Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 39 (30.9.1937)
- Date
- 1937-09-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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entral- Berlin, 30. September 1937 XVI. Jahrgang / Nr. 39 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schrifileitung, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W 15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Centraiglauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin 70344. Die C.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzüsil. 18 Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 2,30 RM (umgerechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer lORpf. (Ausland 20 Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengehührenr' Preisliste 5 gültig. Die 12gespaltene mm-Zeile 20 Rpf., für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise s. Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platzu. Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Jüdischer Alltmg A.H. Wie durch eine mit Herbstlaub umkränzte Pforte treten wir aus dem umhegten Raum des Feiertagsmonats in den Alltag. Unablässig war zwar auch in den vier Wochen verstärkter Hinwendung nach Innen die Welt mit ihren Forderungen und Notwendigkeiten gegenwärtig geblieben. Jetzt aber ist wieder der Augenblick, ihr neu .Rechnung zu tragen.' Die Fragestellung unseres ewigen Judentums ist uns wieder so bewusst geworden, dass aus den Antworten auch die Grundlagen für die Probleme unseres zeitlichen Judeseins erwachsen könnten, wenn nur überall die Kraft da wäre, die festliche Stimmung in nüchternen Willen umzuwandeln. Wenn man prüft, was unsere Gemeinschaft für ihr Sein und die Zukunft ihrer Jugend leistet, findet man in ihr seelische und sittliche Elemente, die in solchem Umfange und solcher Ausprägung vor fünf Jahren gewiss nicht deutlich waren. Druck und Glut der Zeit haben sie herausgearbeitet. Aber auch das beste Material zeigt nach langer starker Inanspruchnahme oft Ermüdungserscheinungen. "Die Bewusstheit dessen, was uns die Feiertage vermittelt und nahegebracht haben, kann diese natürliche Rückwirkung auf die Anstrengungen des letzten Jahres ausgleichen. Der einzelne mag ohne Gefährdung von Stellung und Zukunft von Zeit zu Zeit schöpferische Pausen in seinen Lebensgang einfügen. Bei der Gemeinschaft vermag niemand vorher zu sagen, ob solche Pausen schöpferisch sind oder ein Versagen bedeuten, ob ihnen eine neue, hellere Epoche folgen oder ob das Nachlassen zur Gewohnheit werden wird. Darum müssen alle, denen die Gemeinschaft und ihre Zukunft anvertraut sind, aufeinander achten, damit unter ihnen keine Ermüdungserscheinungen auftreten, die auf die Arbeit ausstrahlen und dass nicht aus dem Versagen Einzelner Gefahren für das Schicksal der Gesamtheit entstehen. Versagen — das ist hier im ganzen Umfange des Wortes gemeint, in sachlicher und moralischer Verknüpfung. Keine kleinliche Splitterrichterei wird gebilligt, bei der erfahrungsgemäss der Kritiker oft kleiner ist als der Gegenstand, oder die Person, an der er sich aus Verärgerung oder Unverstand reiben möchte. Sondern zu verurteilen ist eine grosszügige Nachsichtigkeit, deren Grösse meist nur in dem Objekt liegt, über das man Nachsicht walten lassen möchte. Jeder mag es in seinem Privatleben mit sich abmachen, wie er sich zu Menschen stellt, die in ihrem Verhalten das Vertrauen missbraucht haben, das er in sie setzte. Er mag ihnen — nachsehen, mit eindeutigen 'Jüdische. Probleme in Genf In dieser Nummer finden unsere Leser u. a..- Die Aufsätze: Walter Strauss (New-York) und Kurt Hirsch (Amsterdam): Feiertage in der Ferne — Margarete Edelheim: Herbsttage in Paris — Cora Berliner: Der Peel- Bericht — Vor und hinter den arabischen Kulissen Die Beilagen: Wirtschaft der Woche — Sportblatt — Palästina-Umschau — Apprendam brasiieiro! PaMästinumEntsehliessung Die Erörterungen der politischen Kommission des Völkerbundes über die Palästinafragen haben in einer Resolution und einem Bericht ihren Abschluss gefunden. Die Resolution, die der Völkerbundsversammlung vorgelegt werden soll, hat folgenden Wortlaut: Die Völkerbundsversammlung, die die Tätigkeit der Mandätarmacht der Ständigen