Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 26 (1.7.1937)
- Date
- 1937-07-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.26 * 2.Beiblatt wm mm mt ■ ■ WmWmm\ ■ A+m\ ■ ri 1 ar \ 1 —7I" I ^IVTfef l"| Kl If M I'JT'JtT^W-I 1 .. - ■ n & -;jn■ i -j i -I:j V-.' »•* - i# Wi^i I 141 lür i r%fli Marc Chagall / Zu seinem 50. Geburtstag am 7. Juli Vor etwa 25 Jahren lernte man auf Expressionistenausstellungen Marc Chagall kennen. Man fand, dass er in der Deformation und Destruktion des Bildgefüges etwas weit ging, wunderte sich über die Menschen, die unmotiviert in der Luft schwebten; aber schliesslich passte das auch in das Programm Fot. Abraham des Expressionismus. Heute weiss man, dass man ihn damals falsch deutete, wenn man in seiner Kunst nur die reinen Formenwerte sah. Seine Kindheitserlebnisse drängten zur Gestaltung, die ostjüdische Heimat mit ihren besonderen Sitten und Gebräuchen. .Wie er sagt, „sucht er nur die Wirklichkeit", aber diese Wirklichkeit ist. spukhaft — so wie seine Bilder — durch ihre Kümmerlichkeit, und im Bannkreis des Chassidismus, zu dem seine Eltern gehören, rettet man sich aus der Alltagsenge durch Traum, durch Glauben an Schicksalswendung und Wunder. So ist seiner Welt natürlich, was uns in seinen Bildern befremdet, dass alles Lebendige spielzeughaft und alles Tote lebendig werden konnte. Der 23jährige kommt nach Paris, das Sammelbecken, Schmelztiegel, Wahlheimat heterogener Begabungen ist; hier versteht er und wird er verstanden. Auch hier gibt es Deformation und Destruktion — den Kubismus — aber als klärendes, formales Prinzip, als Durchgangsstadium. Seine chaotische Hemmungslosigkeit wird durch den klaren Rationalismus der französischen Schulung ernüchtert und gebändigt. Das Maassebuch Von Leo Rein 3.*) Die Motive des Ma'asse-Buches Ein ebenso weites ■ Reich wie die. Entwicklungsgeschichte des Ma'asse-Buches ist das der Motive seiner. Erzählungen : und Gleichnisse. Hier vereinigen sich Orient und Okzident; jüdisches Altertum und jüdisches Mittelalter, altjüdische und allgemein-mittelalterliche Motive. Während die nicht sanktionierten Ma'asse-Büchlein ineist Bearbeitungen, oft aber nur Uebertragungen mittelalterlicher Erzählungen darstellen, ist im grossen Ma'asse-Buch der Prozess zu verfolgen, wie auch diese Stoffe ein jüdisches Gewand erhalten, auf den jüdischen Kreis zugeschnitten werden. Die im Kern älteste Schicht des Ma'asse- Buches dürften jene Märtyrerlegenden, Sagen und Gleichnisse sein, die aus der Agada des Midrasch und Talmud gezogen wurden und die oft nur Illustrationen zur jüdischen Lehre darstellen wie die Beispiele vom Wohltun, von der Busse, vom Gebet. Ein grosser Sagenkreis ist um König David und besonders um Salomo, seine Weisheit und seine Macht, gezogen. Ebenso ist, gemäss seinem häufigen Vorkommen auch in der liturgischen Literatur, der Prophet Elia eine der grössten jüdischen Sagengestalten. Er wird in zahllosen Geschichten, oft trocken und doch geheimnisvoll, als ..alter Mann" eingeführt, er erscheint den Lieblingen der Geschichten und ist ihnen Berater, Helfer und oft-Retter, Zu diesen älteren' Erzählungen tritt das mittelalterliche Element der spielmännischen Erfindungen, die nun auf jüdische Verhältnisse bezogen werden. Schon in den Erzählungen um die mittelalterlichen Rabbis spielt etwa das Motiv eine Rolle, wie Rabbi Elieser eine nachmittags gebackene Mazza noch warm und rechtzeitig zum Fest in eine weit entfernte Stadt i *)Vergl. den Aufsatz in Nr. 25 vom 24. Juni, S. 11. Er entwickelt sich allmählich zum Vertreter des jungen Frankreich. Bezeichnend der Auftrag zu Illustrationen der Lafontaineschen Fabeln, den ihm Vollard, der instinktsichere, erfolgreichste französische Verleger gibt. Chagall verzichtet, wie auch bei seinen früheren Illustrationen zu Arland, Göll, Gogol, auf dokumentarische Treue. Er gibt eine Uebersetzung in die Sphäre seiner Kunst und schafft einfallsreich und kapriziös mit elastischem Aquarellstrich und phantastischer Koloristik