Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 27 (8.7.1937)
- Date
- 1937-07-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 * 3. Beiblatt Henry Bernsteins Hoffnung (L'Espoir) Zur Erstaufführung im Berliner Kulturbund In dem weit zurückliegenden Schauspiel „Simson" von Henry Bernstein (das. den biblischen Titel nur im Gleichnis verwendet) gibt es eine scene ä faire, in der ein skrupelloser Geldmagnat den Verführer seiner Frau brutal zur Rechenschaft zieht, indem er ihn die Kraft der Fäuste eindringlich spüren lässt. In der neuen Bernsteinschen Gesellschaftskomödie „Hoffnung", mit der uns der Berliner Kulturbund soeben bekannt gemacht hat, findet sich eine Szene, die in einem vornehmen Pariser Restaurant spielt und einen jungen, im Boxen geübten Sportsmann in handgreiflichen Konflikt mit einem Gesandtschaftsattache bringt. Aber während in jenem älteren Stück der Vorgang mit effektvoller Steigerung sinnfällig auf die Bühne verlegt wird, bleibt er in „Hoffnung" ganz unsichtbar: man fühlt nur die Reflexwirkung, die von ihm ausgeht, und der indirekte Bericht der Beteiligten tritt an die Stelle unmittelbarer Anschauung. Dieser Unterschied in der Vergegenwärtigung eines dramatischen Vorgangs charakterisiert am deutlichsten den inneren Wandel, der sich im Schaffen Henry Bernsteins, eines der repräsentativsten Dramatiker des modernen Frankreich, in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat. Nichts mehr von den aufrüttelnden Gewaltsamkeiten einer Szenenführung, die mehr an die Nerven als an die Seelen der Zuschauer rührte; kein geheimnisvoller Diebstahl mit den Martern ehelicher Inquisition wie in „Le Voleur" („Der Dieb"), dem am meisten gespielten Stück Bernsteins; kein Revolverschuss, der eine Spieler- und Ehetragödie schreckhaft endet wie in „Baccarat"; keine' sensationelle Enthüllung von Familiengeheimnissen, die das jüdische Problem berühren wie in „Israel". Statt dessen strebt Bernstein, ehemals ein gelehriger Schüler Sardous und seiner ebenso knalligen wie imponierenden Spannungstechnik, in seinem neuen Stück leisere, intimere, geräuschlosere Wirkungen an, und nur eine einzige Szene im vierten Akt von „Hoffnung" verrät noch etwas von den früheren dramatischen Keulenschlägen, für die man in Frankreich die Formel bereit hat: C'est du theätre. Aber es scheint, als ob der gewandelte Autor nun von einem Extrem ins andere verfallen ist: die zarten Akzente sind jetzt zu dicht gesetzt: die Handlung, die vom Psychologischen her bezwungen werden soll, gibt mehr verhaltene Seelenschwingungen als seelische Konflikte mit spürbarem Wellenschlag her, mehr sacht Angedeutetes als dramatisch Gestaltetes. Klar umrissen, und, wenn auch nicht in der Tiefe erfasst, so doch entwickelt und zu Ende geführt ist nur das Hauptmotiv: der beherzte, aufstrebende junge Mann zwischen Schwester und Stiefschwester, von denen er die eine, die ihm in ihrer mondänen Oberflächlichkeit wesensfremd geworden ist, als ihr Verlobter im Stich lässt, um bei der anderen, der Solideren und Gemütvolleren, das Glück der Ehe zu finden. Die Jahreszeiten der Kastanie Von Leo Hirsch I Geborsten sind die Kupfersiegel Der Knospenkuppeln vor dem grünen Drängen Der Blättchen, die, unflügge Flügel, Noch lichtbetäubt, schon zart befiedert hängen. Noch beugt sie jeder Tropfen Regen Und überrieselt ihre dünnen Rippen. Sie furchen, bäumen sich entgegen Und werden Rinnen, Zungen, Regenlippen. Starr steht der Stamm,sclrwarz trieft die Rinde, Tief tönt der Wurzel Durst im Rausch der Tropfen: In jedem Zweig pulst himmlisches Herzklopfen, — Gib, dass auch ich so deine Flut empfinde! II Schwarz steht der Stamm und reckt die Knorrenarme Der Aeste in das Mittagsfächeln, Die grün gefächert, hochgewölbt im Schwarme Der Schmeichelwinde flüsternd lächeln. Der Zweige Flüstern