Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 35 (2.9.1937)
- Date
- 1937-09-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Das Blatt der jüdischen Trau C-V.-Zeitung Nr.35 * 2.September 1937 3 R*iw„« - r.v.To;*.,«« Seite 13 3. Beiblatt * C-V.-Zeitung Vor neuem Beginn Meine liebe Freundin, Du hast mir gestern — zum Trost, 'denke ich — die Bilder geschickt, die Du im Judenviertel von Amsterdam aufgenommen hast. Und nun sitze ich hier und sehe, was Du mit Deinen zärtlichen Augen gesehen hast: da schimmern und leuchten die alten Geräte auf dem Sims des Kellers, über den ernsten, fast finsteren Stufen; eng aneinander gelehnt stehen die Häuser, an denen das Wasser langsam' vorüberrauscht, durch ein dunkles Tor führt der Eingang zur Synagoge. Und doch bleiben wir fröhlichen Herzens: die Judenjungen, die aus den Fenstern dieser Häuser sehen, werden einen hellen Kopf und helle Augen Hessen sie, des Glaubens wegen, Spanien und Portugal und betraten die Niederlande. Aus Marranen, aus Schein-Christen, wurden in der Freiheit der „Utrechter Union" wieder Juden, mit strengen Gesetzen und eigenem Gericht. Holland blühte auf, neue Länder wurden dem Markt erschlossen, Westindien und Ostindien zu Stützpunkten des Handels. In wenigen Generationen waren die Juden mit Gedeih und Verderb des Landes untrennbar verbunden. Wie unbegreiflich erscheint es nun, dass diese Juden niemals die Sehnsucht nach den Tagen.der geheimen Zusammenkünfte verloren haben, dass sie im Glück und Erfolg Herkommen und Vergangenheit bewahrten:, den Ritus ihrer Gebete hatten sie aus Spanien mitge- Enge Verkehrsstrasse im Judenviertel mit Antiquitätenladen Fot. (3) Archiv haben, aus der Dunkelheit des Tores tritt man noch einmal in das Licht, bevor man zur Andacht geht, und selbst die Schwermut der Gasse wird von dem Glanz gemildert, der aus den Kessein und Krügen strahlt. Hinter allen Ecken und Winkeln scheint die Sonne, und das Wasser trägt so gelassen den Hauch von Weite in die Enge hinein, dass uns die schmalen Häuser keine Beschwerden machen. Du wunderst Dich darüber, dass der Tempel der Juden in der gleichen Stadt, in der ihre Augen das dunkle und gefährliche Geheimnis ihres Lebens verbergen — wenn man den Bildern Rembrandts trauen darf—, so klare und glatte Flächen hat. Kannst Du glauben, dass ich dies, was Dir als vielleicht verständliche, freilich unwichtige und wohl halb vergessene Seltsamkeit erscheint, als eine sehr lebendige Hoffnung mitnehmen will? Noch vor wenigen Wochen hätte ich nicht geglaubt, dass der Abschied so schnell und ernsthaft Wirklichkeit werden könnte: da hast Du mich noch draussen auf dem Dorf besucht, in dem ich gelebt habe. Wir sind am Ufer entlang gegangen, die" gelben Weiden spiegelten sich im Fluss, unter dem blassen Vorfrühlingshimmel. Menschen gingen vorüber und grüssten, und Du hast gelacht und gemeint, es sei schon ein Leben wert, in der "Einsamkeit des Alltags Freund dieser Menschen zu bleiben. Ich war zaghafter als Du, ich spürte damals schon, dass ich nicht durchhalten würde; ich war auf dem Weg. ein schlechter Arzt zu werden. Erfolg, das ist ein trügerisches Wort; aber es waren trotz allem wunderbare Jahre. Du schreibst, ich möchte Dich nicht vergessen: und bist doch gut genug von mir erzogen, um zu wissen, dass man nichts vergessen kann; von mir ganz abgesehen — ich bin ein hoffnungsloser Europäer. Aber Du brauchst nur an die Juden zu denken, die in Deinen Bildern leben. Im letzten Drittel des sechzehnten Jahrhunderts verbracht, und spanisches Erbe bewahrt ihr Dichter Jakob Belmonte, der das Leid der Juden besingt. Die Häuser der Reichen waren Paläste, voller Pracht und Hochmut: das sollten besonders die spüren, die