Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 35 (2.9.1937)
- Date
- 1937-09-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr.35 * 2.Septemberl?3Z C-V.-Zeitung Seite 7 Von Alfred Auerbach ^Jtävtft &ßu*textäy^^ I er Hauslehrer Moritz Frank in Thalheim bekam im Jahre 1814 einen Ruf nach Berlin zu Jakob Herz Beer. Frank sollte den Sohn Michael erziehen helfen. Der war ein überaus feinnerviger und leicht erregbarer Junge. Die Familienatmosphäre tat dem Knaben nicht gut. Er war in Gefahr. Die Mutter war eine Frau, deren Betätigungstrieb sich im Wohltun ventilierte. Sie gab und nahm den kaufmännischen Erfolg des Gatten als Verpflichtung, zu spenden. Es war ein künstlerischer Trieb. Sie schenkte am liebsten begabten Leuten, sie förderte Talente. In diesem Hause geschah alles mit Temperament. So waren die Kinder schnell entwickelt, reiften der Anerkennung zu. Vier Söhne waren es. Viele Augen waren auf diese gerichtet und beobachteten ihr Werden. Zwei von den jungen Menschen erlahmten im Eifer, der Aelteste und der Jüngste blieben in der Arena des Ehrgeizes und Strebens. Das waren Jakob und Michael Beer. Jakob war bereits in Berlin bekannt, als musikalisches „Wunderkind". Michael suchte einen Weg, auf dem er sich erfüllen könnte. In seinem Innern wurde Strebsamkeit zur Unrast. Der Hauslehrer Frank kam aus armen Verhältnissen, aus einem kleinen Ort, auf Empfehlung eines Lehrers in der süddeutschen Hauptstadt. Dieser beschrieb ihn als zuverlässig, bescheiden, kunstsinnig, ja sogar dichterisch begabt, jedoch kritisch gegen sich selbst und äusserst still. Frau Beer hatte zu entscheiden, und sie fand als kluge Frau, dass dieser junge Mensch, wenn er sich wirklich, wie erwartet, verhalte, den richtigen Einfluss auf Michael haben könnte. Frank war es gewohnt, alle lauten Wünsche, die in ihm riefen, zur Ruhe zu bringen. Ihm war der Hunger nach Ruhm ein Spiel, er kannte den wirklichen Hunger zu gut. So betrat er das Haus des Beer, und sah mit Verwunderung, dass die Sorge mehr als ein Gesicht haben kann und dass sie unbemerkt Mitbewohner des stattlichen Hauses war. Es war schwer für ihn, sich zurechtzufinden. Er schrieb an seine Braut nach Hause Berichte: Berlin, im Oktober 1814. Geliebte Cläre! Ich habe meine Stellung hier angetreten. Man hat mich mit grosser Herzlichkeit empfangen, besonders Frau Beer, die mich sogleich zu sich rufen liess und mich bat, den Jüngsten, meinen Zögling Michael, der sehr leicht erregbar sei, vor Ueberanstrengung zu schützen. Er sei eher allzu fleissig und wissensbegierig, als zu wenig, und eben dies mache ihr Sorge. Ich war überrascht, denn sonst musste ich stets das Gegenteil hören, wenn ich eine Stelle antrat. Ich muss die Menschen hier erst richtig verstellen lernen. Das Haus ist eines der schönsten hier, die Leute sind sehr verwöhnt, sie haben alles, was man sich an äussern Bequemlichkeiten nur zu wünschen vermag, ein nach dem Urteil der-bedeutenden Männer und Lehrer auch Zukunft zu erwarten „, Soeben erschienen _ von Otto Philipp Morpieuciiien iifaer deraMittelseer (Blau Ganzleinen 5 Rm) Die Lösung der Palästinafrage im Roman Ein sensationeller Bucherfolg Durch jede jüd. BuchKdlg. od. direkt vom Verlag „Atid" Dr. Eugen Roth, Berlin W 35, Zierenstr. 