Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 38 (23.9.1937)
- Date
- 1937-09-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XV!. Jahrgang: / Nr. 38 Berlin, 23. September 1937 Preis 1© Pfennig GEN EIN E ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W 15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Centralglauben. ________ ______ Die U-y.-^eitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Znsteilung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Post¬ Berlin. Postscheckkonto: Berlin 70344. -—o- ---------------------: Dienstag. _______„_____*________________________________ __________ „ ____ boten erhebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuziigi. 18 Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 2,30 RM (umgerechnet in die Landeswährung einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigeugebiihren: Preisliste 5 gültig. Die 12gespaitene mm-Zeile 20 Rpf., für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise s. Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Diensiag. Platzu. Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. vor dem Völkerbund Die vom Völkerbundsrat eingesetzte Kommission, die aus dem schwedischen, dem lettländischen und dem rumänischen Aussenminister besteht, legte dem Völkerbundsrat eine EntE.chliessung vor, die in der öffentlichen Sitzung vom 16. September einstimmig und ohne Diskussion angenommen wurde. Sie hat folgenden Wortlaut: „Im Hinblick auf die Erklärung der Regierung des Vereinigten Königreiches vom Juli 1937 über die Sehlussiolgerungen der Kgl. Kommission für Palästina, im Hinblick auf die vorläufige Meinungsäusserung der Mandatskommission an den Rat, im Hinblick auf die von dem Vertreter des Vereinigten Königreiches in der Sitzung des Rates vom 14. September 1937 abgegebenen Erklärung und der Aussprache über die Verfassung Palästinas, die in der gleichen Sitzung stattfand, in Anbetracht der von der Regierung des Vereinigten Königreiches geäusserten Absicht, das Studium des Verfassungsproblems Palästinas fortzuführen und sich besonders auf die Lösung durch eine Teilung des Gebietes zu konzentrieren, indem der Rat an die von dem Vertreter des Vereinigten Königreiches in dieser Hinsieht über die Einwanderungsfrage abgegebenen Zusicherungen erinnert, ist der Rat damit einverstanden, dass die Regierung des Vereinigten Königreiches die besagte Prüfung vornimmt und die damit zusammenhängenden Massnahmen trifft, und indem er unterstreicht, dass das Mandat vom 24. Juli 1922 bis zu anderweitiger Entschliessung in Kraft bleibt, vertagt er eine Betrachtung des Kernproblems, bis der Rat in der Lage ist, sich damit in seiner Gesamtheit zu befassen, und behält sich seine Entscheidung und Stellungnahme in der Zwischenzeit völlig vor." Nachdem auch die Völkerbundsversammlung durch Annahme einer von der norwegischen Delegation eingebrachten Entschliessung die weitere Erörterung des Palästina-Problems in die VI. (Politische) Kommission des Völkerbundes verlegt hat, wird die Behandlung der einschlägigen Fragen in unmittelbarer Zukunft voraussichtlich auf folgenden Wegen vor sich gehen: Die britische Regierung wird in den nächsten Tagen eine neue Kommission einsetzen, die sich nach Palästina begeben wird, um Einzelheiten des Planes mit den Vertretern der Juden und der Araber zu besprechen. Die Kommission wird einen ins Einzelne gehenden Teilungsplan ausarbeiten, der der nächsten Tagung des Völkerbundes im Januar vorgelegt werden wird. Sodann wird der Völkerbund von sich aus eine Kommission ernennen, die diesen Plan prüfen und die Stellungnahme des Völkerbundes zu ihm formulieren wird. In welcher Weise diese Völkerbundskommission zusammengesetzt sein soll, steht noch nicht fest. Es heisst, dass Polen Anspruch