Mannheim
Compact Memory

Kinderblatt · 1937-07-29 · 5 (29.7.1937) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Kinderblatt
Volume
1937
Issue
5 (29.7.1937)
Date
1937-07-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9449368-9643128-9643147--114-2281670
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Wir wollen das natürlich besser machen. Aber wie? Nun passt mal auf. Wir haben hier zwei Zeichnungen. Diese Zeichnungen wurden einigen hundert oder tausend Akademikern vorgelegt mit der Aufgabe: „Sehen Sie eich die Zeichnungen so lange an, bis Sie glauben, eie ans dem Gedächtnis wieder aufzeichnen zu können, und zwar genau so, wie Sie sie hier vor sich sehen. Haben Sie diese Figuren lange genug angesehen, so legen Sie das Blatt fort. Das Zeichenpapier (das die Akademiker bekamen) ist kariert; die Figuren der Vorlage sind so gezeichnet, dass sie in den Häuschen des Zeichenpapiers aufgehen. Sie brauchen also nicht zwischen den Linien zu zeichnen.“ Nun stellt euch vor, wie die Geschichte war. Im Saal sassen, wie wir in der Schule, die vielen Akademiker, jeder hatte das Zeichenpapier vor sich auf dem Tisch, darauf lag immer die kleine Tafel mit diesen beiden Zeichnungen, die Herren sahen sich diese Vorlage einen Augenblick an, legten sie weg und zeichneten drauflos. Und was dabei herauskam, stimmte meist nicht im entferntesten mit der Vorlage überein. Wir versuchen es auch einmal, lind wahrscheinlich geht es uns genau so. Darum wollen wir auch gar nicht auf die Akademiker schimpfen und sie tadeln, denn wir wissen ja am besten, dass Tadel selten Besserung, meist aber Trotz und Verärgerung zur Folge hat. Sondern wir stellen an den Akademikern, an den Geographen, an den Tippfräuleins und Setzern und an uns selber fest: Wir alle sind Optimisten, wir sind leichtsinnig, und wenn uns aufgegeben wird, uns etwas einzuprägen, uns etwas anzusehen, uns etwas anzuejgiien, so begnügen wir uns gern mit einer ungenauen Einprägung, mit einer Schein-Aneignung. Stimmt’s? Warum waren die Nachzeichnungen fehlerhaft? Weil jeder ja auf den ersten Blick meinte, die Vorlage „mit Leichtigkeit“ nachzeichnen zu können, und sich darum gar nicht erst die Zeit nahm, sich die Figur der Vorlage so lange und so deutlich einzuprägen, bis er es wirklich richtig konnte. So, nun sind wir ein Stück weiter, denn jetzt wissen wir, wo der Fehler liegt: nicht in der fertigen Leistung, nicht erst in unserer Nachzeichnung, sondern in unserer Aneignung, mangelhaft in der Einprägung. Und dieses Wissen, diese Selbsterkenntnis des Fehlers ist der erste Schritt zur Besserung. Die Besserung selbst aber ist ganz einfach. Wir nehmen uns die Zeichnungen noch einmal vor, wir lassen uns zehn oder zwanzig Minuten Zeit und prägen uns mit aller Selbstkritik die Vorlage so haar* genau ein, bis wir sie wirklich im Kopf haben und nachzeichnen können. Gemacht? Jetzt geht’s bestimmt, und da wir der richtigen Einprägung jetzt auf den Geschmack und der scheinbaren auf ihre Schliche gekommen sind, gehen wir an ein anderes Beispiel. Wir schreiben auf einen Zettel ein paar Fremdwörter, die wir täglich in der Zeitung lesen, hundertmal im Gespräch gehört und verwendet haben, z. B.: Statistik, Konzentration, Metereologie, Relation, Hypothese, Barometer, Synthese, Ethik, Diskrepanz, Autodidakt, Basis, Hypothek, Assimilant. Auch solch eine Liste wurde einem Haufen gebildeter Leute vorgelegt, jeder sollte überlegen, ob er die Worte kannte oder nicht, oder ob er darüber im Zweifel wäre. Und dann sollte er hinter jedes Wort, das er kannte, ein Pluszeichen (+), hinter jedes ihm unbekannte ein Minus (—), hinter jedes ihm zweifelhafte ein Fragezeichen machen. Natürlich machten die gebildeten Leute meist Pluszeichen, die Zettel wurden mit Namen versehen und eingesammelt. Und die schöne Bescherung kam nach. Ein paar Tage später bekam jeder einen neuen Zettel mit den gleichen Fremdwörtern, hinter jedem von denen sollten die Herrschaften notieren, ob sie dies Wort ins Deutsche übersetzen könnten und, wenn ja, was es dann bedeutete. Was da für Antworten notiert wurden, könnt ihr euch vorstellen, die meisten waren falsch. Die meisten, die vorher erklärt hatten, sie wüssten, was Basis, Autodidakt oder Diskrepanz bedeutet, erklärten diese Worte nun ganz ungefähr oder unsinnig. Sie hatten also nicht echt und ehrlich nachgedacht, sondern nur scheingedacht. Nur wenige schrieben etwa: „Ich kann Diskrepanz nicht übersetzen“, und die hatten also echt und ehrlich gedacht. Damit genug für heute. Wir wissen, worauf es ankommt und wie wir es besser machen können, wenn wir wollen. Wir wollen nämlich genau sein und wir wollen uns immer soviel Zeit nehmen, dass wir genau sein können. Wir wollen uns prüfen, dann wird es schon gehen. Und wir wollen bei unseren Fehlern anfangen, nicht bei fremden. Und wenn ihr jetzt noch fragt, warum ausgerechnet wir hier in einer jüdischen Zeitung mit solchen Sachen anfangen, dann muss ich wirklich lachen. Wir Juden haben ja jetzt und überhaupt am nötigsten, mit Scheinlernen, Scheinverstellen, Sehe in wisse n au f z u r ä u men. ^vm^WiLvvi/iw- Werner Cohn, Berlin NW 21, Biindesralsufer 4, 11^ Jahre alt wünscht „Briefwechsel mit einem 11—14jährigen Juden, der in Indien lebt und dort geboren ist (in deutsch)“. Artur Schwenk, Frankenstein/Schlesien, Ring 51, Alter 14 Jahre, sucht Briefwechsel. Max Mawlclberg, Moers/Rliein, Frledriclistr. 22, sucht Markennustausch (Ausland und Ucbcrsce) mit 13—lljiihrigcin Jungen. Vera Osnian, Berlin-Halensce, 9 Jahre alt, schickt uns folgendes Rätsel, das sie gemacht hat, als sie wegen eines Feiertages mittags schlafen sollte, aber nicht einschlafen konnte: Mit „V“ es manchmal haut, Mit „K“ es oft klaut, Mit „Kr“ es Lava spuckt, Und wenn wütend, ganz’ Städte verschluckt. Nun versucht mal, ob ihr das Rätsel lösen könnt. Aber nicht, wenn ihr ins Bett gehen und schlafen sollt, sonst schimpft die Mutti, und ihr dürft nicht mehr die C.-V.-Kiiulerzeilung lesen. Aus den Silben: a — e — e — frank — gat — grün — he — im — kel — lis — man — nier — mi — mit — ne — on — ou — re — re — re — reich — ta — tal — lei — tu — va -- ver — sind 10 Worte zu bilden, derenAnfangsbuchstaben, von oben nach unten gelesen, einen bekannten jüdischen Mann ergeben. Die Wörter haben folgende Bedeutung: 1. Bekleidungsstück, 2. Verwandter. 3. Prophet, 4. Gebetmantel, 5. Einsiedler, 6. Nachbarstaat. 7. Pflanze, 8. Vorspiel, 9. Sportveranstaltung. 10. Mädchenname. Heimy Lorsch, Frankfurt a. M., 12 Jahre. Aus den Silben: a — dam — e — e — e — jo — land — li — lo — tot — mo — mon — ro — sa — sau — se — sef — ser — ses — te — uh — sind neun Worte zu bilden, deren Anfangsbuchstaben, von oben nach unten gelesen, eine.Stadt in Palästina ergeben Die Wörter haben folgende Bedeutung: 1. Sohn Jakobs, 2. Knecht Isaaks, 3. Blume, 4. Deutscher Dichter, 5. König in Israel. 6. Erster Mensch, 7. Mädchenname, 8. Sohn Isaaks, 9. Führer in Israel. Lore Blumenthal, Berleburg. Aus den nachstehenden Silben sind 10 Worte zu bilden, deren Anfangsbuchstaben, von oben nach unten gelesen, einen berühmten jüdischen Gelehrten ergeben: a — bad — bei — bra — den — e — el — liam — i — is — ja — 1er — li — lo — um — ma — mah — mi — mo — naf — ne — no — o — ran — ro — sa — sau — se — ta — te — um. Bedeutung der Wörter: 1. Durch Zwang getaufter spanischer Jude des 16. Jahrhunderts, 2. Erzvater 3. Gemahlin des Königs Aliab, 4. Jüdischer Komponist. 5. Prophet, 6. Einer der 12 Stämme, 7. Sohn Abrahams, 8. Lateinischer Name für das 5. Buch Mose, 9. Bruder Jakobs, 10. Jüdischer König. Peter Baer, Berlin. Auflösung: des Silbenrätsels aus Nr. 4 des Kinderblatts: Moses M e n d e I s o h n. 1. Mcstisse, 2. Onkel, 3. Sinai, 4. Fester, 5. Sokrates, fi. Mazzo, 7. Fsati, 8 Nugat, 9. Davos, 10. Flui, 11. Luzern, 12. Salomo, 13. Orange, 11. Hosea, 15. Nathan. Beilage' Berlin, 29. Juli 1937] 2, Beiblatt * Nr. 5 eitung DU dlcKjj'&vu, YTloJoWVWIVVW' Neulich bekam ich einen Brief von meinem Onkel Fritzjosef aus Greifswald. „Liebe Nichte“, schrieb er darin, „möchtest Du nicht einmal so gut sein, und meine Bibliothek etwas in Ordnung bringen? Es sind über 500 Bände, wie Du ja weisst, und zuletzt ist sie vor ungefähr vier Jahren gründlich aufgeräumt worden. Du musst Dir nun nicht vorstellen, dass die guten Bücher umherliegen und wie Kraut und Rüben durcheinander gefallen sind. So steht es nicht. Doch im Laufe der Jahre hat es sich so gemacht, dass z. B. Heines Werke neben einer spanischen Grammatik stehen und das ,Hohe Lied' neben ,Helenes Kinderchen'! Na, und so weiter, Du wirst schon wissen, was ich will. Für Deine Arbeit biete ich Dir Freiquartier und anständige Verpflegung und ausserdem darfst Du Dir aus meinen Buchbeständen das raussuchen, was Dir am besten gefällt. Telegrafiere also umgehend, wann Du hier eintriffst, damit meine Wirtschafterin rechtzeitig mit der Nudelspeise, Deinem Leibgericht, fertig, wird. Dein alter Onkel Fritzjosef.“ Dass ich hinfuhr, ist euch wohl klar. Dann sass ich etwa drei Wochen lang täglich vier bis fünf Stunden zwischen Schränken, Büchern, vielen Büchern und Staub, Staub, und nochmals Staub. Bis ich das alte Buch fand, dessen Inhalt diesem Aufsatz seine Ueberschrift gab, und überhaupt nichts mehr tat, als lesen. Ihr hättet wahrscheinlich an meiner Stelle dasselbe getan, wenn euch Indianergeschichten ebenso viel Freude machen wie mir. Und weil es sich hierbei uni jüdische Indianer handelt, war ich doppelt und dreifach bei der Sache. Zuerst mochte ich das Buch kaum anfassen, weil es so zerrissen und schmierig war. Onkel Fritzjosef hatte