Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 33 (19.8.1937)
- Date
- 1937-08-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 8 C-V.-Zeifung Nr. 33* 19. August 1937 Der Jüdische Kulturbund Hamburg Zugleich Wanderbühne für Mittel-, Süd- und Ostdeutschland / Von Dr. Hans Buxbaum Hans Buxbaum Der JüdischeKulturbund Hamburg beginnt erst verhältnismässig spätseine Tätigkeit. Am 20. November 1934 tritt, er zum erstenmal in die Oeffentlichkeit, und zwar zuerst nur als Besucherorganisation. Er. veranstaltet Konzerte, Solistenabende und Vortragsveranstaltungen.' Dies ändert sicli im September 1935. Man fühlt die Verpflichtung, sich als zweitgrösste Gemeinde aktiv in... das jüdische Kulturgeschehen einzuschalten.. Wohin diese nunmehr aktivierte künstlerische Betätigung führen muss, liegt auf der Hand: will man das jüdische Publikum in seiner Gesamtheit erfassen, so muss man ihm das geben,was es in seinerGesamtheit wünscht: das Theater. Die Musik als sublimierte Kunstäusübung wendet sich an einen speziellen Kreis, während * die szenische Kunst in irgendeiner Weise jeden angeht. Dazu kommt als äusserer ■ Grund, daes ' die beiden bestehenden Orchester bereits den. .grossten Teil des zur Verfügung stehenden Musikerbestandes aufgesogen haben, andererseits auch durchaus in der Lage sind, die Ansprüche des Publikums nach Konzerten zu befriedigen. Ganz anders liegt der Fall auf dem Gebiet des Theaters. Berlin unterhält seit Gründung des Kulturbundes einen ausgedehnten Theaterbetrieb, der die beiden Kunstgattungen Oper und Schauspiel umfasst, der Kulturbund Rhein- Ruhr unterhält ein Schauspielensemble, das als Wanderbühne im Bezirk eingerichtet ist. Beide Bünde aber sind, mit wenigen Ausnahmen, vollauf beschäftigt, wenn sie in ihrem eigenen Wirkungskreis tätig sind. Eine Reihe grosser Städte, von den vielen kleineren ganz abgesehen, muss ohne Theatererlebnis bleiben. Diese Lücke versuchte Hamburg zu schliessen, indem es im September 1935 ein Schauspiel-Ensemble gründete, das seinen Sitz in Hamburg hat, das aber gleichzeitig auch anderen Kulturbünden Theaterkunst vermitteln soll.. Dieser Weg des Tournee-Ensembles wurde systematisch beschritten. Im ersten Jahre fanden die Gastspiele nur vereinzelt statt. Das änderte sich schon 1936, als Breslau den Gedanken eines eigenen Ensembles aufgab und sozusagen zweiter fester Stützpunkt der Hamburger Truppe wurde und wichtige andere Kulturbünde, wie z. B. .Dresden, ebenfalls nur von Hamburg aus bespielt wurden. Mit Beginn dieser Spielzeit scheint ein gewisser Abschluss dieser Entwicklung erreicht. Der Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde konzessionierte das Hamburger Ensemble als einziges Reise-Ensemble. Er .betreut diese Gastspieltätigkeit von sich aus und gibt dem auch formell dadurch Ausdruck, dass Dr. Kurt Singer und Dr. Walter Abelsdorff dem Hamburger Kuratorium beitraten. Auch die für den Aufbau der Hamburger Organisation wichtigen Kulturbünde von Breslau und Dresden entsandten in Artur J a f f e und Max L e s s e r ihre Vertreter in den Hamburger Bund. An der künstlerischen Tätigkeit des Ensembles änderte sich nichts. Hamburg blieb Domizil der Truppe, Hamburg ist die Probenzentrale, in Hamburg findet grundsätzlich die Premiere jedes Werkes statt. Dann aber geht das Stück mit Dekoration und Kostümen, mit Beleuchtung und Perücken auf Reisen. Sie werden auf der einen Seite nach Dresden, Breslau und Oberschlesien, voraussichtlich ■ auch "nach Königsberg und S-tettTn führen, auf der anderen Seite