aus Menschen und Tieren ein lustiges Theater. Es ist seine glücklichste und liebenswürdigste Schöpfung, nicht sein charakteristisches. Denn er bleibt ein Künstler seiner eigenen Welt. Während eines zweiten Aufenhaltes in Russland im Kriege hatte er sich wieder, den Darstellungen der Heimat zugewendet. Die Krassheit und der Spuk sind den veredelndem Pariser Einfluss gewichen; aber um so reiner spricht die besondere Note, die er für die Sichtbarmachung dieser beschatteten und doch erhellten Welt gefunden hat. Bilder von betenden Juden haben echte Monumentalität im biblischen und im architektonischen Sinne. Wenn jetzt von jüdischer Kunst die Rede ist, so wird an erster Stelle Chagall genannt, um den Bildnis der Frau des Künstlers Fot. Sonnenfcid bringt — das warm weithin transportierte .Gericht war ein beliebtes mittelalterliches Motiv. An mancher Geschichte kann man mit besonderer Deutlichkeit bemerken, wie die Ma'asse jüdische und allgemein-mittelalterliche Motive vereinigt oder allgemeine zu jüdischen unibildet. So kommt in vielen Geschichten, die ersichtlich durch die Hand jüdischer Spielleute gegangen sind, der Zauberwald der mittelalterlichen Romantik vor, hinter dem sich in der jüdischen Sage noch ein Zauberhaus befindet, in dem sich die Grossen der jüdischen Geschichte ein Stelldichein geben. Die dieses Reich des Jenseits betreten dürfen, sind besondere Lieblinge der Geschichten. So gelangt Rabbi Chatlina, einer dieser Lieblinge, in einer der ihn behandelnden Geschichten in einen Zauberwald, hinter dem er ein Haus findet, in dem Mose, Aharon, die Propheten Elia und Jirmijahu Gottesdienst abhalten; Elia berät ihn zum Schluss, wie er, mittels eines Wunders, einer Fahrt auf Wolken, noch rechtzeitig zu seiner Hochzeit in eine weit entfernte Stadt gelangt. Auch in der — nicht in der Sammlung des Ma'asse-Buches befindlichen — Geschichte von Beria und Simri gerät Simri auf der Suche nach der Geliebten in solch einen Zauberwald und in das dahinter befindliche Haus, in dem er die Geliebte findet. Dass er sich hier bereits im Jenseits befindet, geht daraus hervor, dass er, als er die geliebte Beria küsst, fortan dem Reich der Toten zugehört und in es zurückkehren muss. Die Hochzeit wird denn auch im Gan Eden gefeiert, und Mose, Aharon, Salomo nehmen als Gäste, Brautführer oder sonstwie aktiv an ihr teil. Der Prophet Elia war schon vorher als Ratgeber des jungen Mannes aufgetreten. Die Umbildung mittelalterlicher Motive durch jüdische Spielleute und andere Bearbeiter bezeugt auch die Art, wie manch Rabbi seine Reise zu anderen Lehrhäusern antritt: es ist hier ersichtlich, dass er an die Stelle des Ritters getreten ist, der auf Abenteuer auszieht; nur dass der Rabbi seine Abenteuer nicht durch Waffengewalt, sondern kraft seines Gebets oder, wie es in einer anderen Geschichte um Rabbi sich in Paris eine Reihe beachtenswerter jüdischer Begabungen gruppieren. 1935 hat der schon erwähnte Verleger Vollard Chagall eine Bibelillustration übertragen, eine problemreiche Aufgabe, die der Künstler möglichst unbeschwert von der Tradition zu lösen sich bemüht. In den volkstümlich gehaltenen Szenen finden wir die Beseeltheit und das Pathos der frühen Werke, aber es ist ruhiger und harmonischer in ihm geworden, so wie es seinem Lebensalter entspricht. In den letzten Jahren hat er auch ausserhalb Frankreichs Anerkennung gefunden: in London hatte er eine Sonderausstellung, in Wilna den Auftrag zur Ausmalung einer Synagoge. Auch im jüdischen Bezirk ist seiner Kunst Erweiterung und Vertiefung zuteil geworden. Eine Palästinareise hat ihm jüdische Elemente in einer anderen als ihm bisher bekannten Form vor Augen geführt. Dr. M. St. Kurt Walter Goldschmidt 60 Jahre Meine Bekanntschaft mit Kurt Walter Goldschmidt verdanke ich keinem Geringeren als unserem ehrwürdigen Vorfahren Moses. Wie das kam? K. W. Goldschmidt und ich hatten fast gleichzeitig ein Sonett über Michelangelos Moses veröffentlicht. Dasführte uns zusammen, richtiger: führte