Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 35 (2.9.1937)
- Date
- 1937-09-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XVI. Jahrgang / Nr. 35 Berlin, 2. September 1937 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUNS Geschäftsstelle ("Verlag, Schriftleitung. Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W 15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva8141—45. Telegrammadresse: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin 70344. Die C.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschlüsse Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt and die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügl. 18 Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 2,30 RM (umgerechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer lORpf. (Ausland 20 Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste 5 gültig. Die 12gespaltene mm-Zeüe 20 Rpf., für Stellengesuche 10 Rpf.. für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise s. Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigensch luss: Dienstag. Platzu. Daten Vorschriften ohne Verbindlichkeit. Ein Jahr beginnt Rechenschaft und Forderung Von Dr. Herzfeld-Essen, Vorsitzendem des Jüdischen Central-Vereins Aufgewühlt und mit einer Fülle von schwer lastenden Sorgen gehen wir der Jahreswende entgegen. Im Vordergrunde unseres Blickfeldes spielt sich das palästinensische Drama ab. Eine lange Exposition stellte unsere Geduld auf eine harte Probe. Ihr folgt nun — Schlag auf Schlag — die Handlung. "Wir erleben sie im wahrsten Sinne des Wortes und mit stärkster Spannung. Noch ist weder abzusehen, wie die Endlösung gestaltet, noch wann sie erreicht sein wird. Fest steht jedoch, dass die erste Weltmacht, das grosse England, die Wiedererrichtung eines jüdischen Staates auf palästinensischem Boden betreibt. Das Jahr, in dem die Entscheidung über diesen xintrag fällt, wird eine einzigartige Ausnahmestellung in der Indischen Geschichte einnehmen. Im Jahre 5697 hat sieh die Notlage eines sehr grossen Teils der Judenheit weiter zugespitzt. Immer grössere Kreise stehen in Mittel-, Ost- und Südost-Europa vor der Wahl, auszuwandern oder unterzugehen. Gleichzeitig ist die Einwanderung nach Palästina einschneidend gedrosselt wrorden; höchstens 1000 jüdische Menschen sollen monatlich eingelassen werden. Dagegen verfügt nach dem Bericht des Hechaluz allein diese Vereinigung über zwanzigtausend junge Menschen, deren Ausbildung abgeschlossen ist, während weitere sechzigtausend sich auf Hachscliara befinden. Die Vergleichszahlen der anderen Organisationen sind mir nicht bekannt. Sicher ist jedoch, dass viel mehr arbeitswillige und arbeitsfähige junge Juden sehnsüchtig auf ein Betätigungsfeld, waren, und dass ihre Zahl von Monat zu Monat wächst, Was soll aus diesen Zehntausenden werden, die nichts als die Gelegenheit zu produktiver Arbeit begehren, die aufbauen, das Gelernte nutzanwenden wollen? Durch Auswanderung und Sterbeüberschuss ist die Zahl der in Deutschland lebenden Juden in dem nun endenden Jahre stark gesunken. Völlig zuverlässige Ziffern fehlen. Erst neuerdings hat man begonnen, diese statistische Lücke zu schliessen, so dass wir für die Vergangenheit noch auf Schätzungen angewiesen sind. Mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit darf indessen angenommen werden, dass der jüdische Sektor in Deutschland sich im Jahre 5697 wieder um etwa 30 000 Köpfe verkleinert hat. Unvermeidliche Folgen haben sich eingestellt. Eine beträchtliche Zahl von Kiemgemeinden ist der Auflösung verfallen. Das gleiche Schicksal steht zahlreichen anderen in naher Zukunft bevor. Nur durch Zuschüsse der Landesverbände können sie einstweilen noch Gottesdienst und Religionsunterricht aufrechterhalten. Nicht viel weniger sorgenvoll ist die Lage der meisten Mittelgemeinden. Auch ihre Leistungsfähigkeit wird mehr und mehr erschüttert. Die wenigen Grossgemeinden, die bisher das Rückgrat unserer Verbände bildeten, stehen vor wachsenden Schwierigkeiten, deren Auswirkung nichtlange mehr auf sich