zwitschert silbergolden Frohlockmusik aus Amselkehlen; Zu rosenweiss entflammten Blütendolden Erblühn des Bäumelächelns Seelen. Aus jedem Zweig, Blatt, Kelch und Blütenstäube Strömt's in ein Blühgejauchz zusammen, Lichtdunkel, lichtsatt strotzt der Baum im Laube: So lass mich flüstern, lächeln, flammen! Doch in dem engen Familienmilieu, in dem sich dies ernste Changez les femmes ganz unproblematisch abspielt, taucht manches andere ungelöste Problem auf: das Verhältnis des Vaters zur Stieftochter, der seine stille, uneingestandene Liebe gehört; die Beziehungen Jenny Bernstein Fot. Abraham der beiden ungleichen Schwestern zueinander, die, in demselben Hause aufgewachsen, von demselben Mann umworben wurden; vor allem aber die Tragödie der alternden Frau und Mutter, in der des Lebens Pulse noch frisch und lebendig schlagen und die instinktiv fühlt, wie sie durch die Tochter aus erster Ehe aus dem Herzen des eigenen Mannes allmählich verdrängt worden ist. Diese Mängel in der Oekonomie des Stückes sind bei der erfolgreichen französischen Aufführung offenbar ganz in den Hintergrund getreten, und auch die überbetonte Sentimentalität der Vorgänge wurde nicht als eine besondere Belastung der Bühneuatmosphäre empfunden. Man hielt sich bei dieser Aufführung in der Hauptsache wohl an zweierlei: an die alte grosse Bühnentradition, die in Bernsteins Komödie bis auf das bürgerliche Rührstück Diderots zurückgeht, dann aber auch an die Beschwingtheit und die abwägende Grazie des Dialogs, an die langue literaire parlee, wie die Goncourts sagten, die in der handfesten deutschen Uebersetzung von Bobert Blum nicht den III Noch lugen alle Waldrandhecken Mit Brombeer-Augen in die Welt, Noch sonnen sich die Weinbergschn:.. Und gelbe Gräser recken Die Köpfe aus dem Stoppelfeld. Die mahagoniroten, kecken Kastanien sprengen überall Die Wölbung grüner Stacheldecken Und fallen wie vor Schrecken Und schlagen auf mit leisem Prall. Die ersten reifen Früchte fallen Und glühen dunkelrot im Grün Des Grasmeers, riesige Korallen. Der Baum steht auf den Knien Inmitten, betend: Nimm mir alle! IV Stumpfe Stämme stützen Dumpf die regenzernetzten Aeste gegen den W7ind. Rostwelk modern die letzten Blätter in den Pfützen, Die am Fuss der Gehetzten Wie Blutlachen sind. Die Blutlachen zieren Morgen Eisblumensäume, Bis das Blut starr gerann. Schnee fällt. Nachts wird es frieren. Tode werden dann Träume. Heiter ziehen die Bäume Schneetotenkittel an. Vortrags Verlegung. Im Jüdischen Kulturbund Berlin wird a m 2 0. J u 1 i in der Aula der Josef- Lehmann-Schule statt des angekündigten Vortrages von Dr. Alfred Hir sch.be r.g sprechen: Dr. Hans Friedenthal über „Ueberwindung seelischer Schwierigkeiten durch körperliche" Erziehung, — Erfahrungen in der jüdischen Jugendarbeit —"s adäquaten Ausdruck gefunden hat. Die Berliner Aufführung von „Hoffnung", deren Regie dem vielfach bewährten Dr. Hans Buxbaum vom Hamburger Kulturbund anvertraut war, vermochte bei aller Sauberkeit in der Herausarbeitung des Details dem sentimentalen Element des Stückes nichts von seiner lastenden Schwere zu nehmen. Sie arbeitete viel mit breit ausladenden Stimmungsmomenten und hielt fast durchgehends einen con-sordino-Ton fest, der das Gespräch oft bis zum unverständlichen Geflüster herabdämpfte. Diese allzu diskrete Tonart übertrieb vor allem Willi Prag er, der den pere noble spielte — mit der müden, nur mühsam aufrechterhaltenen Würde eines vereinsamten, kranken Mannes und dem beinahe völligen Verzicht auf alle dynamischen Wirkungen. Ein ungleich lebhafteres Bild.und zugleich eine reiche Skala von Empfindungen enthüllte Jenny Bernstein als Frau Therese: anfangs ganz die Dame von Welt, sprühend in temperamentvollem Charme, dann, als sie die Zusammenhänge im Leben der Töchter erfährt, von gereizter, bis zur