Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 23 (10.6.1937)
- Date
- 1937-06-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XVI. Jahrg. / Nr. 23 Berlin, 10. Juni 1937 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag. Schriftlettung, Anzeigenannahme, Vertriel^saljteilung): Berlin W 15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva S141—45. Telegrammadresse: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin törAl. Die .-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschlüsse Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzüsl. 18 Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 2,30 RM (umgerechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebuhren. Einzelnummer lORpf. (Ausland 20 Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der Gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste 5 gültig. 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Es scheint nützlich, die jüdische Oeffentlichkeit über sie ins Bild zu setzen, damit sie den Ergebnissen der Tagung vorbereitet gegenübersteht. Wenn wir uns aber zunächst zum Ausdruck der allgemeinen Stimmung der jüdischen Kreise machen dürfen, so fällt es uns schwer, di e-Empfindungen mit genügender Zurückhaltung wiederzugeben, die man allgemein antrifft, wenn man das Thema der Tagesordnung erwähnt. "Habt ihr keine anderen Sorgen?, wird man gefragt, und das sagen vor allem die Menschen, die den Druck der Zeit selbst verspüren. Zu solcher Tagesordnung so viele Kosten? So viele Stunden so vieler beschäftigter Männer? Gibt es nichts anderes zu beraten? Etwa: wie steht es mit den Verhandlungen der Reichsvertretung bei den zentralen jüdischen Stellen des Auslandes über grosse, konstruktive Auswanderungsmöglichkeiten; wie gibt man den Männern aus der Kantstrasse, die auf schwierigem Posten draussen für uns einireten. die moralische Rückenstärkung, die sie brauchen; oder ist die Reichsvertretung in der Lage, am 15. über die Schritte Auskunft zu geben, die sie zu ergreifen beabsichtigt, wenn der Bericht der Königlichen Kommission über Palästina, wie man beurchten muss, die Auswanderungsmöglich- "ceiten nach Palästina allgemein, und damit besonders" schmerzlich für uns hier, einschränkt; oder, wie gedenkt die Reichsver- :retung die Schulausbildung und Berufsvorbereitung der jüdischen Jugend in den jüdischen Notstandsgebieten sicherzustellen? Der jüdische Mann von der Strasse hat ^ine Fülle sachlicher Fragen. Aber vor illem fragt er — und sein Zorn richtet sich regen beide Teile, die in der Tagesordnung genannt sind — ,,die Berliner Jüdische Gemeinde und die Reichsvertretung" —, ob es also wirklich zutrifft, dass die Geschehnisse der Gegenwart zwar in der Lage waren, Bindungen, Berechtigungen, Aussichten von fünf Generationen hinwegzufegen, dass aber eines die Zeit überdauert: der Konflikt zwischen der Berliner Gemeinde und der Reichsvertretung. - IL Wer sind die beiden Partner, zwischen denen die Auseinandersetzung stattfindet? In dieser Nummer finden unsere Leser u. a.: Die Aufsätze Dr. Dora Edingen Ratschläge für Amerika- Einwanderinnen — Vier jüdische Dichter — Dr. E. R—z.: Das Bankengerüst Palästinas — Hilde Marx: Frühling in Budapest Die Beilagen Das Blatt der Jüdischen Frau — Das neue Buch — Sportblatt — Wirtschaft der Woche — Palästina-Umschau Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland braucht nicht vorgestellt zu werden. Sie ist vor fast vier Jahren entstanden, weil eine Anzahl Männer von übergemeindlichem Verantwortungsgefühl und geistiger und jüdischer Freiheit zu der Erkenntnis kam, dass die bevorstehenden jüdischen Aufgaben in Deutschland keine Addition von Gemeindeaufgaben sein dürfen, sondern dass etwas entscheidend Neues in die jüdische Arbeit getreten sei; ihr schufen sie die Grundlagen. Man weiss, dass die Geburt der Reichsvertretung sich unter vielen Wehen in vielen Abschnitten vollzog. Wirft man die Frage auf, wer ihr immer und immer wieder Schwierigkeiten machte, so gibt es nur eine Antwort: wenige Männer aus dem Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde, die seit vor 1933 ihre Position behaupten. Aber auch Berlin war ausserstande, sich den sachlichen Gesichtspunkten und dem moralischen Druck zu entziehen, der 1933 die organisatorische Einheit in der Führung unseres jüdischen Schicksals verlangte. Im stillen' Kämmerlein mögen manche von denen, die damals die Gründung der Reichsvertretung gern verhindert hätten, dem Schicksal dankbar sein, dass es nicht nach ihren Plänen gekommen ist. Denn ohne Reichsvertretung, ohne Zentralausschuss gäbe es von anderen abgesehen keine einheitliche