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Central-Verein-Zeitung · 1937-07-22 · 29 (22.7.1937) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
29 (22.7.1937)
Date
1937-07-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seife 6 C.-V.-Zeitung Nr. 29 * 22. Juli 1937 Stefan Frenkel (Violine) spielt am 25. Juli, 22 Uhr, vor dem Mikrophon des Warschauer Rundfunks. * Kammersängerin Vera Schwarz wird im Herbst mit Riehard Tauber eine Konzerttournee durch England veranstalten. * Oscar S t r a u s hat sich zu dauerndem Aufenthalt nach Hollywood zurückbegeben; er schreibt die Musik zu dem Film „Make a wish", der im Herbst herauskommen soll." * Gitta A1 p a r singt in der ersten Septemberwoche am Budapester Lustspieltheater die Titelrolle in Offenbachs „Schöner Helena". * Fritz S t i e d r y dirigierte kürzlich im Wiener Konzerthaus u. a. Werke von Arnold Schönber g. * Am 2. August gibt der Amsterdamer jüdische Männergesangverein „Die Harfe Davids" im Rahmen der Veranstaltungen aus Anlass der Weltausstellung in Paris ein Konzert. Mitglieder eines zu diesem Zwecke gebildeten Ehrenkomitees sind u. a. der französische Gesandte im Haag und der niederländische Gesandte in Paris. * Wanda Landowska, die bekannte Cembalistin, gab im Rahmen der Pariser Weltausstellungs-Konzerte im Theätre des Champs- Elysees eine Matinee mit Werken alter polnischer Musik. * Auf der Radiobühne der Ravag in Wien fand die erfolgreiche Aufführung eines Hörspiels „Liebespaar verschwunden" von Friedrich P o r g e s statt. * Felis Saltens „Bambi", die bekannte Lebensgeschichte eines Rehbocks, wird von Walt Disney, dem Schöpfer der Micky-Maus, in Amerika verfilmt. _ Kulturbund-Spielplan der Woche Theater in der Kommandantenstrasse 57. 20 Uhr 15: ,,Czardasfürstin" 22. Juli (Abt. 27, 37), 25. Juli (Abt. 26, 36), 26. Juli (Abt. 29, 39), 27. Juli (Abt. 1, 11), 28. Juli (Abt. 2, 12), 29. Juli (Abt. 3, 13). Aula Josef-Lehmann-Schule, Joachimsthaler Strasse 13, 20 Uhr 15: 27. Juli Leo Merten (Menter): Rezitationen aus neuer jüdischer Dichtung. — Grosser Saal des Brüdervereinshauses, Kurfürstenstrasse 115/16, 20 Uhr 15: 29. Juli Alfred Auerbach : Jüdischer Humor. Neue Ausgabe von Raschis PsalmenkOOTIHeiltar / Angezeigt von Professor Dr. Isask Markow Rabbi Salomo Jizchaki (1040—1105), unter der Abbreviatur seines Namens „Rasch i" bekannt, ist der grösste Bibelexeget und Talmuderklärer aller Zeiten und aller Länder. Daher wird er oft in der hebräischen Literatur „Pareehandatha" (Erklärer des Gesetzes) genannt, also der Exeget par excellence. Der bekannte jüdische Gelehrte . Professor Abraham Berliner war der erste, der es verstanden hat, die Wichtigkeit einer wissenschaftlichen Ausgabe des Bibelkommentars Raschis hervorzuheben. Im Jahre 1866 (Berlin) ist von Berliner eine kritische Ausgabe von Raschis Kommentar zum Pentateuch erschienen. (Eine zweite gänzlich umgearbeitete Auflage, Frankfurt am Main, 1905.) Einen würdigen Fortsetzer dieser wichtigen Aufgabe haben wir in Isak Maarsen, Oberrabbiner im Haag, einem grossen jüdischen Gelehrten der Gegenwart. Maarsen hat vor einigen Jahren die ersten zwei. Teile seiner Arbeit publiziert, die eine kritische Ausgabe des Kommentars Raschis