Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 39 (30.9.1937)
- Date
- 1937-09-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Mr. 39 * 2. Beiblatt CXftifaim 30.Septbr.1937*Seite9 Feiertage in der Werne Im New York Sonderbericht für die C.-V.-Zeitung von Dr. Walter Strauss New-Ycrk, 16. September. Vieles ist ungewohnt und schwer für den jüdischen Einwanderer in diesem Lande. Dessen wird man sich ganz besonders an den hohen Feiertagen bewusst, die einem zum erstenmal in line neue Gemeinschaft hineinstellen. Man pflegt hier einer der vielen „congregatious" beizutreten; sie unterscheiden sich aber von den jüdischen Gemeinden in Deutschland dadurch, dass sie nicht die Zusammenfassung aller Juden sind, sondem aus der mehr oder weniger zufällig gewollten Mitgliedschaft dereinzelnen bestehen. Ein Teil der Synagogenvereinigungen nimmt :icb hier der Neueinwanderer in besonderem Masse an. So brachte z. B. die grosse Vereinisung der „Free Synagogue" vor den Feiertagen nzeigen, dass sie auf persönliches Ersuchen Karten für die Feiertagsgottesdienste abgebe. Um zunächst einmal den äusseren Rahmen des hiesigen religiösen Lebens kennenzulernen, beschloss ich, an Neujahr die „Free Synagogue" ,d am Versöhnungstage eine der alt-orthodoxen Synagogen auf der Ostseite New-Yorks aufzusuchen. Der Gottesdienst der „Free Synagogue" findet sowohl an den hohen Feiertagen wie auch an jedem Sonntagvormittag in der grössten Konzerthalle New-Yorks, der Carnegie Hall, statt Dieser äussere Rahmen übt auf die Gestaltung dieses Gottesdienstes einen gewissen Einfluss aus, denn die Musik ist sein wesentlichster Bestandteil. Noch nie habe ich in einer Synagoge einen vollkommeneren Chor gehört als hier, kaum je bessere Stimmen als die der verschiedenen Vorbeter, die hier allerdings ebenso wie der Chor unsichtbar bleiben. Sogar das Schofarblasen wird hier als eigentliches Musikstück umgestaltet: an Stelle des Schofars ertönt der zarte Ton einer Trompete, von harmonischen Akkorden anderer Instrumente begleitet Man kann allein aus diesem Beispiel ersehen, dass von Tradition hier kaum mehr etwas übriggeblieben ist, die Besucher sitzen ständig und ohne Kopfbedeckung. So kommt es, dass man, vor allem bei den zahlreichen Musikstellen, schon rein äusserlich mehr &oa Eindruck hat, in einem Konzert als in einer Synagoge zu sein. Ein Teil dessen, was in der deutschen Gemeinde vom Vorbeter gesungen wird, wird hier — natürlich in englischer Sprache - vorgelesen, dafür sind aber zahlreiche andere Gesänge und vor allem Chöre zugefügt. Die Predigt befasst sich im wesentlichen mit jüdischpolitischen oder allgemein-interessanten Gegenwartsfragen, wobei die Bibel oder historische Dinge kaum erwähnt werden. Vielleicht ist diese Art Gottesdienst hier notwendig, um bei einer Schicht, die kaum mehr eine echte Beziehung zum Judentum hat, wenigstens ein vages jüdisches Bewusstsein zu erhalten. Mir jedoch erschien nach dem schweren Erleben der letzten Jahre diese Form des Gottesdienstes, trotz ihrer Vollkommenheit in rein künstlerischer Beziehung, nicht voll angemessen. Den Versöhnungstag verbrachte ich in einer orthodoxen Synagoge mitten im eigentlichen Judenviertel im Osten New-Yorks. Hier gilt einzig und allein die Kraft der Geschichte und der Vergangenheit. Die Frauen sind rückwärts auf der Galerie untergebracht, die Männer haben grösstenteils ihre weissen Sterbekleider an. Diese" Menschen beten meistere für sich selbst, auch wenn vorgebetet wird. Oft sprechen sie dann miteinander über die eine oder andere Auslegung einer Bibelstelle in jiddischer Sprache, ziehen sich aucn wohl zu einer gelehrten Disputation an einen der mit einem weissen Tuch bedeckten Tische zurück, die in den Ecken der Synagoge stehen. An bestimmten Stellen, des Gottesdienstes vereinigte sich natürlich auch diese Gemeinde zum Gebet, am unmittelbarsten und erschütterndsten vielleicht im „yiskor elohim", dem Erinnerungsgebet an die verstorbenen Eltern, bei dem sich dem