mich zu ihm. Und seither blieb es bei diesem Gedankenaustausch, der für mich immer von neuem Anregendes und. Schönes in sich birgt. Denn von diesem Menschen, der ein still-bescheidenes Gelehrtenleben führt, geht ein starkes Fluidum von Geistigkeit aus. Diese herrlichen Stunden in. seinein Studio, mit dem erlesenen Geschmack des Aestheten ausgestaltet — Stunden, in denen wir, neben dem Dichter und Gelehrten, den gütigen Menschen K. W. Goldschmidt kennen und lieben lernen —, sie sind für uns wahre Geistes- und Herzenserquickung, Oasen in der Wüstenwanderung des täglichen Lebens. Wer gäbe ihm 60 Jahre, der seinen temperamentvollen Vortrag aus seinen schönen, meist ungedruckten Dichtungen hört, die die Farbenskala seines umfassenden Geistes, zugleich aber auch die tiefe Musikalität seiner Seele offenbaren? Kurt Walter Goldschmidt, mein Glückwunsch zum Sechzigsten sei von einer Bitte an das Schicksal begleitet: dass dein durch die Not der Zeit verstummter Mund bald wieder zu singen anhebe, dass du Auftrieb zu neuem Wirken finden mögest, aber über diesem Neuen auch das Schaffen aus glückhafterer Vergangenheit wieder zum Leben erwachen möge — etwa wie ein kostbares altes Instrument, das, Jahre hindurch unbenutzt, nun plötzlich vom Stummsein erlöst, wieder zu tönen beginnt. Edith Ii. Meyer. Die Londoner Galerie John Sparks zeigt eine Ausstellung der Chinasammlung; B a e r w a 1 d , seltene Porzellane der Ming- und Ch'ing-Dynastien. Chanina geschieht, durch Güte und durch die Hilfe der dankbaren Tiere besteht,- denen er vorher seinen Beistand hatte angedeiheii lassen. Das mittelalterliche Reich des Wunderbaren und D ä m onischen hat im Maassebuch natürlich auch seine Stätte gefunden. Die grossen Rabbis können Tote gesund beten, aber auch die Königin in der änderen Geschichte um Rabbi Chanina vermag einen Toten mit dem Wasser aus dem Paradiese wieder lebendig zu machen. Ebenso bewirkt das Gebet der frommen Rabbis, dass die Massnahmen der Feinde unwirksam gemacht werden; auch Gebete um Regen werden erhört. Solche Wunder („Ness") werden den Lieblingen der Sage gern zugeschrieben; ihnen kommt oft auch eine „Stimme vom Himmel". Ebenso gibt es Geister und Gespenster, Engel und Dämonen. Es gibt Wiedergänger, die im Grabe keine Ruhe finden, entweder; weil sie auf Erden irgendein Unrecht begangen, Sünder gewesen sind oder nicht genug Almosen gegeben haben — reiches Almosengeben galt als Bürge des Eintritts in ..jene Welt" — oder, weil bei ihrer Bestattung etwas nicht in Ornung ging: so bei dem Toten, der wieder erschien, weil der Rabbi ihm versehentlich die Sterbekleider zerrissen hatte; der Rabbi richtete sie her, und der Tote kehrte in sein Grab zurück. Andererseits kehrt der Rabbi Josse am Vorabend jeden Schabbats und Festes aus dem Grabe wieder, um seiner Frau den gewohnten Weinsegen zu sprechen, und rechtfertigt sie, als sie dadurch in falschen Verdacht gerät. Hilfreich erscheinen die Engel, um Juden in der Not beizustehen oder, wie der Engel Metatron in einer Erzählung, um einer Frau, die schwanger werden soll, das Bild ganz besonderer Schönheit und Herrlichkeit enzuprägen. Wir haben hier den mittelalterlich-romantischen Glauben an das „Versehen" der Schwangeren in einer positiven, dem Erhabenen zugekehrten Form. Viel wird auch der Todesengel (malach hamowes) herangezogen; am markantesten, Julius Levin Jüdische Dichtung zwischen den Zeiten / Von Max Freyhan Gedichte, die kürzlich aus dem Nachlass Julius Levins als Privatdruck veröffentlicht worden sind, wecken die Erinnerung an eine vielfältige geistigePeisönlichkeit und lassen das Bild eines Mannes aufs neue erstehen, der Schriftsteller und Dichter, Musikhistoriker. Arzt, Theoretiker des Geigenbaues gewesen ist und selber ein höchstes und edelstes Bemühen daran gesetzt hat, Geigen von hohem Adel des Klanges in seiner Werkstatt zu ersinnen und herzustellen. Der lyrische Band, der jetzt in unsere Hände gegeben worden ist, hat die Bedeutung, dass Julius Levin, der als