Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 43 (28.10.1937)
- Date
- 1937-10-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- Lod 1× ep/1045074
- Tiberias 1× ep/1048138
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Nr. 43 3. Beiblatt Palästina-Umschau der C-V.-Zeitung Seite 11 28. Oktober 1937 Die Ereignisse der Woche Abklingen der Terrorbewegung — aber immer noch Terror Die Mandatsbehörden haben in dem Dorfe Darya bei Hebron zur Stunde für' den Anzriü auf die Polizeistation drei Häuser gesprengt Ausserdem wurde dem Dorf eine Kollektivstrafe von 2000 Pfund auferlegt. Der Einwohnerschaft wurde bekanntgegeben, dass für jedes der Polizei entwendete und nicht wieder zurückgegebene Gewehr ein Haus gesprengt werden würde. Ein dreissig Mann starker Polizeiposten wurde in das Dorf gelegt. Dem Dorf Tayiba wurde eine Kollektivstrafe von 150 Pfund auferlegt. Den Dörfern Yagor und Bet Dagon ist die Sprengung ron "Häusern für den Fall angedroht worden, dass die Sabotageakte in der. Umgegend nicht aufhören. Auf die neugegründete Kolonie Kwar Menachem bei Chedera wurden von arabischen Wegelagerern Schüsse abgegeben, die jedoch keinen Schaden anrichteten. Die Frau des früheren Vorsitzenden der Vereinigung jüdischer Einwanderer aus Polen ist ihren Verletzungen erlegen, die sie bei einem durch Terroristen verursachten Autounfall bei M o z a erlitten hat. Gegen die Polizeistation von S a f e d wurde eine Bombe geschleudert, die jedoch nicht explodierte. Die Mädchenfarm bei Afule wurde beschossen. Ein Araber versuchte, in dem Stadtviertel Schimon Hazadik in Jerusalem eine Bombe in ein jüdisches Geschäft zu schleudern; sie exolodierte jedoch zu früh und riss dem Attentäter die Hand ab. Auch das Jerusalemer Schlachthaus ist beschossen worden. Die Barrikade auf der Strasse Jerusalem — Te 1 - A v i v ist von Truppen entfernt worden. Jüdische Arbeiter, die die von Terroristen durchschnittenen Telephonleitungen wieder instand setzten, wurden bei Ramalla beschossen, ebenso ein jüdischer Autobus. In Haifa wurde ein Geheimpolizist in seinem Schlafzimmer durch einen Schuss schwer verwundet. Die Polizeistation in Abugosch bei Jerusalem ist von einer bewaffneten Bande angegriffen worden. Polizeitruppen, die bei Bab el W.a'd eine Barrikade entfernten, wurden beschossen, setzen sich aber erfolgreich zur Wehr. Nahe bei Jerusalem wurden bei der Beschie6sung eines jüdischen Autobusses drei Passagiere leicht verletzt. Nach Gaza wmrde ein Polizeiposten von 25 Mann gelegt, weil in der Nähe der Stadt ein Sprengstoffattentat auf die Eisenbahn versucht worden war. Für die Wiederholung eines derartigen Sabotageaktes ist die Sprengung von zehn Häusern arabischer Notabein angekündigt worden. Eigenartig ist, dass der Distriktskommissar die jüdischen Kolonien in der Scharon -Ebene darauf aufmerksam gemacht hat, dass sie für in ihrer Nähe verübte "Sabotageakte verantwortlich gemacht werden würden. Die Kolonien antworteten, dass sie mit den Sabotageakten nichts zu tun hätten. Bei N a z a r e t wurde ein Steuereinnehmer überfallen und beraubt. Bei Gaza wurde eine arabische Opiumschmugglerbande entdeckt In der King-George-Street in Jerusalem wurde ein arabischer Passant durch Revolverschüsse getötet. Im Herzlia-Vierte 1 in Haifa verwundeten Unbekannte zwei Araber durch Schüsse. Die Telephonleitung zwischen Ras el Ain und Kalkilie wurde durchschnitten. In Haifa