wartenlassenwird. Nicht anders sieht es bei den freien Organisationen aus. Zwangsläufig lichten sich ihre Reihen, dagegen vervielfältigen sich ihre Aufgaben, deren Lösung zugleich schwieriger wird. Der Kreis ihrer fähigen, tatbereiten Mitarbeiter erleidet fortgesetzt Ausfälle und die Heranziehung vollwertigen Ersatzes stösst auf steigende Schwierigkeiten. Dennoch erscheint den Aussenstehenden die von Juden für Juden in Deutschland geleistete Arbeit selbstverständlich, der jüdischen Oeffentlichkeit ist sie sogar nicht selten lediglich ein Objekt der Kritik. Wer aber Gelegenheit hat, genauer zuzusehen, weiss, wie hingebungsvoll, oft aufreibend an den Gemeinschaftsaufgaben gearbeitet wird und dass dieser Dienst wärmsten Dank und höchste Anerkennung verdient. Der Kundige kann sich freilich nicht verhehlen, dass es immer" schwieriger wird, diesen Dienst in gleichem Umfange aufrechtzuerhalten. Fortgesetzt ringen wir mit einer stattlichen Zahl weiterer Probleme; dem aufmerksamen Leser dieser Blätter sind sie bekannt. Soweit es sich dabei um Aufgaben handelt, die uns durch höhere Gewalt, vom Schicksal selbst gestellt sind, soll auf eine wiederholende Zusammenstellung verzichtet werden. Wohl aber erscheint es nützlich, daran zu erinnern, dass wir uns manche Sorge ohne sachliche Notwendigkeit selbst bereitet haben. Es darf im Rahmen eines ehrlichen Rückblicks weder vergessen, noch vertuscht werden, dass das scheidende Jahr nicht arm an solchen Unerfreulichkeiten 'war. Gewiss lässt sich entschuldigend anführen, dass auch unsere Nerven nur begrenzt widerstandsfähig sind, und dass es an schweren Belastungen seit Jahren nicht gefehlt hat. Wenn wir deshalb auch in guter Absicht begangene Fehlgriffe milder tadelnswert bleiben sie Wir schildern diese seelischen und materiellen Nöte der Gegenwart nicht deshalb, um in unserem Schmerze zu wühlen. Erst recht nicht, um eine Panik hervorzurufen oder gar zu verzweifeln. Wir dürfen keinesfalls in einen Pessimismus verfallen, der uns lähmen und unsere Arbeit unfruchtbar machen müsste. Obwohl das Leben uns Enttäuschung und Schmerz gebracht hat, dürfen war uns davon nicht überwältigen lassen. Unsere Religion gebietet, die niederdrückenden Affekte zu überwinden und erlittenes Leid zu besiegen. Sie rechtfertigt das Leben trotz aller Schläge, die wir empfingen, und erfüllt uns mit einem starken Willen zum Leben. Besonnen haben wir zu überlegen, wie wir unsere Aufgaben am besten lösen können. Damit soll den jeweils zuständigen Verantwortlichen, die zu beraten und zu beschliessen haben, nicht vorgegriffen werden. Wohl aber erscheint es angezeigt, beim Eintritt in das neue Jahr von einigen Voraussetzungen fruchtbarer Gemeinschaftsarbeit zu sprechen. Mit begreiflicher Leidenschaft haben wir die durch den Peel-Bericht aufgeworfenen Fragen öffentlich erörtert. Der Wunsch, über dieses überragend bedeutsame Thema gründlich unterrichtet zu werden, war natürlich, seine Erfüllung berechtigt. Unvermeidlich und legitim war auch, dass in Wort und Schrift die Meinungen ausgetauscht wurden. Wurde aber bei den vielfach heftigen Protesten und in der öffentlichen Aussprache stets hinreichend bedacht, dass wir nicht im luftleeren Räume leben? Wurde allseits berücksichtigt, dass durch gefühls-" mässige Reaktionen auf Grund meist lückenhafter Kenntnisse an „eisernen Tatsachen" nichts geändert werden kann? Haben wir uns stets vergegenwärtigt, dass fast alle Staaten von Rang an der Entbeurteilen dennoch. Festtagsgrnss der Reichs Vertretung Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland sendet allen ihren Gemeinden, allen, die in ihnen leben, den Alten und Jungen, den Männern und den Frauen, am Beginne des neuen Jahres herzlichste Wünsche. Wir sind in eine Zeit hineingestellt, die voll ist von geschichtlicher Bedeutung und Kraft. Von uns ist gefordert, und alles kommt hierauf an, dass wir diese Bedeutung begreifen, dass wir diese Kraft in uns aufnehmen. Es ist in unserem jüdischen Leben eine Notwendigkeit, dass wir den grossen Zug, die weite Linie erlangen. Kleinheit und Kleinlichkeit wäre unsere