Hysterie gesteigerter Nervosität, und, im Schlussakt, die wehmütig Resignierende, die dem Gatten das bittere Geständnis abringen möchte, dass es mit ihr als Frau zu Ende'sei. Zwischen den Ehegatten die beiden verschieden gearteten Töchter: Gina Friedmann, die unbefangene, degagierte, heiter-strahlende Sportlady, von der man vermuten darf, dass sie ihr Schicksal als verlassene Braut sehr rasch verwinden wird, und Elfriede Borodkin,die den Platz der Stiefschwester an der Seite des jungen Malers Thierry mit liebenswertem Ernst, mädchenhafter Schlichtheit und ohne Schuldgefühl einnahm. Der begehrte Thierry selbst, der die Hoffnung und den Glauben der über die ..traurigen Mittelmässigkeiten" des Lebens hinausdringenden neuen Jugend verkörpert, fand in Bert Baer einen Darsteller von keck zugreifender, sympathischer Frische. Die Episodenrolle des flirtenden Gentleman-Boxers, der nach dem ersten Akt bereits vom Schauplatz abtritt, gab Fritz Benscher mit lässigen jugendlichen Lebemannsmanieren. Das Stück wurde, besonders am Schluss, mit starkem Beifall aufgenommen: doch darf man sich nicht verhehlen, dass dieser Beifall mehr dem Respekt vor der gebotenen Leistung als einer echten, inneren Teilnahme entsprang. Dr. Hugo Lachmanski. Molieres „George Dandia" im Jüdischen Kulturbund Rhein-Ruhr Nicht immer gutwillig geht das mit Zeitproblemen befasste, an Zeitsatiren gewöhnte Publikum zurück in entlegene Zeiten, in denen sich Klugheit, Geist und beissender Witz an relativ harmlosen Objekten austoben. Doch hat die Aufführung durchaus vermocht, die historische Bedeutung des Dichters und Zeitkritikers Höhere zu beleuchten und uns nahezurücken. Bedauern wir auch, wo Reifröcke und der tänzerische Einschlag des Rokoko nach grossem Rahmen verlangen, die beengten Bühnenverhältni,=se, so muss doch besonders lobend vermerkt werden, dass Regisseur und Schauspieler sich Ludwig Fulda Zum 75. Geburtstag — 15. Juli Von Richard Wilde Herr Carl Fulda, der angesehene Kohlengrosshänder in Frankfurt am Main, begibt sich bekümmerten Herzens zum Ordinarius der Untertertia des städtischen Gymnasiums. Er will aus berufenstem Mund erfahren, warum man Ludwig, seinen hoffnungsvollen Äeltesten, mit einer Arreststrafe .belegt hat. Und wieder, wie so oft schon, ärgert er sich, dass er vor seiner klugen, energischen Frau und deren beiden Onkeln (der eine ist der Tübinger Universitätsprofessor Leopold Pfeiffer) die Segel gestrichen hat Wenn es nach seinem Kopf gegangen wäre, hätte Ludwig das Philanthropin, die jüdische Realschule, absolviert, um dann auf den späteren Eintritt in die väterliche Firma vorbereitet zu werden. Aber nein, die drei Verschworenen wussten es ja besser: Sie unterstützen Ludwigs Versponnenheit in unfruchtbare dichterische Phantasien, seine „Lust zu fabulieren*', und sie ruhten nicht, bis sie glücklich durchgesetzt hatten, dass der Junge aus dem'Philanthropin in die Untertertia des Gymnasiums übersiedelte, um den Grund für ein künftiges Studium zu legen. Mit zehn Jahren hatte Ludwig angefangen, Verse niederzuschreiben. Erstaunlich runde Verse, wie Herr Carl Fulda sich heimlich und nicht ohne Stolz selbst eingesteht. Es waren Epigramme, die von merkwürdiger Geistesreife, von nicht geringer Schärfe der Beobachtung zeugten. Ein „Wunderkind"? Vielleicht. Aber Herr Carl Fulda hält es aus erzieherischen Rücksichten und im Hinblick auf die Pläne, die er mit Ludwäg verfolgt, für richtiger, von der Begabung seines Sohnes nicht viel herzumachen. Er "lächelt — er denkt daran, wie er neulich ungesehen Zeuge einer Theatervorstellung war, die Ludwig für seine jüngeren Geschwister 8. Juli 1937 — Seife 13 den gegebenen Umständen ausgezeichnet angepasst haben. Den George Dandin spielte Alfons Fink mit seiner besonderen Begabung, menschliche Anständigkeit in ihrer Tiefe, in