Beschaffung und Verwaltung der inländischen Jüdischen und der aus dem Ausland kommenden unentbehrlichen und grossen Mittel, keine einheitliche würdige Repräsentation der jüdischen Welt gegenüber und in schicksalhaften Augenblicken — wir denken an die programmatische Erklärung nach dem 15. September 1935 — gegenüber der nicht jüdischen Umwelt. Soll man etwa meinen, dass die Kreise hinter der Reichsvertretung, die Persönlichkeiten der zahlreichen Grossgemeinden neben Berlin, die führenden Männer an der Spitze der Gemeindeverbände, weniger ehrenhaft, weniger jüdisch-verantwortungsbewusst seien als die wenigen. Männer des Berliner Gemeindevorstandes, die ihrerseits glauben, die Reichsvertretung umwandeln zu müssen? Man blättere die Proklamationen nach, 'die zu entscheidenden Fragen unseres jüdischen Lebens von der Reichsvertretung in den letzten vier Jahren ergangen sind. Wir finden überall die Berliner Jüdische Gemeinde mitunterzeichnet! Im Präsidialausschuss sitzen der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde und ein weiteres Vorstandsmitglied, wie auch im Rat. Das Kontrollorgan der Reichsvertretung, früher der Haushaltungsausschuss, jetzt der Rat, gibt den Gemeinden und Landesverbänden ausschlaggebende Berechtigungen. Der Etatvoranschlag und die Genehmigung der Rechnungslegung erfolgt durch den Rat. Jede Prüfungsmöglichkeit ist gegeben. Jede jüdische Gruppe, die heute existiert, mit Ausnahme der unabhängigen Orthodoxie, ist in einem der Reichsvertretungsgreinien durch seine massgebende Persönlichkeit vertreten, die unabhängige Orthodoxie ist ihr wenigstens durch ein Abkommen verbunden. Es ist noch kein Jahr her, dass die jetzige Verfassung der Reichsvertretung nach schweren Kämpfen durchgegangen ist. Darf man die wenigen Männer aus dem Vorstand der Jüdischen Gemeinde daran erinnern. Unruhige Tage in jPolem Im Blickfeld Europas Dass die polnische Judenfrage beginnt, ein Problem von internationalen Ausmassen zu werden, geht daraus hervor, dass in wachsendem Umfange Minister europäischer Grossmächte ihr ihre Aufmerksamkeit zuwenden. In diesen Aeusserungen wird sichtbar, dass eine in ihrem Umfang so beträchtliche Minderheit, wie die Juden in Polen sie darstellen, — eben erst veröffentlichen die polnischen Behörden eine aufschlussreiche Bevölkerungsstatistik, die wir weiter unten wiedergeben — nicht das Problem eines einzelnen Staates bleiben kann, sondern dass es in den Bereich der Zusammenarbeit der europäischen Staaten gehört. So hat der englische Aussenminister Anthony- Eden sich veranlasst gesehen, im Unterhaus zu antworten, seine Aufmerksamkeit sei in den letzten Monaten auf Berichte über antijüdische Kundgebungen in Polen und die von den polnischen Behörden getroffenen Massnahmen gelenkt worden. Die französisch-jüdische Zeitschrift ,.L''Univers Israelite" hat Gelegenheit genommen, die Haltung der französischen amtlichen Stellen gegenüber den Plänen einer jüdischen Massenauswanderung aus Polen zu erläutern. Man hat den Eindruck, dass diese Ausführungen von diplomatischen Kreisen beeinflusst sind. Die Haltung Frankreichs, sagt der Artikel,' könne auf Grund gewisser Vorfälle Anlass zu irrigen Interpretationen geben, die richtiggestellt werden müssten. Koloni'enmihister Marius Moutet habe erklärt, dass er die Möglichkeit der Niederlassung jüdischer Auswanderer in einigen französischen Kolonien studiere, wobei man amtlicherseits darauf hingewiesen habe, dass nicht Massenkolonisation, sondern nur. die Ansetzung kleiner Gruppen von Menschen in Frage komme. Wenn letzthin mit Zustimmung der französischen Behörden eine polnische Kommission nach Madagaskar gereist sei, um die dortigen Kolonisationsmöglichkeiten zu studieren, so könne, die Frage aufgeworfen werden, ob die Regierung" nicht in dem Wunsche, menschenfreundlich zu sein, unbewusst Geist und Methoden des berühmten „Evakuierungsplans"1 des Obersten Beck übernommen hat. Von massgeblicher Seite werde jedoch betont, dass trotz der freundschaftlichen . französisch-polnischen Beziehungen die französischen Minister .nicht abgehalten würden, ihre Besorgnisse angesichts einer gewissen Propaganda, gewisser Zwischenfälle und einer gewissen amtlichen Passivität zum Ausdruck zu bringen. Es handele sich also nur um eine Erleichterung für die polnische Regierung, bestimmte Probleme zu untersuchen, aber die Verantwortung trage die polnische Regierung allein. Der Internationale Krankenpfleger-Kongress in London ist in einer für die Weltöffentlichkeit gleichfalls aufsehenerregenden Form von der polnischen Judenfrage berührt worden. Der jüdische S.chwesiernverband hat