Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 30 (29.7.1937)
- Date
- 1937-07-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XVI. Jahrgang / Nr. 30 Berlin, 29. Juli 1937 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141-45 Telegrammadresse: Centralglauben, Berlin Postscheckkonto. Berlin <0o44. Die C.-V.-Zeitung ersdieint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschhiss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen Zustellung erfolgt ^J^^J^^0^^^^^^ boten erhebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügl. 18 Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 2,30 RM (umgerechnet die Landes^rong) nummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht kein Ansprach auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. - Anzeigengebuhren: Preisliste a. gnltig.?'6ftr für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise s. Preisliste! Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. - Anzcigenschluss: Dienstag. Platzu. Patentorschnften ohne Verbindlichkeit. Vor dem Züricher Kangrem fu \ l A. H. In die kurzen Wochen des bevorstehenden Augusts' drängen sich bedeutsame jüdische Ereignisse zusammen. Schon die üblichen Kongresse der Zionistischen Weltorganisation beanspruchten seit Kriegsende die Aufmerksamkeit der jüdischen und des an der praktischen Bewältigung jüdischer Probleme interessierten Teiles der nichtjüdischen Welt. Ebenso sorgfältig wurden Verlauf und Ergebnisse der seit einigen Jahren sich an den Kongress anschliessenden Jewish - Agency- Tagung beobachtet. Was sich in diesem Jahre in Zürich abrollen wird, muss an Wichtigkeit alle früheren Tagungen übertreffen. Es geht um die Stellungnahme der in der Palästina-Frage legitimierten jüdischen Institutionen zum Peel-Bericht, d. h. zum Plan einer Teilung Palästinas und der Errichtung eines eigenen jüdischen Staates.- Vierzig Jahre nach dem ersten Zionistenkongress in Basel und zwanzig Jahre, nachdem die heute so umstrittene Balfour- Deklaration ergangen ist, steht der politische Zionismus in seiner Beziehung zu Palästina vor einer völlig neuen Situation, vor völlig neuen Aufgaben. Es scheint fast, als ob es eine Art Generationenfolge der Probleme und Ideen gäbe. Das politische Gesetz, unter dem das Palästinawerk 1917 angetreten ist, wirkt in den Schwierigkeiten fort, die heute bestehen. Damals, während der letzten Kriegsjahre, waren, um grosszügige englische Absichten der Verwirklichung zu nähern, teils der Zionistischen Weltorganisation, teils arabischen Fürsten Versprechungen gegeben worden, die mehr oder weniger formulierten Charakter hatten. Die Neuordnung des Vorderen Orients gewann jedoch, kaum dass der Versailler Vertrag und die Pariser Vorstadtverträge unterzeichnet waren, so sogar noch während der Verhandlungen über die Unterzeichnung, seine eigene Gesetz- ( mässigkeit, der auch Palästina unterliegen musste. Es hätte aller geschichtlichen Erfahrung widersprochen, wenn Staaten, geboren inmitten von Kriegshandlungen und Friedenverhandlungswehen, völlig frei von Entwicklungsänderungen und -Störungen sein sollten, denen jede bewusste politische Konstruktion der internationalen Politik ausgesetzt ist. Und vor allem durfte nicht übersehen werden, dass, so statisch auch der imperiale englische Wille ist, so dynamisch seine Methodik, mit der er sich durchzusetzen pflegt. Man kann nun nicht auf der einen Seite einerseits freudig zustimmen, wenn in der Polemik gegen die Absichten des Peel-Plans auf alle Künstlichkeiten