ihrem Ernst, wie in ihrer Komik zu gestalten. Seine Frau Angelique wurde von Ruth Festersen sprudelnd und graziös verkörpert. Das Paar Erna Cohn und Kurt S c h i n d 1 e r als Claudine und Lubin war herzerfrischend komisch. F r i e d e b e r g als Clitandre zeigte sich von einer neuen Seite; er spielte seinen verliebten Chevalier ebenso elegant wie leise karikierend. Julius Kobler als Herr von Sotenville gab den Reichtum seines Humors zur Freude des Publikums in diese Figur und hatte in Emmy Samuel eine gültige Partnerin. George Dandins Knecht Colin wurde von Rutkowsky derb-komisch und entsprechend dargestellt. Die Spielleitung hatte Willibald F r a e nlt-e 1. Die Frage des Bühnenbildes war durch Egon Markus geschickt und geschmackvoll gelöst. Dag Publikum zeigte sich für einen heiteren Abend dankbar. L. S. Konzerte und Vorträge im Reich Die Kölner Jüdische Kunstgemeinschaft tat gut daran, sich in ihrem letzten Konzert die "Mitwirkung der Pianistin Ilse Sass zu sichern, die ihre starke Musikalität, ihr feines Stilempfinden und ihre vollendete Technik in Werken von Rameau (bearbeitet von Godowski), Scarlatti und Mendelssohn erneut unter Beweis stellen konnte. Julius Lenz, ehemals geschätzter Bassist an der Kölner Oper, brachte in der ihm eigenen Verinnerlichung mit viel Geschmack und edler Tongebupg Kompositionen von Pergolese und Mendelssohn. Ilse Sass bewährte sich wiederum als vornehme Begleiterin. Herzlicher Beifall wurde den Künstlern zuteil. —yo— Im Kulturbund Halle sang sich die gefeierte Altistin Susanne Löwenstein, Berlin, mit Liedern von Gluck. Mendelssohn, Dvorak sowie Arien von Verdi, Saint-Saens und Bizet in die Herzen eines begeisterten Publikums. Als gewandter Begleiter waltete auch diesmal wieder Kapellmeister Leo S c h ö n r b a c h, Halle. — In einem heiteren Abend mit Alfons Fink, Berlin, blieb auch kein Auee „tränenleer". Mit ausserordentlichem Applaus dankte das zahlreich erschienene Publikum den Darbietungen des Künstlers. Das Konzert des ..Hasomir" (Hamburg) in den Synagogen zu Rostock und Schwerin bildete den Höhepunkt der Winterarbeit des Kulturbundes Mecklenburg. Der Chor unter der straffen Leitung seines bewährten Dirigenten Oberkantor Hermann Sieb er begeisterte durch den Vortrag hebräischer und jüdischer Volksweisen. Besonderen Beifall fanden die synagogalen Gesänge von Oberkantor Sieber. Die Solopartien in den Chören sangen Ch. W a w i d o w i t s c h (Tenor) und S. Falk (Bass). Die Begleitung am Klavier besorgte geschickt L. F i n k e 1. Den Violinpärt spielte Herr Z u 1 c i n s k i. Der Breslauer Pianist Josef Wagner hat sich um die Musikpflege in unserem jetzt so eng begrenzten Rahmen durch die regelmässige Veranstaltung von Kauskonzerten, in denen zum Teil prominente Sänger und Instrumentalisten mitwirkten, ein grosses Verdienst erworben. gab. Ludwig lenkte die Drähte der Puppen, die er rasch improvisierte Worte sprechen liess. Und die waren gar nicht so dumm — manchmal blitzte sogar wirklicher Humor auf, der dem Vater ein Schmunzeln abnötigte. Kein Zweifel, in dem Jungen steckt was — schade nur, dass sein Talent ihn nicht in die kaufmännische Richtung weist... Nun sitzt Herr Carl Fulda dem Ordinarius gegenüber. Hört, dass Ludwig, der überhaupt zu allerlei Torheiten neige, so eine Art Majestätsverbrechen begangen habe: Der Lehrer des Griechischen hat seine Eigenheiten — du lieber Gott, wer hätte die nicht'?! Er pflegt beim Skandieren im Rhythmus auf eine bestimmte Stelle der vordersten Bank zu schlagen, und diese Stelle hat der Knabe Ludwig mit Tinte besudelt. Mit welchem beschämenden Ergebnis, braucht nicht gesagt zu werden — die Arreststrafe für diesen Streich ist jedenfalls vollauf verdient, ist eigentlich beinah zu mild. Und in knapper Zusammenfassung von Für und FuL Herbert Sonnen feld.