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Central-Verein-Zeitung · 1937-11-19 · 46 (19.11.1937) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
46 (19.11.1937)
Date
1937-11-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XVL Jahrgang / Nr. 46 Berlin, 19. November 1937 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitimg, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W 15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: 928141—15. Telegrammadresse: Centralglanben, Berlin. Postscbeckkonto: Berlin 70344 Di« C.-V.-Zeitong erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktlonsschlass: Dienstag. Bestellnngen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erbebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügl. 18 Rpf. Bestellgeld. Für Aasland vierteljährlich 2,30 RM (umgerechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. {Ausland 20 Rpf.). Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge, — Anzeigengebühren: Preisliste 5 gültig. Die 12gespaltene mm-Zejle 20 Rpf., für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise a. Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platzu. Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. lasche Klärung gefordert Interview mit ftfosehe Shertok für die C.-V.-Zeitwng Jerusalem, 11. November. Der Leiter des politischen Departements der Jewisb Agency in Jerusalem, Mosche Shertok, hatte die Freundlichkeit, unsere Sonderberichterstatterin, Dr. Era Reichmann-Jungmann, zu empfangen und ihr eine Unterhaltung über die politische Lage in Palästina zu gewähren. Dr. Eva ßeiehmann-Jungmann schreibt uns: Ihre Mitarbeiterin begann mit der Frage, welche Vorstellungen und Wünsche Shertok für die nächste Zukunft hege; er antwortete, dass das wichtigste eine rasche Vorwärtsentwicklung der politischen Lage sei. Der gegenwärtige Zustand der Ungewissheit bedeute eine so grosse Erschwerung auf allen Lebensgebieten des Jischuw, besonders aber auf dem wirtschaftlichen, dass jede Art der Ueberwindung dieses Provisoriums zunächst einmal zu begrüssen sein würde. Das Gespräch wandte sich dann den terroristischen Zwischenfällen der letzten Wochen zu. Ihre Mitarbeiterin schilderte als ihren-Eindruck von der Stimmung weiter jüdischer Kreise, dass man die hie und da vorgekommene Vergeltung arabischer Terrorakte durch jüdische Gegenmassnahmen im allgemeinen bejahe. Selbst da, wo man für sich persönlich moralische Vorbehalte mache, sei man .überzeugt davon, dass diese Form der'Selbstwehr die den Arabern verständlichste und daher wirksamste Schutzmassnahme sei und dass es selbst auf englischer Seite an Verständnis dafür nicht fehle. Shertok erwiderte sehr bestimmt: „Diese Auffassung ist hundertprozentig falsch". Sollte sie sich tatsächlich ausbreiten und die bisher bis auf Einzelfälle geübte Disziplin erschüttern, so würde sie unsere Position aufs Schwerste gefährden. Der Zufall, der die Opfer der Vergeltungsakte bestimme, habe es beispielsweise gewollt, dass ihnen u. a. Angehörige ausserpalästinensischer Nationen zum Opfer gefallen sind. Das habe unsere Beziehungen zu diesen Nationen kompliziert. Vor allem aber gefährden sie unsere legalen Verteidigungsmögliehkeiten, die das wichtigste positive Ergebnis unserer während der Unruhen des vergangenen Jahres geübten Selbstdisziplin seien. Der einzelne Engländer könne wohl Verständnis dafür haben, dass sich die innere Spannung der immer von neuem unschuldig angegriffenen jüdischen Menschen auch einmal in Gewalttaten