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Central-Verein-Zeitung · 1937-11-04 · 44 (4.11.1937) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
44 (4.11.1937)
Date
1937-11-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XVI. Jahrgang / Nr. 44 Berlin, 4. November 1937 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitang, Anzeigenannahme Vertriebsabteilung): Berlin W 15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: 928141-45. Telegrammadresse: Centraiglaubeii, Berlin. Posfecheckkoat« Berlin Die C.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die .Post, die die- Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) 7—-^ 10ü-f v^^^a toa«.i«^ ^rtci^h^^ 9 an T?.M-rn™rArprfui*t m <li« Landeswahrm^ einschl. Zustelteebuhren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.). Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf IS für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise s. Zwanzig Jahre i. A. IL Man zählt den Sommer 1917. Das englische Kriegskabinett unter Vorsitz von Lloyd George tagt. In einem Nebenraum wartet Weizmann. Da öffnet sich die Tür, Sir Mark Sykes kommt heraus und ruft ihm zu: „Weizmann, es ist ein Junge!" Der „Junge" war ein Kabinettsbeschluss, über den seit Februar zwischen der Führung der englischen Zionisten mit der englischen Regierung sowie mit der französischen und italienischen Verhandlungen geführt worden waren, und dessen Text Präsident Wilson kennengelernt und gutgeheissen hatte. Aber es vergingen noch Monate, bis daraus die Balfour-Deklaration wurde, jener Brief des Staatssekretärs des Auswärtigen, James Balfour, an Lord Rothschild, der am 2. November 1917 abgesandt wurde und die Grundlagen des Neuaufbaus Palästinas schuf. Weizmann, der 1930 auf dem 17. Zionistenkongress den sehr undiplomatischen Ausruf des als Diplomat so hervorragenden Sir Mark Sykes zitiert, fügte hinzu: „Die eigentlichen Geburtsschmerzen der Balfour- Erklärung kamen erst viel später. Nun, um die Metapher fortzusetzen, dieser Junge ist nach nunmehr 13 Jahren Barmizwah/' Und wir können inmitten widerstrebender Gedanken und Ereignisse in Weizmanns Bild fortfahren: und jetzt ist er 20 Jahre, wird volljährig und geht eigene Wege. Wohin? Der Zionismus hat begründeten Anlass, der 20. Wiederkehr der Balfour-Deklaration mit Befriedigung zu gedenken. In ihr sind durch die Regierung eines Weltreiches Begriffe und Vorstellungen erstmalig in neuerer Zeit anerkannt und zu völkerrechtlicher Wirksamkeit erhoben worden, die bisher Forderungen der zionistischen Doktrin gewesen sind. An dieser Tatsache ändert auch der Umstand nichts, dass der Peel-Bericht in gewissem Sinne das Ende der Balfour-Deklaration bewirkt. Denn dieses Ende ist nur im Quantitativen ein Weniger, nämlich was den Raum anlangt, der für das Aufbauwerk zur Verfügung gestellt werden soll. Im Qualitativen ist es ein Mehr: aus der nationalen Heimstätte wird ein eigener Staat, und die Formel der „Einwanderung aus Recht und nicht aus Duldung" gewinnt einen viel unbeschränkteren, durch andere als nichtjüdische Kräfte nur bedingt zu entleerenden Inhalt. Aber auch auf n i c h t zionistischer Seite darf und soll dieser Jahrestag Anlass sein, gewissen Fragen der zionistischen Entwicklung im Hinblick auf Palästina besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Es soll in diesem Zusammenhange nur referierend In dieser Nummer finden unsere Leser u. a.: Zum ersten Male unsere Beilage: „Die Wanderung" mit Aufsätzen von Dr. Werner Rosenberg, Dr. Ernst Schwarz-Chicago u. a. Die Aufsätze: Ernst Feder: Uriel Acosta hebräisch — Georg Schott: Die Familie Mendelssohn — Olga Bloch: Ein Mcler der Landschaft — Karl Escher: Ein feines Leben — Bleibt die Landwirtschaft krisenfest? Die Beilagen: Wirtschaft der Woche — Palästina ■ Umschau — Das Blatt der Jüdischen Frau — Sportblatt — Der Briefmarkensammler — Schachecke Der Rücktritt des High Commissioners Die vielfachen Gerüchte um den Rücktritt des Leiters der britischen Mandatsverwaltung in Palästina haben nunmehr aus dem Munde des englischen Kolonienministers Ormsby-Gore ihre Bestätigung erfahren. Auf eine Frage aus dem Unterhaus erklärte der Minister, dass der Gesundheitszustand des High Commissioners ihm nicht erlaube, seine Amtszeit zu beenden, und dass er daher gebeten habe, zu einem frühen Zeitpunkt von seinen