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Central-Verein-Zeitung · 1937-10-14 · 41 (14.10.1937) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
41 (14.10.1937)
Date
1937-10-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Mr. 41 * 2. Beiblatt C.-V.-Zeitung 14. Oktober 1937* Seite 9 Zeichnungen von Ady Ritter-Lauinger Beleuchtung und Perspektiven wieder die Bühnenbilder von Heinz C o n d e II; besonders der im letzten Bild über der Synagoge aufragende HVadschin schuf im Flächenhaften ganz die Illusionen des Plastischen. Das Publikum, das anfangs nur zögernd den etwas abseitigen Vorgängen auf der Bühne folgte, liess'sich von der Gewalt der Dichtung mehr und mehr gefangennehmen und rief zum Schluss Regisseur und Darsteller immer wieder vor den Vorhang. Dr. Hugo Lachmanski. iueiwiks Mysterium ist der vorläufig letzte und künstlerisch bedeutsamste Ausläufer einer Reihe von Golem-Dichtungen, die sich erst verhältnismässig spät um den Sagenkreis des Hohen Rabbi Low aus dem Prag des 16. Jahrhunderts gebildet haben. Es sind jetzt genau hundert Jahre her, seitdem dieser Sagenkreis, der auf früheste talmudische Legenden zurückführt, zum ersten Male literarisch ausgeprägt wurde: kein anderer als Berthold Auerbach hat ihn in seinen kulturhistorisch und geistesgeschichtlich noch heute interessierenden Spinoza-Roman einbezogen. In den mannigfachsten Variationen und den verschiedensten Kunstformen ist der Stoff, von dem sich religiöse Mystik, philosophische Spekulation und dichterische Phantasie in gleichem Masse angesprochen fühlten, dann weiter gestaltet worden — am bekanntesten wurde er durch den okkulten, ganz ins Uebersinnliche erhöhten Roman Gustav Meyrinks sowie durch einen Film, in dem sich die Gestalt des Golem wie ein grausiges Riesengespenst emporreckte. Kein Zufall ist es, dass das Golem- Sujet speziell in der Ballade öfters seine dichterische Ausdrueksform gefunden hat, in einer Dichtungsart also, die das Geheimnisvolle, das dumpfe Walten dämonischer Naturkräfte, die die latente Verbundenheit von Körper und Seele als besondere Wesensmerkmale an sich trägt. LTnd etwas wie eine dramatisierte Ballade ist auch Leiwiks Werk vom Golem, dem mächtigen Lehmkörper, der durch die magische Kraft des Rabbi Arjeh Levi ins heben gerufen wird, und der, nach einem kurzen, schattenhaften Dasein, an der Sündhaftigkeit seines Schöpfers widerstandslos zugrunde geht. In des Golem kaum erwachtes Leben hallt die Tragik düsterer Begebenheiten, ^aeh dem Willen des Rabbi soll er, der gewaltige Riese, das Furchtbare von den bedrängten Juden abwenden und ihnen Schützer sein gegen ihre Widersacher. Denn noch ist die"" Zeit des Messias nicht gekommen, des „anderen Beschützers", und gegen die rohe Gewalt kann nur der starke Arm eines Golem-Goliath ankämpfen. Indes: die primitiven Instinkte Jes eben erst aus Lehm geschaffenen Knechtes lassen sich nicht bändigen, und unheilbringend richten sie sich eines Tages gegen die, zu deren Schutz er von seinem Herrn und Meister berufen war. Der Rabbi aber, in Erkenntnis der Sünde, die sich an Gottes schöpferischem Werk vergriff und seinem Boten, dem himmlischen Messias, das Obdach weigerte, muss sein eigenes Geschöpf wieder ins Ungestaltete^auflösen. Und der Geist, der die Materie schon bezwungen wähnte, muss sich selbst wieder einem höheren Geist, dem Göttlichen, unterordnen. Man hat Leiwiks Dichtung verschiedentlich ausgedeutet, man hat ihr Kommentare mit auf den Weg gegeben — ein Beweis, dass die Vorgänge dieser grossartigen Phantasmagorie sich nicht selbst erklären. Zu einer letzten Klarheit, in der alle Schleier des Mystischen fallen, drang das Werk auch in der verdeutlichenden Optik der Bühne nicht durch. Man spürte, der balladenhaften Konzeption entsprach nicht ein festes dramatisches Gefüge, das sich vielmehr in einzelne mosaikartige Bilder aufzulösen schien. Das Drama, als die geschlossenste aller poetischen Gattungen, wird immer um die Aufdeckung der ursächlichen Zusammenhänge bemüht bleiben müssen: in der lockeren Komposition dieses Stückes stand manche Szene, manche Figur für sich da, ohne innere Verknüpfung, auch ohne tiefere überzeugende Begründung. So erschien etwa die Gestalt des Messias nur wie eine Randfigur, wie eine zart geschwungene Arabeske, die sich dem dramatischen Linienwerk des Ganzen nur künstlich einfügte. Und auch in den Beziehungen des Golem zum Rabbi wurden die wahren Beweggründe des plötzlichen „Ausbruchs" nicht ohne weiteres erkennbar. Und trotzdem: die ungewöhnliche Kunst, mit der vom Dichter die einzelnen Motive