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Central-Verein-Zeitung · 1937-06-10 · 23 (10.6.1937) · page 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
23 (10.6.1937)
Date
1937-06-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 23 Beiblatt C.-V. -Zeitung DAS NEUE BUCH Seite 5 10. Juni 1937 Ueber jüdische Dichter Borchardt Kafka Ernst Lissauer: Die Steine reden. Anzengrüber Verlag, Wien 1936. Ernst Lissauer, als Jude vor 55 Jahren in Berlin am Gendarmenmarkt geboren, seit 20 Jahren in Oesterreich lebend, mit vielen lyrischen Büchern, Dramen, kritischen Erörterungen jenseits aller europäischen Richtungen der letzten 40 Jahre stehend, ist, vielleicht gerade deshalb, von der europäischen Kritik nicht hinreichend betrachtet und geachtet worden. Ein schwerer Mensch, ein immer redlich Ringender und Bekennender, ein langsamer Sucher und Gestalter, tastet er von der Erde und ihrer Problematik ins Helle, Himmlische, Göttliche. Dies über Lissauer Gesagte gilt auch von der Hauptfigur seines neuen Dramas. In einer Reihe von Dramen über grosse in die Politik getriebene Gestalten, mit" einem Moses-Mysterium beginnend, veröffentlicht er jetzt „Die Steine reden": die Tragödie eines mittelalterlichen Baumeisters, der, in schwerer Arbeit Dom und Turm errichtend, selber jenseits von Politik und Parteien, dennoch von Politik und Parteien zermürbt und aus seiner Vaterstadt und von seinem Werk vertrieben wird. Aber die Sieine reden; der Dom bekommt Risse und Sprünge; die Menschen erkennen: ohne diese geistigen Sucher und Bastler ist Menschenwerk sinnlos; sie holen den Baumeister zurück. Von jeher und so auch hier ist Litauers Sprache karg, gedrungen, knapp; manchmal formuliert er formelhaft Erkenntnisse und Gefühle, so dass diese Formeln erst wieder aufgelöst werden müssen. Scharf und sicher sind die Menschen gezeichnet: die sich bekämpfenden Adligen, die ein-' porkommenden siegenden Zünftler, der Meister und seine Gesellen. Es gibt viele starke Szenen, stark im Wort und in der Wirkung. Der Schluss freilich bedarf im wahrsten Wortsinne des alten deus ex machina, wenn die drei religiösen Stein- Gestalten vom Dom zu sprechen beginnen, um den verbitterten und verbannten Meisler zur Rückkehr an seine Arbeit zu bekehren. K. P. Rudolf Borchardt: Vereinigung durch den Feind hindurch. Verlag Bermann-Fischer, Wien 1937. Rudolf Borchardt, von dessen Werk in der vorigen Nummer der C.-V.-Zeitung ausführlich gesprochen wurde, legt als Sechzigjähriger seinen ersten Roman vor. 1931 begonnen, wurde das Werk im vergangenen Herbst zu Ende geführt . . . der Dichter war inzwischen zum Besitzer einer Pension in Lucca geworden. . Von solcher Selbstbehauptung in wirrer Zeit handelt auch der Roman, der seinen Titel nach einer militärischen Arbeit des Helden, eines adligen Ofiziers, führt. Der Feind in dem Buche ist die Nachkriegszeit, das „hoffnungslose Geschlecht", mit dem er sich schon als Novellist des so benannten Bandes mit subtiler Erzählkunst auseinandergesetzt hatte. Die äusseren Lebensformen der konservativen Welt haben nicht zu verhindern vermocht, dass die Liebenden sich in „schuldiger" Liebe angehörten. Aber sie bewähren ihre innere Vornehmheit, indem sie sich zu ihrer Kultur dadurch bekennen, dass sie keine Konvenienzehe eingehen. Sie bejahen das „Arbeit — Lissauer — Seeler schändet nicht", aber sie wollen keine Heirat, die der Verpflichtung ihrem Stand gegenüber versagt und dem Zeitgeist die ewige Ordnung der Dinge opfert. Als eine „verwegene und ruchlose Zeit" werden die Folgen des Krieges bezeichnet. „Es wird noch einmal ein bisschen Urzeit", heisst es einmal, in der man sich von lieben Vorstellungen trennen müsse, aber zum Chaos selber gehöre es, wenn diejenigen selbst, die das Beispiel zu geben hätten, nicht mehr