darauf erhebt, in der Kommission vertreten zu sein; wahrscheinlicher aber ist, dass die Dreierkommission, die dem Völkerbundsrat die Entschliessung ausgearbeitet hat, und der die Aussenminister von Rumänien, Lettland und Norwegen angehören, auch zur Prüfung des neuen Teilungsplanes ermächtigt werden wird. Auf diese Weise würde das Dreierkomitee sich als ständige Kommission bis zur endgültigen Lösung des Problems konstituieren. Sobald der Bericht der Dreierkommission dem Völkerbund vorliegen wird, soll eine aus Sachverständigen bestehende technische Kommission vom Völkerbund eingesetzt werden, deren Aufgabe es sein würde, die genaue Grenzziehung für die geplanten beiden Staaten und das unter britischem Mandat verbleibende Gebiet vorzunehmen. Diese Kommission dürfte im Januar ernannt werden. Sie wird rein technische Aufgaben zu erfüllen und mit der politischen Seite des Planes nichts zu tun haben. Man erwartet, dass die Grenzkommission ihre Arbeiten bis zur Ratstagung im März 1938, keinesfalls aber später als bis zur Ratstagung im Mai 1938 beendet haben wird. In der politischen Kommission des Völkerbundes gab der polnische Delegierte eine ausführliche Darlegung der Stellung Polens zu der Teilungsfrage. Grundsätzlich habe Polen die in der Balfour-Deklaration vorgesehene Gründung einer nationalen Heimstätte für die Juden gebilligt. Jede wesentliche Aenderung des bisherigen Status werde natürlich grosse Rückwirkungen auf die Lage der Juden haben, für die eine endgültige und dauerhafte Lösung des Problems eine Lebensfrage sei. Sie werde insbesondere Polen interessieren, das dreieinhalb Millionen Juden, das heisst zehn Prozent seiner Bevölkerung, habe und damit die stärkste jüdische Gruppe von allen Ländern besitze. Dabei sei zu bedenken, dass sich ein wesentlicher Teil dieser jüdischen Bevölkerung aus Nachkommen von Flüchtlingen zusammensetze, die aus England, Frankreich, Deutschland, Spanien und Portugal und später aus dem zaristischen Russland nach Polen gekommen seien. Nachdem sich die wichtigsten überseeischen Länder der Einwanderung verschlossen hätten, richte sich der Auswanderungsdrang der Juden nach Palästina, das ihnen als geistiges und politisches Ziel erscheine. Nach den Angaben von Dr. Weizmann sei für mindestens sechs Millionen Juden die wirtschaftliche Existenzgrundlage in Zentral- und Osteuropa unzureichend, man habe die Zahl der Juden, deren Umsiedlung notwendig sei, auf jährlich 200 000 geschätzt, wovon allein die Hälfte aus Pofen kommen müsse. Die polnische Regierung werde daher mit grösstem Interesse den Entwurf einer Aenderung des Palästina- Statuts verfolgen, * Das Echo der Völkerbundstagung, die der Schwierigkeit der zu bewältigenden Palästinaproblematik durch weitere bis ins einzelne gehende Prüfungen und Vorbereitungen Rechnung getragen hat, ist in den interessierten Kreisen verständlicherweise sehr verschieden. Die Londoner Presse hebt vielfach in Leitartikeln hervor, dass eine Entscheidung im Sinne der Anregungen von Aussenminister Eden als sicher angenommen werden könne. Der politische Korrespondent der „Morning Post" erklärt, dass voraussichtlich drei Jahre vergehen werden, bis der Teilungsplan so weit ausgearbeitet sein werde, dass man an seine Verwirklichung herangehen könne, und dass fünf Jahre vergehen werden, bis er durchgeführt sei. Die „Times" meint, es sei jetzt Aufgabe der Regierung, die praktischen TeilungsVorschläge vorzulegen. Zu der Haltung der Juden und Araber erklärt das Blatt, dass beide Bevölkerungsteile keine positive Alternative zu dem Teilungsplan vorzuschlagen in der Lage seien. Ihre negative Haltung könne die Regierung nicht davon abhalten, mit ihren Vorbereitungen zur Teilung fortzufahren. „S p e c t a t o r" schreibt in einem Leitartikel, die Königliche Kommission habe dadurch, dass sie den Teilungsplan lancierte, einen grossen Dienst geleistet. Damit aber, dass sie für die Teilung so schlecht geplante und strittige Grenzen vorgeschlagen habe, habe sie einen sehr schlechten Dienst erwiesen. Die Landkarte, die sie gezeichnet habe, könne zwar unmöglich bestehen bleiben, aber sie werde jeden weiteren Plan präjudizieren und komplizieren. In einem Leitartikel des „Man* ehester Guardian" wird darauf hingewiesen, dass sich bisher fünf Körperschaften über die Teilung Palästinas geäussert hätten und dass keine von ihnen die Teilung grundsätzlich begrüsst. Andererseits sei aber auch keine in der Lage gewesen, einen bestimmten Alternativvorschlag zu machen. Die Parteien würden somit an die Teilung, wenn auch zögernd, herantreten. Den Führern der Zionistischen Organisation sei es nicht gelungen, zu einer Verständigung mit den Arabern zu gelangen. Warum, fragt „Manchester Guardian", zeigen nicht ihre Kritiker, die einflussreichen Juden in der ganzen Welt, insbesondere in den Vereinigten Staaten, wie dies geschehen solle? In Palästina hat, wie die Jerusalemer „Palestine Post*" ausführt, die Rede Edens vor dem Völkerbundsrat den Eindruck erweckt, dass von der britischen Regierung ein neuer unerwarteter Schritt vorgeschlagen werden könne. Die Zeitung führt ferner aus, dass seine Erklärung, die Juden dürfen nicht einer arabischen Mehrheit unterworfen werden, beweisen, dass die radikale Haltung des Obersten Arabischen Komitees eine Verständigung mit den Juden unmöglich, mache. * ■ Nach einer RWter-Meldung aus Jerusalem nehmen die arabischen Führer zu der Entscheidung des Völkerbundsrates eine durchaus kühle Haltung ein. Sie weigern sich, zu den Verhandlungen in Genf irgendwelche Erklärungen abzugeben. Bei einer für die nächste Zeit in Aussicht genommenen Sitzung wird das Oberste Arabische Komitee seine Stellungnahme festlegen. Im Auftrage der palästinensischen Araber haben der Sekretär der Mufti- Partei, Emil A. Ghory und der Jerusalemer orthodoxe Pope, Pater Haury, eine Propagandatournee durch die Balkanländer angetreten, die sie nach der Türkei, nach Griechenland, Jugoslawien, Bulgarien und Rumänien führen wird. Die Reise dient dazu, die öffentliche Meinung der besuchten Länder für die drei Hauptforderungen der palästinensischen Araber zu gewinnen: Verbot der jüdischen Einwanderung, Verbot des Verkaufs von Boden an Juden und Einsetzung einer arabischen Nationalregierung. Bei ihrer Anwesenheit in Stambul erklärte Ghory den Vertretern der Presse, dass über die genannten Förderungen zwischen christlichen und mohammedanischen Arabern Einigkeit bestehe, und dass seiner Ueberzeugung nach die ganze arabische und mohammedanische Welt hinter ihnen stehe. Er fügte hinzu, die palästinensischen Araber seien weder Faschisten noch Kommunisten, sie seien auch keine Judenhasser, stünden aber auch nicht auf der Seite der Juden, lieber die künftige Regierungsform in Palästina werde eine Volksabstimmung entscheiden. In Rumänien wurde die Propaganda- Abordnung durch den Patriarchen der griechisch-orthodoxen Kirche, Miron C h r i s t e d in Bukarest empfangen. In ihrem Bestreben, die Unterstützung der griechisch-orthodoxen Kirche für den Kampf gegen den Teilungsplan zu gewinnen, hat die Abordnung der Bukarester judenfeindlichen Presse eine Erklärung übergeben, in der sie behauptet, dass die Moral der jüdischen Einwanderer die religiösen Gefühle der Araber verletze. Wenn man versuchen sollte, den Arabern gegen ihren Willen einen jüdischen Staat aufzuzwingen, so möge man daran denken, dass auch die Kreuzfahrer einen christlichen Staat an den arabischen Gestaden errichtet hätten, dass die Araber aber diesen Staat im Laufe eines Jahrhunderts hinweggefegt haben. Ein Vertreter der arabischen