erst später nach Holland kamen. In dem Eingang der Synagoge freilich haben sich Sehnsucht und Hochmut schon zu jener Einfachheit gewandelt, in der Klage und Erhörung, Armut und Reichtum, Dunkel der Gassen und Helligkeit des Meeres beschlossen liegen. Dass in der Unsicherheit eines jeden Daseins und aus der Not der Erfahrungen, vor deren Vielfalt wir hin und wieder den Mut verlieren, solche Dinge wachsen, ist das Wunder, dem ich vertrauen will, wenn ich nun fortgehe. Ich bin kein .frommer Mensch, meine liebe Freundin, aber ich denke mir, dass es gut sein muss,' in dieser Synagoge zu beten. Du musst nicht denken, dass diese klugen Dinge, die ich mir im letzten Licht dieses schönen Abends, der mit Sternen und Wolkenfetzen stürmisch heraufzieht, über Deinen Bildern zurecht gedacht habe, einem helfen, wenn man fortgeht. Du weisst, dass ich das Land liebe. Ich bin vor wenigen Tagen mit dem Motorrad aus dem Süden gekommen und alten, vertrauten Spuren nachgegangen. Ich habe sie unverändert, dankbar gefunden. Aber .es ist schwerer, von den Menschen zu gehen, die uns lieb haben. Ich muss daran denken, wenn ich Dein letztes Bild ansehe: den nackten Mann über dem Tor, der zwischen den Weinreben steht. Ich weiss nicht, was der Bildhauer sich dabei gedacht hat, aber — wie wir ja auch immer aus den Büchern das herauslesen, was uns selber angeht — ich muss immer an diesen Kundschafter Kaleb denken, der von Mose beauftragt wurde, in den Süden des Landes Kanaan zu ziehen, nach den Menschen, Städten, Festungen, nach dem Boden und den Bäumen zu sehen und von den Früchten des Feldes zu bringen; es war aber um die Zeit der ersten Trauben. Nachdem die Kundschafter das Land in vierzig Tagen durchforscht hatten, brachten sie die Früchte des Landes: Granatäpfel und diese [raube, die sie zu zweien auf einer Bahre targen mussten. Nun steht , er dort an der Schwelle des gesegneten Landes, sein Blick fjeht durch die Menschen zum fremden Himmel, seine Haltung ist voll gelassenen Leides, sein Arm ist müde. Unberührt vom alltäglichen Groll der ängstlichen Menge fallen die Schatten der Zukunft über ihn, die sein Ruf beschwört. Die Schwere der Worte verdunkelt den Weg: so birgt der Gewinn den Verlust, die Ankunft den Abschied, das Ergreifen die Trennung. Vielleicht sind das alles Phantasien, meine liebe Freundin; aber wie anders sollten wir jetzt leben, wenn uns nicht zwischen den Tagen und Nächten Gestalten und Gesichter erfüllen? Es geschieht mitunter, wenn ich durch die heiteren Strassen gehe und der Wind ein paar Töne her- .überträgt, dass ich die Sehnsucht danach empfinde, ein Fest zu feiern, das heisst: rauschende Bäume, ein See, flackernde Lichter an gleitenden Booten, das stille Plätschern der Wellen, die an hölzerne Planken schlagen, eine leise Musik, ein kleines Feuerwerk, Begegnungen ohne Gewicht und ohne Schwere. Ich weiss, dass ich schon früher, als junger Mensch, solche Gedanken hatte; damals waren sie recht natürlich, ein Teil des unbestimmten Gefühls, dem wir alle entwachsen. Jetzt gelten andere Gesetze, und ich weise mich rasch genug zurecht; weil ich viele Dinge ordnen und regeln muss und die Tage bis zur Abfahrt gezählt sind, bleibt mir nicht viel Zeit zu meinen kleinen Verirrungen; aber zeugt nicht die Wiederkehr, nach der Bedrängnis der Jahre, vielleicht nur für die Kraft des uralten Traumes, Deines und meines und des Traumes aller erwachse- Gebet eines Vaters Auf Eure Häupter leg' ich meine Hände, Vor uns im Festglanz die Menora steht. Zur Andachtsstätte weiten sich die Wände* Und Gott, zu Dir erhebt sich mein Gebet, Lass' meine Kinder ihre Wege gehen Im Glänze und im Schatten Deines Lichts, Und lass' sie atmen Deines Geistes Wehen, Ein