des Versailler Vertrages In dieser Nummer finden unsere Leser u. a.: Die Aufsätze Dr. Fritz Bauer-. Panorama in Helsingör — Mala Laaser: Karl und Manci, Novelle — Kurt Pinthus: Neue Romane — Dr. Hans Kaiisch: Der Jahresbericht des High Commissioner Die Beilagen Buch und Kunst — Wirtschaft der Woche — Kinderblatt — Sportblatt — Palästina- Umschau warnend hingewiesen wird, und auf der anderen Seite übersehen, dass Mandatssystem und Völkerbund ja auch ihrerseits nur Teile dieses gleichen Vertrages sind. Der politische Zionismus musste von dem Augenblick an, der Palästina in ein internationales System einordnete, auch wenn sein Aufbau im wesentlichen durch jüdische Arbeit, jüdische Menschen und jüdisches Geld bewirkt werden sollte und bewirkt wurde, mit dem Risiko rechnen, dass aus allen diesen Zusammenhängen einmal auch Rückschläge erwachsen müssten. Die offizielle zionistische Politik war darum klugerweise bis heute auf die geschickte psychologische Behandlung der für. Palästina bestimmenden internationa-. len Faktoren eingestellt. Sie wird nun zu überlegen haben, ob sie die fraglos grosse Enttäuschung über die augenblickliche Lage zur Konsequenz einer Drehung um 180 Grad veranlassen soll und darf. Denn Politik geschieht ja nicht im luftleeren Raum, sie muss, von allem anderen abgesehen, mit den Partnern rechnen. So wird sich auch der Zionismus die Partner genau ansehen müssen, die er im Falle eines Richtungswechsels seiner Aussenpolitik gewinnen könnte, und dabei zu prüfen haben, wo die grössere Zuverlässigkeit, das deutlichere gemeinsame Interesse und das Versprechen der längeren Haltbarkeit in Hinsicht auf die aus dem Augenblick gewonnenen Verabredungen zu finden sind. Denn dass die freudige Förderung jüdischer Aufbau- oder Staatlichkeitswünsche an sich schon ein bestimmender Faktor bei irgendeiner der beteiligten Mächte sein könnte — das anzunehmen würde von politischer Naivität, von mangelnder geschichtlicher Erfahrung zeugen. Der Zionismus wird daher wie bisher, da er einein ihren Grundlagen politische Bewegung ist. mehr auf die weltpolitischen Realitäten zu achten haben, auch wenn sie ihm im Augenblick sehr schmerzliche Entschlüsse abzwingen, als auf platonische Erklärungen zu vertrauen und sich dabei auf praktisch unerprobte neue politische Grundlagen zu stellen. Kein Jude wird über ein mögliches Fiasko des politischen Zionismus oder der traditionellen zionistischen Politik Genugtuung empfinden. Es handelt sich jetzt auch gar nicht mehr darum, ob man dem Zionismus zustimmt oder ihn ablehnt. - Es spricht dabei auch nicht mit, dass heute Menschen aller jüdischer Richtungen in Palästina neue Heimat gefunden haben oder drüben Angehörige besitzen. Sondern: ein in der ganzen Welt sichtbares jüdisches Werk ist gefährdet, und für seine Erhaltung müssen alle erforderlichen moralischen und materiellen jüdischen Kräfte eingesetzt werden. Darum haben diesmal auch die Nichtzionisten schon vor der Agency-Tagung das Recht, ihre Auffassung zu äussern, denn die Agency wird weitgehend durch die Kongressbeschlüsse präjudiziert, und diese wirken auch auf die Nichtzionisten zurück. Aber nicht nur deswegen haben die Nichtzionisten Anspruch darauf, dass man diesmal ihre Stimme stärker beachtet, sondern auch weil, in nichtzionistischen Kreisen die Lage zwar nicht mit geringerem Ernste, wohl aber mit gedämpfterer Leidenschaftlichkeit beobachtet und beurteilt wird, — und es handelt sich diesmal nicht darum, dass der Kongress durch glänzende Reden