meinten, sich noch etwas schuldig zu sein. Aber gerade, weil sie Haus und Familie bejahen, ziehen die Liebenden ihre „Libertinage"' vor und bleiben dem Gesetze treu, nach dem sie angetreten. Eine Zeit, die aus den Fugen geraten ist, stellt Rudolf Borchardt dar, ein"Kenner der sogenannten grossen Welt, einer, der Stoff genügend beherrscht, um finanzielle Transaktionen im Fluss bester Romantradition zu schildern versteht, und immer einer, dem es um die Ethik während eines Ausnahmezustandes geht. Und wie weiss er. uns die Liebenden im kleinsten Detail nahezubringen! Ein Gesellschaftsroman mit einem mythischen Hintergrund: mit Proserpina, der vom Hades geraubten, vergleicht sich die Heldin, die Generalstochter, als sie Privatsekretärin wurde. Und religiös ist die Haltung des Dichters, wenn er mit seiner Romanhandlung tröstend beweisen •will, „dass der Mensch, der noch an einem guten Stern hält, sich auch von dem Heiligen, das die Erde zum Sitze von hoffenden Wesen macht, nur um ein ganz Geringes zu entfernen vermag, und selbst Verzweiflung und Trotz und unsinnige Zeit ihn endlich nur in einem winzigen Kreise um den langmütigen Arm der Rettung herumführen." Lutz Weltmann Moriz Seeler: Die Flut. Gedichte. Verlag Richard Lanyi, Wien 1937. Moriz Seeler, der einst als Leiter der „Jungen Bühne" manchen inzwischen berühmt gewordenen Dichter entdeckte, ist nun im reifen Älter selbst als Dichter entdeckt worden. Das erste Gedichtbuch des etwa Vierzigjährigen enthält nur einen Bruchteil von dem, was seiner plötzlich aufgebrochenen lyrischen Ader innerhalb Jahresfrist unaufhaltsam entströmte. Aber in den hier gedruckten und ebenso in den noch nicht gedruckten Gedichten ist Lyrik nicht als Liedhaftes, nicht als vom eigenen Gefühlserlebnis Geschwelltes enthalten; all diese meistens recht umfangreichen Poesien müssen als epische Lyrik, als "lyrische Balladen gekennzeichnet werden. Nicht in einem einzigen Gedicht spricht Seeler von sich selbst, nicht von Herz und Gemüt, sondern er lässt in jedem einzelnen und in allen zusammen eine Welt wilder Abenteuer und Schicksale, seltsamer Fahrten und Farben, eine Welt wüster und zarter Götter, merkwürdiger Menschen und rätselhafter Tiere aufsteigen, eine Welt der Visionen, von einem geheimnisvollen Ineinander aus Realität und Phantastik, aus Irrationalem und krasser Tatsächlichkeit Es ist nicht die heutige Welt der Ozeandampfer, Flugzeuge, Wolkenkratzer und Oeltürme, sondern die Welt 'der alten Segelschiffe und Piraten, der Schiffbrüche und Goldschätze, der Götzenbilder und Waldgottheiten, der schöpferischen Urtage und zeitlosen Fabelgeschichten. Durch all diese unheimlichen Balladen aber schimmert hindurch das Transzendente, das Metaphysische, „das Unbekannte, das dem Wunder gleicht". Manchmal erinnern diese Gebilde an die bunten Bilder auf alten Zigarrenkisten, an die Indianergeschichten von J. F. Cooper und Karl May, an die donnernde Lyrik von Rimbaud und Georg Heym. Viel aus den Phantasien der Knabenzeit ist hier aufbewahrt und aufgebrochen, so dass eigentlich über Seelers Gedichte nicht allein der Literarkritiker, sondern zugleich der Psychoanalytiker sprechen müsste. Diese in Bildern und Vorstellungen grossartig dahinflutenden Gedichte sind freilich nicht sangbar, aber sie sind voll betäubender, betörender Musik, voll Sprachkunst und Sprachgewalt, die eigenartig, oft eigenwillig ist. Manchmal tönt es aus Seelers Lyrik wie Schumanns träumerisch-phantastisches Stück „Von fremden Ländern und Menschen", manchmal wie Orgelmusik oder Jazzorchester, zauberhaft und verzaubernd. Eine grosse Begabung, ein neuer Klang — herkommend aus dem ältesten Klang der Poesie,» die nichts war als Bericht wunderbarer, geheimnisvoller, unerklärlicher, fürchterlicher und zu fürchtender Dinge. Kurt Pinthus Franz