klagenden Ton der Männer das Weinen vieler Frauen beigesellt. Die meisten dieser Gemeinden haben sich aus einem kleinen Stamm herausgebildet, der aus einer bestimmten osteuropäischen Gemeinde kommt. Diese Beziehung zu der früheren Heimat bleibt nicht nur oft in dem Namen der Gemeinde aufrechterhalten (Warschau, Bialystok usw.), sondern auch in der unmittelbaren Verbindung in der finanziellen Unterstützung, die sie der Heimatgemeinde leisten. Es wird während des Gottesdienstes für die Keimatgemeinde gesammelt; dabei ruft der jeweilige Spender den Betrag und der Vorsteher den Namen des Spenders und die Höhe des gespendeten Betrages laut aus. Hier gilt auch noch die alte Sitte, die Tora Vorlesung laut zu versteigern. Wenn hier auch manche Einzelheit dieses Gottesdienstes nach meiner ganzen Erziehung fremd scheint, so machte die Einheitlichkeit dieser Gemeinde und ihre starke, . echte Verbundenheit mit dem Wort Gottes doch einen tiefen Eindruck auf mich. In Holland Von unserem Amsterdamer H-Korresp ondenten Ende September 1937. Die vielfach, erwähnten Annäherungsversuche zwischen den holländischen und den aus Deutschland eingewanderten Juden sind weiter im Gang. Auf beiden Seiten sind durchaus aktive Kräfte am Werk; die Sprachenfrage ist kein Problem mehr und die Klagen über das berühmte „Bei uns" sind merklich geringer geworden. Dazu kommt, dass durch die Kinder, die durchweg die holländischen Schulen besuchen, sehr oft auch ein gesellschaftlicher Konnex unter den Eltern geschaffen wird, der besser und haltbarer ist, als der oft krampfartig erzwungene Umgang. Die Zusammenarbeit in den sozialen und philantropischen Vereinigungen ist ebenfalls im Zunehmen begriffen und kann vor allem in dem vor einem Jahr , gegründeten Fiüchtlingsheim als durchaus geglückt bezeichnet werden. Schwierig ist nach wie vor die Frage der religiösen Einordnung der fast durchweg einem liberalen Milieu entstammenden Juden aus Deutschland. Das Problem ist bekannt: Der Gottesdienst der offiziellen Synagogen folgt durchweg dem orthodoxen Ritus und irgendeine Annäherung an liberale Gottesdienstformen gibt es nicht. Die seit zehn Jahren bestehende, aber erst durch den Zuzug der Juden aus Deutschland wirklich in Erscheinung tretende liberale Gemeinde, ist von der Hauptgemeinde nicht anerkannt und steht völlig ausserhalb. Die holländischen Juden sind zwar vielfach religiös sehr indifferent, gehören aber vor allem in Amsterdam, wo dies ganze Problem hauptsächlich in Erscheinung tritt, fast ausnahmslos der Hauptgemeinde an. Sie sehen — unabhängig von jeder religiösen Einsteilung zu Liberalismus oder. Orthodoxie — im Beitritt zur liberalen Gemeinde und im Besuch der liberalen Gottesdienste eine gegnerische Handlung gegenüber der Hauptgemeinde, die in ihren Erklärungen alle Juden „welkomCi heisst. Das tragische daran ist, dass der Beitritt vieler eingewanderter Juden und vor allem ihr Besuch des liberalen Gottesdienstes alles andere als auf innerer Begeisterung für den religiösen Liberalismus beruhen. Es sind vielmehr Gründe der alten Gewohnheit und ein gewisses „Heimatgefühl", die gerade an den Feiertagen nach jenen Gottesdiensten verlangen, den der einzelne früher als selbstverständlich betrachtete. Während die Hauptgemeinde in den ersten Jahren der Emigration die Dinge einfach laufen liess, ist jetzt durch die Tätigkeit der „Contaetkommission" eine völlig andere Atmosphäre geschaffen worden. Die Konimission hat die Aufgabe, einen Kontakt zwischen den eingewanderten deutschen Juden und der Hauptgemeinde zu schaffen. Man versjeht dies auf die verschiedenste Art: durch regelmässig in deutscher Sprache gehaltene Vorträge führt man sie in die Gedankengänge der holländischen Gemeinde ein. Man steht dabei nicht auf dem Standpunkt: „Ihr müsst unseren Ritus annehmen und damit basta". sondern im Rahmen des gesetzestreuen Judentums betrachtet man die Wünsche der Eingewanderten mit dem grössten Wohlwollen. Während der letzten Feiertage wurde in