Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1937-09-09 · 36 (9.9.1937) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
36 (9.9.1937)
Date
1937-09-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2277379-2277516-2277552--12201-2281792
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

XVI. Jahrgang / Ny. 33 Berlin, 9. Septesnbsr 1S37 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitang, Anzeigenannahme, VertriebsabteHung): Berlin W15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Centralglaaben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin — Die C.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluß: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt and die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügl. 18Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 2,30 RM (umgerechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebühren. Einzel- ...... ~ . - -ie8teht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebfihren: Preisliste 5 gültig. Die 12gespaltene m nnmmer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht I _ ________ „ ____ . . . „____„ für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 18 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise s. Preisliste! Einzelanzeigen nur gegen"Vorauszahlung. ■ Anzelgenschluss: Dienstag. Platzu. Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Der Vers öknimgstag als Erlebnis und Forderung Von Rabbiner Dr. §• ©ehs, ®leiwitz Aus kultischer Form und innerem Gehalt, aus Bild und Sinn, Stimmung und Lehre entstand die in ihrer Weihe und Erhabenheit unvergleichliche Gestalt des Jom Kippurs, die mit dem Begriff der religiösen Festlichkeit nicht zu erklären ist. Jedesmal, wenn dieser Tag in unser Leben tritt, erfahren wir eine tiefe seelische-Wandlung, eine Umstellung unseres Denkens und Wertens. Was uns sonst im Getriebe des Lebens mit Qual und Pein erfüllt, verliert an diesem Tage seine Schwere und sinkt ins Belanglose hinab. Aus dem Herzen schwindet die Unruhe, die leidenschaftliche Gespanntheit, mit der wir sonst das tägliche Geschehen verfolgen. Mit seiner Botschaft der Gnade und Versöhnung breitet der Jom Kippur Licht und Frieden über unser Leben. Und die müden Herzen richten sich wieder auf zu neuem Hoffen und neuem Lebensmut. Wir fühlen uns wieder geborgen in der gläubigen Gewissheit, dass wir auch iif finsterer! Nächten und düsteren Tagen nicht verloren und verlassen sind, sondern vom liebend-wachen Blicke des himmlischen Vaters geleitet und behütet werden. Eine Stimme wird in uns vernehmbar: „Fürchte dich nicht, denn Ich bin bei dir." Unser Beten ist darum an diesem Tage kein Klagen und Jammern, sondern die Sprache eines zuversichtlichen Kindes. In tiefer Demut und Ehrfurcht stehen wir da vor unserem Schöpfer und beichten Ihm die Irrfahrten unseres Lebens. Und mit jedem Worte wird es im Herzen leichter und heller. Und wenn wir diesen heiligen Tag mit dem alten und doch immer neuen Bekenntnis schliessen: „Der Ewige ist Gott", dann haben wir die Gewissheit, dass der Bund, den der Ewige mit unseren Vätern einst geschlossen hatte, mit uns nun wieder erneuert wurde. Und dieses Wissen bedeutet für uns eine Verheissung, eine Verheissung der Dauer und der Kraft. Mit diesem Erlebnis im Herzen wird es auch draussen leichter sein, um das Leben zu kämpfen und einen Ausweg zu suchen. * Der Jom Kippur ist aber nicht nur unser Tröster. Dasselbe Wort, das Frieden und Hoffnung in unsere Herzen trägt, enthält zugleich eine grosse Forderung. Der jüdische Mensch tritt am Jom Kippur