wurde der Angestellte der Elektrizitätsstation Jehuda Bronstein bei der Heimkehr von der Arbeit von einem Araber verwundet Bei Gaza ist ein Zug knapp einem Sprengstoffattentat entgangen. Die Eisenbahnstation L y d d a wurde von einer bewaffneten Bande angegriffen. Zwischen Jerusalem und Lydda wurde ein Teil der Geleise entfernt Die Telephonleitung nach Aegypten ist erneut durchschnitten worden. In S a f e d beschoss man die Kaserne der jüdischen Hilfspolizei, in Tel-Aviv den Schlachthof. In Nablus hat die Regierung als Sühne für Anschläge auf Eisenbahn und Telephonlinien sieben Häuser sprengen lassen. Amtlich ist mitgeteilt worden, dass während der letzten vier Tage in achtzehn Dörfer des Kreises Jerusalem strafweise Polizeiposten gelegt worden sind, weil es hier zu sporadischen Gesetzwidrigkeiten gekommen sei. Sieben Polizeiposten-sind im Unterdistrikt Gaza eingesetzt worden. Auch D s c h en i n erhielt einen Polizeiposten. Grosses Aufsehen in Jischuw hat ein Attentat auf den Oberinspektor des jüdischen Schulwesens im Regierungsdepartement für Erziehung, Avinoam Yellin. erregt. Yellin wurde, als er sein Büro auf dem Zionsberg betrat, durch einen Revolverschuss schwer verletzt. Er ist diesen . Verletzungen erlegen und unter Beteiligung der offiziellen Körperschaften und zahlreicher jüdischer Institutionen auf dem jüdischen Friedhof auf dem Oelberg bestattet worden. Am Begräbnistag blieben alle jüdischen Schulen und Kindergärten geschlossen, In die hebräische Sendung des Jerusalemer Rundfunks wurde für ihn eine Gedenkminute eingeschaltet Der Täter, auf dessen Ergreifung die Regierung einen Preis von 1000 Pfund ausgesetzt hat, ist bisher nicht verhaftet worden. * Sir Charles T e g a r t, dessen Ernennung zum Berater der Palästinapolizei vom englischen Kolonienminister im Unterhaus angekündigt worden ist, hat inzwischen seine Tätigkeit aufgenommen- Die Presse kommentiert seine Ernennung eingehend und schildert ihn als besonders erfahren in der Bekämpfung terroristischer Bewegungen. Mit besonderen Geheimmethoden soll jetzt In Palästina mit der Terrorbekämpfung begonnen werden. Die Regierung wird keinerlei Mitteilungen über den jeweiligen Aufenthalt Sir Charles, seine Tätigkeit und seine Pläne machen. * Nach einer Mitteilung des „D a i I y H e r a 1 d" sind die Mandatsbehörden in Haifa einem grossen Waffenschmuggel zur Versorgung der palästinensischen Araber auf die Spur gekommen. In einer Ladung Zement waren automatische Pistolen und Munitionsgürtel enthalfen. Die Polizei beschlagnahmte den noch im Hafen von Haifa befindlichen Teil der Schiffsladung. Kleine politische Nachrichten Die Regierungsbildung für Statistik meldet,' dass in den letzten acht Monaten 50 000 Dunam Boden von Juden in Palästina erworben worden sind. Hiervon wurden allerdings nur 18 000 Dunam Arabern abgekauft, während der Rest lediglich den jüdischen Besitzer wechselte. Nach einer Meldung des „Fei est in" hat "die Palästina-Regierung die Einfuhr sämtlicher syrischen und libanesischen Zeitungen auf mehrere Monate verboten. Der bisherige Kommandant der Palästinapolizei, Generaiinspektor Ro y G. Spi ce r, der bekanntlich stets für ein schärferes Vorgehen gegen die Hintermänner der Terrorbewegung eingetreten ist, wird von seinem Urlaub nicht mehr auf seinen Posten zurückkehren. Gegen Spicer ist vor mehreren Monaten in Jerusalem ein missglückter Anschlag verübt worden. Dem .,Haarez" zufolge will Emir Abdulla von Transjordanien eine neue Partei begründen, die mit den palästinensischen Arabern über eine für alle Teile annehmbare Lösung des Palästina- Problems verhandeln und auch mit der neuen englischen Untersuchungskommission in Verbindung treten soll. Die Partei nennt sich „Verbrüderungsverband in Transjordanien'4. Englische Pressestimmen Auch in der vergangenen Woche haben sich führende englische Zeitungen .mit den Vorgängen in Palästina und mit den Richtlinien der zukünftigen Politik Englands befasst . „Daily H e r a 1 d" betont dabei die Notwendigkeit, den arabischen Gewalttaten ein Ende zu machen, fügt aber hinzu, dass auch eine Politik der Unterdrückung auf die Dauer wenig erfolgversprechend, wie eich in Indien und Irland gezeigt hat Der Jerusalemer Korrespondent der „Times" beschäftigt sieh mit den panarabischen Bestrebungen. Er geht dabei von der Meinung aus, dass der Panarabismus ein Werk von Politikern sei, die die öffentliche Aufmerksamkeit von den schwierigen inneren Problemen der arabischen Staaten ablenken wollten. Die in Syrien entstehende Situation dürfte England und Frankreich Schwierigkeiten bereiten, da die Gef3hr bestehe, dass die palästinensischen Terroristen sich hier eine Basis schafften, ohne dass man sie daran hindern könne. Man solle erkennen, dass die der Einbildungskraft der Araber vorschwebenden Möglichkeiten politischer Intrige für sie so verlockend seien, dass eine verfrühte Ermutigung der panarabischen Bewegung unerfreuliche Folgen haben könne. „Economist" erklärt nur die konsequente Durchführung der Pläne Englands lasse einen glücklichen Ausgang der Entwicklung in Palästina erhoffen. England müsse, falls sich kein Uebereinkommen erzielen lasse, die Abgrenzung der geplanten drei Gebiete selbst vornehmen und in dem neuen Mandatsgebiet ein neues Mandatsregime einsetzen. „S p e c t a t o t" befürchtet eine weitere Verschärfung des Terrors und heisst die strengen Massnahmen der britischen Behörden gut. „New Statesman and Nation" betont, dass der Mufti immer Unruhe stiften wird. Für England sei es beklagenswert, wenn es gezwunsei, arabische Häuser zu sprengen, und in einigen Fällen sei sein Vorgehen schwer zu vertreten, aber es könne derartige Aufgaben nicht ausweichen. Sehr bemerkenswert sind Ausführungen, die der frühere Gouverneur, von Jerusalem, Sir Ronald S t o r r s, in einer Rede im „Club 1912'* gemacht hat. Sir Ronald setzte sich dabei für eine Verstärkung der Bemühungen um eine arabisch-jüdische Round - table - Konferenz ein. Es seien noch nicht genug Anstrengungen gemacht worden, um das Palästina-Problem ohne Teilung zu bewältigen. Die Situation sei nicht so hoffnungslos, dass nicht etwas getan werden könnte, um das Mandat durchführbar zu machen. Gesunde Staatsfinanzen Von unserem ^Palästina- Berichterstatter Tel-Aviv, Oktober 1937. Obwohl der Staat als aktiver Wirtschaftsfaktor in Palästina keine so grosse Rolle spielt wie in entwickelteren europäischen Ländern, so ist doch ein Staatsbudget von mehr als fünf Millionen in diesem kleinen Lande ein immerhin recht bedeutender Posten. Zwar musste sich gerade der jüdische Wirtschaftssektor in den letzten Jahren oft darüber beklagen, dass er in seinen Beziehungen zum Fiskus mehr der gebende als der nehmende Teil war, aber in allerletzter Zeit hat die Regierung erfreulicherweise dem Gebiete der .