Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 25 (24.6.1937)
- Date
- 1937-06-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XVI. Jahrg. / Nr. 25 Berlin, 24. Juni 1937 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung}: Berlin W 15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J2 Oliva. 8141—45. Telegrammadresse: Centraiglauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin 70o44. Die C.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschlüsse Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erbebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,7-1 Rpf. Postzeitungssebühr) zuziigl. 18 Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 2,30 RM (umgerechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer lORpf. (Ausland 20 Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge, — Anzeigengebühren: Preisliste 5 gültig. Die 12gespaltene mm:Zeile 20 Kpf., für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise s. Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platzu. Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Munzig Peel-Bericht unterzeichnet Schicksale und Aufgaben DANZIG, Juni 1937. Aus der geographischen Situation Danzigs resultiert nicht nur seine eigenartige völkerrechtliche Stellung, sondern ebenso lässt sich aus dieser Lage und ihrer völkerrechtlichen Formung ■ das Schicksal der jüdischen Gemeinschaft in Danzig ableiten. Es steht unter dem Einfluss der Machtfaktoren ringsum, es wird aber auch gestaltet durch die Einwirkung der jüdischen Welt aus Ost und West, und letzten Endes erhält das Gesicht der jüdischen Gemeinde in Danzig sein Gepräge durch den Umfang und die Schichtung des Zuzugs, der von Ost nach West nach Danzig kommt. Vom 1. Januar bis 31. Dezember 1936 kamen insgesamt 435 Zuwanderer nach Danzig, während 320 Juden Danzig verliessen. Es verblieb also ein Ueberschuss von 115 Personen in der Gemeinde. Untersuchen wir diese Bevölkerungsbewegung nach den verschiedenen Ländern der Herkunft und des Zieles, so ergibt sich, dass aus Polen 282 Zuzüge kamen, denen 134 Fortzüge gegenüberstanden,, mithin ein Zuzugsüberschuss. von 148 Personen. Aus Deutschland kamen 103, nach Deutschland gingen 30, mithin ein Zuzugsüberschuss von 73 Personen. Während also im Falle Polen die Zahl der Zuziehenden etwa doppelt so hoch war wie die Zahl der Fortziehenden, war sie im Falle Deutschland mehr als dreimal so hoch. Absolut betrachtet war der Gemeindezuwachs aus Polen doppelt so gross wie der Zuwachs aus Deutschland. Dabei ist noch zu erwähnen, dass die unselbständigen Familienangehörigen nicht mitgerechnet sind, deren Zahl bei den Zuzügen aus Polen höher angenommen werden muss als bei den Familien aus Deutschland. Was die Auswanderung betrifft, so gingen u. a. nach Palästina im Jahre 1936 38" Menschen, nach Polen. 134, nach Uebersee 6, nach anderen Ländern Europas ausser Deutschland 114. Eine zahlenmässig bedeutende Abwanderung hat das Jahr 1936 also noch nicht gebracht. Gegenüber dem Zuwachs, den die Danziger Gemeinde im Jahre 1936 durch Zuwanderung erhielt, ist der natürliche Bevölkerungszuwachs nicht zu übersehen, der durch das Ueberwiegen der Geburten über die Todesfälle sich errechnet. Im Jahre 1936 standen 72 Todesfälle 97 Geburten gegenüber, also ein Mehr von 25 Prozent. Diese erfreuliche Tatsache erklärt sich zu einem Teil natürlich daraus, dass in Danzig bisher eine starke Auswanderung der jüngeren Jahrgänge nicht stattgefunden hat und auch ein so starker Rückgang der Geburtenzahl nicht zu verzeichnen ist wie in Deutschland. Aber in der Hauptsache ist der Geburtenüberschuss doch daraus zu erklären, dass die Danziger Gemeinde aus West und In dieser Nummer finden unsere Leser u. a.: Die Aufsätze Dr. Kurt Stillschweig: Die Reorganisation des Kultuswesens in der Tschechoslowakei — Walter Proskauer: Juden an der Georg-August-Universität in Göttingen — Heinz Berggrün: Abschied von einer Stadt — Leo Rein: Das Maassebuch — Die Synagoge in Wörlitz Die Beilagen Palästina-Umschau — Buch und Kunst — Sportblatt — Wirtschaft der Woche London, 22. Juni. Amtlieh wird der Jüdischen Telegraphen-Agentur mitgeteilt, dass der Bericht der Kgl. Kommission für Palästina am 22. Juni, nachmittags, unterzeichnet worden ist. Der Bericht wird Seiner Majestät sofort unterbreitet werden. Die Unterzeichnung des Peel-Berichts kann die Spannung, die die jüdische Weit erfüllt, begreiflicherweise