Mandatskommission und des Völkerhundsrates in bezucr auf die Anwendung der in Artikel 22 des Völkerbundspaktes und in dem Text des Mandats niedergelegten Grundsätze zur Kenntnis genommen hat, a) erneuert das ihnen durch frühere Tagungen der Völkerbundsversammlung ausgesprochene Vertrauen und bringt ihre Anerkennung für die Ergebnisse zum Ausdruck, die sie. dank einer engen und offenen Zusammenarbeit, deren Aufrechterhaltung wichtig ist, erzielt haben; b) bringt ihre Ueberzeugung zum Ausdruck, dass das Palästina-Problem, das gegen- ' AusuMnderungstrageu Wie alljährlich hat der vom Völkerbund eingesetzte Oberkommissar für Auswandererfürsorge, Sir Neill Malcolm, die Herbsttagung des Völkerbundes zum Anlass genommen, um in einem umfassenden Bericht die Probleme seines Arbeitsgebiets darzustellen und Vorschläge für die weitere Planung zu machen. Der diesjährige Bericht darf insofern besondere Bedeutung beanspruchen, als in ihm neben einer Schilderung der Situation der Auswanderung aus Deutschland Entwürfe für weitreichende, wenn auch nicht alle Seiten des. Problems erschöpfende internationale Massnahmen enthalten sind. Zu Eingang seines Berichtes weist der Kommissar darauf hin, dass das Problem der Ausgewanderten selbst in seiner Beschränkung auf die Auswanderung aus Deutschland nur durch eine gemeinsame Aktion der verschiedenen Regierungen liquidert werden könne. Die Kooperation müsse im Beitritt der Staaten zu den internationalen Abwärtig dem Völkerbundsrat vorliegt, in gerechter Weise gelöst werden wird unter möglichst vollständiger Bedachtnahme auf alle legitimen Interessen, die auf dem Spiele stehen. Damit soll, wie das -Kommissionsmitglied de Valera ausdrücklich feststellte, das Prinzip der Teilung Palästinas keineswegs angenommen sein, vielmehr sollen nach Meinung der Kommission bei der . Lösung des Palästinaproblems alle Möglichkeiten in Betracht gezogen werden. In dem Bericht wird hervorgehoben, dass im Verlauf der Kommissionsberatungen sehr bemerkenswerte Aeusserungen nicht nur über das Palästinaproblem, sondern auch über die Lage der jüdischen Bevölkerung in vielen Ländern Europas gefallen seien. Ferner fordert der Bericht eindringlich, dass an die Lösung des Problems ohne vorgefasste Meinung herangegangen weide. Entschl1'essung und Bericht der Kommission werden zunächst der Völkerbundsversammlüng vorgelegt werden. machungen sowie in dem Versprechen, Auswanderungsbeschränkungen nicht zu streng anzuwenden, bestehen. Im einzelnen spricht sich der Bericht für die Einberufung einer zwischenstaatlichen Regierungskonferenz zur Annahme einer internationalen Konvention zugunsten der aus Deutschland Ausgewanderten aus. Er schlägt ferner die Schaffung eines Systems vor, bei dem Regierungen und Völkerbund einerseits, die Wohlfahrtsorganisationen andererseits zusammenarbeiten, um die Einwanderung der bisher Ausgewanderten in aufnahmebereite Länder zu ermöglichen. Endlich sollen die Regierungen der gegenwärtigen Aufenthaltsländer der Ausgewanderten durch geeignete Massnahmen ihre Weiterwanderung erleichtern, so etwa durch berufliche Umschulung. .Der Bericht verweist dann darauf, dass durch den Beitritt von sieben Staaten —. Belgien, Dänemark, England, Frankreich, Norwegen, Spanien, Schweiz — zu dem provisorischen Abkommen für die aus Deutschland Ausgewanderten die R e c h f s- 1 a g e sich gebessert habe. Die Aussichten für den Beitritt weiterer Staaten beurteilt der Kommissar als günstig. Die Konvention soll unter Angleichung an ähnliehe völkerrechtliche Bestimmungen endgültig umgestaltet werden, wofür die Vorbereitungen bereits im Gange sind. Auf der vorgeschlagenen zwischenstaatlichen Regierungskonferenz soll der bereits vorliegende Entwurf angenommen werden. Zu dem Problemkreis von Auswanderung und Ansiedlung wird gesagt, dass dies das Arbeitsgebiet der Privatorganisationen sei, und dass der Oberkommissar nur Vorkehrungen für das Studium konkreter Kolonisationspläne treffe. Seit September 1936 sei kein wesentlicher Fortschritt erzielt worden. Für einen jüdischen Kolonisationsplan ist der Oberkommissar bisher nicht in Anspruch genommen worden. Das Verbindungskomitee beim Oberkommissar, dem übrigens die wichtigsten jüdischen Auswandererorganisationen