Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 29 (22.7.1937)
- Date
- 1937-07-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 * 3. Beiblaff 22. Juli 1937 - Seite 11 Gedichte Von Margarete Bernstein I. Sonne, tief sankest du in den Horizont, Tiefer aber in mein jauchzendes blutendes Herz. Tiefer fühle ich als von Menschen Den Abschied des goldenen Gestirns. Arm ist der Mensch, der vorbeigeht Unbereicherten Gemütes An dem göttlichen Schauspiel, Nur beschäftigt mit seinem Alltag. Ich aber, deren Seele jauchzet und blutet Ob jeder Schönheit der Natur, Lege mein Haupt zu Füssen des Ewigen, Und weine, weine und jauchze seinem Werk. IL Sonne, tauchst du empor, ein leuchtender Streifen Das Dunkel der Nacht zu verdrängen? Seh ich dich steigen, steigen, golden bescheinend Das im Dämmer spielende Meer? Immer höher und höher Durchdringst du die Nebel der Nacht. Bis jubelnd der Morgen Das Meer gygantisch aufpeitscht! Du nimmst deinen Lauf j Vom Morgen zum Mittag t Vom Mittag zum Abend, I Immer das gleiche königliche Schauspiel. I Und wieder lausche ich in die Nacht I Weitend die Tiefen der Brust, Bis das Herz aufbricht » Vom Sturm übergrossen Leides. Vier Generationen Zu Max Lieberraanns 90. Geburtstag (20. Juli 1937) Es ist nun fast ein Jahrzehnt her, da sass ich Max Liebermann im Arbeitszimmer seines schönen Hauses am Pariser Platz in Berlin gegenüber. Er stand noch ganz unter der Nachwirkung all der Ehrungen, die ihm zu seinem 80. Geburtstag zuteil geworden, Ehrungen,' die ihn sichtlich erfreuten und beglückten, die er aber doch weniger auf seine Person, als vielmehr auf seine Kunst bezog. Dass ihr die Anerkennung geworden, um die er jahrzehntelang hatte ringen müssen, empfand er tief und dank- Jüdische Studenten in Amerika Nicht nur in Ost- und Mitteleuropa ist die Zukunft der studierenden jüdischen Jugend problematisch. Auch in Nordamerika, in den Vereinigten Staaten wie in Kanada, sind die medizinischen und juristischen Berufe überfüllt, und um die Absolventen der Hochschulen vor Enttäuschungen zu bewahren, wird bereits von den Möglichkeiten einer Regulierung gesprochen. Zunächst einmal hat man versucht, das gesamte, m Frage kommende Menschenmaterial statistisch zu erfassen, um, was unter den amerikanischen Verhältnissen nicht einfach ist, überhaupt einen üeberblick zu gewinnen. Um die Situation zu würdigen, muss man folgendes bedenken: Die jungen Leute, die sich Jahre lang auf den Schulen und Universitäten redlich abgemüht haben, besonders aber diejenigen, deren arme Eltern sich die Bissen vom Munde abgespart haben, um es ihnen zu ermöglichen, und diejenigen, die selbst für Schulgeld und Unterhalt durch schwerste Arbeit in Fabriken und Geschäften aufgekommen sind, stehen nun hoffnungslos vor ihrem neuen Beruf, iur den sie ihre besten Jahre und Kräfte umsonst hingeopfert haben. Das Intellektuellen- Proletariat wächst unheimlich, die Chancen werden geringer, es gibt längst und besonders m den grossen Städten „mehr Aerzte als Patienten" und mehr Advokaten als Prozesse. Um so trauriger steht's mit den Eltern, deren teuer bezahltes Ideal, wenigstens die Kinder in besseren Verhältnissen, in „besseren" Berufen zu sehen, schwer enttäuscht wird. Die Sorge um den akademischen Nachwuchs beschäftigt die Verantwortlichen und Wortführer des amerikanischen Judentums seit einiger Zeit, ohne dass es ihnen bisher gelungen wäre, den Zustrom zu dämmen. Die Hillel-Foundation hat ihre langwierigen Untersuchungen jetzt abgeschlossen, und offenbar die erreichbaren Angaben festgestellt. Es gibt in den USA und in Kanada etwa 1500 Hochschulen, Colleges und Universitäten, von denen 91 Prozent erfasst werden konnten, so dass ein ziemlich genaues Bild zu machen ist. Ins Gewicht fällt, dass die Statistik m 55 grösseren Städten und in 15 der grössten Staaten vollständig durchgeführt werden konnte. Alles in allem haben die. USA und Kanada 1 150 000 Studenten, davon sind 105 000 Juden, also an 9 Prozent. Dieser Prozentsatz ist betrachtlich genug, zumal die Juden nur 3^ Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, die Zahl der Studenten also dreimal so hoch ist, wie sie der normalen Proportion entspräche. Dazu ist wie zu allen Wertungen der jüdischen Akademikerziffern allerdings ' zu bemerken, aass die Basis solcher Statistiken