noch nicht lösen. Denn über seinen Inhalt wird auch heute nichts Authentisches bekannt. Wir bringen weiter unten eine Blütenlese der Kombinationen, die in der letzten Woche entstanden waren. Es ist nicht erforderlich, sich noch in diesem Augenblick kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen. Es scheint vielmehr notwendig, die Zeit bis zur Veröffentlichung des Berichts zu nutzen, um innerhalb der am Palästinawerk interessierten jüdischen Kreise auf eine Konzentration der inneren Kräfte und stärkste Disziplin hinzuwirken. Auch die Nichtzionisten empfinden die grosse Krise des Palästina-Werks, die der Peel-Bericht, gleichgültig wie er ausfällt, mit sich bringen muss, als etwas, was sie aufs stärkste angeht. Sie wTollen nicht bequem Verantwortung und Pflichten für das, wras kommen kann, dem Zionismus oder den zionistischen Gruppen überlassen, sondern sie werden gerade auch jetzt bereit sein, auf dem Platz zu stehen, den sie kraft des Palästinamandats innerhalb der Jewish Agency innehaben. Ha§s Rätselraten Je näher der Termin für die Bekanntgabe der Vorschläge der Königlichen Kommission rückt, desto heftiger wird das Rätselraten. Es lohnt kaum noch, alle Versionen, die heute die bereits vollzogene Unterschrift unter den Teilungsplan, morgen das endgültige Fallenlassen dieses Projektes ankündigen, einzeln zu verzeichnen. Grössere Beachtung verdient lediglich ein Bericht des gewöhnlich gut informierten Londoner „Daily Herald", der die zwischen dem arabischen und dem jüdischen Gebietsteil zu ziehenden Grenzen folgendermassen festlegt: der jüdische Staat werde aus einem Küstenstreifen bestehen, der von Syrien bis nach Gaza reichen, im Norden aber auch den grössten Teil von Galiläa umfassen werde. Der arabische Staat werde ein breites Dreieck bilden, das sich zunächst vom See Genezareth bis nach Beer Sheba und bis' zum jenseitigen Ufer des Toten Meeres erstrecken werde. Jerusalem und Bethlehem werden zu einer britischen Mandatszone gemacht werden. In Haifa würden den Juden, in Jaffa den Arabern besondere Rechte vorbehalten werden. Durch zwei „freie Korridore" zwischen Haifa und Beisan einerseits und Jaffa, Jerusalem und dem Nordufer des Toten Meeres andererseits würden dem Araberstaat Zugänge zur See verschafft werden. Der jüdische Staat wrerde zu einem Dominion innerhalb des britischen Reiches gemacht werden, der Araberstaat solle unter der Souveränität des Emirs von Transjordanien Selbstverwaltung erhalten. Der Teilungsprozess werde eine Uebergangsze.it von drei bis fünf Jahren erforderlich machen. Arabische Kreise propagieren neuerdings eine Lösung, die Palästina und Syrien gemeinsam umfassen soll. Die in Damaskus erscheinende Zeitung „Alif Ba" behauptet, aus sicheren Quellen zu wissen, dass eine Verständigung zwischen England und Frankreich das" folgende Ergebnis erzielt habe: 1. Im Libanon wird, der Status quo aufrechterhalten; 2. in Nordsyrien wird ein eigener Staat geschaffen, der den Sandschak"Alexandrette und die Wilajets Aldjazira und Aleppo umfassen und in ein Vertragsverhältnis zu Frankreich treten soll; o. Transjordanien wird mit Damaskus, Horns und anderen benachbarten Gebieten vereinigt werden und in einem Vertragsverhältnis zu England stehen; zu diesem Reich soll auch der arabische Teil Palästinas gehören; 4. der syrische Staat wird sich, falls der Irak zustimmt, an diesen anschliessen, so dass ein von Basra bis an die Grenzen Aegyptens reichendes arabisches Staatswesen entsteht. Die arabische Presse Palästinas greift diese Meldungen auf und vertritt den Standpunkt, dass England und Frankreich sich unter der Bedingung mit der Schaffung eines solchen arabischen Staatenbundes einverstanden erklären würden, dass die arabischen Staaten ihrerseits die Errichtung des Judenstaates anerkennen. Während in dieser Weise neuartige und sehr beachtliche Kombinationen die politischen Konsequenzen des Teilungsplanes bis in Einzelheiten festlegen, tauchen gerade in den letzten Tagen auch -wieder anderslautende Gerüchte auf, und zwar sowohl in New-York wie in den Jerusalemer arabischen Blättern „Adifaa" und „Feiestin", nach denen der Teilungsplan überhaupt begraben sein soll. Nach den dort erschienenen Meldungen werde man schliesslich doch zu den alten Mitteln der Einwanderungsbeschränkung und des Bodenkaufverbotes seine Zuflucht nehmen. Wie wenig man grundsätzlich von seinen radikalen Forderungen abzugehen geneigt ist, geht daraus hervor, dass der Mufti von Jerusalem beim Präsidenten der Vereinigten Staaten, Roosevelt, gegen die Bemühungen der Juden und ihre Unterstützung seitens der Vereinigten Staaten protestiert hat. E. R.