der alten Legende für sein Werk nutzbar gemacht wurden; die dichterische Kraft, die auch die Sprachform mühelos zwang, eine Form, die in der trefflichen Uebersetzung von LeoHirsch zu ebenso geschliffenem wie oft klangschönem Ausdruck kam; nicht zuletzt aber die hohe Symbolik, die uns den fernliegenden Stoff in zeitliche Nähe brachte — all das wirkte — mit manchen religiösen Stimmungsmomenten — zusammen, um für die Mängel an dramatischer Ergiebigkeit einen Ausgleich zu schaffen. Leiwiks Dichtung, die hier zum ersten Male in deutscher Sprache gespielt wurde, fand in Fritz W i s t e n einen hervorragenden Interpreten. Wie stets auf das sorgsamste ausfeilend, verriet, seine Regie tiefes, andächtiges Einfühlen in die phantastische Realität einer Welt voll Wunder und Geheimnisse, aber auch voll Angst und ahnungsreichem Schrecken. Wo es anging, erhöhte Wisten das Wirkliche in aparter Stilisierung: so, wenn er zu Anfang den Golem, noch bevor er sich der Erde entrang, als einen plumpen, breiten Schatten auf den grell beleuchteten Prospekt warf, oder wenn er den Zug der jüdischen Bettler in langsamem Gleitschritt über den Hintergrund der Bühne führte. In der Darstellung überwog freilich das reale Element, am deutlichsten bei dem alten Rabbi von Herbert Grünbau m, der schon in der Maske die Wirklichkeit der Jugend durchschimmern Hess. Im übrigen gab Grünbaum einen ganz menschlichen Rabbi, der da am stärksten wirkte, wo er vor dem eigenen Geschöpf erschrak oder zweifelnd die Prüfung Gottes erkannte. Prometheischer Schöpferdrang lag dieser vereinfachten Gestalt allerdings ebenso fern wie der visionäre Geist, der sieh den Körper baut, oder die Kraft der Magie, die ihn zu beseelen weiss. Ganz ins Grosse wuchs jedoch, und nicht nur körperlich, der Golem von Siegfried Urias empor. Ein gespenstischer Koloss, der nur langsam lebendig wird, unheimlich mit dem eckigen Schädel und den hervorstehenden Backenknochen, an denen noch der Lehm klebt, unheimlich auch in den automatischen Bewegungen, die sich dann mehr und mehr lösen. Und ergreifend in dem unsagbar verlorenen Ausdruck der verglasten Augen, mit denen er dem entfliehenden Messias wie in eine ferne Unendlichkeit nachblickt. Gewaltig schliesslich in den Ausbrüchen wilder Leidenschaft und ekstatischer Furcht, vor dem Feuer der Sonne, dem ihm fremden Element. Neben dieser überragenden, die Szene fast völlig beherrschenden Figur hatten die übrigen Darsteller naturgemäss einen schweren Stand. Immerhin wusste Walter Herz den jugendlichen Messias im Bettlergewand nicht nur schön zu sprechen, sondern auch mit der zart-melancholischen Leuchtkraft des Gottgesandten zu umgeben. Auch sein Begleiter, der alte Bettler, der die Gestalt des Propheten Elia annimmt, wurde von Alfred Berliner auf den milden Ton entsagender Weltflucht abgestimmt. Ganz ins Visionär-Theatralische steigerte Alfred Lichtenstein, der ja die scharfen Konturen liebt, die Rolle eines Irren. Dagegen hielt sich S i g m und N u n b e r g als reicher Herr Bassewi ohne Aufdringlichkeit an die einfachen Umrisslinien dieser schmalen Episodengestalt, und auch Martin Brandt ersparte dem finsteren Widersacher Taddäus" die bedrohliche Intrigantennlanier. Nur spärlich bedacht sind die Frauenrollen dieses männerreichen Stückes: Lilly K a n n als die Frau des Rabbi und E v*a B a r u c h als seine Enkelin wussten denn auch die etwas starre und monotone Angst vor den Nachstellungen des Golem nur in Mimik und dem gedämpften Ton der Stimme zum Ausdruck zu bringen. Wundervoll in Aufbau und Kolorit, in Die Musik Erwin J o s p e s beschränkt sich, mit Ausnahme eines grösseren Entreeaktes, im wesentlichen auf orchestrale Unterstreichung einzelner Gebärden und Handlungen; so begleitet sie etwa in der Turmszene jedesmal das Hervortreten des Golems. Von holzschhittartiger Faktur, mit leicht archaischem Einschlag, dabei in der Freiheit der Tonalität von moderner Prägung, verstärkt sie zu ihrem Teil wirksam die Atmosphäre des Legendenhaften, die das Geschehen umwebt. Rudolf Schwarz und das Kulturbund- Orchester vermittelten sie mit gewohnter Sorgfalt. H. Fr. Kulturbund-Spielplan der Woche Theater in der Kommandautenstr. 57, 20 Uhr: „D er G o 1 e m", 16. Oktober (Abonnement und Abt. 46). 17. Okiober (Abt. 24, 34), IS. Oktober (Abt. 9, 19). 19. Oktober (Abt. 26, 36), 20. Oktober (Abt. 27, 37), 21. Oktober (Abt. 23, 33). Reiorm-Synagoge, Johannisstr. 16, 20 Uhr: K a m merinusik-Konzert 18. Oktober (Abt. 6. 16, 22, 32, 44), 19. Oktober (Abt. 8, 18, 21, 31, 54).

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