Wandern ohne Dich — es führt ins Nichts. Lass' sie der Väter Tage stolz gedenken, Gib ihnen, Herr, der Hoffnung Leidenschaft« Wohin sie immer ihre Schritte lenken, Gib ihnen stets zu Deiner Lehre Kraft! Schenk' ihnen, Gott, ein Stück auf Deiner Erde, Die Kunde Deines SchöpferwÜlens tut, Dass meinen Kindern eine Heimat werde, Auf der Dein Segen ihrer Arbeit ruht. Du gehst als Gott der Liebe durch die Zeiten, Sei es auch mir am „Tage des Gerichts". Ein Vater steht vor Deinen Ewigkeiten Im Glänze und im Schatten Deines Lichts. Dr. Ernst Fraenkel. II!ililllliii!!ll(lllil[i!lliil[liil[)llii!!llilIIIIIIIIIIllllll!!nil!!ilSIIIIIII]lll!lII nen Leute, die das Paradies verspielt haben und nun noch ein einziges Mai die Heiterkeit und die Selbstverständlichkeit des .Erwachens erzwingen wollen? Nur, weisst Du, ich glaube, das Leben hat uns etwas verdorben, wir sind befangen und ein wenig zu wachsam, als dass Mond und Sterne uns überwältigen könnten wie damals, als wir noch Kinder waren. Jetzt lächelst Du, und manches, was icK schreibe, tut Dir weh. Ich weiss, ich werde jetzt den Vorhang herunterlassen und die Nacht mit den ziehenden Wolken aus meinem Zimmer sperren. Wenn Du hier wärst, würden war ein Glas Wermuth trinken; so werde ich zu meinen Eltern gehen und ihnen Deine Bilder zeigen. Sie tragen es hart, aber wir rühren "geflissentlich nicht daran und verbergen es unter kleinen Scherzen und unter der Unrast der Vor- _EUGEN SCHWARZ—^ MÜNCHEN Domfreiheit Konserven und Kolonialwaren SPEZIALITÄT: KAFFEE Versand nach allen Orten Deutsehlands. Bitte verlangen Sie die Preisliste! bereitungen. Ich bin traurig, gewiss; es wäre töricht, es zu leugnen; aber die Sicherheit, mit der ich fortgehe, ist nicht die des Schlafwandlers, der sich aus der, Verzauberung nicht lösen kann: ich bin, trotz aller Beharrung, wach, voller Pläne und Hoffnungen. Der Tag Ist jetzt so sehr beansprucht, dass ich angefangen habe, in einem kleinen Heft darüber Buch zu führen, eine mir fremde Gewohnheit. Hin und wieder komme ich mit dem Wagen oder mit der Bahn, jenseits der Buchführung, an Orten und Plätzen vorbei, die uns beiden lieb sind; dann denke ich an Dich und unsere Gespräche. Du warst lange Zeit für mich ein freundlicher Spiegel der Welt, meine liebe Freundin. Wenn nun die Sirenen des Dampfers heulen und das Schiff sich langsam von der Mole löst, wirst Du Dich daran gewöhnen müssen, sie, eine Zeitlang, mit meinen Augen zu sehen. Wappen über dem Tor eines alten Hauses im Judenviertel Tor der Portugiesischen Synagoge in Amsterdam Frömmigkeit Wie oft höre ich jetzt aus verzweifeltem Munde den sehnsüchtigen Ruf: „Ach, wenn ich fromm wäre —", oder: „Wenn ich beten könnte, wäre alles anders —" Wenn ich solches höre, tritt mir jedesmal meine Grossmutter vor Augen, die ein schweres Leben hinter eich gebracht und sich trotzdem durch Frömmigkeit, durch wahre, tiefe Frömmigkeit die Heiterkeit der Seele bewahrte. Ich sehe sie vor mir, wie sie im erhöhten Erker auf ihrem hohen, weichgepolsterten Lehnstuhl sass, das schwarze Spitzenhäubchen auf dem glatten grauen Haar, die grosse, schwere Bibel im Schoss. Oft sah ich sie in tiefem Nachdenken sorgenvoll versunken. Wir Kinder gingen dann unwillkürlich auf den Zehenspitzen und wagten nicht laut zu sprechen. Plötzlich griff sie entschlossen nach ihrer Stricknadel, die in dem, wie mir schien, nie zu Ende gehenden Wollknäuel steckte. Mit ihr fuhr sie, wie mit einem magischen Zauberstab, in die Seiten der Bibel, schlug die bezeichnete Stelle auf und las in seltsamer Vertiefung. Dann wurde ihr Blick allmählich heiter und frei. Ihre Züge entspannten Private Photo-Lehrgänge für Nichtarier von Julius Giücksohn ^ÄtTÄ™ Berlin-Wilmersdorf