es einmal von einem Bücherwagen aus einer grossen Stadt mitgebracht, er wusste nicht einmal mehr, dass er es überhaupt besass. Die Titelseite und der Name des Verfassers fehlten, ebenso die Jahreszahl, die das Datum der Geschehnisse angab. Trotzdem vertiefte ich mich in das Buch. Und ordentlich wild könnte ich noch heute werden, wenn ich nur daran denke, was der Mann, der die jüdischen Indianerstämme in Südamerika auffand, alles erlebt haben muss! In jedem Unterhallungsbuch kommt doch ein Held vor, nicht wahr? Ich habe dem Mann, von dessen Abenteuern ich euch erzählen will, selbst den Namen Pablo gegeben und hoffe, dass er euch gefällt. Also, besagter Pablo reiste ganz allein im südlichen Amerika herum, um Land und Leute kennenzulernen. Unterwegs stiess er auf einen Mestizen-Indianer, der sich Francisco del Castillo nannte. Nach längerer Unterhaltung mit Francisco fiel Pablo auf, dass er immer aufs neue auf den „ewigen und einzigen Gott“ zu sprechen kam. Nun begann der Reisende — scheinbar ein sehr frommer Jude — den sonderbaren Indianer mit grösster Aufmerksamkeit zu betrachten. Doch alles, was er zunächst aus ihm herausbekommen konnte, war, dass Francisco del Castillo behauptete, ein Abkömmling Abrahams und Israels zu sein. ,-,Und du bist der einzige hier im Lande, der einzige Indianer, der sich dieser Herkunft rühmt?“ erkundigte Pablo sich gespannt. Doch sein Gewährsmann schüttelte lachend den Kopf. „Mehr, viel mehr, Sennor,“ gab er in seinem spanisch-indianischen Slang zur Antwort. „Wenn du willst Abenteuer erleben, viele und aufregende Abenteuer, komm mit, mit Francisco. Er hat viel Vertrauen zu dir und wird dich führen wohin, dass du zu träumen glauben wirst.“ Zunächst rüstete sich Pablo also in der nächsten Stadt für eine Expedition aus. Francisco hatte Moccassins an den Füssen und Beinkleider aus Hirschleder. Ein Bogen mit Köcher und Pfeilen lag über seiner Schulter, und an seinem Gürtel hingen, neben dem Säckchen mit Feuersteinen, eine Anzahl von „selbsterlegten“ Skalps. Erst als Pablo wohlgerüstet und auch reichlich mit Geschenken für die Indianer versehen war, ging der Marsch los. Durch Urwälder und Savannen, bis die beiden Wanderkameraden eines Morgens am Ufer eines Riesenstromes (wohl des Rio de la Plata) standen. Der Mestizenindianer stiess drei seltsam klingende, schrille Schreie aus, die er dreimal wiederholte. Es dauerte auch nicht lange, und von einer Insel, inmitten des Stromes, stiess ein Kanu ab, mit mehreren Männern und einer Squaw besetzt. Es waren waschechte Indianer. Pablo hatte von Francisco in deren Sprache das jüdische Glaubensbekenntnis erlernt, und rief es ihnen entgegen. Freudig antworteten sie mit denselben Worten auf den frommen Gruss. Dann nahmen sie den Fremdling und den Mestizen mit auf ihr Inselreich, wo etwa 300 jüdische Indianer zusammenlebten. Genau .wie ihre heidnischen Stammesgenossen wohnten sie in Zelten und trieben Jagd, Ackerbau und Viehzucht. Aber — anstatt zu den Göttern der Rothäute beteten die Indianer vom Stamme Reuden, und die auf einer Nebeninsel Lebenden, vom Stamme Joseph, zum einig-einzigen Gott. Pablo hörte,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.