Pflichten entbunden zu werden. Der Minister gab gleichzeitig der tiefen Wertschätzung der Regierung für die Dienste Sir Arthurs Ausdruck, der seinen Posten mit Eifer und Hingabe sechs Jahre hindurch verwaltet habe. In der Reihe der von der britischen Mandatarmacht bestellten Hohen Kommissare war Sir Arthur Wauchope der vierte. Er trat sein Amt im Juli 1931 an. Vom Beginn seiner Tätigkeit an war er bestrebt, die Gegensätzlichkeit zwischen Arabern und Juden zu überbrücken' und die im Mandat vorgesehene Entwicklung der Selbstverwaltungseinrichtungen zu fördern. Am 20. November 1936, mitten in der Unruhezeit, wurde seine Amtszeit auf weitere fünf Jahre verlängert, nachdem diese Massnahme bereits wTährend der Kämpfe um die Einführung des Legislative Council angekündigt worden war. Sir Arthur war es auch, der am 7. Juli 1937 die Ergebnisse bekanntgab, zu denen die Peel-Kommission gekommen war, indem er gleichzeitig die Hoffnung aussprach, dass die Teilung Palästinas eine Epoche der Verständigung und der Zufriedenheit für das ganze Land einleiten werde. Die englische Presse erörtert den Rücktrittdes High Commissioners sehr lebhaft „Daily Mail" meint, England müsse seine Arbeit in Palästina ohne Aufschub zu Ende führen. Es werde aber nicht leicht sein, einen Nachfolger zu finden. Auch die hebräischen Zeitungen Palästinas bedauern den Rücktritt Sir Arthur Wauchopes einmütig. Anfangs sei der Kommissar als der wahre Befreier des jüdischen Volkes erschienen. Er habe die Einwanderung stark ermutigt. Später habe er sich allzu stark Fragen der Verfassungsreform zugewandt und den Plan eines Legislative Council entworfen. Im zweiten Teil seiner Amtszeit habe er zu grosse Milde walten und damit die Unruhen zu so grossen Ausmassen anwachsen lassen. Als Kandidaten für die Nachfolge im Amte des High Commissioners werden der Feldmarschafl Chetwode, der als ein besonderer Kenner der palästinensischen Verhältnisse gilt, der ehemalige Gouverneur von Bengalen, Sir John A nderson, und der ehemalige Gouverneur von Nord- Rhodesien, Sir Hubert W. Young, genannt. Sir Arthur Wauchope wird im Laufe der Woche nach Palästina zurückkehren, um sein Amt 'noch drei*'"Monate zu ver-'" sehen und vielleicht die neue Palästina- Kommission im Lande zu empfangen. Die Thronrede sehwieg sieh ans Ueber das aktuelle Ereignis des Rücktritts des High Commissioners hinaus wird die politische Situation in Palästina in England auch weiterhin lebhaft erörtert. Im Unterhaus hat ein Abgeordneter darauf hingewiesen, dass in der Thronrede König Georgs VI. bei der Eröffnung des Parlaments Palästina nicht erwähnt worden sei, obwohl es den wichtigsten Teil der allgemeinen Verantwortlichkeit der Regierung ausmache, obwohl dort täglich Gewaltakten sich ereigneten und obwohl zur Aufrechterhaitung der Ordnung Massnahmen getroffen würden, die anscheinend über das Notwendige weit hinausgingen. In ganz England sei man hierüber besorgt. Ein anderer Abgeordneter fragte den Kolonienminister nach dem Entwurf einer ne,uen Einwanderungsverordnraig. Ormsby- Gore erklärte, dass die Verordnung insbesondere verschärfte Strafen für die illegale Einwanderung und für die Beherbergung und Hilfeleistung in derartigen Fällen vorsehe; die Beweislast für den rechtmässigen Aufenthalt habe jeder zu erbringen, der beschuldigt werde, illegal im Lande zu verweilen. Der High Commisioner sei ermächtigt, das Gesamtmaximum der Einwanderer und den Prozentsatz der Juden während eines bestimmten Zeitraums zu bestimmen. Auch die Frage, ob die Massnahmen zur Bekämpfung des Terrors nicht über das notwendige Mass hinausgingen, wurde im Parlament erörtert. Ormsby-Gore erläuterte die Bestimmungen hierüber im einzelnen, erklärte die Billigung der Regierung zu den bisher getroffenen Massnahmen und versicherte, dass eine Aenderung der Bestimmungen nicht beabsichtigt sei. Lloyd George bekennt ■-^^sStäk zwar Deklaration Am 20. Jahrestage der Verkündigung der Balfour-Deklaration hat Lloyd George, seinerzeit Ministerpräsident Englands, eine Botschaft erlassen. Die Balfour- Deklaration sei trotz der Sorgen, die das englische Volk damals gehabt habe, sorgfältig erwogen worden und habe die Zustimmung aller alliierten Mächte und Amerikas gefunden. Er sei stolz darauf, mit der Einleitung einer Politik verbunden zu sein, die eine historische Wiedergutmachung gegenüber einem alten Volk bedeute, dem die Welt viel zu verdanken habe» England habe in Palästina ein edles Werk' als Treuhänder der Kulturstaaten in Angriff genommen, und es sei unvorstellbar, dass es seine Aufgabe halb vollendet im Stich lasse.