zu den „Zwölf kleinen Propheten"-und zu „Jesaja" enthalten. Diese Publikationen sind in der wissenschaftlichen Welt sehr warm begrüest worden. Jetzt haben wir %*or uns eine Fortsetzung dieser sehr verdienstlichen Edition Maarsens, einen 3. Teil, eine kritische Ausgabe von Raschis Psalmenkommentar (Jerusalem 1936). Bei der Bearbeitung von Raschis Psalmenkommentar hat Maarsen benutzt: Sechs Handschriften (Oxford, Leyden, New-York, Karlsruhe und Cambridge, alle aus dem 13. Jahrhundert und eine spätere Frankfurt a. M., Sammlung Merzbacher) und die erste gedruckte Ausgabe von Raschis Psalmenkommentar (Saloniki 1515). In zweierlei Anmerkungen (textkritischen und literarischen) zeigt Maarsen ungeheuren Fleiss, grosse Akribie und Sachkenntnis. Der Ausgabe geht voran eine Einleitung (hebräisch), in der Maarsen den Wert des Psalmenkommentars Raschis hervorhebt als eines Werkes, welches der Meister in seinem Alter geschrieben hat; er charakterisiert die benutzten Handschriften und gedruckten Quellen, gibt Erklärungen zur Entstehung verschiedener Lesarten und die Zeit ihrer Entstehung, weist später zugefügte Stellen nach, die von fremder Hand herrühren (teils von Schülern, teils von Kopisten) u. v. a. Zum Schluss bringt Maarsen ein Verzeichnis verschiedener Verse aus der ganzen Bibel, die Raschi in seinem Psalmenkommentar anführt, sowie Verzeichnisse und Stellen aus dem Tälmudkommentar Raschis, wo die Erklärungen mit seinen Erklärungen im Psalmenkommentar übereinstimmen und solche, wo die Erklärungen im Talmudkommentar abweichend sind. Das Buch ist auch mit einer kurzen englischen „Introduction" und einer Facsimileseite aus der Editio Princeps (Saloniki 1515) versehen. Nicht nur Gelehrte, sondern auch jeder Laie, der für jüdische Literatur Interesse hat, wird Maarsen für seine mustergültige Publikationen dankbar sein. Literarische Notizen Franz Werfel, der soeben seinen neuen grossen Roman „Höret die Stimme" vollendet hat, wird demnächst auf Einladung Paul Valerys nach Paris fahren, um dort als Vertreter' Oesterreichs an den Besprechungen der Commission Intellectuelle im Rahmen des Völkerbundes teilzunehmen. * Aus 'dem Nachlass Arthur Schnitzlers ist im Bermann-Fischer-Verlag, Wien, die „Abenteurer-Novelle" erschienen, die in einer märchenhaften Renaissance-Welt spielt. * Edith Herrnstadt-Oettingen rezitierte mit grossem Erfolg auf dem Landtag^ der Ortsgruppen des „Joodse Vrouwenraads" in Amersfoont Neue Schallplatten Bruno Walter bringt mit den Wiener Philharmonikern Beethovens Pastoral-Sinfome und_ Leonore III bei His master's voice (Dr. 3Uol—oo, Uö 2885—S6). Dr. Ar je Berger: Gemeinschaft und Gesellschaft in der Geistesgeschichte des Judentums. Beitrag zu einer Kulturpsychologie des Judentums. Verlag Kedem, Berlin 1936. „Gemeinschaft und Gesellschaft" sind Grundtypen der Soziologie, welche der deutsche Soziologe Ferdinand Tönnies in seinem vor Jahrzehnten erschienenen gleichnamigen Werk aufgestellt hat. Arje Berger nimmt sie zum Ausgangspunkt einer als Dissertation der philosophischen Fakultät Bern erschienenen Arbeit, in der er versucht, die jüdische Geschichte unter diesem Gesichtspunkt zu gliedern. Wenn auch die Kennzeichnung der talmudischen Literatur