vor seinen Schöpfer mit seiner Sünde und seinem Leid. Von beiden möchte er erlöst werden. Er will ein reiner Mensch werden und ein sorgenfreies Leben beginnen. Diese beiden Wünsche bilden den Kern seiner Gebete. Die Antwort, die ihm darauf zuteil wird, heisst: Versöhnung. Beide, Sünde und Leid, haben einen gemeinsamen Ur-Grund, beide sind in die In dieser Nummer findet* unsere Leser u.a.: Die Aufsätze: Zwischen Batavia und Sidney — Magnus Davidsohn: Alte Weisen zum Versöhnungstag — Hugo Lachmanski: Ibsens „Stutzen der Gesellschaft" — Alfred Auerbach-. Die Bruder Beer (Fortsetzung) — Hans Feist (London): Das Testament des Auswanderers nach englischem Recht — Fritz Benjamin: Zwischen Ost und West Die Beilagen: Wirtschaft der Woche — Palästina-Umschau — Der Briefmarkensammler — Sportblatt — Apprendam brasileiro Welt getreten mit der Auflösung der urtümlichen Einheit, die einst Göttliches und Menschliches geschlossen hatte. Mit dem Aufhören des heiligen „Ineinanderwohnens" zerfiel die Welt in Himmlisches und Irdisches, Ur-Reines und Unreines, Sinnhaft-heiliges und Sinnlich-sündhaftes. Der Mensch begann sein eigenes Wollen dem Ewigen entgegenzusetzen. Damit ist der Trieb zur entscheidenden Instanz für das Leben geworden. Die Sünde hat sich des Menschen bemächtigt. Daraus entstand auch das Leid. Die Getrenntheit von Gott nahm dem Menschen den Frieden und die Kraft. Dadurch ist er ein. im Weltenraum einsam und winzig schwebendes Ich geworden. Jede Berührung mit den anderen, „entgegengesetzten" Realitäten müsste ihm Schmerz und Leid bereiten, denn so gross auch die auseinandergefallene Welt ist, ist in ihr doch nicht genug Raum vorhanden, dass jeder Sonderwille sich unbeschränkt entfalten.könnte. Jede Erfüllung muss der Umwelt abgerungen werden. Nur der Kampf entscheidet hier über Gewinnen und Verlieren. Und in diesem Kampfe bleibt niemand Sieger. Jedes Menschenleben stellt ein wildes Auf und Nieder dar, eine stürmische Bewegtheit zwischen Finden und Verlieren, Siegen und Besiegtwerden, zwischen Freude und Verzweiflung. Die Besonderheit des Einzelschicksals ist nur im Tempo ausgeprägt, in der Dauer des Verweilens auf den einzelnen Stationen. Hat man diesen ursächlichen Zusammenhang von Leid und Sünde ' erfasst, wird man auch die Dringlichkeit der Forderung verstehen, die der Jom Kippur an uns richtet: Versöhnung mit Gott und Versöhnung mit dem Menschen. Die Ur-Einheit von Göttlichem und Menschlichem wiederherzustellen, liegt nicht im Bereiche unseres Könnens. In unserer Kraft liegt es aber, die trennende Kluft zu überwinden und damit einen Weg zu bahnen zwischen Gott und Mensch. Darin unterscheidet sich ja Versöhnung von Einung. Einung ist ein Begriff mystischen Denkens und bedeutet vollkommenes Aufgehen ineinander. Versöhnung ist menschliche Leistung und besteht nur darin, dass der Mensch von sich aus eine Brücke des Friedens schlägt zu Gott und dem Mitmenschen. Ist der Mensch mit Gott versöhnt, dann wird er es nie wagen, eigenes Wollen seinem Schöpfer entgegen-' zusetzen und in sündhafter Auflehnung sein Leben aufzubauen. Auf diesem Wege findet der Mensch auch Geborgenheit und Sicherheit. Da ist er nicht mehr allein: „Wenn ich auch im Tale der Todesschatten wandere, fürchte ich mich nicht, denn Du bist ja bei mir." Um diese Versöhnung herzustellen, reichen aber fromme Stimmungen allein nicht aus. Und auch das herrliche Jom- Kippur-Erlebnis vermag nicht, seine Wirkung auf die ganze Weite des prosaischen Lebens auszudehnen. Nur die täglich und stündlich zu erfüllende religiöse Tat, die Mizwa als ein