entlädt; die englische Politik aber werde auf die Dauer daraus nur für uns nachteilige Folgen herleiten. Ihre Berichterstatterin sprach dann davon, dass Mosche.Shertoks Wirken für diese Ueberzeugung schon, als sie sie nur vom Auslande her verfolgen konnte, ihre warme Anteilnahme und Bewunderung erregt habe und dass sie besonders den Mut zur Unpopularität anerkenne, der darin zum Ausdruck komme, in dieser überln dieser Nummer finden unsere Leser u. a.: Die Aufsätze Zwanzig Jahre Balfour - Deklaration — Heinz Berggrün: Eine offen« Antwort aus Berkeley — Dr. Ernst Schwarz: Amerikanische Städtebilder: Chicago — Hundert Jahre Bonnier — Dr. Eva Reichmann- Jungmann: Palästinafahrt Die Beilagen: Die Wanderung — Buch und Kunst — Apprendam brasileiro — Sportblatt — Wirtschaft der Woche — Palästina- Umschau aus schwierigen Situation um der besseren Einsicht willen gegen . eine verständliche und verbreitete Stimmung anzukämpfen.. Shertok wollte diesen Ausdruck nicht ganz gelten lassen, da er seine Stellungnahme nicht in diesem Masse für unpopulär halte. Er habe in zahlreichen Gesprächen immer wieder bemerken können, dass. jeder einzelne, dem er Gründe und Gegengründe auseinanderzusetzen in der Lage gewesen sei« sich schliesslich zu seiner Ueberzeugung bekehrt habe. Leider nur sei es ja nicht möglich, mit jedem einzelnen Juden im Lande zu sprechen . . . Ihre Mitarbeiterin fragte darauf, warum nicht mehr geschehe, um dem Jischuw als Ganzem in dieser Zeit des Uebergangs und der Unsicherheit deutlich fassbare Parolen zu geben. Sie habe bei den Menschen, besonders bei den ihr am nächsten stehenden Menschen aus Deutschland, die zum Teil wirtschaftlich schwer unter der Depression litten, eine. bedenkliche Richtungslosigkeit festgestellt. Ein klarerer .Durchblick durch die Lage, ein Wort der jüdischen Führung, an das man sich halten könne, könnte manche innere Schwierigkeit beheben, die zu den materiellen Sorgen hinzukomme. Es. sei ein Fehler, an die geistigen und seelischen Kräfte der Menschen zu starke Anforderungen zu stellen, indem man nur ihnen allein die innere Ausrichtung überlässt. Man müsse. ihnen dadurch .helfen,. dass man sagt, was ist, und ihren Wünschen und Hoffnungen sichtbare Ziele geben. Diese Aufforderung traf bei Mosche Shertok offenbar auf sehr verwandte Gedankengänge, und er erwiderte nur: „Sie haben recht". Auf die Frage, warum nichts Entsprechendes geschehe, wiederholte er nochmals: „Dafür könnte ich Ihnen Erklärungen genug geben, aber sie würden nur immer damit enden: Sie haben vollkommen, recht." Das Gespräch berührte weiter die Frage. der Presseberichterstattung über die Palästina-Ereignisse. Shertok beklagte einen Mangel an Verantwortung, der manchmal zu bedenklichen Entstellungen führe. Teilweise würden geradezufalsche Meldungen erstaltet, z. B. würden Zwischenfälle mitgeteilt, die sieh nachweisbar nie und nirgends ereignet haben. Aber fast nochschlimmer sei die Begier, tatsächliche Vorkommnisse aus Gründen der Sensation zu entstellen oder sie so' aufzumachen, dass ihre Proportion innerhalb des Lebensablaufes des Jischuw sich völlig verschiebe. Für beide Fälle nannte er Beispiele: die letzte Rede des britischen Kolonienministers Ormsby-Gore über die Einwanderungsfrage sei recht unangenehm gewesen. Aber zu einer Berichterstattung in dem Sinne, dass in ihr das Prinzip der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes als Richtschnur für die Zertifikatszuteilung endgültig fallengelassen worden sei, habe sie nicht den geringsten Anlass