Kafka: Gesammelte Werke Band V und VI, Verlag Heinrich Mercy Sohn, Prag, 1936/1937. In der von Schocken begonnenen Gesamtausgabe des literarischen Werkes Franz Kafkas sind in der gleichen würdigen Ausstattung kürzlich der 5. und 6. Band erschienen. Der erstere mit dem Titel „Beschreibung eines Kampfes" ist weithin identisch mit dem Erzählungsband „Beim Bau der chinesischen Mauer", den Max Brod und der Rezensent gemeinsam im Jahre 1931 aus dem Nachlass herausgegeben haben. Der neue Titel erklärt sich daher, dass Max Brod die Abschrift einer verloren geglaubten Erstlingsnovelle unter seinen Papieren gefunden hat, die er als einzige vollendete Arbeit des ganzen Nachlasses dem neuen Bande vorangestellt hat. Ferner erscheinen neu einzelne recht ungleichmässige, meist umfangarme Erzählungen und Skizzen, deren Aufnahme in den neuen Band man editionskritisch verschieden beurteilen kann, ferner der vollständige erste Akt eines eigenartigen Dramas, „Der Gruftwächter", das alle Kafka - Kenner überraschen dürfte. Die Zweitausgabe dieses Buches ist ganz besonders geeignet, dem Neuling eine — nicht zuletzt dank der Erläuterungen des Anhangs — einigermassen verstehbare Einführung in die auf den ersten Blick rätselhafte und traumhaft erscheinende WTelt Franz Kafkas zu geben, und zum Verständnis der grossen Romane weiterzuführen. Das Gleiche gilt für den sechsten und letzten Band dieser Gesamtausgabe, der die „Tagebücher und Briefe" Kafkas enthält. Sie scheinen oft einen ganz anderen, viel „menschlicheren" Kafka zu zeigen als das literarische Werk vermuten lässt. Es wird aber deutlich, dass die persönlichen Lebensumstände in den Kafkaschen Werken nur ihre Objektivierung erfahren haben. Freilich erschliesst diese Objektivierung transzendente Inhalte und insbesondere die Tagebücher, Molitationenunddie aphoristischen „Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg" geben den Schlüssel zum Verstehen der besonderen religiösen Position Franz Kafkas. Zumal der psychoanalytischen Deutung Kafkas (Helmuth Kaiser, Marie Prugge-Kniehöfer u. a.) werden durch einige prinzipielle Bemerkungen Kafkas, der sein^Unterbewusstes offenbar recht gut kannte, die Anknüpfungspunkte entzogen. Auch auf seine Einstellung zu jüdischem Dingen werfen die Tagebücher manches Licht; leider hat. der Herausgeber durch eine willkürliche Auswahl (es gibt auch andere Aufzeichnungen als die veröffentlichten!) Kafka für den Zionismus zu reklamieren gesucht. Besondere wertvoll ist die Aufnahme eines Briefes an Dr. Robert Klopstock in diesem Band, der tiefsinnige Kommentierungen und Weiterführungen Kierckegaards enthält. Die dank den nicht abreissenden Bemühungen Max Brods nunmehr vorliegende erste Gesamtausgabe wird, so steht zu hoffen, zu der schon in weitere Kreise gedrungenen Erkenntnis beitragen, dass in den Werken Franz Kafkas nicht nur "religiöse Dichtung gemeinhin, sondern ein Stück versprengter jüdischer Theologie unserer Tage zu finden ist. Mit ein Beweis dafür, dass es sich bei diesen Romanen und Erzählungen um neuzeitliche jüdische Quellenschriften handelt, dürfte auch in dem sich immer stärker aufdrängenden Bedürfnis nach einer dem traditionellen Gebrauch analogen Kommentierung zu erblicken sein. Eine künftige Gesamtausgabe Kafkas wünschte ich mir darum nach Art alter Talmudfolianten: den Kafka-Text in der Mitte — oben, unten und an den Seiten umrahmt von exegetischen Erklärungen und Deutungen. Denn diese Texte haben darin einen inneren Sachbezug zu dem Text aller Texte, dass sie der Kommentierung ebenso bedürftig sind wie die Zahl möglicher Kommentare ohne Ende scheint. Persönlich darf ich zur Aufklärung des Lesers noch bemerken, dass die von Brod in seinem Nachwort mitgeteilten „weltanschaulichen Differenzen der ernstesten Art", die die