ständiges Vollbringen des religiösen Erlebens, vermag diesen Weg zu schaffen. Will man irgendein Erlebnis festhalten und wirksam machen, dann muss es in die einzig haltbare Form der Tat gegossen werden. Ist es aber über die Gefühlssphäre nicht hinausgekommen, dann wird es auch hier nicht lange sich gegen den Strom ständiger Erneuerung behaupten können. Stimmungen, die nicht zur Lebensform ausreifen, sind schnell verfliegende Träume, hauchartige Blüten, die der Glut der täglichen Sorgen nicht lange standhalten können. Die Richtigkeit dieses Gedankens wird uns ganz deutlich werden durch einen Blick auf unsere gegenwärtige religiöse Lage. Unmittelbar nach der grossen Wendung trat ein grosser Teil jener Kreise, die bis dahin dem religiösen und kulturellen Judentum fremd gegenübergestanden haben, die seelische Heimkehr an. Synagogen und Vortragssäle wurden zu klein, um die Büsser und Heimkehrer zu fassen. Niemals vorher haben unsere Prediger und Redner ein so grosses und andächtig lauschendes Publikum vor sich gesehen, soviel bangendsuchende Menschen. Jeder Vorträg über religiöse Fragen, oder über jüdische Geschichte wurde mit gespanntem Interesse aufgenommen. Und aus den leidenschaftlichen und hitzigen Debatten, die jene Vorträge überall ausgelöst haben, musste man den Eindruck empfangen, dass das Judentum nun wieder zum seelischen Mittelpunkte jener Kreisegeworden sei. Ueberall herrschte grosser Hunger nach dem Worte Gottes, überall verlängte man jüdisches Wissen. Alter und Jugend, Männer und Frauen wetteiferten miteinander im Lernen und Lauschen. Ueberall entstanden jüdische Bildungsstätten und Lehrhäuser mit stolzen Namen und Universitätsprogrammen, Arbeitsgemeinschaften und Lernkurse. Das gesamte Judentum in Deutschland schien sich in eine Lehr- und Lerngemeinschaft verwandelt zu haben. Alle Quellen des jüdischen Geistes haben sich aufgetan, um die dürstenden Seelen zu laben und sie mit Weisheit und Wissen zu füllen. Und nun? Wie sieht es jetzt damit aus? Der objektive Betrachter wird darauf nur folgendes antworten können: Die Begeisterung ist verklungen und der Lerneifer geschwunden, die Lehrhäuser sind verödet und die Synagogen wieder leer. Die Lehrkurse und Arbeitsgemeinschaften sind zu winzigen Zirkeln zusammengeschrumpft. Die geistig-religiöse Betriebsamkeit ist beendet. Wo aber noch solche Kreise sich krampfhaft behaupten, muss auf das Werben von Hörern mehr Zeit und Kraft angewandt werden, als auf das Lehren. Fragt man nach der Ursache dieses Misslingens, wird man nur einem Punkte die Schuld daran zuschreiben müssen. Wohl waren Lehrer und Lernende eifrig und ehrlich bemüht, zu ihrem Lebensziele zu gelangen. Sie haben nur den einen Fehler begangen, dass sie sich mit Stimmungen begnügten und nicht bestrebt waren, das Erlauschte und Erlebte in einem tätigen Judentum zu verankern. Die Lernenden waren eben nur Hörer, d. h, sie haben aus dem Gehörten keine Konsequenzen gezogen für das tägliche Leben. Ihr Wissen und Fühlen reifte nicht zu religiösen Taten heran, zu einer dauerhaften Lebenshaltung. Man baute auf Stimmungen, darum war die Versöhnung nur von kurzer Dauer. Nur durch die Tat wächst man ins Judentum hinein, nur dem Handelnden erschliesst sieh sein Gehalt, denn die Mizwa ist der Schlüssel zu den Tiefen unserer Religion. * Auch die Versöhnung mit dem jüdischen Mitmenschen, die der Jom Kippur von uns fordert, ist nach zwei Seiten hin scharf abgegrenzt. Versöhnung bedeutet hier nicht die Aufhebung von individuellen Eigenheiten. Dies liegt ja gar nicht in unserer Kraft. Aber wenn es auch