15. Tel. 27 2120 behagliches Heim, zahlreiche Dienerschaft, erlesenes Essen und einen Kreis von berühmten Namen; die ersten Männer und Frauen der Stadt gehen hier aus und ein. Welche Wandlung für mich, den armen Schlucker aus dem Dunkel der engen Kleinstadt, aus der Tagessorge um das Notwendigste. Man ist hier sehr stolz auf den ältesten Sohn, Jakob. Er gilt als erster Klaviervirtuose mit seinen 23 Jahren. Frau Beer erzählte mir, dass er als Komponist Der Grossvater, der Meyer heisst, liess denn den Jakob für seine Familienreihe als Glanz beanspruchen, wie man einen Edelstein in einen Ring fasst! Jakob Meyer Beer! Ich kenne den jungen Mann noch nicht, aber man spricht hier immerzu von ihm, und mein Schützling Michael hört andauernd von den Erfolgen des grossen Bruders. Jetzt ist Jakob in Stuttgart, dort soll eine Oper von ihm aufgeführt werden, die erste, die er schrieb. Man ist hier überzeugt, dass der Beifall gross sein wird. Michael hat Verse gedichtet, die bei dem feierlichen Empfang des Komponisten von ihm vorgetragen werden sollen. Sie sind nicht unbegabt, höre die Schlussworte: Gab das Herz im tiefsten Busen dir die Bruderliebe nicht? Nimm nun das Geschenk der Musen, wie mein Herz, auch mein Gedicht! Die Bethmann, die hier eine grosse Schauspielerin am Theater ist, übt mit dem Knaben das Gedicht, wie er es im edelsten Stile deklamieren soll und er macht es nach seinem Gefühl ausgezeichnet. Es ist ein wahrhaft vornehmer Kreis hier, man benimmt sich gegen mich ausgezeichnet, niemand lässt mich fühlen, dass ich nur ein kleiner Hauslehrer bin. Ich darf die Universität besuchen, wann ich will, ich werde an wichtige Leute empfohlen, ich brauche meinem Zögling nur einige Stunden zu reservieren. Ich werde wie ein Herr bedient und kann essen, was ich will. Manchmal darf ich mit Mutter Beer und Michael in einer Chaise im Tiergärten spazieren fahren, wir werden andauernd respektvoll gegrüsst. Ich komme mir vor, wie im Märchen, wie in 1000 und eine Nacht. Könntest Du bei mir sein, wäre der Glückstraum vollendet. Aber so denke ich immer, ich erwache und es ist alles Phantasie gewesen ... Schreibe mir bald, damit ich an die Wirklichkeit glaube! Es küsst Dich Dein Moritz. Berlin, 1. November 1814. Geliebte — ich habe Dich lange mit der Antwort auf Deinen lieben Brief warten lassen, Du machst mir Vorwürfe, ich verdiene sie, aber es war zu viel Durcheinander hier im Hause und in mir. Ich muss Dir gestehen, dass ich jetzt anders über die Dinge hier denke. Du willst wissen, was vorging? Nun, man empfing, wie ich Dir bereits schrieb, den ältesten Sohn aus Stuttgart. Er wurde als erfolgreicher Komponist zurückerwartet. Aber man unterliess die Familienfeier auf seinen Wunsch. Er kam mit ärgerlichem Gesicht hier an und nahm die Worte des Trostes, die die Mutter sprach, geduldig, aber schweigend hin. Er hatte einen Misserfolg! Mein guter Michael konnte seine Verse nicht sprechen und ist auch nicht gut aufgelegt. Einige Tage Hess sich Herr Meyerbeer nicht im Hause sehen. Gestern wurde ich ihm vorgestellt, er war sehr ernst und wortkarg, sein Aeusseres ist sympathisch, seine Gesichtszüge sind schwermütig, grüblerisch. Ich habe mir den Musiker ganz anders vorgestellt, er sieht eher wie ein Denker aus. Er fragte mich nach den Fortschritten seines Bruders. Ich war in Verlegenheit, denn ich sollte Michael ja gar nicht aneifern, eher sollte ich ihn zügeln. Ich stotterte, weil ich mich hier gar nicht auskenne: „Oh, es wird schon werden . ..." Er schüttelte den Kopf und antwortete ebenso geheimnisvoll: „Er hat auch sein Teil." Was wollen die Menschenkinder denn? Nur glatte Bahn? Ich dachte an meine Kämpfe seit meiner jüngsten Kindheit und an die Deinen — und musste ein wenig lächeln! Es ist gut, dass wir arm zur Welt gekommen sind. Auch die Alten gehen schweigsam durch das Haus. Die Mutter sieht mich mit ihren grossen dunkeln Augen so sonderbar an! Wie nehmen diese Menschen doch Enttäuschungen so hart. Was bin ich denn? Ein Nichts! Und ob ich jemals etwas anderes sein werde? Du glaubst daran, Du glaubst an mich ... nun gut, ich bin doch etwas, ich bin sogar glücklicher, als diese Armen. Gestern