eigentliche Gefahr. Nur von der Höhe unserer Selbstgewissheit, nur von diesem Aufstieg zu unserem Eigenen und Besonderen geht der Weg zu unserer Zukunft. Für jeden von uns hat sich die Welt gedehnt, Nähe ist zur Ferne geworden. Zur Entfernung, zur Entfremdung würde sie nur dort, wo Juden ihr Judentum einbüssten, wo sie sich selber und damit einander verlören. Wenn jeder um seine Seele weiss, dann werden sie alle um einander wissen, sie alle zusammenstehen und zusammenhalten. Wenn wir unser Judentum besitzen, dann ist alles Scheidende, auch das des Raumes, überwunden; das Ganze umfängt alles einzelne. Wir leben in eilenden und sich wandelnden Tagen, wie ein Abschnitt der Geschichte ist jedes einzelne Jahr. Was kommen mag, das steht in des Ewigen Hand. Aber wie wir sein sollen in allem, was werden wird, darin liegt unsere Aufgabe. Von uns wird das Unsere erwartet. Geschehnis und Mensch begegnen einander, damit das Gebot Gottes zur Wirklichkeit werde. Unser Wunsch für alle, für die Gesamtheit und jeden in ihr ist darum ausgesprochen in dem Psalmwort, das Jahr um Jahr den Juden zu seinem Neujahrsfest hinführen will: „Hoffe zu dem Ewigen. Sei stark, und fest sei dein Herz, und hoffe zu dem Ewigen!" Die ReichsTertretung der Juden in Deutschland» Diese Feiertagsnummer enthält u. a.: Die Aufsätze: Hugo Hahn: Das Bleibende Alfred Auerbach: Die Brüder Beer mit Zeichnungen von Horst Moratz — Von alten und neuen Kalendern mit Beiträgen von R. L Basnitzki, Rosy Bodenheimer, Hans Oppenheimer — Anny Baumann und Wilfred Cohn Hülse (New^York): Jüdische Aerzte aus Deutschland in USA — Fritz Benjamin: Zwischen Osf und West: Palästina — Magnus Davidsohn: Alte Feiertagsweisen Die Beilagen: Das Blatt der Jüdischen Frau — Kinderblatt — Sportblatt — Wirtschaft der Woche — Schach ecke wirrung dieses Knäuels mitwirken, und dass kein Schritt getan, keine Meinung geäussert werden sollte, bevor die Wirkung nach allen Seiten sorgfältig abgewogen ist? . Nachdem nun feststeht, dass über die Errichtung eines Judenstaates verhandelt weiden soll, wird künftig jeder Jude an die Folgen zu denken haben, bevor er öffentlich Stellung nimmt. Wir haben die Möglichkeit, in das Ringen um Palästina und den Judenstaat einzugreifen. Beeinflussen werden wir die Entscheidung aber nur dann, wenn es gelingt, alle unsere Kräfte geschlossen und planmässig an den richtigen Steilen einzusetzen. In dieser geschichtlichen Stunde dürfen wir uns nicht selbst lähmen und mattsetzen. Hier muss schärfste Disziplin gehalten werden. Ebenso ist eine gedeihliche Gestaltung der Auswanderung nur bei straffer Zucht zu erwarten. Selbstverständlich sollen die mannigfachen Einzellösungen, die sich infolge von Verwandtschaft, Freundschaft oder aus sonstigen individuellen Gründen eröffnen, durch diese Forderung nicht behindert werden. Ihre Ausnutzung wird zu erleichtern, zu fördern und erforderlichen Falles durch Zuschüsse zu ermöglichen sein. Für die Vorbereitung und Durchführung von Gemeinschaftsplänen, von kollektiven Anstrengungen ist dagegen strenge Disziplin unentbehrlich. Plänemacher, die ohne ausreichende Kenntnis der verwickelten Tatbestände und der engen Möglichkeiten Luftschlösser errichten, sind nicht harmlose Toren, sondern gefährliche Schädlinge. . Nicht _ weniger . sind jene anderen .zu verurteilen, die unvorbereitet oder mangelhaft ausgebildet ihr Wanderglück ins, Blaue hinein versuchen. Dass sie persönlich in der Regel für ihren Leichtsinn büssen müssen, ist selbstverschuldet und für die Belange unserer Gemeinschaft ohne Bedeutung. Dass sie aber damit zugleich die Einwanderungsmöglichkeiten überhaupt verderben, zum mindesten verschlechtern, dass sie die Hilfsbereitschaft unserer Brüder im Auslande missbrauchen, die mühsam aufgebrachten Mittel Würdigeren entziehen, darf nicht geduldet werden. Das müssen wir mit allen uns zu Gebote stehenden Kräften hindern. Unsere Verbände, die Gemeinden und ebenso die freien Vereinigungen stehen vor der unentrinnbaren Notwendigkeit, mit sinkenden Einnahmen zu wirtschaften. Der zu weit gewordene Rock muss durchweg ]