rechtmässig nicht nur in dem Verhältnis zur GesamtbevölkeiUng, sondern treffender im Verhältnis zu den sozialen Schichten, den Grossstädten, usw., zu suchen wäre, aus denen sich die Studenten zu rekrutieren pflegen. Von den jüdischen Studenten sind 90 Prozent in 113 Hochschulen zu finden, 10 Prozent in 729 Hochschulen. Geht man von diesen Ziffern aus, so kommt in Nordamerika je ein Student auf 42 Juden, während bei der nicht jüdischen Bevölkerung je ein Student auf 110 Menschen i kommt. In New-York sind 50 Prozent der Stu-; deuten Juden, während die Bevölkerung sonst nur 30 Prozent aufweist. In den Nordoststaaten sind ähnlich 2,7 Prozent der Bevölkerung, aber 6,3 Prozent der Studenten Juden. Wiederum sind in einem Drittel der Universitäten (477) überhaupt keine Juden. Wenigstens kann man sie statistisch nicht erfassen; in einzelnen Staaten, wie in New-York und Massachusets, ist die Frage nach der Nationalität unzulässig. Die Hillel-Foundation stellt fest, dass die Max Liehermanns Urgrossmutter Frau Landsberger bar, und dass sie ihr solange versagt geblieben, erklärte er nun daraus, dass jede Kunst ihre Zeit habe. Es kam das Gespräch auf eine Berliner Persönlichkeit, die kurz vorher aus dem Judentum ausgetreten war, ganz gewiss nicht aus irgendwelchen materiellen Gründen, sondern wohl aus Protest gegen gewisse Tendenzen und Strömungen innerhalb der Gemeinde. Da erhob sich Liebermann, seine Glieder strafften sich und erregt stiess er hervor: „Da* verstehe ick nich!" Für ihn -war auch" nur ein derartiger Gedanke unfassbar. „Hier stehe ich auf dem Boden, auf dem meine Vorfahren gestanden — denen bin ich verbunden und verpflichtet," fügte er hinzu. Und nun sah ich, dass er in der Tat in 'diesem engen Raum von seinen Vorfahren umgeben war — sah die Geschichte seiner Familie in wenigen Bildern. Da hing an der Rückwand ein kleines dunkles Bild: ein Frauenantlitz mit grossen Formen, heller Stirn, umrahmt von einer mächtigen Haube, die dunklen Augen unter schweren Lidern blicken fest und klar zum Beschauer, ein mild-freundliches Lächeln spielt leise um den Mund, den Hals ziert eine Perlenkette, um die schmalen Schultern ist ein helles Schleiertuch mit Spitzenborte gespannt — fest und sicher in der Gesamtnaltung, ernst und würdig. Es ist eine Frau Landsberger, Liebermanns Urgrossmutter. Ihre Tochter war — so erzählt der Meister mir in einem späteren Briefe — „in erster Ehe mit einem Marckwald verheiratet, in zweiter mit einem Haller, der das Juweliergeschäft Haller und Rathenau Unter den Linden 33 innehatte". Eine Tochter aus jener zweiten Ehe, Philipine Haller, ward die Gattin Louis Liebermanns und ist somit Max Liebermanns Mutter. An einer anderen Wand hängt das stattliche Bildnis seines Grossvaters Josef Liebermann. Eine hagere Gestalt in langem, schwarzem Rock sitzt auf hohem Stuhl, im kleinen Büro vor dem Arbeitspult mit dem mächtigen Kontobuch. Das Antlitz ist ernst, fast sorgend der Blick, der breitgezogene Mund gepresst, zähe Energie verrät die Haltung, dabei schlicht, ohne Pose, nüchtern, sachlich. Es ist der Mann, der 1824 aus der Provinz, aus Märkisch-Friedland, nach Berlin gekommen war, hier die Fabrikation bedruckter Kattune begonnen und dabei nach englischem Vorbild den Maschinenbetrieb eingeführt hatte. Anfang der 60 er Jahre beschäftigte sein Unternehmen zirka 1000 Arbeiter. Ein Mann von starker Tatkraft, verschmähte er doch nicht heiteren Lebensgenuss. Im Alter lebte er behaglich in einem Landhaus in Charlottenburg, mit ländlichen Arbeiten beschäftigt. Die Gattin dieses Mannes war von strenger Frömmigkeit, entsagungsvolle Arbeit war ihr heilige Pflicht, die irdischen Güter galten ihr als Gabe Gottes, die sie zum Besten ihrer ärmeren Mitmenschen zu verwenden hatte. So bedachte sie in ihrem Testament Juden und jüdische Einrichtungen mit reichlichen Stiftungen. Die strenge Sinnesart dieser Frau ging auf den einen ihrer Söhne, auf Louis über, den Vater des Künstlers, der mit 22 Jahren Philipine Haller heiratete, eine heitere, lebenskluge Frau, eine notwendige Ergänzung seiner strengen, herben Art. Der Sohn hat das Eltern paar, in dem die beiden altberühmten Familien verschmolzen, 1891 gemalt, den Vater in der ganzen Wucht seiner Autorität, die keinen Widerspruch duldet, despotisch* auch den Kindern gegenüber, hatte