Verfasser von Romanen Schätzung und Geltung gewonnen hatte, nun auch als eine literarische Erscheinung bestehen kann, der im lyrischen Form- und Ausdrucksgebilde ein eigener Ton nicht versagt gewesen ist. In dem schmalen Bande dieser Gedichte vernimmt man den dichterischen. Widerhall der Natur, den Gesang der Liebe, das Bekenntnis zum geschaffenen Werk, zum schaffenden Menschen, aber auch die Psalmen leuchten hinein in die Welt dieses jüdischen Dichters, der sich als ein religiös ergriffener Geist auch hier in seinen Gedichten darstellt, wie denn auch sein Romanwerk von diesem religiösen Fragen und Suchen bereits Zeugnis abgelegt halte. Sieht man auf das Ganze des Lebenswerks, das Julius Levin in Lyrik und Roman geschaffen und dem prüfenden Urteil hinterlassen hat, so liegt die Problematik dieser dichterischen Dokumente wohl darin beschlossen, dass der Julius Levinsche Roman wie der europäische Roman des vorigen- Jahrhunderts überhaupt der psychologischen Analyse verpflichtet war, und dass Julius Levin zugleich ein religiös Suchenderund Fragender gewesen ist, der in seinem bedeutsamsten Roman „Zweie und der liebe Gott" eine religiöse Gestalt, einen von Hiobsschicksal Gezeichneten, in den Mittelpunkt gestellt hatte. Dieser Roman Levins ist dasjenige Werk, dem in dem Schaffen dieses Autors die eigentliche und nachwirkeridsle Gültigkeit auch heute zugesprochen werden darf. Die künstlerische Methode dieses Buches ist' die psychologische Analyse. Ein Mensch lauscht in sich hinein, prüft sein Verhalten und jede Regung seiner Empfindungen. Was er an eich übt, übt er nicht minder an den anderen Menschen. Auch sie belauscht er, auch sie beobachtet er, auch ihre Gefühle seziert und analysiert er. Der Roman „Das Lächeln des Herrn von Golubice-, Golubicki" bezeugt in gleicher Weise Julius Levins künstlerische Tendenz, in solchem Sinne die seelischen Vorgänge dichterisch zu analysieren. In seinem religiösen Roman ..Zweie und der liebe Gott" hat jedoch, so will es wenn er unverrichteter Sache umkehren muss, weil der zu Holende gerade Tora „lernt". Böse Geister (..Schedim") treten schon in den alt jüdischen Erzählungen um König Salomo auf. Asmodai ist ihr Herr und Fürst, der gleichwohl, wie Mephistopheles, noch Zutritt zum Himmel hat (Geschichte von Salomo und dem Wurm Schomir). Diese bösen Geister werden meist durch Nennung oder Anwendung eines heiligen oder ■ Gottesnamens (..Schein") bezwungen; auch König Salomo hütet sich vor Asmodai, der einst mit ihm unsanft umsprang, indem er um sein Bett solche heiligen Namen schreiben lässt. Ein „Schern", auf ein Papier geschrieben, auf einen Leichnam gelegt, macht diesen lebendig, mit einem Schern schafft sich Rabbi Samuel einen riesigen Löwen, der ihm Mehlsäcke durch eine Ueberschwemmung trägt. Zauber in gewissen Grenzen war den Rabbis erlaubt; die Kabbala baute diese Dinge aus. Wir sehen hier bereits das Motiv des Golems wirken, der in der berühmten Sage vom Rabbi Low menschliche Gestalt annimmt. Der Geist aber, der in den Besessenen fährt, ist der „Ruach"; eine Erzählung, die dieses Motiv verwendet, erinnert so an den „Dybuk". Neben diesen rein jüdischen Motiven des Wunderbaren und Geheimnisvollen gibt es Märchen züge und Märchenmotive, die auch in anderen Literaturen vorkommen. Auch hier dürfte es das spielmännische Element gewesen sein, das die Vermittelung zwischen den beiden Welten übernahm. Märchen ist die eine Geschichte von Rabbi Chanina. dem von seinem sterbenden Vater aufgegeben wird, das erste zu kaufen, das ihm auf dem Markt begegnet (Erinnerung au die Begegnung Jephtas mit seiner Tochter);, in dem gekauften Gerät befindet sich ein Frosch, der ein verzaubertes, vielmehr eia Wesen ist, das vielerlei Form und Gestalt annehmen kann und der Verbindung Adams mit Lilith entstammt; dieser Frosch lehrt ihn nicht "nur die ganze Tora, sondern auch „siebzig Sprachen" und dazu noch die Sprache aller Tiere des Landes, des Wassers und der Luft. Wieder ein typisches Märchenmotiv, das einst