nach Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe, Frankfurt, Hannöver, Braunschweig und Hildesheim. Verhandlungen, auch Bayern einzubeziehen, schweben, ebenso werden die jüdischen Kulturbünde Württemberg- Land bespielt werden. Es ist keine leichte Arbeit, die hier verlangt wird, und die Anforderungen, die an jeden einzelnen gestellt werden, sind gross. Es ist nicht so, dass Hamburg in der „Provinz" „Abstecher" im Theatersinne veranstaltet, nein, das Ensemble fühlt sich dem Besucherkreis aller dieser Städte zugehörig, es hat jeden Abend Premiere. In den beiden abgelaufenen Spielzeiten ist die Truppe etwa 130mal vor das Publikum getreten, 15 Werke des dramatischen Schaffens hat sie vermittelt. Sie versuchte der jüdischen Dichtkunst zu dienen, indem sie „Jakobs Traum" von Beer-Hofmann und den „Sänger seiner Trauer" von Ossip Dymow zur Aufführung brachte. Shakespeare kam mit „Hamlet" und „Komödie der Irrungen" zu Wort. An jüdischen Schriftstellern wurde Jakob Wassermann mit „Lukardis" zur Debatte gestellt, Schnitzler mit seiner „Liebelei", Kingsley mit „Menschen in Weiss", Molnär mit „Grosse Liebe" und „Spiel im Schloss". Shaw wurde gespielt („Die Häuser des Herrn Satorius"), Calderon erschien mit „Dame Kobold" (in der Hofmannsthalschen Uebertragung). Auch das musikalische Lustspiel wurde dem Spielplan eingefügt, „Meine Schwester und ich" von Benatzky, das das Ensemble auch in Berlin vorführen konnte, und „Warum, lügst du, Cherie . . .?" von Märker sind hier zu nennen. Die neue Spielzeit bemüht sich, diesen Spielplan noch lebendiger zu gestalten und zu intensivieren. Von den Stildramen sieht das Repertoire Shakespeares „Romeo und Julia" und „Der Widerspenstigen Zähmung" vor, von Moreto das Lustspiel „Donna Diana". Die Problemstücke sollen durch „Kettenglieder", das früher viel gespielte Schauspiel von Hermann Hejermans, repräsentiert werden, durch den „Arzt am Scheideweg" von Shaw, durch Strindbergs „Traumspiel", durch Werfeis „Juarez und Maximilian" und endlich durch „Ueberfahrt" von Sutton Vane. Dem jüdischen Stück wird durch „Amcha" von Scholen! Alejchem gedient werden, das eine der ersten Arbeiten ■ der Spielzeit bilden soll. An die „Reise Benjamins III." von Mendele Mocher Seforim und den „König der Schnorrer" von Israel Zangwill wird ebenfalls gedacht. Die gehobene Komödie ergänzt den Spielplan durch „Jean" von Bus-Fekete und „Die erste Mrs. Selby" von Irving. Die Operette endlich wird mit „Bei Kerzenlicht" von Katscher-Geyer zu Worte kommen. Wenn auch die Betätigung des Schauspiel- Ensembles im Mittelpunkt der Kulturbundarbeit in Hamburg steht, so soll keineswegs das übrigbleibende Gebiet künstlerischer und kultureller Arbeit vernachlässigt werden. Orchesterkonzerte sind vorgesehen (voraussichtlich vom Orchester des Jüdischen Kulturbundes Berlin gegeben), in Solistenabenden sollen Wilhelm Guttmann, Alex- ■ ander Kipnis, Paula Salomon-Lindberg, Ruth Kisch-Arndt, Ossy Renardy\ Wolfgang Rose, Hermann Schey und Ilse Urias wirken. Kammermusikabende sind geplant und Chorkonzerte. Die Reihe der Rezitationsabende eröffnet Otto Bernstein, Vorträge werden von Julius Bab, Monty Jacobs, Dr. Anneliese Landau, Dr. Max Osborn und Rahel Wischnitzer-Bernstein veranstaltet. Endlich werden in Kleinkunstabenden Max Ebr- Jüdische Kulturbund Hamburg erwartet die Mitgliedschaft aller luden! Monatsbeiträge: RM 1.50, 2.50, 3.50 Dafür: 2 Veranstaltungen im Monat lieh, Alfons Fink, Dela Lipinskaja, Leo Raphaeli (Williy Hagen) das Publikum erheitern. Mit einer intensiven Werbung wendet sich heute Hamburg an sein Publikum. Nur wenn jeder