öffentlichen Arbeiten ein verstärktes Interesse zugewandt und diese produktive Betätigung des Staates ist auch in hohem Masse der jüdischen Siedlung zugute gekommen, insbesondere die so lang vermisste Küstenchaussee Haifa—Tel-Aviv, die jetzt dem Verkehr übergeben wurde. Sie führt ausschliesslich durch jüdisches Gebiet und schafft eine wesentlich sicherere und schnellere Verbindung zwischen den beiden grössten Wirtschaftszentren des Landes. Unter diesen Umständen ist es allgemein mit grosser Befriedigung aufgenommen worden, dass der Staatshaushalt für das Fiskaljahr 1937—38, das am 1. April begonnen hat, ein recht günstiges Bild bietet. Zwei Punkte sind besonders hervorzuheben: Die Steuerkraft der Wirtschaft ist wieder im Wachsen. Ohne irgendeine Erhöhung der Zölle und Abgaben werden die Staatseinnahmen auf etwas über fünf Millionen LP, das sind beinahe 400 000 LP mehr als im Vorjahr, veranschlagt Diese Schätzung erscheint nicht übertrieben. Beinahe die Hälfte der ordentlichen Staatseinnahmen entfällt auf Einfuhrzölle. Die Wareneinfuhr aber betrug in den Monaten April bis Juli dieses Jahres 5.19 Mill. LP gegen nur 3,98 Mill. LP im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres. Uebrigens hat sich in der gleichen Zeit die Ausfuhr sogar von 0,27 auf 1,06 Mill. LP erhöht, ein um so bemerkenswerteres Ergebnis, als in diesen Monaten kaum noch Zitrusverschiffungen stattfanden, also die steigende Tendenz, die sich auch im Juli noch fortgesetzt hat, vornehmlich auf industrielle und andere Exportartikel zurückzuführen ist. Auch die Wiederbelebung der Geschäftstätigkeit am Grundstücksmarkt, der in den Unruhemonaten des Vorjahrs stark zusammengeschrumpft war, wirkt sich günstig auf die Staatskasse aus, da diese Transaktionen ganz erhebliche Gebühreneinnahmen erbringen. Die Eisenbahn hat einen selbständigen Etat, ihr Defizit wird aber vom Staat getragen. Die zweite günstige Wirkung des gesunden Staatshaushaltes besteht darin, dass die Regierung, eben infolge der stabilen Einnahmen-Entwicklung, auch ihre Ausgaben nicht einzuschränken braucht. Das gilt insbesondere für die öffentlichen Arbeiten des ordentlichen sowie des. ausserordentlichen Etats, der durch Vorgriff auf die bereits genehmigte England- Anleihe finanziert wird. Besonders begrüsst wurde die Budgetierung eines nennenswerten Betrages zur Erschliessung neuer Bewässerungsmöglichkeiten. Die Aufwendungen für Militär un<j| Polizei sind mit rund Paiästioafalirt Von Dr. Eva Reichmann-Jungmann T. * ' Zwischen Traum und Wirklichkeit Jerusalem, 22. Oktober. Wie lange sind wir eigentlich im Lande? Das Datum will uns glauben machen, dass es noch keine ganze Woche ist, und dass der Landausflug nach Cypern, diese eindrucksvolle Unter-' brechung der Schiffereise, erst sechs Tage zurückliegt. Aber der Kalender muss sich irren! Es kommt uns allen vor, als reisten wir —.die Gesellschaftsfahrt vom Kulturbund und der B. Z. V. — schon Wochen hier herum, als seien wir sämtlich alte, erfahrene Palästinenser. Und sicher behält unser Empfinden recht gegenüber dem lächerlich schematischen System, die Tage zu zählen, statt sie zu wägen. Diese ersten Tage, die wir hier kreuz und quer durchs Land gefahren sind, sind dicht und schwer von Erlebnissen. An jedem von ihnen öffneten sich uns die Tore zu unbekannten Stätten — nicht nur der äusseren Welt um uns herum, sondern durch sie auch des eigenen Seins. Aber noch finden wir uns