Nationalisten, Emil Maurace, hat sich als Hörer an der Bukarester Universität einschreiben lassen, um dauernd in Rumänien zu bleiben, und dort die Interessen der palästinensischen Araber wahrzunehmen. Von Rabbiner Dr. L. B aer w ald (München) Immer ist es uns im Herbst, als wolle die Natur, bevor sie sich zum langen Winterschlafe begibt, noch einmal zeigen, wessen sie fähig ist, in so glühender Pracht lässt sie noch einmal alles erstrahlen. Die herrlichsten Farben ihrer Palette hebt sie bis zum Schlüsse auf und überzieht damit Blüten und Blätter; das Süsseste, was sie zu bieten hat, lässt sie jetzt in der Früchte Fülle reifen. Niemals ist auch die Luft so stark und klar und würzig wie in den letzten Herbsttagen, bevor Nebel und Kälte sich auf uns legen. Alle Mannigfaltigkeit der Natur wird noch einmal ausgebreitet, bevor die Eintönigkeit des Winters über uns kommt. Haben unsere Feste es der Natur abgesehen, als sie ähnlich verfuhren, gerade in den letzten Tagen der Festzeit alles zusammenballend, was die Religion an Erhebendem zu bieten imstande ist, bevor die festeslose Winterszeit eintritt? Wollen auch sie uns den Abschied erschweren? In Feststrauss und Hütte tritt die Verbundenheit mit der Natur selbst uns herzerquickend entgegen, in den ernsten Tönen der Hoschana- Rabba-Liturgie ertönt noch einmal die Reminiscenz an die Joim Nauröim, diese Note verstärkt sich im Geschem-Gebet und in der Erinnerung an des grossen Lehrers Tod, der, sein Ziel nur mit dem Auge erschauend, dahingehen musste. Und unmittelbar an diesen Hinweis auf die Vergänglichkeit alles Irdischen, an dies Memento mori,: schliesst sich das Memento vivere der Schöpfungsgeschichte, dieser Aufruf zum Leben, das Gott der Herr der Erde als erstes Gebot gesetzt hat. Wahrhaftig, nicht nur in diesem letzten, sondern in der ganzen vorausgegangenen Mannigfaltigkeit liegt ein starker Antrieb zur Freude" einer Freude, die im Hinblick auf das Leben in der Natur in heidnischen Ueberschwang, in naturbesessenen Jubel ausarten könnte — wenn es eben nicht Simchas Tora, die aus der Tora und ihren hohen Gedanken kommende Freude wäre. Nicht die Natur steht vor uns, sondern die Tora, nicht die Masslosigkeit des Geborenwerdens und Vergehens im Leben draussen, sondern das Ethos, dem Geburt und Tod sich einzuordnen haben. Dies ist der Ausgang, dies ist das Mass der Freude. Nur so bleibt die Freude, die wir feiern, in den massvollen Grenzen einer „Simchas Tora". Es ist die Freude, die, vom Geiste der Tora erfüllt, die Rolle der Tora in den Arm nimmt und tanzt. Es ist die Freude, die auch die Kinder, so wenig sie den Sinn des Festes ganz begreifen, doch, irgendwie zu Wissenden macht, auch wenn sie nur tanzen, wenn sie Fahnen tragen, wenn sie Obst und Süssigkeiten erhalten. Die Freude bleibt gedämpft, weil sie im Gotteshause sich regt. So ist es aber auch eine Freude, der kein bitterer Nachgeschmack folgt wie bei den meisten Freuden. Sie trägt in sich die Gewähr der Dauer, während die andern Freuden verrinnen wie sie gekommen. Uns scheint, — es könne gar nicht anders sein, als dass der Anlass des Tora-Freudefestes, der Beschluss der Toravorlesung und ihr Wiederanfang, auf den letzten Tag unseres Fest-, zyklus fallen müsse. Wäre es denn gar nicht anders denkbar?. Könnte man sich nicht vorstellen, dass Tora-Ende und -Anfang am Feste der Gesetzgebung zur Verlesung gebracht werde? Wort und Gedanke „Matten Torossenu" würden so eine bedeutsame Unterstreichung er- In dieser Nummer finden unsere Leser u. a.: Die Aufsätze: Der Rahmen des jüdisch - politischen Lebens: Der Balkan — S. Brückheimer: Abschied — Porträt eines jüdischen Römers — Hulda Jacobowski: Die Dampfertreppe Die Beilagen: Wirtschaft der Woche — Palästina-Umschau — Sportblatt — Apprendam brasileiro — Schachecke