durchführbar wäre, wäre es nicht zum Segen der Menschheit. Nur ein Weg soll gefunden werden zwischen Ich und Du, ein Weg, der über die trennenden Klüfte hinweg die Menschen näher bringen soll, damit sie sich gegen- Brief ums &®im 3$£ttl@w®m Western A.H. Wenn jemand mit einem Briefzusteller in einer deutschen Stadt wettete: er könne von aussen unterscheiden, welche Briefe an jüdische Empfänger gerichtet seien und welche nicht, er würde die Wette gewinnen, wenn er die Postsachen mit Auslandsmarken als Sendungen an Juden annähme. Die grosse Zerstreuung der weit über 100 000 ausgewanderten jüdischen Menschen aus Deutschland über alle Länder und Erdteile bringt als Echo ihre Briefe. Und es wird viel geschrieben, hinüber und herüber. Die verloren geglaubte Kunst des Briefschreibens ist wieder aufgelebt, und mancher, der es hier allenfalls zu einigen herzlichen, aber belanglosen Zeilen an seine Angehörigen zu den hohen Feiertagen gebracht hatte, ist für seine Verwandten und Freunde durch die klare, und überlegte Art, wie er Menschen und Dinge seiner neuen Umwelt darstellt, zum wichtigen Anreger und Ratgeber geworden — ganz abgesehen von den seelischen Kräften, die dadurch geweckt . werden,.,, das& in deii Briefen die fruchtbare Weite der Welt sichtbar wird. Früher spielte in der Zahlungsbilanz mancher Staaten der Betrag eine Rolle, den Ausgewanderte an die Angehörigen der alten Heimat zu senden pflegten.. In der Bilanz unserer jüdischen Gemeinschaft hier sind die Briefe von draussen zu einem ungeheuren Aktivposten geworden, aber nicht weniger unsere Briefe nach draussen. Denn wenn man sieh auch heute materiell wenig zukommen lassen kann, so kann man doch wechselseitig die seelischen Kräfte erhöhen. Es soll damit, da es ja nicht allen und allgemein gut gehen kann, seitig verstehen und verständigen könnten. Andererseits darf es aber nicht bei der sentimentalen Beziehung bleiben, bei der stimmungsmässigen Ergriffenheit und Gerührtheit. Aus" dem inneren Mit-Leiden muss die Tat des Mithelfens erwachsen, das sichtbare Opfer, als ein lebendiges Zeichen innerer Verbundenheit. Wo aber nur Worte sprechen, wenn sie auch von freundlichen Gesten begleitet sind, stehen sieh selbst die jüdischen Menschen völlig fremd und kalt gegenüber, da ist die Versöhnung noch nicht erfolgt. Zur Bestätigung dieses Gedankens Hesse sieh gar Vieles aus unserem gegenwärtigen Leben anführen. Wir glauben aber, dass diese Erscheinungen wohl alle bekannt sein werden. Wer von uns kennt nicht die vielen jüdischen Menschen in unserer Mitte, die auf unser grosses Leid nur mit schönen Worten zu reagieren wissen, die noch immer nicht die Bereitschaft zeigen, ein schweigsames Opfer zu bringen? Wer kennt nicht die Vielenallzu-Vielen, die sich nur dann auf die Solidarität berufen, wenn sie von den anderen etwas zu erlangen suchen, sonst aber noch immer nicht daran denken, sich dienend und gebend in ihre Gemeinschaft einzugliedern? Nun naht der heilige Tag, der grosse Mahner und Forderer. Ueberall werden sich unsere Brüder und Schwestern in Demut und Andacht zusammenfinden. Und alle Nöte unseres Lebens werden im jüdischen Bewusstsein schmerzhaft-bittere Gegenwart werden. Jeder von uns wird in seiner Seele das Bild unserer Sorgen schauen. Wir hoffen, dass dieses Bild auch die Gleichgültigen wach- und aufrütteln wird, dass sie in stiller und freudiger Opferbereitsehaft sich endlich ihrem armen Volke zuwenden, um mit ganzer Kraft mitzuschaffen und mitzuarbeiten an dem Wiederaufbau des Judentums-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.