interessant wird, sondern dass er ein Höchstmass an politischer Wirkung für das Palästina-Werk erzielt. Und es wird weniger auf den Beifall oder auf die Ablehnung der Fraktionen ankommen, als auf den sachlichen Ernst und auf das Verantwortungsgefühl, mit dem der Kongress seine Aufgaben bewältigt. Davon wird es abhängen, welche moralische Wirkung er auf die allgemeinen politischen Kräfte ausüben wird. Ihm ist eine Führung zu wünschen, die stark genug ist, auch zeitweise Unpopularität zu ertragen. Je stärker sich der Kongress als Mandatar einer solchen jüdischen Stimmung fühlt und je weniger er seine Arbeit in der Erörterung von Schuldfragen für dies und das und in der theoretischen Zergliederung von Einzelfragen erblickt, um so geschlossener wird das Bild sein, das er selber bietet und um so einheitlicher das Echo, das er finden wird. Wesentlich hierfür wird aber auch sein, dass er sich das Augenmass für die Grössenordnung des Palästina-Aufbaus inmitten der gesamten jüdischen Weltsituation bewahrt, und auch jenen Fragen mit überparteilicher Grosszügigkeit Raum gibt, die ausserhalb des Palästina-Aufbaus für das Schicksal der jüdischen Millionenmassen bedeutsam werden können. Sicher- - lieh würden solche Stimmen aufmerksame Hörer innerhalb der englischen politischen Kreise finden. Man sagt, dass die Grösse einer Gemeinschaft danach zu beurteilen sei, wie sie ihre Geschichte deute. Wir glauben, dass die Bedeutung einer Gemeinschaft ebensosehr aus der Form abgelesen werden kann, wie sie selbst Geschichte macht. Kolumbien Neue Einreise-Bestimmungen — Neue Möglichkeiten Das neueEinwanderungsgesetz Kolumbiens, das im Februar dieses Jahres veröifentlieht wurde, brachte, ganz im Sinne der bisherigen Regelung, keinerlei Erschwerung für Einwanderer aus Deutschland. Die neuen Einwanderungsbestimmungen' schreiben deutschen Staatsangehörigen und Angehörigen anderer west- und südeuropäischer Staaten ein Landungsdepot von 250 Pesos (etwa 460 RM) vor (ausgenommen Kinder unter 17 Jahren, soweit sie mit ihren Eltern reisen), das nach Ablauf von zwei Jahren dem Einwanderer zurückgezahlt wird, wenn er nachweist, dass er sich für die Dauer im Lande niedergelassen hat, einen ehrenhaften Beruf ausübt, eine einwandfreie Führung bewahrt hat und über ein Kapital von über 1Ö00 Pesos verfügt. Angehörige osteuropäischer Staaten und Staatenlose müssen ein Depot von 1000 Pesos für das Familienoberhaupt hinterlegen: für die übrigen Familienmitglieder stuft sich das Depot bis auf 100 Pesos für Kinder unter zehn Jahren ab. Das 1000-Pesos-Depot wird erst nach fünf Jahren zurückgezahlt, wobei ausser den oben genannten Erfordernissen noch bewiesen werden muss, dass das Vermögen des Einwanderers mindestens 3000 Pesos beträgt. Von den Vorzeigegeldbestimmungen können deutsche Staatsangehörige unter Umständen befreit werden, w-enn ein von der zuständigen kolumbianischen Behörde autorisierter Arbeitsvertrag, der aber nur sehr schwer zu erlangen ist, vorgelegt wird. Für Einwanderer deutscher Staatsangehörigkeit bringt die Buchung bei einer englischen Schiffahrtslinie noch die besondere Vergünstigung mit sich, dass das erforderliche Landungsdepot nur zu 21 Prozent in Devisen bzw. in freier Reichsmark aufgebracht werden muss, während 79 Prozent in Deutschland in Reichsmark bei einem von der Schiffahrtsgesellschalt konzessionierten Reisebüro hinterlegt werden können, um nach Eintreffen des Einwanderers in Kolumbien auf Sperrkonto zu gehen, oder nach Freigabe durch die