gegeben. Er, Shertok, habe sie genau geprüft Das genannte Prinzip wurde in ihr untersucht und seine Verankerung im Mandat geleugnet, aber aufgegeben wurde es nicht. Derartige Ungenauigkeiten in der Auslegung legen dann unter Umständen den jüdischen Stellen die Notwendigkeit auf, Richtigstellungen zugunsten der Mandatsregierung vorzunehmen. Das sei eine sehr unliebsame Notwendigkeit, denn in der Sache stehe man im Kampf gegen die Regierung, und die Kampffähigkeit werde beeinträchtigt, wenn man sich durch Formalien ins Unrecht setze. Zur Frage der unrichtigen Proportionen in der Presseberichterstattung erklärte Shertok, man dürfe über dem noch so schmerzlichen Bedauern über einen Zwischenfall in einem dunklen Winkel der Altstadt nicht vergessen, dass um die gleiche Zeit, in der er sich ereignet habe, das gesamte Siedlungswerk , unangetastet im eigenen Schutz gestanden habe. Das aber sei für eine Beurteilung der Gesamtlage das eigentlich Bedeutsame und dürfe hinter Einzelheiten nicht so zurückgedrängt werden, dass sich auf die Dauer ein schiefes Bild ergebe. Auch auf diesem Gebiete werde eine stärkere Lenkung und Vereinheitlichung angestrebt. Zum Schluss sprach Mosche Shertok seine Freude über das Gespräch aus und verabschiedete sich mit herzlichen Grüssen und Wünschen für seine Freunde in Deutschland. * Mosehe Shertok ist vom Stellvertreter des High Commissioner, Batters h i 11, zu einer Unterredung über Sicherheitsfragen empfangen worden. Kriegsgerichte Iis Palästina Kurz nach der, Bluttat von Kirjat Anawim, der sechs Juden zum Opfer fielen, hat die Regierung ihren Eatschluss geben, „im Hinblick .auf die fortgesetzter! Mordtaten und Sabotageakte" im ganzen Lande Militärgerichte einzusetzen. Es scheint aber, als ob die letzten Ereignisse in Palästina nicht die unmittelbare Ursache hierfür sind, sondern als .ob bereits seit der Ermordung des Distriktkommissars Andrews in.diese Richtung gehende Pläne erwogen worden seien. Die Massnahme dient möglicherweise auch der Verhängung. des Kriegszustandes und der eindrücklichen Warnung der arabischen Terroristen. Die Verordnung über die Militärgerichte, die am 11. November veröffentlicht wurde, ist am 18. November in Kraft getreten. Die lange „Wartezeit" zwischen Veröffentlichung und Wirksamwerden der Verordnung soll offenbar den Terroristen eine letzte Bedenkzeit geben. Im einzelnen sieht die Verordnung die Einrichtung von Militärgerichten vor, die jeweils aus einem Stabsoffizier als Präsidenten und zwei anderen Offizieren bestehen sollen. Von ihnen werden Fälle abgeurteilt werden, in denen-':Sckfee"i|0^^irgendwelche Personen abgegeben, Waffen oder Bomben getragen oder Sabotageakte verübt werden, und gewaltsame Beeinflussung versucht wird. In. den beiden ersten Fällen, offenbar aber auch bei Sabotageakten und Fällen gewaltsamer Beeinflussung, kann die Todesstrafe ausgesprochen werden. Jedoch können die Militärgerichte auch lebenslängliche Haft verhängen. In Fällen, in denen nur Waffenbesitz vorliegt, können die Gerichte bei mildernden Umständen von Strafe absehen. Der Oberkommandierende der britischen Streitkräfte in Palästina muss die Urteilssprüche bestätigen, gegen seine Entscheidung gibt es kein Rechtsmittel. Nach einer Erklärung der Mandatsregierung soll die Tätigkeit der ordentlichen Gerichte durch die Verordnung nicht eingeschränkt werden. Sie werden vielmehr weiterhin alle Straftaten, die nicht vor die Militärgerichte gehören, aburteilen, auch soweit sie im Zusammenhang mit dem Terror stehen. Die