-J. Ost in durchaus verschiedener Weise sich rekrutiert. Während der westjüdische Teil der Gemeinde ungefähr dem Altersaufbau der jüdischen Gemeinden Deutschlands vor dem Jahre 1933 entspricht, also eine starke Ueberalterung und eine relativ geringe Besetzung der Jahrgänge unter 20 zeigt, liegt es beim ostjüdischen Teil beinahe umgekehrt. Hier gibt es einen ausserordentlichen Kinderreichtum, auch oder gerade in proletarischen Verhältnissen, und eine weniger starke Vertretung des' Greisenalters, da naturgemäss alte Leute unter den Zuwanderern aus Polen weniger vertreten sind als Menschen der mittleren Jahrgänge, die sich erst Existenzen und Familien gründen wollen. So stellt dann der Geburtenüberschuss der Danziger Gemeinde indirekt eine Auswirkung der Wanderungsbewegung dar, und an unseren Schulen zeigt sich am deutlichsten, wie die Zusammensetzung der Gemeinde sich durch alle diese Momente wandelt. Einheit als Grundlage Die Voraussetzung aller fruchtbaren Gemeindearbeit in Danzig kann nur die Zusammenarbeit aller jüdischen Gruppen sein, und zwar nicht aus irgendwelchen verschwommenen Gefühlen heraus, sondern aus der nüchternen Erkenntnis, dass eine Gruppe ohne die andere mit den Aufgaben nicht fertig werden würde, die an dieser Gelenkstelle .im Körper der Judenheit zu bewältigen sind. Das vorige Jahr hat uns einen neuen Beweis gebracht, dass dieser WTille zur Zusammenarbeit in allen Lagern besteht, indem die .Repräsentanten wähl im November 1936 sich auf die Aufsteilung einer Einheitsliste beschränkte und somit das bisherige Gleichgewichtsverhältnis unter den jüdischen Gruppen in der Gemeindeverwaltung weiterhin gesichert wurde. Demgemäss setzt sich die Repräsentantenversammlung der -Gemeinde aus sieben Religiös-Liberalen, sieben Vertretern der Jüdischen Volkspartei und einem Vertreter der Agudah zusammen, während den Vorstand fünf Religiös-Liberale und fünf Vertreter der Volkspartei bilden. Den Vorsitz in der Repräsentanz stellen die Zionisten, den Vorsitzenden des Vorstandes die Religiös-Liberalen. Auf religiösem Gebiet wrar die Leitung der Gemeinde mit Erfolg bemüht, allen berechtigten Bedürfnissen der verschiedenen religiösen Gruppen gerecht zu werden. Das Verwaltungsjahr 1936 begann mit der Wiederberufung eines orthodoxen Rabbiner nach Danzig und leitete damit eine fruchtbare Arbeit im orthodoxen Sektor der Gemeinde ein. Während die Synagoge in Tiegenhof (im Danziger Westen gelegen)"nach dem Zusammenschmelzen "der dortigen Gemeinde aufgegeben wrerden musste, konnten ihre Tradition, die Weiterbenutzung ihrer Kultgeräte in der Betstube eines orthodoxen Jugendvereins in Danzig erhalten werden. Die völlige Einmütigkeit in der Hoehschätzung der religiösen Bedürfnisse unserer Gemeinschaft fand ihren Ausdruck nicht zuletzt darin, dass Männer aller religiösen Schattierungen miteinander wetteiferten, um auf dem Gebiete der Schechita erträgliche Verhältnisse wiederherzustellen. Jüdische Schule Fand die Arbeit auf diesen Gebieten' ihre Grenzen an den Verhältnissen unserer. Umwelt, so war unser Werk dort, wo. wir im eigenen Kreise zu arbeiten vermochten, von Erfolg begleitet. Hier ist in erster Reihe das Aufblühen des jüdischen Scliulwe rk.s in Danzig zu nen-. nen. Zum ersten Male bereitete das Jahr 1936 die Möglichkeit, nahezu alle jüdischen Kinder im schulpflichtigen Alter der jüdischen Schule zuzuführen. Aus eigenen Mitteln schloss die Synagogengemeinde an die Grundschuljahrgänge der jüdischen Volksschule eine Auffangklasse für das 5. bis 8. Schuljahr an in Gestalt einer Sammelklasse, die sich starken Zuspruchs erfreute. Als das Jahr 1936 mit der Schulentlassung einer Reihe von Schülern dieser Sammelklasse abschloss, hatte es zum ersten Male den Ablauf des Schullebens zum Ende gebracht. . Die Jüdische Volksschule in Danzig ist im stärksten Masse von den schicksalsmässigen Gegebenheiten der jüdischen Bevölkerungsbewegung beeinflusst. Man kann sagen, dass ohne den zahlenmässig ausserordentlich hohen Anteil der Kinder polnischer Herkunft eine jüdische Volksschule in Danzig in grösserem Umfange überhaupt nicht denkbar w^äre. Auf der anderen Seite ist der Aufgabenkreis der Volksschule durch zwei Momente charakterisiert: