Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 42 (21.10.1937)
- Date
- 1937-10-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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lentral- XVI. Jahrgang / Nr. 42 Berlin, 21. Oktober 1937 Preis 10 Pfennig ALLGEN EIN E ZEITUNG DES JUDENTUNS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W 15, Emser Strasse 4*2. Fernsprecher: 928141—45. Telegrammadresse: Centralglauben, Berlin. Pestscheckkonto: Berlin 70344. Die C.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluß Di^nstas-. Bestelliinmwi nimmt, ip.rtes Postamt nnd dm fieschäftestellA entaesren. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den boten erhebt. nummer lOP.pf. (Ausland 20 Rpf.). Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspru.__... ......_______^ _____ 0____________0- ______0—ö__________ - _ . für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise s. Preisliste. "Einzelanzeigen "nur gegen Vorauszahlune. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platzu. Datenvorschriften ohne Verbindhcnkeit. ■HS Die äussere Ruhe, die dem scharfen Zupacken Englands und der Beseitigung der im Amte befindlichen arabischen ^Führung gefolgt war, hatte zu der Hoffnung berechtigt, dass der arabische Terror in Palästina gebrochen und die Bahn für eine ruhigere politische Entwicklung eröffnet sei. Diese Hoffnung hat getrogen. Heftiger als je seit den folgenschweren Tagen des April 1936 ist der Widerstand der palästinensischen Araber gegen die englische Mandatarmacht aufgeflammt. Die nächsten Tage und Wochen werden es deutlich machen, ob die Ereignisse in Palästina, die von der ganzen Welt wieder einmal mit Spannung verfolgt werden, ungeahnte neue Verwicklungen schaffen oder ob der arabische Widerstand nur ein letzter gewaltsamer Protest gegen die Folgerichtigkeit ist, mit der England seine politische Zielsetzung in Palästina durchzusetzen gewillt ist. Schon in der Mitte der vergangenen Woche machte sich ein Anwachsen der Unruhen bemerkbar. Eine grössere Bande bewaffneter Araber blockierte die Strasse, die van Jerusalem nach Bethlehem führt. In der Hauptstadt des Landes wurden alle strategisch wichtigen Punkte, von Polizeiabteilungen besetzt. Die Tore der Altstadt wurden überwacht,. Passanten durchsucht, Verdächtige festgenommen. In Safed hingegen konnte nach der Verhaftung von, 24 Arabern der für lange Zeit verhängte Ausnahmezustand wieder aufgehoben werden. Aber die Lage zeigte bereits gewisse Anzeichen einer kommenden Krise. In Jaffa, in Nablus und in Haifa rüstete sieh die Polizei für etwa kommende Unruhen. Haussuchungen und Verhaftungen wurden durchgeführt. Die eigentlichen Unruhen aber begannen in der Nacht zum Freitag. Es ist auffällig und verdient besondere Hervorhebung, dass der Beginn der neuen Terrorwelle fast genau mit einem Ereignis zusammenfällt, das überall in der Welt als Sensation gewertet und aufs stärkste beachtet worden ist: Die Flneht des Mufti Hadsch Emin Effen.di Bey war bekanntlich seiner wichtigsten religiösen und politischen Aemter enthoben worden. Anders aber als die übrigen arabischen Führer war er weder verhaftet worden, noch hatte er versucht, der Verbannung auf die Seychellen-Inseln durch die .Flucht über die Landesgrenze zu entgehen. Er hatte sich vielmehr in die Omar-Moschee, seinen Amtssitz, als Mufti von Jerusalem, zurückgezogen und, von einer starken Leibgarde bewacht, auch ferner Einfluss auf die politischen Geschicke Palästinas zu nehmen versucht. Die Regierung hatte sich bereits zu der Ankündigung veranlasst gesehen, dass sie die Verwaltung des Wakf, des mohammedanischen Religionsfonds, selbst übernehmen werde, zumal sie zu ihm erhebliche Mittel beisteuere, und sie hat einige Tage später diese Massnahme auch durchgeführt. Dies war notwendig geworden, weil der Mufti nach seiner Amtsenthebung als Präsident des Obersten ^oslemitischen Rates es immer noch verstanden hatte, Einfluss auf die Angelegenheiten des Wakf und die Verwaltung seiner Gelder auszuüben. Gerücht um die Flucht des Mufti waren immer wieder aufgetaucht, seit er sich in die Omar-Moschee zurückgezogen hatte, aber die englischen Behörden selbst waren,, derartigen Behauptungen mit eindeutigen Dementis entgegengetreten. Massgebliche Persönlichkeiten des Sicherheitsdienstes wiesen noch unmittelbar vor der Flucht des Mufti darauf hin, dass infolge der scharfen Bewachung aller Zugänge zum Gebiete der Omar- Moschee ein unbemerktes Entweichen fast ausgeschlossen erscheine. Dennoch ist das Unmögliche gelungen, der Mufti unternahm die abenteuerliche Flucht aus dem freiwilligen Gefängnis und entkam. Ueber die Einzelheiten der Flucht gibt es viele Versionen, und einige Stunden hindurch mag der Telegraph zwischen Europa und Palästina lebhalt gespielt haben. Die wahrscheinlichste Darstellung ist wohl die des englischen Nachrichtenbüros Reuter. Danach hat der Mufti, als Beduine verkleidet, das Gebiet der Omar-Moschee verlassen und sich zur Küste begeben. Dort bestieg er ein bereitgehaltenes Motorboot, das ihn an eine vorher bestimmte Stelle der libanesischen Küste bringen sollte, an der ihn ein Auto erwartete. Das Motorboot verfehlte jedoch den verabredeten Punkt, wurde von einem französischen Küstenwachtkutter aufgegriffen und unter starker Bewachung nach Beirut gebracht. Dort verbrachte der Mufti einige Zeit in einem Hotel unter polizeilicher Bewachung. Dann aber verliess er, einer Weisung der Behörden folgend, das Gebiet der libanesischen Republik und begab sich nach Damaskus. Offenbar hat er dort seine politische Tätigkeit fortzusetzen gesucht. Bei Redaktionsschluss verlautete, dass die syrischen Behörden die Ausweisung des Gross-Mufti verfügt hätten. Die Haltung der Naeltfear« regiernngest - Eine Bestätigung dieser Nachricht steht noch aus, aber sie ist nichts weniger als unwahrscheinlich. Stimmen aus London lassen erkennen, dass man die Flucht des Mufti im Colonial Office durchaus ernst beurteile und von ihr eine Verstärkung der von ausserhalb Palästinas geleiteten panarabischen Politik befürchte. Daily Herald gab der Erwartung Ausdruck, dass die Palästina-Regierung die syrische ebenso wie die libanesische Regierung ersuchen werde, dem Gross-Mufti in ihren Hoheitsgebieten keine Aufenthaltsbewilligung zu erteilen. In Frankreich, das bekanntlieh das Mandat über Syrien inne hat, hat man die Tätigkeit des Mufti in Damaskus, die bereits in einer Sympathiekundgebung für die palästinensischen Araber und in Unruhen ihren Ausdruck fand, gleichfalls mit Sorge beobachtet, da man ein üebergreifen der palästinensischen Bewegung auf das stets unruhige Syrien befürchtet. Der syrische Ministerpräsident Mardam Bey hat offiziell erklärt, dass er die Anwendung von Gewalt in Palästina verurteile und dass seine Regierung in Zusammenarbeit mit Frankreich und England strenge Massnahmen gegen Waffenschmuggel und illegale Einwanderung nach Palästina ergreifen werde. Gerade auch in den Grenzgebieten sind Kämpfe zu verzeichnen. Die syrischpalästinensische Grenze ist bereits seit der vorigen Woche gesperrt. Dennoch versuchen bewaffnete Gruppen immer wieder, auf Schleichwegen ins Land zu kommen und Anschluss an die kämpfenden Araber zu finden. Mehrfach haben die Grenzwachen eindringende Banden nach Syrien zurückgeworfen. Andererseits hat die Palästinaregierung die vielfach verbreitete Meldung von Zwischenfällen zwischen dem Hedschas und Transjordanien offiziell dementiert. Von einer Grenzüberschreitung der Wahabiten soll danach nicht die Rede sein. Im allgemeinen aber deuten manche Anzeichen darauf hin, dass immer noch und mit erneuter Kraft Bestrebungen im Gange sind, um die arabischen Nachbarstaaten Palästinas in den Gang der Ereignisse hineinzuziehen. Die Meldungen aus arabischer Quelle, wonach die Staatsoberhäupter der arabischen Länder der englischen und. der palästinensischen Regierung ein Memorandum überreicht haben, in dem sie ihre Vermittlung für die Ermöglichung der Rückkehr der verbannten arabischen Führer anbieten, mögen wohl als bewusst tendenziös anzusprechen sein. Andererseits aber hat sich die Propaganda für die Einmischung der arabischen Welt in die palästinensischen Verwicklungen sehr verschärft. Zum Teil ist dies angeblich auf die Tätigkeit Dschemal el Husseinis, eines Mitgliedes des aufgelösten Obersten Arabischen Komitees zurückzuführen, das beabsichtigen soll, in Bagdad ein Propagandazentrum für die palästinensischen Araber zu errichten. Gegeumassuahiiieit Hiermit in Zusammenhang steht wohl auch eine Anordnung der Palästinaregierung, wonach auch diejenigen Mitglieder des Obersten Arabischen Komitees, die sich bei dessen Auflösung im Auslände befanden, als ausgewiesen gelten und nicht mehr zurückkehren dürfen. Hierzu gehören sehr massgebende arabische Führer, unter ihnen auch Dschemal el Husseini, dem wiederum andere nachsagen, er sei nicht in Bagdad, sondern in Palästina und organisiere dort den Terror. «- Auch in anderer Weise ist die Regierung scharf gegen die arabische Bewegung vorgegangen. Scheich Emin Effendi wurde mit einer Anzahl religiöser Würdenträger verhaftet; er ist ein Mitglied des Obersten arabischen Religionsgerichts. Die Verkündigung des Kriegsrechts wird bereits seit mehreren Tagen erwartet Der Oberkommandierende der britischen Truppen, Generalmajor Wavell, hat bereits alle Distriktskommissare zu einer Beratung über diesen Gegenstand nach Jaffa einberufen. Am Mittwoch soll sich, englischen Stimmen zufolge, auch das britische Kabinett mit der' politischen Lage in Palästina und den neu ausgebrochenen Unruhen befassen. Widerhall nah tsnd fem Aus Indien wird gemeldet, dass die Mohammedaner-Konferenz eine Resolution gegen die britische Palästina-Politik gefasst habe, und dass demnächst indische Mohammedaner nach Palästina kommen würden, um sich von dem Ernst der Lage zu überzeugen. Nach einer Meldung der hebräischen Zeitung „Dawar" werden die Verhandlungen mit arabischen Notabein der gemässigten Richtung über die Einsetzung einer arabischen Vertretungskörperschaft an Stelle des aufgelösten Komitees fortgesetzt. Eine gewisse versöhnliche Haltung geht auch von dem innerarabischen Gegner des Mufti, dem früheren Jerusalemer Bürgermeister Ragheb Bei Nashashibi aus, der seine Bereitschaft erklärt haben soll, vor der neuen Palästina-Kommission den Standpunkt der Araber zu vertreten und der überhaupt als der kommende Wortführer der palästinensischen Araber angesehen wird. In seinem Presseorgan, dem „Feiestin", hat Nashashibi auch die arabischen Stadtverordneten von Jerusalem aufgefordert, den Sitzungen auch unter Leitung des jüdischen Vizebürgermeisters Daniel Auster beizuwohnen. Auch die Weltpresse widmet den palästinensischen Ereignissen ausführliche Kommentare. Die französischen Zeitungen geben ihrer Verwunderung Ausdruck, dass die Flucht des Mufti glücken konnte. „Le Journal" befürchtet ernste Gefahren für Syrien. „Temps" erklärt dagegen, die Massnahmen in Palästina hätten in allen friedenswilligen Kreisen des Landes einen guten Eindruck gemacht, und die Flucht des Mufti werde die Befriedungsaktion erleichtern. Das italienische „Popolo dTtalia" hingegen wendet sich scharf gegen die Massnahmen der britischen Behörden, insbesondere gegen die Vergeltungsmassnahmen, die England in Lydda und an anderen Orten ergriffen habe. England wende das Prinzip der Kollektivverantwortung an, weil es die Schuldigen nicht ausfindig machen könne oder wolle. Niemand habe ihm das Mandat gegeben, um in Palästina ein Blutbad anzurichten. K. J. R. SüttameFilka 3us pwlitisehe Werden eines Erdteils Fünfundzwanzig Jahre sind es her, da prägte der Peruaner Garcia-Calderon das Wort, dass es „zwei Amerika" gebe: Im Norden, so charakterisierte er diese beiden amerikanischen Welten, bestehe eine mächtige industrielle Republik, ein weites Land voll harter Energie, voll „strenuous life". Im Süden dagegen lägen „zwanzig lässige Staaten". Seit dieser Charakterisierung ist fast ein Vierteljahrhundert. verstrichen —* ein Zeitraum, in dem das politische, kulturelle, soziale und wirtschaftliche Gesicht der gesamten Welt grundlegend verändert worden ist. Im Leben der südamerikanischen Republiken hat diese letzte Epoche ebenfalls tiefe Spuren hinterlassen. Zwar mag das Wort von den „zwei Amerika" auch heute noch Gültigkeit besitzen. Doch nur in dem Sinne, dass der Norden anders als der Süden gestaltet ist. Die mindere Bewertung des Südens dagegen, wie sie Garcia- Calderon aussprach, ist heute nicht mehr am Platze. I. Die Geschichte der iberoamerikanischen Republiken beginnt gegen 1810. Bis dahin war der Süden Kolonialbesitz Spaniens. Jahrhundertelang wurde dieser Zustand von der einheimischen Bevölkerung hingenommen. Erst bei Beginn des 19. Jahrhunderts änderte sich das Bild. Die Ideen der französischen Revolution drangen in den lateinamerikanischen Raum und Hessen den Wunsch nach Einführung der revolutionären Errungenschaften auch in Südamerika lebendig werden. Dazu trat das Vorbild des nordamerikanischen Unabhängigkeitskampfes, durch das das politische Erwachen zu einer gefährlichen Gärung verstärkt wurde. Indes brachte die Erregung der Südamerikaner zunächst noch keine gegen das spanische Mutterland gerichtete Wendung. Im Gegenteil bekundeten 1809 und 1810 die südamerikanischen „Junten" dem von Napoleon abgesetzten spanischen König Ferdinand VII. sogar unverbrüchliche Treu©. Gleich dem Mutterland lehnten auch sie die Episode der napoleonischen Fremdherr- Die Aufsätze: Friedrich Brodnitz: New-Yorker Tagebuch — Hanna Kafz: Das Südafrikanische Einwandererauswahlamt — Augustus und Judaea — Was sind Weltmärkte? — Bunte Welt im Roman — Bernstein- Premiere in Paris Die Beilagen: Kinderblatt — Sportbiatf — Palästina- Umschau — Wirtschaft der Woche — Apprendam brasileiro