Weiterführung der gemeinsamen Arbeit mit mir unmöglich machten, ihren Grund vornehmlich in der verschiedenen Stellung zur zionistischen Bewegung finden, an der es "offenbar wurde, dass religiöse Ueberzeugungen uns in verschiedene Richtungen auseinanderführten. Dr. Hans Joachim Schoeps. Moritz Stern: Palästinensische Altertümer. Philo-Verlag, Berlin und Amsterdam 1937. Es ist nun einmal eine alte Sache: Münzen, Medaillen, Siegel, Ringe und alle die etwas abseits von der grossen Strasse liegenden Dinge der Kunst kennt das Publikum nicht. Es interessiert sich in der Hauptsache für Werke der „hohen" Kunst, weniger für die Arbeiten der Kleinkunst, des Kunstgewerbes im besten Sinne. Um so anregender und dankenswerter die Publikation aus der Feder von Moritz Stern, dem ehemaligen Leiter der Bibliothek und der Kunstsammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde. Hier füllt der Philo-Verlag mit dieser schön gedruckten, 64 Abbildungen enthaltenden Arbeit eine besondere Lücke, denn zu den kenntnisreichen Ausführungen eines Fachmannes kommt ein ebenso interessierendes Abbildungsmaterial. Es ist ein kulturhistorisch und archäologisch, ein jüdisch wie allgemein fesselndes Nachschlagewerk nicht nur, sondern ein Buch, das man richtiggehend liest. Dr. Olga Bloch. Das Kind X4. Fortsetzung) V. Er richtete sich an ihren Händen auf. Er liess sich fortführen. Es schien ihm wohlzutun, dass sie ihn krank genannt. Sonst sah man nur Gesundheit in ihm. Bald erreichten sie die Strasse nach Hebron. Geber deutete auf ein verfallenes Haus, dunkel, schmutzig und mit Lehm beworfen, auf einem verwilderten Grunde mit Disteln und Geröll. „Ist dies dein Haus?" „Du kennst es?" „Nein. Aber ich glaubte es oft zu sehen. Im Traum." Sie lächelte. —' „So bin ich schon in deinen Träumen?" Während sie die Tür öffnete, fand Geber neben dem Hause einen weidenden Esel. Mit frommer Genügsamkeit nagte er sein, kümmerliches Futter, Disteln und harte Wurzeln, Geber eilte hin und verhalf dem angebundenen Tier zu guten Bissen. Dann streichelte er es, und der Esel sah den ersten Menschen, der ihm so gut tat, sinnend an. „Fandest du hier schon einen Freund?" fragte das Weib erheitert. „Er ist der einzige Getreue meines Lebens. Ganz allein sucht er am Morgen die alte Witwe auf, die mir Milch und Brot verkauft. Sie nimmt ihm eine Münze aus dem Halsband, und er kehrt mit der Nahrung sofort zu mir zurück. Wehe dem, der ihn bestehlen wollte. Man fürchtet seine Hufe. Es kann keinen besseren Diener geben." „Ich bin so froh, dass du dieses Tier hast", sagte Geber. Sie nickte. „Menschen verlieren, was er hat, schon wrenn sie das Licht der Welt erblicken. Er kennt mein Schicksal und macht mich doch nicht traurig. Oft lache ich über ihn." Sie traten in das Haus. Geber bezwang sein Erschrecken. Er war an freies Atmen gewönht — hier schlug ihm ein schwerer Dunst entgegen, der nur dem Laster entspringen konnte. Ein Luftschacht des fensterlosen Raumes lag an der Decke, aber er >var geschlossen. Halbdunkel herrschte, ein zähes drückendes Gemisch von wohlfeilen Essenzen, welken Blumen und fremder Menschen Dunst. Geber musste an seine Mutter denken. Sie hätte sofort den Schacht geöffnet, die reine Abendluft von oben durch die Tür gelassen. Das Weib, dem dieses elende Heim gehörte, dachte nicht daran. Es schien nicht mehr zu spüren, was so drückend war. Es atmete hier nicht schlechter als in einem blühenden Garten. „Da steht ein Ruhebett. Hier ist Brot und Wein. Erquicke dich. Du bist müde. Darf ich dir die Füsse waschen?" „Das lasse ich mir von keinem Weibe tun. Ein Mann ehrt die Mutter in jedem Weibe, sagt der Prophet." „Ahia? Er blieb ledig. Darum spricht er 60 von uns." Sie füllte zwei Schalen mit dunklem WTein. Dann streckte sie sich neben ihn aus. Sie trank, er nippte