nicht ganz in dem erschlossenen Raum zurecht Noch ist die neue Fülle mehr verwirrend als bereichernd. Es wird noch viel ordnende Arbeit zu leisten sein, bis sie uns endgültig zu eigen geworden ist So hat es angefangen: An einem sehr frühen, sehr hellen Morgen — wir wollen nicht mehr darüber rechten, wie lange das her ist — sind wir in Haifa angekommen. Der erste Eindruck vom Hafen und der aus ihm heraus terrassenförmig auf das Karmel-Gebirge hinaufsteigenden Stadt ist unzählige Male geschildert worden. "Was aber darüber hinausgeht an persönlichem Erleben, wie der Atem stockte und die Worte verstummten, weil wir so viel mehr sahen als nur ein von der Natur bevorzugte« Landschaftsbild — das entzieht sich der Darstellung in herkömmlichen Begriffen. Genug, wir w.iren da. wurden umständlich ausgeladen, im Zollhaus wacker durchsucht und damit im doppelten Sinne des Wortes etwas unsanft wieder auf den Erdboden befördert. Aber es war ganz gut so: der Traum war zerstoben, und wir standen mitten in der Wirklichkeit Sie hat uns von da an nicht wieder losgelassen. Zuerst war es die Stadt Haifa selbst, in deren Gestalt sie uns ergriff; dann kam die Umgebung, der Karmel, die Industriezone und der Gürtel der Wohnsiedlungen am Stadtrand mit dem wundervollen Kinderheim „Ahawa" in Kirjat Bialik. Bei der an der Strasse Haifa— Beyrout weit vorgeschobenen Mittelstandssiedlung Naharia, die von aus Deutschland kommenden Juden gegründet ist und die jetzt die Schaffung eines grossen Seebades Naharia-Beach plant, sahen wir schon die syrische Grenze. Dann ging's zurück ins westliche Emek, wo uns ein besonderer Eindruck erwartete: die Ludwig- Tietz-Schule in Jagur. Wir hatten viel davon gehört und gelesen, Abbildungen gesehen und uns mit diesem Werk stärker verbunden gefühlt als mit irgendeiner anderen. Einzelleistung hier im Lande. Jetzt da wir davor standen, da wir den Namen von Ludwig Tietz und auf der Stiftertafel den vom Central-Verein in hebräischen Lettern lasen, war alles plötzlich ganz neu und anders. Der Zusammenhang zwischen diesem schlichten, schön gebauten Haus, den jungen Menschen, die hier lernen und arbeiten, und dem Bild an der Wand verlor den letzten Rest von Willkür, der ihm vielleicht noch anhaftete. Wie die Linien der Landschaft stand streng und klar sein Sinngehalt vor uns und milderte durch seine Harmonie den Ernst dieses Wiedersehens. Dem Gedächtnis von Ludwig Tietz hätte eine bessere Ehrung nicht erwiesen werden können. In Nahalal besuchen wir die prachtvolle landwirtschaftliche Mädchenschule der Wizo und werfen dabei einen ersten Blick in den Emek im engeren Sinne, den Emek Jesreel. Den richtigen Begriff von diesem blühenden Fruchtland, das wie ein Ost-West-Keil die nord-südlich laufenden Gebirgszüge zerschneidet, bekommen wir aber erst am Tage darauf, als wir über Nazaret zum Tiberias-See fahren und von der nördlichen Höhe her die zentralen Siedlungspunkte im Tale liegen sehen.. Das freudige Staunen ist um so stärker, als unser Weg durch kahle Gebirgsstrecken führt, viel steinige Felsabhänge, dazwischen aber auch brauner Ackerboden, der jetzt in seiner Ruhe nach der Ernte für das ungeübte Auge von unbebauter Fläche nur schwer zu unterscheiden ist. Denn wir dürfen nicht vergessen, wenn auch eine noch so heisse Julisonne uns anstrahlt und der Himmel in tiefer Bläue über uns steht: es ist Herbst. Es hat sieben Monate nicht geregnet, die