Devisenbewirtschaftungsstelle einem Angehörigen in Deutschland zugeteilt zu werden. Auch Kolumbien ist kein Land, das dem Einwanderer eine Existenzmöglichkeit bietet, wenn er nicht selbst die Grundlagen — mögen sie in seiner Person oder in seinen finanziellen Kräften liegen — mitbringt. Den Inhalt der Merkblätter, die die kolumbianischen Komitees den zuständigen Hilfsstellen zugänglich machen, kann man in den einen Satz zusammenfassen: Aussichten für das Vorwärtskommen sind gegeben für sprachenkundige Kaufleute und Kleingewerbetreibende mit Kapital, für Landwirte mit Kapital und für tüchtige Handwerker. Im einzelnen lässt sich dazu folgendes sagen: Kaufleute mit perfekten spanischen Sprachkenntnissen finden auch als Angestellte ein Unterkommen; kommen zu den spanischen Sprachkenntnissen noch engliche hinzu, so dürften ihre Gehälter mehr als ausreichend sein. Wer mit Kapital , nach Kolumbien kommt, sieht sich einer Fülle von aussichtsreichen Möglichkeiten in der Industrie, im Handel, in der Landwirtschaft, im Hotelwesen, im Transportgewerbe oder in anderen Branchen gegenüber. Schon mit einem Kapital von wenigen 100 Pesos können sich Einwanderer mit Initiative und Unternehmungsgeist, die die notwendigen Werkzeuge, Maschinen, usw., aus Deutschland mitbringen, einen kleingewerblichen Betrieb errichten, der unter der Voraussetzung, dass vorzügliche Arbeit geleistet wird, imstande ist, seinen Inhaber auskömmlich zu ernähren. Als übersetzt gelten im Kleingewerbe vor allem die Möbeltischlerei und die Konfektionsbranche. In fast allen anderen Gewerbezweigen (z. B. Lebensmittelbranche, feine Massschneiderei u. a.) sind noch gute Chancen gegeben. Der Tätigkeit von Vertretern ist durch die kolumbianische Devisengesetzgebung gewisse Grenzen gesetzt. Nachdem e>t\va während eines halben Jahres der deutsch-kolumbianische Warenaustausch völlig gestockt hatte, — es traten bei der Abfassung eines neuen Handelsvertrages Stockungen auf —,'renkt sich jetzt der deutsch-kolumbianische Warenverkehr allmählich wieder ein. Der neue Handelsvertrag wurde vor wenigen Wochen in Berlin und Bogota ratifiziert, so dass die am Warenverkehr mit südamerikanischen Staaten interessierten deutschen Banken und Handelskammern ihre an die deutschen Exporteure gerichtete Warnung vor dem Abschluss kolumbianischer Geschäfte ruckgängig gemacht haben. Vertreter deutscher Firmen in Kolumbien können also jetzt wieder damit rechnen, die Devisengenehmigung zur Einfuhr deutscher Waren und damit diese Waren selbst zu' erlangen. Einzelne Branchen des Einzelhandels sind bereits überfüllt, so dass im Vorjahre schon ernsthaft in Erwägung gezogen wurde, Neuein-. Wanderern die Errichtung eines Einzelhandelsgeschäftes während der ersten fünf Jahre ihrer Anwesenheit im Lande zu verbieten. Selbständige Betätigung in der Landwirtschaft setzt im allgemeinen ein Kapital von mindestens 1000 Pesos voraus, selbst wenn dem Einwanderer Land zur Urbarmachung von der Regierung umsonst zur Verfügung gestellt wird. Für intensive Kleinbetriebe in Grossstadtnähe (z. B. Hühnerzucht, Milchwirtschaft) sind dagegen die Aussichten, nicht ungünstig. Selbständige Handwerker haben in fast allen Berufssparten recht gute Aussichten. Voraussetzung ist jedoch, dass Werkzeuge und wenigstens ein kleines Anfangskapital für Miete und Einrichtung der Werkstatt zur Verfügung stehen. Wie bei den kaufmännischen Berufen, so besteht auch bei Handwerkern ein starker Drang zurSelbständigkeit, die unvergleichlich grössere Aussichten bietet als.