- geschehen, da es wenig üblich ist, an einem Geburtstag Kritisches zu sagen. Das Palästinaproblem ist keine Angelegenheit der zionistischen Organisation allein, es bewegt ebenso auch die nichtzionistischen Agency- Kreise auf das stärkste, und darüber hinaus beschäftigen sich Juden in aller Welt auch ausserhalb der unmittelbar mit dem Palästinaaufbau zusammenhängenden Organisationen und Organisationsformen mit den Rückwirkungen, die der geplante Judenstaat bald oder später auf die Situation der Juden in der Welt haben kann. Es ist da nicht uninteressant, eine Reihe von Gedanken und Tatsachen in Erinnerung zu bringen, die den Weg des Zionismus und des Palästinaaufbaus der letzten zwanzig Jahre charakterisieren und die. von Weizmann herrühren. Niemand ist befugter für den Zionismus zu sprechen, als dieser Mann, dem letzten Endes die Balfour-Deklaration zu verdanken ist, und der fast ununterbrochen während der letzten zwanzig Jahre die zionistische Weltorganisation und seit ihrer Gründung auch die Jewish Agency geleitet hat, der Mann, der neben den grossen politischen Philanthropen der jüdischen Sache in unseren Reihen als erster die Gestalt eines jüdischen Staatsmannes für jüdische Dinge herausgebildet hat und als solcher unumschränkt anerkannt vor der Welt verkörpert. II. Die Organisation der aus Deutschland nach Palästina Eingewanderten, die Hitachduth Olej Germania, hat, und das charakterisiert sie und die Geisteshaltung der ihr nahestehenden Kreise auf das beste, die Reden und Aufsätze gesammelt und kürzlich herausgegeben, mit denen Weizmann seit 1901 zu den akuten Fragen des Zionismus und des Palästinaaufbaus Stellung genommen hat. Die Herausgeber bezeichnen es als ein „zionistisches Lehr- und Lesebuch". Ebenso wichtig aber wie für Zionisten scheint uns das Buch für die Nichtzionisten zu sein, die in praktischer Arbeitsgemeinschaft mit den Zionisten stehen. Denn kaum irgendwann und irgendwo tritt der Geist des sogenannten synthetischen Zionismus, der in Weizmann seinen Schöpfer gefunden hat, nämlich die Verbindung von politischem und praktischem Zionismus, so klar in die Erscheinung wie in den über 300 Seiten dieses Buches. Es ist nicht unsere Absicht, heute eine Analyse Weizmanns zu geben; es soll auch nicht der Mann gelobt werden, der sein Leben an seine Idee wendet. Wir halten es mit ihm, der in einem solchen Zusammenhange einmal sagte: „Wenn ich Lobreden höre, frage ich mich, ob ich tatsächlich noch am Leben bin." Und der Mann Weizmann, nahe dem biblischen Alter, ist am Leben! Wer ihn in Zürich beobachten konnte, wie er drei Wochen hindurch fast ununterbrochen von der Kongresstribüne und der Tribüne der Agency-Tagung her zuhörend, sprechend oder unterhandelnd die politische Führung fest in seiner Hand gehalten hat, der wird überzeugt sein, dass dieser Mann die weiter ihm noch gesteckten Aufgaben wird erfüllen können. Was wir wollen, ist, wie schon angedeutet, den Nichtzionisten einige Gedanken Weizmanns zur Kenntnis zu bringen, die der aktuellen Diskussion um den Judenstaat nützen , können. Vielleicht werden auch/manche Zionisten mit einer gewissen Ueberraschung den einen oder anderen Gedanken Weizmanns antreffen, über den dann, bei der Autorität dieses Mannes, eine Diskussion zwischen Zionisten und Nichtzionisten sich erübrigt. III. Die Frage der möglichen Rückwirkung eines Judenstaates auf die* Juden in den Ländern der Diaspora steht im Vordergrund der Erörterungen und Befürchtungen. Aehnliche Erwägungen waren auch im Zusammenhang mit der Balfour- Deklaration erfolgt. Der Begriff der „nationalen Heimstätte" hatte für diejenigen Juden, deren Heimat ausserhalb Palästinas liegt, lag und nach ihrer Absicht immer liegen soll, etwas Beunruhigendes. Weiz^ mann hat dazu mehrfach Stellung genommen. In seiner grossen Rede vor der Peel-Kommission im Jahre 1936 erinnert er daran, was die britischen Staatsmänner, „unsere Lehrer und Ratgeber zu jener Zeit", wiederholt gesagt hatten: „Die Balfour-Deklaration hat noch eine zweite Hälfte. Diese zweite Hälfte sieht vor,

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