Hitze hat ohne Unterbrechung den Boden gedörrt und jeder grüne Grashalm, jeder frische Kohlkopf auf dem Feld und. jeder früchtetragende Citrusbaum ist eine Siegeströphäe, die Menschenfleiss in seinem. Kampfe mit einer kargen Natur davongetragen hat. Wir geniessen nicht das Glück des Schauens über ein weithin in Blüten, jauchzendes Land, das den Frühjahrsreisenden alljährlich mit Entzücken erfüllt. Wir sehen es ernst und leistungsmüde, aber wir bilden uns ein. es dadurch echter kennen zu lernen, als in der flüchtigen Zeit seines Frühlingsrausches. Wir haben Zeit zu solcher Ueberlegung, denn unser Auto klettert hoch hinauf auf die südöstlichen Ausläufer des galiläischen Gebirges und fällt dann wieder ziemlich schnell bis zweihundert Meter unter dem Meeresspiegel: wir sind in Tiberias am See. - In Nazaret hat es angefangen, beim Anblick des Tiberiassees, des Sees Genezaret des Neuen Testaments verstärkte es sich in uns und ganz wach wurde es in Kfar Nachum, dem alten Kapernaum: das Bewusstsein der vielen übereinander gelagerten Kulturschichten, die sich in diesem kleinen Lande überdecken. In Kapernaum sahen wir die Ausgrabung der berühmten alten Synagoge, die der Vater des von Jesus geheilten Sohnes ihm zum Dank gestiftet hat. Da steht sie mit ihren korinthischen Säulen, ihren jüdischen Symbolen als ein christliches Wahrzeichen. Der Mönch im Kloster nebenan ist aus Süddeutsehland erst vor kurzer Zeit ins- Land gekommen. Immer wieder überfällt einen die Dichtheit dieser Zusammenhänge. Jüdisches Land, christliche Stätten, mohammedanische Heiligtümer, griechische Kunsteinflüsse, römische Herrschaftszeichen; Kreuzfahrerburgen, Raubritternester, Aquädukte und Gotteshäuser — noch jetzt erschauert man im Nachgefühl der Erschütterungen, die jahrhundertelang das Land durchtobten und deren steinerne Zeugen es jetzt so eng benachbart überziehen. Gewiss, auch andere Territorien haben ihre Besitzer gewechselt. Aber hier war es mehr als eine blosse politische Herrschaftsablösung, die die Stürme von Eroberung und Niederlage entfachte. Von diesem Stück Erde ist immer eine überpolitische Kraft der Anziehung in die Welt gestrahlt Etwa viel stärkeres als der Wunsch, die Zeichen weltlicher Macht auch noch auf diesen geringfügigen Küstenstrich zu übertragen, hat die Menschen, gerufen, die hier gekämpft, triumphiert und geblutet haben. Drei Weltreligionen heilig zu sein, ist ein Segen und ein Fluch zugleich. Der Segen lebt in den Seelen aller Bekenner, die ihre Liebe und ihre Sehnsucht hierher richten; der Fluch hat das Land nicht zur Ruhe kommen lassen. Aber das Auto hält an, und der Ruck schüttelt uns wieder wach. Es bleibt keine Zeit mehr zum Sinnen. Wir sind in einer Siedlung im Süden des Tiberias-Sees unmittelbar jenseits des Jordan, die vorwiegend von Angehörigen des russischen Haschomer Hazair gegründet worden ist Sie sind, angetrieben zu gleichen Teilen von jüdischer Begeisterung und Auflehnung gegen die bolschewistische Revolution, vor etwa IV2 Jahrzehnten nach Palästina gekommen. Ausserdem sind hier Kinder der Jugend-Alija aus Deutsch-, land untergebracht. Es ist das erstemal, dass wir nicht nur sehen und hören, sondern selbst Gelegenheit haben, mit den Menschen der Siedlung zu sprechen. Die Kinder der Jugend-Alija kommen sich in der Rolle der Informatoren sehr wichtig-vor. Sie sind erst wenige Wochen im Lande, ihre hebräischen Kenntnisse sind noch