wie American Jewish Joint Distribution Committee, Council for German Jewry, HICEM, Jewish Agency for Palestine, Alliance Israelite Universelle, ICA, Joint Foreign Committee und Agudas Jisroel unter dem Vorsitz Lord Samuels angehören, hat auf seiner Tagung im Juni in Brüssel anerkannt, dass die Ansiedlung Ausgewanderter in irgendeinem wesentlichen Umfang gegenwärtig nicht in Betracht komme. Die Verstärkung der Einwanderung in gewisse Nachbarländer Deutschlands habe zu.einer ernsten Situation geführt. Das vorläufige Abkommen von 1936 erfasst übrigens nur die Ausgewanderten deutscher oder ehemals deutscher Staatsangehörigkeit. Der Oberkommissar lenkt die Aufmerksamkeit der Völkerbundsversammlung auf die Lage der Staatenlosen. Dem Bericht ist der Entwurf der endgültigen Konvention über den Rechtsstatus der Ausgewanderten beigefügt. In der Budgetkommission des Völkerbundes hat der Direktor des Internationalen Arbeitsamts in Genf im Rahmen eines Tätigkeitsberichts auch das Wanderungsproblem berührt. Eine Sachverständigen-- konferenz soll sich in nächster Zeit damit befassen,. Auswanderungsmöglichkeiten in aufnahmebereite Länder zu erschliessen. oder gemischten Empfindungen, ob sie nun innerhalb des Bereichs bleiben, in denen er mit ihnen arbeitet, oder ob sie sich aus ihm entfernt haben. Es gehört sogar zur Persönlichkeitsformung, wie man sich in Augenblicken schwerer menschlicher Enttäuschung benimmt, ob man sich zu bewusstem Verzeihen oder zu lächelndem Resignieren oder zu dem Entschluss durchringt, den anderen zur Wiedergutmachung zu zwingen. Der einzelne hat das Recht, sehr oft sogar die moralische Pflicht, zur Nachsicht, solange er nur für seine eigenen Interessen auftritt. - Wie sieht es aber damit aus, wenn jemand Treuhänder allgemeiner Interessen ist, wenn er vom Vertrauen seiner Gemeinschaft dazu berufen wurde, auf das Gemeinwohl zu achten? Für ihn darf es keine Ermüdungserscheinung geben, kein Nachlassen seiner Wachsamkeit, kein Versagen, deren Folgen ihn vielleicht nur am Rande, den vom Vertrauen zu ihm erfüllten Kreis aber im Kern treffen müssen. Die Vollmachten, die ihm gegeben wurden, lauten auf Vorsicht und Wachsamkeit und nicht auf Nachsicht und Verzeihen. Wenn jemand diesen Umfang der ihm erteilten Vollmacht überschreitet, könnte der Gedanke naheliegen, dass in der Milde, die er dem Verschulden gegenüber zeigt, Mitschuld, und in der Verzeihung, die er gewährt, Selbstverzeihung mitklingt. Wenn der einzelne in seiner privaten Sphäre grossmütig ist, wird es oft ein Zeichen von Stärke sein. Wenn der Treuhänder sachlicher und moralischer allgemeiner Interessen sich eigenmächtig zum Treuhänder allgemeiner Grossmut macht, bedeutet das eine Ermüdungserscheinung, der gesteuert werden muss. Es ist zu allen Zeiten ein Lob gewesen, wenn man den Begriff des Vaters oder Hausvaters auf Männer anwandte, die eine Gemeinschaft leiten. Aber es heisst die gesunde Erscheinung patriarchalischer Gewohnheiten missbrauchen, wenn der „Vater" seine eigene Ermüdung zur Richtlinie der Familienhaltung macht. In einer so kleinen, von Tag zu Tag kleiner werdenden Gemeinschaft, wie sie unsere Judenheit innerhalb der deutschen Grenzen darstellt, aus der durch Auswanderung immer mehr Jugend und Menschen des tatkräftigen Alters fortgehen, liegt die Gefahr nahe, dass die Grösse der Sorgen und der Nöte des einzelnen eine Larchheit in der Beurteilung allgemeiner Fragen mit sich bringt — es kommt schon nicht mehr darauf an . . .! Auch in einem so kleinen Kreis, in dem fast jeder jeden kennt, der irgendeine Funktion ausübt, muss absolute Durchsichtigkeit im Tun und im Unterlassen herrschen.. An der Kraft, die wir aufbringen, um Schädliches auszuscheiden, wird man ablesen, ob wir eine nur sich verkleinernde oder eine verfallende Gemeinschaft sind. Die Stimmung des Festmonats spricht für das erstere. Aber nur der Wille im Alltag kann zeigen, ob und wie wir . die Ermüdungserscheinungen überwunden haben, die die Verhältnisse als natürliche Folge mit sich bringen. Ein langes Arbeitsiahr liegt vor uns. An jedem Tag sei man sich bewusst. dass wir über ihn Rechnung legen müssen. Dann wird der Alltag von jüdischer Festlichkeit erfüllt sein, was auch immer sein nüchterner Inhalt ist.