war der Herr Hofkapellmeister Salieri da, es war eine Art Nachholung der Feier, eine Trostveranstaltung, eine Erlösung. Es gab ein unerhört köstliches Essen, ich kam in Verlegenheit, ich wusste nicht, wie ich die Leckerbissen auf die Gabel bringen sollte, Michael verstand das vorbildlich und ich wartete immer, bis er es vormachte, natürlich, ohne zu bemerken, dass er mir da Hauslehrer sein musste. Auch im Gespräch blieb ich zurückhaltend, denn es waren Leute da, die äusserst gewandt zu reden verstanden und Jakob über seine Verstimmung hinaushalfen; die Gesichter wurden allmählich ganz schattenfrei. Michael blieb lange mit auf, und ich bat Frau Beer, den Jungen doch zu Bett zu schicken — sie folgte meinem Rate, der doch meiner Pflicht entsprach, nicht ganz willig und Michael sah mich feindselig an, grüsste mich nicht, als er ging. Ich blieb, weil ich nicht wusste, was ich tun sollte und hörte nun, wie Herr Hofkapellmeister radebrecht erisch halb deutsch, halb italienisch sprach. Er legte dem Jakob die Hand auf die Schulter und wandte sich etwas theatralisch zu Frau Beer hinüber: „Er isse ochbegabt — er kann werden ganz gross, ganz gross in der Oper — nur Gedulde. — Er isse ein Genie — aber er muss lernen, wie man behandelt die der Gesang! kann er lernen Er muss die Kapitale der Wrelt kennenlernen." Ich verabschiedete mich, man achtete nicht darauf. Noch lange blieb die Gesellschaft beisammen, ich hörte Klavierspiel bis nach Mitternacht. Ich konnte nicht einschlafen, aber es war nicht wegen der Musik, die vorzüglich klang, es war wegen Michael, der mir zürnte, wegen seiner Mutter, die mir bei all ihrer Güte doch etwas Unfreundlichkeit gezeigt hatte. Ich glaube, es wird doch nicht mehr lange möglich sein, hier zu bleiben, und dann? Wieder das Suchen und Herumirren! Ich muss Dir sagen, dass es mir leid tun würde, ich habe einige Vorlesungen belegt, die mich stark interessieren, eine ausgezeichnete Shakespeare-Darstellung. Shakespeare hält mich im Bann. Ich gestehe Dir, dass ich ein Zeitbild schaffen möchte, das die Wirren der Zeit im Spiegel zeigt. Ich setze mich hin und beginne, aber dann packt mich Angst, nein, nein, ich bin noch zu jung und zu unreif; es ist eine törichte Vermessenheit! Liebe mich, Cläre, ich habe die Gewissheit Deiner Liebe nötig. Dein Moritz. Berlin, 1. Dezember 1815 Liebe Cläre. Heute kann ich Dir besseres berichten. Dein Brief, zunächst, hat mich erfrischt. Du meinst, ich hätte schon etwas von der Umgebung abbekommen, von der Unruhe, die die Leute hin und herreisst! Sage mir's immer, wenn Du so etwas merkst, ich will Deine Warnung wohl beachten. Hier bewegt man sich auf der Höhe des Baus und sieht nicht, dass die Fundamente wackeln, man setzt immer mehr Schlösser der Erfüllung obenauf. Man will mit Zauberdingen und Worten beglücken. Ich habe auch begriffen, dass das die unheimlichen Irrtümer der Menschen in diesem Hause sind: sie bauen mit leidenschaftlichem Bemühen und haben die Vergangenheit vergessen. Dieser Gegenwartpalast wird mit Illusionen hergerichtet! — Aber, ich wollte Dir ja freundliches sagen. — Hier ist es ruhiger worden. Herr v: %-''i^:?^v''--^-Mfr^^ V**«*^ ., ^dfS; i \. wie der Vogel sin^, Rossini ist das Genie der Melodie, Giacomo is fleissiger und denkt mehr; wenn er wird haben die Kunst der Kantüene — dann wird e r sein il miracolo musicale del rnondo!" Man hörte die Logrosse Kunst? JNur in ^Wift^'- ':?V:.*?&?>&& -'^^ Italien, wo man singt, "v;;«'«^ m :^ \y' v{: J^^^^<^. . . besworte des Salieri *,. '.--v-v*•-•'v'"' '.>§P^J * J\'<-«• als Offenbarung. Vater %\VA&'\*'' * '% Beer war sehr aufge- ■ räumt, er sagte: „Jakob ' ' V, soll nach Italiengehen, ' aber zuvor nach Paris. £*.