allen von der Hauptgemeinde eingerichteten Saalgottesdiensten, die von deutschen und holländischen Juden besucht waren, in deutscher Sprache gepredigt. Besondere Aufmerksamkeit widmet man dem Religionsunterricht der Kinder, die die Möglichkeit haben, die offiziellen Religionsschulen oder die eigens für die Kinder der Einwanderer geschaffenen religiösen Zirkel in den einzelnen Stadtteilen zu besuchen. Bei der Eheschliessung versucht man die Schwierigkeiten mehr und mehr zu überbrücken und die vielfach im Umlauf befindlichen Gerüchte über die Schwierigkeiten einer orthodoxen Eheschliessung oder Ehescheidung sind meist stark übertrieben. Schliesslich sind nun in der neuen modernen Synagoge am Jacob Obrechtplein die Lewandowskischen Melodien eingeführt worden, womit ein!!!!illllIIiiIi!!i!II!!ill!ii!l!li!!M HIÜIUHIÜÜÜHII! Wandbild in dem Palastina-Pavillon der Pariser Ausstellung mit der Inschrift „Aus Dünen, aus Sümpfen, aus Felsen haben jüdische Einwanderer fruchtbares Land gemacht" Foto-Mundi Herbsttage in Paris Von Margarete Edelheim PARIS, Mitte September. Es ist so viel schon von der Luft von | Paris geschrieben und gesprochen worden, | von jenem merkwürdigen Kolorit, das ent- J steht, wenn die Sonne durch den Dunst! scheint, der aus der Seine aufsteigt. Wir I haben sie sehen gelernt, diese silbrige | Luft. Auf den Bildern Corots und der übri- | gen französischen Impressionisten, und sie umfängt uns in Paris stärker noch als an sonnigen Tagen bei herbstlichem Regenwetter. So malte Lesser Ury die Alleen des Bois de Boulogne und die Avenue des t Champs Elysees, grau in grau und doch farbig getönt, belebt und belebend. Diese , ersten Septembertage zeigen viel von; dieser Stimmung. Steht man oben am | Trocadero — der alte Bau aus dem Jahre I 1878 ist abgerissen und zwei neue, schön I gegliederte Gebäudeflügel ragen an seiner I Stelle —, schaut man über springende Fon- | tänen unter dem Eiffelturm hinweg und | durch ihn hindurch, der Querachse der Aus- I Stellung hinauf, die sich hinstreckt bis zum | Champs de Mars und zur Ecole militaire, I so schwelgt das Auge in dieser Silber- | tönung der Wolken, die bis auf die viel-' I jackigen Schornsteine von Paris herabzu- | hängen scheinen und alle Härten und Konr | turen verschlucken. Wie Filigran steigt I dann der Eiffelturm in die Höhe, schwach | golden nur schimmert die Kuppel des | 2-0I?e des Invalides, und das leuchtende I Weiss von Sacre Coeur löst sich im grauen | ^ebei auf. Bricht dann plötzlich einmal I die Sonne hindurch, und spannt sich wohl ein Regenbogen über die breite Ausstel- {ungsstrasse, dann glitzert und funkelt alles im silbrigen Schimmer des noch kaum verwehten Regens und macht das Auge trunken von solcher Schönheit, Denn so ist die Grande exposition internationale de Paris 1937 mitten hineinkomponiert in die Stadt, nicht abgesondert auf einem Gelände, sondern hineingestellt auf die Quais der Seine, wie schon seit 1856 alle elf Jahre, im Rhythmus nur unterbrochen durch die Kriegsjahre, Weltausstellungen auf diese breiten Seineufer und Plätze gestellt wurden, damit zugleich, wie Fritz Stahl es in seinem schönen Buch „Paris, eine Stadt als Kunstwerk" schildert, der Entwicklung der Stadt den Weg weisend. Steht man aber an einem klaren Abend an dem Trocadero, so erlebt man ein Lichterwunder wie aus Tausend und einer Nacht. Blaue Strahlen, entsendet vom Eiffelturm, überspannen die Querachse der Ausstellung wie eine Decke und schaffen jenes Raumgefühl, das so charakteristisch auch für die Strassen und Plätze von Paris ist. Hunderte von Leuchtfontänen, harmonisch abwechselnd in allen Farben des Regenbogens, springen aus der Seine auf. Millionen von Lampen erleuchten die Paläste der fremden Staaten. Feuerwerksraketen steigen in die Luft, und auf den Strassen der Ausstellung drängen sieh die Menschen und unzählige kleine Seinedampfer fahren von der Ile des Cygnes zur Place de la Concorde, die Ostwestachse der Ausstellung hindurch, Macht man