesem Gebiet vielleicht mehr noch tun sollte als bisher. Die Mahnung: lernt schweigen richtet sich an den einzelnen. Auch hier ist noch eine Einschränkung nötig. Wen die Sorge um sein Schicksal drückt, w^er Hilfe oder auch nur einen Rat braucht, der soll ganz gewiss nicht schweigen. Er soll sich vertrauensvoll an diejenige jüdische Stelle wenden, von der er glaubt, dass sie ihm helfen oder raten kann. Und gerät er bei der unvermeidlichen Kompliziertheit unserer Hilfsstellen einmal an die falsche, so schadet das nichts. Man wird ihn an die richtige Stelle weisen, und er muss schlimmstenfalls seine Wünsche ein zweites Mal vortragen. Er wird in beiden Fällen offene Ohren und bereite Herzen finden. Warnen allerdings muss man die Ratsuchenden in ihrem eigenen Interesse, von Stelle zu Stelle zu laufen und schliesslich vor einem Wust von Meinungen und Ratschlägen zu sitzen, aus denen sie nicht mehr herausfinden. Liegt der Grund der Sorge in ganz persönlichen Verhältnissen, so'wird es jeder selbstverständlich finden, wenn der Bedrückte sich an einen nahen Freund, an seinen Seelsorger oder an einen sonstigen Menschen seines Vertrauens wendet. Die Möglichkeit der Aussprache, des Sich- Erleichterns ist oft die Voraussetzung dafür, einen Ausweg aus der Not zu finden. Auch in diesem Falle wäre Schweigen nicht von Nutzen, sondern von Uebel. Schädlich aber und geradezu gefährlich sowohl für den einzelnen wie für die Gesamtheit wird das Reden, wenn sinnlos nur um des Redens willen dauernd über •Dinge gesprochen wird, die den einzelnen persönlich gar nicht beireffen, deren Richtigkeit er nicht kontrollieren kann, wenn Einzelfälle verallgemeinert und wenn vielleicht für die Zukunft befürchtete Ereignisse als bereits eingetreten hingestellt werden. Gewiss, die Not ist gross. Niemand aber glaube doch, dass die Not dadurch leichter ertragen wird, dass dauernd über sie geredet wTird. Jeder mache einmal den Versuch, auch nur einige Tage lang über nichts aus dem Bereich des jüdischen Leids zu sprechen, worüber er nicht aus ganz bestimmtem Anlass und zu ganz bestimmtem Zw7eck zu sprechen gezwungen ist. Er wird an sich selbst erleben, eine wieviel würdigere und sicherere Haltung er gegenüber diesem Leid bekommt. Er wird mehr Kraft in sich fühlen und nicht weniger. Und während er heute durch sein disziplinloses Gerede seinen jüdischen Mitmenschen schadet und ihre Haltung schwächt, wird er, wenn er zu schweigen gelernt hat, anderen nützen können und ihnen eine Stütze sein. Das wird ihm wiederum selbst helfen. Auch Sclrweigen ist ein Weg zum Leben. Darum noch einmal die Mahnung: lernt schweigen! Wjm Mm trktichkeit'. ee mm Das Fazit einer Reise. Von Dr. Eva Reichmann-Jungmann Boshafte Zungen haben einmal von Theodor Herz! behauptet, er habe seinen Judenstaatsroman nur geschrieben, um in der Wiener „Neuen Freien Presse", deren Mitarbeiter er war, einmal vom Feuilleton zum Leitartikel aufzusteigen. Die Leser der C.-V.-Zeitung haben ein entsprechend kühnes Unterfangen nicht zu erhoffen, wenn mit diesem Versuch, das Fazit eines ihnen aus dem Feuilleton bekannten Reiseerlebnisses den höheren Gesetzen des Leitartikels einzufügen, der gleiche journalistische WTeg beschritten wird. Eine Aehnlichkeit liegt höchstens in dem Umriss der Aufgabe, so wie sie hier und dort verstanden wird: sich vor der Frage jüdischen Gemeinschaftslebens in Palästina von Grund auf neu zu verantworten, als wäre sie — und bei Herzl war sie es — so zum ersten Male gestellt. Dehn das ist das Gewaltige, womit das Land Palästina seine denkenden Besucher beschenkt und verpflichtet: es zeigt ihnen nichts Fertiges und nichts Gelöstes, sondern es stellt sich ihnen mit allem, was es darbietet, immer von neuem ganz in Frage. Es zeigt in seiner Leistung seine Schwäche, in seinem Gelingen sein Versagen, als wollte es zwischen Ja und Nein den Sturm der Leidenschaft nie zur Ruhe kommen lassen, der einst die besten Kräfte des Aufbaus zu ihm hereintrieb. Man hat, als man die Reise antrat, von Palästina eine fest gegründete Vorstellung gehabt. Man kannte seine Landkarte, seine wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen, seine Politik, seine Menschen. Die Vorbereitung erschien manchmal fast zu gründlich, es war, als raubte sie das Glück des Kennenlernens und verwandelte es in die ruhigere Freude des Wiedersehens mit einem schon gekannten und geliebten Gegenstand. Bis mit einem Male hinter allem Wiedererkennen ein neues Erkennen durchbrach, bis die mehr oder minder gewussten Einzelheiten zu einem bis dahin ungewussten Ganzen zusammenwuchsen: bis man in einem sehr starken und sehr bewegten Augenblick plötzlich wusste: das alles gehört auch mir und . kann mir nicht mehr genommen werden. Das war der Augenblick, den keine Literatur und kein Bildmaterial vermitteln können, sondern der eine Gabe war der lebendigen Nähe. Er ist eines der unverrückbare n positiven Ergebnisse dieser Reise. Es war nicht das einzige, das uns zuteil wurde. Da gab es neben dem subjektiven Glücksgefühl, dass das alles uns in einem ungekannten Sinne zu eigen wurde, da* objektive Bewusstsein dessen, was hier geleistet worden ist. Der Beschreibung dieses Werkes waren die vorangegangenen Aufsätze in erster Linie gewidmet», und eine Wiederholung ist nicht am Platze. Wohl aber darf angemerkt werden-, dass keine Beschreibung in einem solchen Rahmen über Zufailsausschnitte hinausgelangt und dass sie im günstigsten Falle eine Ahnung von dem erweckt, was man möglichst bald selbst in Augenschein zu nehmen versuchen sollte. Schon, dass. man sich im wesentlichen darauf beschränken musste, Einrichtungen zu nennen, die sich in Schulen, Heimen,,Fabriken, Siedlungen deutlich sichtbar dokumentieren, und dass darüber die weniger in Erscheinung tretenden Institutionen vernachfm 99 Ufo. lh mm 1. Atosil Bestellzettel auf Seite 2 lässigt werden mussten, die. wie die grossartige Wohlfahrtsarbeit der Wizo und der Gemeinden in geradezu heldenhafter sozialer Pioniertätigkeit die zwischenmenschlichen Beziehungen gestalten, zeigt die notwendige Lückenhaftigkeit des Gebotenen. Es bleibt daher dem Leser nicht viel anderes übrig, als dem Interpreten ganz einfach zu glauben, dass die jüdische kolonisatorische Leistung in Palästina enorm ist und jeden Grad des Stolzes rechtfertigt, mit dem immer ein Jude der Diaspora seine freudige Anteilnahme daran bezeugen will. Bis hierher aber handelt es sich — oder sollte es sich handeln — um ein Gefühl, dass auch mittelbar durch Bilder und Berichte zu erwecken ist. Das unmittelbare Erlebnis des Schauenden und Hörenden aber geht wiederum um eine wesentliche Stufe darüber hinaus: es gipfelt in der Ueberzeuguug, die zugleich einen Entschluss in sich birgt, dass das, was hier geschaffen ist. was auch immer kommen möge, nicht zugrunde gehendarf. Diese beiden festen Gewissheiten, mit denen einen das Land entlässt, unterbauen eine dritte, die nicht so sehr eine Gewissheit des Gefühls wie eine solche der abgeleiteten Ueberlegung ist: die Bedeutung Palästinas für die Jüdi»