als einer der „Gemeinschaft", die der Religionsphilosophie des Mittelalters als einer der „Gesellschaft" ein wenig konstruiert erscheint, so ist der Versuch, der auf einer guten Literaturkenntnis beruht, doch interessant genug, um zu einem erneuten Durchdenken der Probleme zeitgemässer jüdischer Geschichtschreibung anzuregen. Cahnmann. Wolf S. Jacohsen: Verstreute Früchte. Verlag des Israelit und Hermon GmbH, Frankfurt a. Main 1937. Es ist schwer, die Schrift irgendeiner Kategorie von Büchern einzuordnen. Am besten nennt man sie wohl ein Predigtbuch. Die undankbare Aufgabe, in dieser Zeit «Predigten zu schreiben, ist mit grossem Geschick gelöst, weil der Verfasser wirklich etwas zu sagen hat. Er knüpft an die Gedanken unserer Lehrer seine eigenen Betrachtungen und weiss ihre Worte unserer -Zeit dienstbar zu machen, gleich, ob er über den Auszug aus Aegypten, über Gemeinschaftsfragen oder über das Führertum spricht. Gewiss, dem liberalen Leser wird es schwer fallen, der orthodoxen Geisteshaltung der Aufsätze nahezukommen. Aber die Mühe verlohnt sich. Jeder wird einen tiefen Eindruck von der Geschlossenheit der Betrachtungsweise empfangen. Fünf Monographien und .eine Reihe hebräischer Aufsätze über talmudische Themen beschliessen das Buch, dessen Reinerlös dem deutschen Keren Hathora bestimmt ist. G. F. Jüdische Lesehefte. Herausgegeben von O.Leschnitzer. Schocken-Verlag, Berlin 1937. In dieser verdienstvollen Sammlung hat der bekannte Anglist Philipp Aronstein „Speeches of British Statesmen on Judaism and Zionism" zusammengestellt und sie mit biographischen Notizen, Glossen und. Anmerkungen versehen. Die Einleitung bildet ein Abschnitt aus der Geschichte des Zionismus von Nahum Sokolow über „England und die Bibel", in dem die ganz besondere Nähe der englischen Kultur zur Bibel kurz und prägnant dargestellt wird. Dann folgt eine grossartige Parlamentsrede von 1833, in der der bekannte Schriftsteller Thomas Babington Macauiay, als Mitglied des Unterhauses die Notwendigkeit, der Judenemanzipation begründete. Dem Text der B aif o u r - Deklaration ist der Schluss einer Oberhausrede beigefügt, mit der Lord Balfour im Jahre 1922 die Uebernahme des Palästnamandats durch Grossbritannien gegen einen Antrag Lord Islingtons verteidigte. Die berühmte Rede anlässlich der Eröffnung der hebräischen Universität im Jahre 1925 beschliesst das Balfour- Kapitel, und Schulerinnerungen Lloyd Georges führen wieder zum Ausgängspunkt zurück: zu der engen Verknüpfung Englands mit der Welt der Bibel. Es sind nur wenige kurze Auszüge, die in dem kleinen, einige vierzig Seiten starken Bändchen zusammengefügt werden konnten. Aber wenn es der Sinn der Auswahl sein sollte, englische Sprachstudien dazu zu benutzen, um im Geiste der Sprache zugleich in das besondere Verhältnis Englands zum ^politischen und religiösen Judentum einzudringen, so nrnss das Vorhaben als hervorragend gelungen bezeichnet werden. _ E. R.