Militärgerichte sind danach zur Ausrottung des Terrors bestimmt, um die Bevölkerung zu schützen. Die palästinensischen Zeitungen mussten die Mitteilung über die Einsetzung der Militärgerichtshöfe zwischen dem 11. und 18. November täglich veröffentlichen. Ausserdem, wurde sie durch den Rundfunk verbreitet. In der Altstadt von Jerusalem ist im Zusammenhang mit Terrorakten, über die wir an anderer Stelle berichten, erneut der Ausnahmezustand verhängt worden. Süd»Amerika Nationen entstehen Die Darstellung über die immanenten Spannungen innerhalb der südamerikanischen Staaten findet durch die jüngsten Vorgänge in Brasilien eine interessante Beleuchtung. Die Redaktion. Einen ähnlichen Konsolidierungsprozess wie die staatspolitische Lage mussten auch die bevölkerungspolitischen Verhältnisse Lateinamerikas durchmachen. Die Bevölkerung der iberoamerikanischen Länder ist nicht einheitlich. Vielmehr setzt sie sich aus drei Bestandteilen zusammen: Aus der indianischen Urbevölkerung, den weissen Einwanderern und seit dem 16. Jahrhundert auch der Negerrasse. Neben diesen drei Grundschichten haben sieb drei Mischrassen gebildet, und zwar: Mulatten aus der Verbindung von Weissen und Negern, Mestizen aus der Kreuzung von Indianern und Weissen sowie Zambos aus der Vereinigung von Negern und Indianern. Insgesamt bestehen also innerhalb des iberoamerikanischen Raumes sechs grosse Blutgruppen, von denen jede einzelne wieder in eine Anzahl kleinerer Untergruppen zerfällt -Die Verteilung der einzelnen Rassen ist durchaus ungleichmässig. Während in den nördlichen Kordillerenstaaten und Venezuela die Mestizen das Hauptkontingent der Bevölkerung bilden, überwiegen an den Küsten Neger und Mulatten. Dagegen betragen in Kuba und Puerto Rico die Weissen rund 75 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Heterogenität der Bevölkerungselemente hinderte lange Zeit eine gleichmässige oder nur einigermassen einheitliche Entwicklung Lateinamerikas. Die einzelnen Rassenkomponenten bildeten Jahrzehnte hindurch Kräfte, die nach verf&e 11 Ms mim 1. lamm Bestellzettel auf Seife 13 schiedenen Richtungen auseinanderstrebten. Etwa die innerpolitischen Wirren, von denen bereits die Rede war, sind nicht zum wenigsten auf die Ungleichartigkeit der Bevölkerung zurückzuführen. Trotzdem hat sich allmählich eine Angleichung der einzelnen Rassenbestandteile, vollzogen. In vielen Staaten beginnen sich sogar Erscheinungen bemerkbar zu machen, die man als einheitliches Nationalgefühl bezeichnen kann. So berichtete 1911 der französische. Staatsmann Georges Clemenceau, er habe auf seiner Südamerikareise den kleinen Sohn eines italienischen Einwanderers gefragt, ob er italienisch oder spanisch spreche, worauf der Kleine stolz erklärte: „Wir sprechen alle argentinisch." Erleichtert wird die Bildung eines Nationalgefühls dadurch, dass die Südamerikaner bereit sind, jeden als Nationsgenossen anzuerkennen, der das Gefühl der Verbundenheit mit dem Lande dokumentiert. Diese Tendenz kommt schon sprachlieh zum Ausdruck. So bezeichnen sich die Argentinier selten mit dem Namen ihres Staates, meist nennen sie sich „hijos del pais*:, „Söhne des Vaterlandes". Dadurch soll betont werden, dass jeder, der mit dem Lande verwachsen ist, den Titel eines „Sohnes des Vaterlandes'' führen darf. Wichtig vom Standpunkt der jüdischen Einwanderung ist hierbei, dass der Argentinier bereit ist diesen Ehrentitel Vgl. den Aufsatz in Nr. 42 vom 21. Oktober 1937

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