nur. — „0 Kind, du musst noch trinken lernen." ,.Auch nicht von einem Weibe." Nun liess sie die Schale stehen, während sie, dicht neben ihm, ihn betrachtete. Nach einem langen Schweigen fragte er: „Was schaust du so? Ist es nicht, als ob du an mir wiederfinden wolltest, was du verloren? Als ob ich etwas für dich aufbewahrt hätte, ohne davon zu wissen? Nun findest du es endlich? Ich bin zum erstenmal bei dir. Und hättest du Adleraugen, meine Züge waren dir bis heute fremd." „Was wir lieben, ist von Anbeginn unsere Ahnung. Ich lese mein Leben in deinen Zügen." „Dein Leben habe ich nicht verschuldet." „Du verwirfst mich also?" „Nein. Ich glaube noch an dich." „Geber — davon sage mir alles!" „Du bist besser als dein Weg. Sie haben deine Liebe gekauft. Ich weiss noch wenig vom Leben der Männer, aber ich traue den meisten nicht. Sie tragen eine Nacht in den Augen und 6ind Heuchler am Tage. Wer ist schuldiger, der Mann oder das Weib? Mich schlägt es schon nieder, dass wir als Menschen büssen müssen. Warum können wir uns nicht befreien?" Sie küsste ihn. — „Du kannst es. Ich liege vor dir und habe deiner geharrt." „Glaubst du nicht an eine schlechte Befreiung?" „Kind, es gibt nur eine. Sie ist gut. Holder Mund, der noch spricht, was er selbst nicht kennt." „Wer an den Tempel Gottes denkt, dem muss das Irdische entfallen." „Sähest du einmal die Frauen des Königs?" ..Ich sah sie fern, wie in einer goldenen Wolke." „Haftet der grosse Bauherr nicht an ihnen? Kann er leben und herrschen ohne sie? Erstarkt seine Weisheit nicht an tanzender Füsse Zauber? Sie singen und hüten seinen Schlaf, und er tritt in den Morgen hinaus mit neuem Glauben." „Du lästerst." „Könnten wrir den König fragen, er würde sagen: Nein." „Versprich mir eines." „Wenn es dir Versprechen ist?" „Lasse ab von dem fürchterlichen Leben dieses Hauses. Wie ist dein Name?" „Hagit." „So bitte ich dich, Hagit — es kann nicht gut sein, was dich hier umgibt. Es kam aus bösen Lüsten, nicht aus dir." „0, Kind----Sprich weiter! Ich möchte dich nur hören und entschlafen. Das Leben ist ein Tag und eine Nacht. Wir brauchen kein Erwachen." „Versprichst du mir?/' „Alles." „Hagit!" „Du gehörst mir doch." VI. Diblaims Garten welkte. Sie konnte ihn nicht mehr pflegen, denn Geber mied ihn. Was geschah? Der Tempelbau, das Königswerk, dem er sich ergeben, raubte ihn ihr nicht. Treulich erfüllte er seine Pflicht, täglich, beim Morgengrauen eilte er hinaus und kehrte wieder, wenn die Sonne sich senkte. Hart und ernst, ein müder Arbeitsmann, kam er, aber seine Augen begegneten der Mutter nicht. Ihre Erwartung nach einem einsamen Tage blieb unerwidert. Mit gesenktem Blick und zerstreuten Geistes, ohne Teilnahme an den ländlichen Sorgen, sass Geber ihr gegenüber, genoss das Mahl, das sie für ihn bereitet hatte. Den ersten Augenblick, den sie von ihm abliess, nützte er, um in seine Kammer zu fliehen. Dort spürte Diblaim eine heimliche Tätigkeit. Bald wusste sie, dass es etwas ganz Fremdes, Unbegreifliches war. Ihr Sohn sorgte am Abend noch für sein Aeusseres. Er badete und schmückte sich , er sorgte für sein schönes, lockiges Haar, sie fand sogar, als er wieder hinausgegangen, duftende Salben in seinem Kasten. Ihr Sohn! Diblaim kannte den Mann und zog den richtigen Schluss. Solche Wandlung konnte nur durch eine Frau geschehen. Früher oder später, immer nach der Möglichkeit, der Mutter zu entgehen, eilte Geber fort. Er rief nur ein schnelles „Gute Nacht" zu ihr hinein, er zeigte sich nicht mehr. Zuweilen verschwand er auch ohne Abschied. (Fortsetzung folgt.) Alle Ihre Bücher von der Buchhandlung am Zoo Fritz Ring Charlottenburg, Joachimsfhaler Str. 43-44 Mitglied der jüdischen Gemeinde Telefon: 9t 6506 Zusendung nach allen Siadöellen

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