-J. Wissenschaftliche Nachrichten Unter dem Vorsitz ihres Präsidenten Adolf Wertheimer hielt die wissenschaftliche und künstlerische Vereinigung des ungarischen jüdischen Landesmuseums ihre ordentliche Jahres- Generalversammlung ab. Führende Persönlichkeiten der ungarischen Judenheit, unter ihnen der Präsident der Pester Kultusgemeinde, Hofrat Samuel Stern, und der Rektor des Landesrabbiner-Seminars Professor Dr. Michael Güttin an n sowie zahlreiche Rabbiner, üniversitätsprofessoren und Vertreter 'der Regierung nahmen an der Sitzung teil. Anlässlich"des 70. Geburtstages von Rabbiner Dr. Armand Kaminka, Wien, ist eine Festschrift mit Beiträgen bedeutender jüdischer Gelehrter aus allen Weltteilen erschienen, die mit einer Bibliographie der von dem Jubilar während der fünfzig Jahre seiner literarischen Tätigkeit verfassten"Werke, Dichtungen Und Aufsätze in deutschen, französischen, englischen, italienischen und hebräischen Zeitschriften eingeleitet wird. Dr. Michael Gutmann, Budapest, Professor Dr. Ismar Elbogen, Berlin, Dr. Martin Buber, Horodetzky, Professor Klausner, Oberrabbiner Professor I. Zolli und Professor Salvatore Sabbadim. Professor Umberto Cassuto, Professor Isr. Davidsohn und Dozent Dr. S. Dawidowitsch u. a. haben wissenschaftliche Abhandlungen beigesteuert. Bei der Eröffnung der zweiten Tagung der österreichischen Röntgenologen würdigte Bundesminister Reech die Verdienste des Pioniers der Röntgenheilkunde, Professor Dr. Leopold Freund, und teilte mit, dass der Bundespräsident dem Gelehrten in Anerkennung seiner hervorragenden Forschertätiszkeit den Titel eines Hofrates verliehen habe. Er sprach die Hoffnung aus, dass es Professor Freund noch lange vergönnt sein möge, erfolgreich im Dienste der leidenden Menschheit wirken zu können._ In New-York starb der 1883 in Uman (Ukraine) geborene jüdische Schriftsteller Abraham Coralnik. Sein Studienweg führte ihn über Kiew, Florenz, Berlin, Bonn nach Wien, wo er als zionistischer Publizist an der „Weif* und der „Zeit" mitarbeitete. 1915 trat er in die Redaktion der jiddischen Tageszeitung „Der Tog" in New-York ein, wo er bis an sein Lebensende wirkte. * Im Alter von 63 Jahren .starb in Portland Julius L. Meier, der in" den Jahren 1931 bis 1935 Gouverneur des Staates Crogon war. Julius Meier, der im Dezember 1874 in Portland (Oregon) geboren wurde, absolvierte seine Stadien an der Universität Oregon und übte in den Jahren 1895 bis 1899 die Rechtsanwaltspraxis aus. Er betätigte sich in verschiedenen jüdischen Wchlfahrtsgesellschaften. * Im Alter von 74 Jahren starb der Oberrabbiner von Algier, Samuel Se?or. PersonlicheErinnerungen an jüdische Darstelier Von Alfred Auerbach Sonnenthcd Ich war noch Konservatorist, Schauspielschüler. Mein Lehrer, der Herr Professor, berichtet: „Sonnenthal kommt Er spielt bei uns den Nathan!" Das war in den stillen Zeiten, die nach Erregungen lechzten, ein Ereignis. Die Möglichkeit, teilnehmen zu können, die Erwartung, ob man Plätze bekomme, war eine Sorge. Man machte sich nichts daraus, an der Theaterkasse stundenlang im Regen und Wind auszuharren, man fand es herrlich, noch Galerieplätze zu erhaschen und fünf Stunden vor Beginn der Vorstellung mit Proviant in der Tasche vor der Türe zu warten, damals sagte man „Queue stehen". — „Sonnenthal kommt!" Man sprach im Kreise der Schauspielschüler tagelang von nichts anderem. Jeder wollte mehr wissen: „Er war Schneider." — „Er war Schüler von Dawison." — „So weit muss man's auch bringen." In der Unterrichtsstunde war von nichts anderem die Rede. Der Professor musste von ihm berichten; er tat es mit Verehrung: „Ich weiss von den ersten Schritten, die er tat. Er wollte zu Dawison. Aber an der Türe verliess ihn der Mut. Er beschloss, einen Brief zu schreiben, dass er Schauspieler werden wolle, er, der kleine Schneidergeselle. Er lief umher, um ein Kuvert zu kaufen und Siegellack. Der Kaufmann sagte ihm, blauer Siegel sei vornehm. Der war teuer, aber der junge Mann erwarb ihn. Der Brief ging ab. Zwei Tage darauf pochte der Jüngling an die Türe des Berühmten." Er klopfte an und sein Herz klopfte noch lauter. Dawison war etwas ironisch, als der Mann yor ihm stand, der den umständlichen Brief mit blauem Siegel an ihn geschickt hatte. Er sprach: „Kennen Sie Schillers Räuber?" „Jede Rolle darin kann ich auswendig." Dawison lächelte. „Gut, sprechen Sie den Monolog: Menschen. Menschen, falsche, heuchlerische Krokodilbrut —" Sonnenthal tobte los, Dawison begleitete seinen Versuch mit Gesten: „Mehr Feuer, junger Mann." Sonnenthai warf sich auf einen Sessel, mit soviel Wucht, dass der Stuhl unter dem Gewicht des Schneidergeselien zusammenknackte. „Gut.4' Wir lachten. Der Professor war kein Mann mit Humor, er fügte hinzu: „Ihr braucht aber nicht bei jedem Ausbruch einen Stuhl zu knacken, ihr seid keine Sonnenthals." Am Abend hatten wir unsere Plätze erstanden. Ganz oben. Zuerst mussten wir uns an die Sprechweise Sonnenthals gewöhnen, die gemütlich gaumig gurgelte. Der Mann machte einen so privat vertrauten Eindruck. Die von unsrem Herrn Professor verschriebene Technik war hier gar nicht da. Ein vornehm gütiger Mensch tat da unten, was ihm sein Herz vorschrieb, es war für ihn gar niemand da, der zusah oder zuhörte, ausser den Leuten, mit denen er sich auf der Bühne auseinandersetzte. Wir spürten, dass für ihn Theater kein Theater ist, sondern das Gewissen derer, die den Sinn ihres Daseins suchen. Der Monolog: „Hm hm, wie ist mir denn? Was will der Sultan? Was? Ich bin auf Gold gefasst und er will Wahrheit", der Schalk musizierte da auf dem Herzen des Darstellers. Was die Studienjahre nicht offenbarten, das erschloss Sonnenthal mit ein paar Tönen... Die nächsten Tage war er, der „Mensch- Darsteller" still in uns am Werk. Wir wussten nicht recht, warum, aber all das Reden über die technischen und handwerklichen Dinge kam uns so lächerlich vor. In uns klang es, und die Schwingung bebte weiter. Der Professor verlangte Ausdrucksfarben nach seiner Skala. Mir kam das widerspruchsvoll vor, warum verehrte der Professor den Menschengestalter und lehrte „Geschicklichkeiten"? Wenn dann auch noch Leute von „Routine" sprachen, empörte sich mein Inneres. Sonnenthal war Offenbarung für mich. Darstellung ist Menschgewissen! Lewinsky Nun war ich am grossen Theater ein kleiner Beginner. Unter lauter alten Eingesessenen. Das war schwer, denn die alten Herren Hessen sich nichts wegspielen, sie schminkten sich noch mit 50 Jahren auf Romeo, und es galt als „Kunst", Jugend zu markieren. Alte Damen von grossem Namen machten Lachkoloraturen und taten sich als „Minna" in Lessings Lustspiel auf. Es war dann eine Raritätenaffaire. Aber das Publikum liebte diese Sensatiönchen. Es hatte Freude am Sonderbaren und hatte die Nachherplauderei darüber sehr gern. Lewinsky hatte nicht ganz den Namen wie Sonnenthal. Er gastierte mit dem Shylock. Ein kleiner, entzückend liebenswerter Mann, in den Proben bescheiden und ganz ohne die Manieren der „Illustren". Weiss nicht warum, ich fiel ihm auf und spielte doch nur den kleinen Schreiber im Gerichtsakt, war ja erst ein paar Monate an der grossen Bühne und natürlich auch „bescheiden". Er kam und sah mich durchdringend an: „Ganz nett, junger Mann." Ich wurde rot und verlegen. „Noch schlichter!" „Es sind ja nur ein paar Worte, Herr Lewinsky." „Oho, auf der Bühne gibt es keine paar Worte, nur Persönlichkeiten." Da hatte ich mein Urteil, es sass fest. Lewinsky spielte, nein, er lebte den Shylock als harmlosen Mann, der, ohne dass es seine Natur gewesen wäre, in heftige Konflikte mit der Umgebung und sich selbst gestossen wurde. Ich war froh, nicht selbst mehr zu tun zu haben, ich konnte als Zuschauer auf der Bühne dabei sein. Und als er in den nächsten Tagen den Franz Moor spielte, lief ich ihm überall in den Weg, er sass gern im Konversationszimmer und erzählte, aber nicht von sich . . . von anderen jüdischen Darstellern und ihrem Werden. Von Barnay; „Ich war Opernschüler", sagte er, „Opern- [ schüler und Hungerkünstler. Als dieser be- \ deutender, denn als jener." Lewinsky hatte so viel rein menschlichen Humor. „Damals waren Hans Makart, Gabriel Mas unsere Boheme-Gäste. Dann kam Barnay dazu Der war aus der Maurerlaufbahn davongerasf und tobte sich auf meinem armen Klavier und auf seinen Stimmbändern aus, das Klavier litt am meisten unter seinem Ansturm, es streckte zerfetzte Saiten von sich. — Die gute Mama reiste dem Ausreisser nach und quartierte ihn um, so dass er von der Boheme getrennt sein sollte. Aber die Frau hatte Pech, in dem Hause, das sie für gut fand, wohnten Ludwig Loev\J und Adolf Sonnenthal. Barnay nahm diese Fügung als Schicksalsweisung. Er zerriss wieder die Hoffnung der Mutter, die glaubte, der Sohn werde eine — solide — Laufbahn beginnen. Eines Tages rannte er zu uns: „Ion habe ein Engagement — Kinder — erster Held und Liebhaber mit 20 Fl. Gage beim Direkto" Forst." Das war in einem Dorf bei Wien, Meidling. Er hoffte, dort vom Direktor des Burgtheaters entdeckt zu werden.Von Laube. Aber er wurde von der Polizei in Meidling entdeckt und abgeschoben, weil er keinen regelrechten Pass hatte. — Das tat dem Feuerkopf nicht« er machte sich nach Böhmen auf und debuf. tierte an der Schmiere in Trautenau, fiel glan- [ zend durch. Das stärkte seinen Widerstand - \ willen, — er wurde doch der Barnay/* fi Die alten Schauspieler, die den lieben Mann l erzählen hörten, nickten respektvoll. Sie hatten grosse Achtung vor den Leuten vom Burg [ theater. Ich hatte den grösseren Respekt vor * dem kleinen, gütigen Männlein, das so herzhaft r war und so ungeschminkt. Er wies dem jungen I Menschen nach seiner Weise denselben We£ | wie Sonnenthal. I * Alfred Auerbach spricht am 29. Juli im | Berliner Jüdischen Kulturbund, Grosser Saal * des Brüdervereinshauses, Kurfürstenstrasse f Nr. 115/16, 20 Uhr 15 Min., über „Jüdischen § Huriior"s

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