jüdische Mensch sich als zugehörig empfindet, wenn jeder einzelne die Arbeit des Kulturbundes durch den ihm gemässen Beitrag unterstützt, wenn jeder tätigen Anteil nimmt, kann die Aufgabe erfüllt werden. Sie ist eben so sehr eine soziale — man bedenke, etwa 300 Menschen fanden durch den Kulturbund im Jahr Arbeit und bescheidene Lebensmöglichkeit — wie eine jüdisch-kulturelle Notwendigkeit, da sie mehr als etwa 80 000 jüdischen Menschen, vor allem aber der Jugend, oft .zum einzigen künstlerischen Erlebnis wurde. Hoffen wir, dass im neuen Spieljahr keiner beiseite steht, dass jeder Jude Gross- Hamburgs innerhalb seiner Leistungsgrenzen dem Kulturbund angehöre, und dass das neue Haus in der Hartungssirasse, das seiner Vollendung entgegengeht und das dem Kulturbund ein eigenes würdiges Heim bereiten w^ird, ein wirkliches Haus der Jüdischen Gemeinschaft werde-.!. Hinter den Kulissen Bildreportage von Heinz Condell und Hans Sondheimer ^rufidrif zur JJrefybüynendeAürQfion} jmCHM 6£ß£AT9 Nach eingehenden Besprechungen des Regisseurs mit dem Bühnenbildner und dem technischen Leiter wird auf der Bühne des Kulturbundtheaters der Grundriss der zu bauenden Dekoration festgelegt (Bild 1). Dabei wird den Erfordernissen', des Stückes und der Beengtheit der Bühne vor allem Rechnung getragen. Auf diesem Grundriss basierend und an Hand von Kultur-, Geschieht»- und kunsthistorischen Quellen entstehen die ersten Skizzen des Bühnenbildners, die den Wünschen des Regisseurs schon weitestgehend Rechnung tragen. Inzwischen werden aus dem Fundus alte Teile herausgesucht, die sich zur Verarbeitung für die neue Aus- Bild 2 stattung eignen, denn der Kulturbund verfügt nicht über reiche Mitte], und das Material ist, kostbar. Nun wird ein Modell gebaut, das in verkleinertem Massstab bereits sämtliche zur Ausstattung gehörigen Teile .. naturgetreu nachbildet. ■ Jetzt ist der Umfang sowie der malerische und architektonische Eindruck des Bildes bereits deutlich erkennbar, und der Kostenanschlag kann ausgearbeitet werden.. Ist der Etat bewiLligt, kann die Anfertigung beginnen; aus-dem-Grund- Bild 1 riss und den Skizzen entstehen die Werkstattzeichnungen für die einzelnen Kulissenteile. Fieberhaft wird nun in den Ateliers an der Herstellung der Kulissen gearbeitet (Bild 2), denn1 der Maler wartet schon darauf, den toten Holz- und Leinwandteilen Leben einzuhauchen. Gleichzeitig werden in der Tapezierwerkstatt Möbel, Gardinen, Vorhänge und Requisiten hergestellt. Die Tage der Einrichtung beginnen. Wir stehen kurz vor den technischen und Dekorationsproben. Die Kulissen und Prospekte werden im Bühnenhaus verhängt, Beleuchtungen eingebaut und ausprobiert, die letzten Kleinigkeiten ausgebessert. Generalproben! Zehn Minuten vor Aufgehen des Vorhangs wird der eiserne Vorhang hochgedreht (Bild 3), während die leitenden Herren im Züschauerraum einen letzten kritischen Blick auf die getane Arbeit werfen. Die letzte Feile wird angeleg^.und am nächsten Tage nimmt das Schicksal seinen Lauf: Premiere!!! — Die Technik funktioniert lautlos und unmerkbar. Jedes Kulissenteil, jeder Scheinwerfer, jeder Tisch steht an seinem Platz und trägt dazu bei, die rechte Stimmung für Schauspieler und Zuschauer.zu schaffen und dem Werk dem ihm gemässen Ausdruck zu verleihen. Ist die Inszenierung als Ganzes gelungen, haben sich Regie und Darstellung, Bild und Technik zu . einem geschlossenen Kunstwerk verdichtet, utfd wird dieses Ganze von unseren Zuschauern gespürt und dankbar anerkannt, haben wir hinter den Kulissen unseren Lohn für unsere Mühe. Bild 3