diese Fahrt einmal am Spätnachmittag, so sieht man wohl unter den grossen Brücken hindurch die Türme von Notre Dame schemenhaft vor dem farblosen Abendhimmel stehen, wendet man aber den Blick nach Westen, so färbt eine golden verhangene Sonne die grauen Wolkenmassen braun. Von dem östlichen Ende dieser Achse, der Concorde, sind es nur wenige Schritte zum Palais des Descouvertes, in dem der erstaunte Laie alle jene riesenhaften Erfindungen und Enthüllungen der Naturkräfte sieht, vor denen er sich winzig klein vorkommt, Blitze zücken durch den Raum, Planeten drehen sich um Monde, die Wunder der Lichtbrechung werden demonstriert, die Geheimnisse der Chemie gelüftet; ein besonderer Saal ist der Biologie und der Mendelschen Vererbungstheorie gewidmet Wir aber beginnen unseren Gang durch die Ausstellung am anderen Ende, am Trocadero, und sind uns bewusst, dass nur weniges gesehen und noch weniger hier genannt werden kann. Denn was dem Auge an Kunst, an Wissen, an Waren, an Ideen und Idealen geboten wird, lässt sich in diesem Rahmen nicht wiedergeben. Wohl aber sei hier, bevor wir uns dem rein Jüdischen zuwenden, ein Wort über eine besondere Ausstellung gesagt, und zwar ebensowohl des Inhaltes wie der Art wegen, wie dieser Inhalt gezeigt wird. Der rechte Flügel des neuen Trocadero- Baus heisst „Palais des lettres, des livres, des arts et des matieres graphiques". Gleich im Vorraum empfängt uns eine Ausstellung „Expression de la pensee", der Ausdruck des Gedankens. Hier wird an dem Beispiel von etwa zehn modernen französischen Schriftstellern deren literarische Entwicklung und die Entstehung ihrer Werke vom ersten Gedanken bis zum gedruckten Werk in Schrift und Bild gezeigt. Jeder einzelne wird uns von einem anderen Literarhistoriker vorgestellt. Da ist zum Beispiel eine Wand Marcel Proust gewidmet. Die sehr schön gegliederte Darstellung zeigt zuerst Proust als Kind im Kreise seiner Familie — wobei die Grossmutter Madame Nathe-Weil, nicht vergessen^ ist — und verfolgt sein Bild durch die Jahrzehnte hindurch, so die Entwicklung seiner Physignomie aufweisend. Sie stellt die Namen seiner Hauptwerke zusammen und zergliedert dann die gedankliche Entstehimg und schriflstellerische Verarbeitung einzelner von ihnen. Atiszüge aus seinen Briefen werden genannt: z. B.: Ich habe bei der Figur des Schriftstellers Soundso nicht an einen einzelnen gedacht, sondern es schwebten mir dabei die und die vor. Nun werden uns die Bilder dieser Schriftsteller gezeigt oder der Komponisten, oder der Bildhauer, deren Erscheinungen Proust zu der entsprechenden Figur seines Werkes verschmolzen hat. Die Uebersetzungen seiner Bücher in die fremden Sprachen und eine sehr instruktive Tabelle über die Häufigkeit und die Erscheinungsjahre von Arbeiten über sein literarisches Werk in fremden Ländern bilden den Abschluss. Noch lehrreicher wird die Entstehung eines einzelnen Werkes an dem Beispiel von Renans „La vie de Jesus Christ". Renan verlässt das Priesterseminar. In diesem Augenblick — das wird durch Photographie und Briefstelle belegt — entsteht in ihm der Gedanke, ein Buch über das Leben Jesus Christus zu schreiben. Und er arbeitet in ihm weiter von 1845 bis zum Erscheinen des Buches 1863. Renan macht inzwischen Reisen nach Syrien und nach Jerusalem, und der Betrachter wandert mit ihm durch die Stätten, die er aufgesucht hat, um den Stoff für sein Werk zu sammeln. Nun ist es erschienen. Und schon zeigt uns eine Photomontage, dass innerhalb von drei Monaten 321 Gegenschriften erschienen sind. Henriette Psichari, die uns die geistige Führerin durch dieses Schaffen Renans ist, zergliedert entsprechend die Entstehung seiner anderen Werke, zeigt uns photographisch vergrösserte Manuskriptseiten, an denen wir Alle Ihre Bücher belletristische u. fachwissenschaftliche jeder Art von der Buchhandlung am Zoo Fritz Ring Charlottenburg, Joachims 'haier Sir. 43-44 Mitglied der jüdischen Gemeinde Telefon: 9i 6506 2ujenduog nach allen SladüeÜen