er in Wahrheit eine weiche Seele, die er wie mit einem Schutzpanzer durch seine rauhe Art verhüllte. Ein tüchtiger Kaufmann, von Jugend auf im väterlichen Geschäft, lauter in der Gesinnung, von strenger Rechtlichkeit und biblischer Einfachheit, von innerer Religiosität, die nicht an Aeusserlichkeiten sich klammerte. In diese strenge kaufmännische Atmosphäre brachte die Tochter aus dem Juwelierhause eine .künstlerische Note, den kultivierten Geschmack, der eine vornehme Häuslichkeit schuf. Ihre würdevolle Haltung wird Selbstporträt des Malers 2931 gemildert durch den warmen Blick' ihrer grossen dunklen Augen, das Erbe der Grossmutter, das weiter auf ihren Sohn, den Maler, überging. Das Bild, sein Werk, mit dem die Reihe der grossen Porträts beginnt, beherrschte den Arbeits* räum, wrar ihm immer vor Augen. Er fühlte die Erbschaft, empfand sie als Verpflichtung. Er wusste, dass seine Vorfahren Menschen gewesen, die es aus eigener Kraft, durch Intelligenz und Tüchtigkeit zu Reichtum und Ansehen gebracht, Menschen, die im Judentum wurzelten und bereit waren, in die allgemeine Kultur einzugehen, wusste, dass er dies Erbe erst erwerben musste, um es zu besitzen, durch eigene schöpferische Leistung. Wenn man nun ihn selbst in 'dieser Umgebung sah, seinen kahlen Schädel, dessen kühn geschwungener Umriss, dessen grosse Einzelformen und energievolle Züge vom Vater herstammten, während das dunkle, schwere Auge, der heisse, zehrende, Welt und Menschen fixierende und aufsaugende Blick- Erbteil der Mutter war, wie auch die feingegliederten Hände, wenn man ihn so in der Reihe seiner Ahnen denkend, redend, schaffend erschaute — dann verstand man ihn ganz. Man verstand den Maler, für den es keinen Stillstand gab: „Man muss immerzu malen", sagte er oft vor sich hin, man verstand den Künstler, dessen ganze Gedankenwelt um die Kunst kreiste, von Kunst erfüllt war, der nach Wahrheit und Klarheit in seinem Werk strebte und nach Vollendung — man verstand den Menschen, der als Fünfundachtzigjähriger die Summe seiner Existenz in einem Brief an den Verfasser in die Worte fasste: „Das Höchste, wozu es der Mensch bringen kann, ist, sich zur Freiheit durchzukämpfen, seiner Intuition folgen zu dürfen. Die Freiheit wird einem nicht geschenkt, sondern sie muss erobert werden, und dieser Kampf heisst das Leben!" Dr. Arthur Galliner Max Liebermanns Eltern Philippine und Louis Liebermann (Gemälde von Max Liebermann) Fotos (4): Arthur Galliner - Archiv imiiüiiiiiiiiiiiiiMiiininiiwiiim jüdischen Studenten besonders die berühmten, Beständen des Jüdischen Museums die ihm besten Universitäten aufsuchen, auch weil diese schenkungsweise überlassene Sammlung Si<*- sich zumeist in oder an den grossen Zentren bemund Nauheims zusammengestellt. Nauheim hat in erster Linie in Italien und Spanien gesammelt und dabei ausserordentlich kostbare Stücke ausgewählt. 130 Chanukkaleuchter, angefangen vom 15. Jahrhundert, sind zu sehen. Wertvolle Thoradecken mit indischen Stickereien, sowie aus orientalischem. Samt und Brokat, werden gezeigt. Die* Sammlung stellt eine wesentliche Bereicherung des Jüdischen Museums dar Aus Anlass der ersten Gesamtübergabe der Sammlung an die Öffentlichkeit veranstaltete die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler eine Führung, zu Max Liebermanns Grossvater Kommerzienrat Josef Liebermann finden. Eine weitere Tatsache ist bemerkenswert, nämlich dass verhältnismässig viel weniger jüdische als nichtjüdische Frauen in Amerika studieren: nur ein Drittel der jüdischen Studenten ist weiblich, sonst bilden die.Studentinnen die Hälfte der gesamten Studentenschaft H. Kunstnachrichten Die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler. Frankfurt a. M., hat aus den deren Beginn Regierungsbaumeister a. D. Fritz Nathan die anwesenden Gäste begrüssie. Der Kustos des Museums, Dr. Hermann Gundersheimer, sprach über die Persönlichkeit Nauheims und über die Grundsätze seiner Sammeltätigkeit. A. H. J. Die Ausstellung „Italienische Barockmalerei" in W i e n bringt u. a. die berühmten vier Tafelbilder aus Magnasco, dabei „Die Synagoge" aus dem Besitz des Stiftes Seitenstetten. Ferner trennten sich die Sammlungen Oskar B o n d i und Dr. Richard Neumann von wertvollen Beständen italienischer Barockgemälde für die Dauer der Ausstellung.