sich an das Kongressbüro mit der Bitte wenden müssen, eine besondere jüdische Abordnung aus Polen zuzulassen, da der Verband der jüdischen Krankenschwestern aus dem allgemeinen Verband ausgeschlossen worden sei. Das Kongressbüro hat dem Ersuchen stattgegeben. Nach Brest-Litowsk Noch immer finden auch die Ereignisse von Brest-Litowsk ihren Widerhall. Besonders ist es natürlich die jüdische Oeffentlichkeit der ganzen Welt, die diesen Vorgängen im einzelnen ihre Aufmerksamkeit schenkt. So hat der Board of Deputies anlässlich der Ereignisse von Brest- Litowsk das Joint- Foreign Commiltee mit der Durchführung einer grossen vereinheitlichten Hilfsaktion zugunsten der Juden Osteuropas beauftragt. Eine Resolution des Board gibt bekannt, dass man nunmehr eine einheitliche Hilfsorganisation für die Judenheit der osteuropäischen Länder schaffen will. Dem Beschluss des Board' ging ein Bericht des Präsidenten der Anglo-Jewish Association. Leonard G. Montefiore, voraus, der sich mit der Lage der Juden in Mittel- und Osteuropa beschäftigte. Montefiore wies auf die verschärften Auswirkungen des wirtschaftlichen „Etalismus" in Polen und die Tätigkeit der Behörden anlässlich des Pogroms von Brest-Litowsk hin. Der Widerhall dieser beschämenden Ereignisse im Ausland sollte die polnischen Behörden veranlassen, darüber nachzudenken, ob die Unterdrückung -einer Minderheit ihr Prestige erhöhe. Anlässlich der Hilfsaktion der amerikanischen Juden für die Judenheit in Polen weilte, wie bereits berichtet, der europäische Direktor des Joint Distribution Commiltee, Dr. Bernhard Kahn, in Polen. Nach seiner Rückkehr nach Paris hat Dr. Kahn auf Grund seiner Beobachtungen Pläne für die Erweiterung der Joint-Arbeit in Polen ausgearbeitet. Durch geeignete Massnahmen sollen die Juden in Polen in ihren Bemühungen um die Erhaltung ihrer wirtschaftlichen Existenzgrundlage unterstützt werden. ■ In Polen selbst sind starke innerpolitische Rückwirkungen des Pogroms zu verspüren. Der jüdische Abgeordnete Dr. Emil So m merstein hat im Sejm staatliche Mittel für die Entschädigung der Opfer von Brest-Litowsk beansprucht. Zur Begründung wies er darauf hin, dass zahlreiche Menschen ihren Unterhalt verloren hätten. Bereits bis jetzt hätten 11 027 Personen Schäden vori insgesamt 1487 233 Zloty angemeldet. Der Antrag des Abgeordneten Dr. Sommerstein ist zunächst geschäftsmässig zurückgestellt worden, dagegen wurde eine Interpellation über die Ereignisse in Brest-Litowsk entgegen- genommen. Um ihren Eindruck abzuschwächen, hat der Abgeordnete für Brest-Litowsk eine Gegeninterpellation eingereicht, die auf die Ermordung des Polizisten Kedziora hinweist und die Regierung fragt, welche Schutzmassnahmen gegen ähnliche Vorkommnisse in Zukunft getroffen werden sollen. ■ Die Beisetzung des ersten Todesopfers von Brest-Litowsk hat auf Anordnung der Behörden in aller Stille in Warschau stattgefunden. Inzwischen ist auch ein zweiter Jude seinen in Brest-Litowsk erlittenen Verletzungen erlegen und zu Grabe getragen worden. Das Innenministerium hat dem Zentralhilfskomitee für die jüdische Bevölkerung von Brest- Litowsk die Erlaubnis zu Sammlungen im ganzen Lande erteilt. Trotz des tiefen Eindrucks, den das Pogrom Im Lande gemacht hat, ist es wieder zu Unruhen in polnischen Landbezirken gekommen. In Gora-Kalwaria wurden sechs Juden schwer verletzt und mehrere Läden und Häustr beschädigt. Auf dem Markt von Bransk' zwangen Huligans die jüdischen Kaufleute zur Schliessung ihrer Stände und überfielen jüdische Passanten. In Warschau, Lemberg und Krakau aber auch in mehreren kleineren Ortschaften kam es gleichfalls zu judenfeindlichen Ueberfällen. Dagegen gelang es dem energischen Eingreifen der Polizei, "Ausschreitungen in Minsk-Mazowieck zu verhüten. Uneinheitlicher Regierungskurs Obwohl anscheinend bei den Ausschreitungen, der letzten Woche von den Behörden-aktiver als bisher eingegriffen wird, .sind doch in verschiedenen Prozessen gegen nationaldemokratische und andere Unruhestifter, die'sich gegen Juden ' vergangen hatten, erstaunlich milde Urteile'gefällt worden. Andererseits •kommen beunruhigende .Nachrichten. aus den; verschiedensten Lebensbezirken. Beispielsweise haben letzthin, die gemischten Innungen christlicher und jüdischer Handwerker infolge. der judenfeindlichen Strömungen im Wirtschaftsleben des Landes ihre Tätigkeit einstellen' müssen. Der Stabschef des ,.Lagers der Nationalen Einheit" Oberst Kowalewski hat auf einer Warschauer Aerzteversammlung eine politische hochbedeutsame Rede gehalten, in der er den Kampf gegen fremde Elemente als eines der'Hauptziele des neuen Regierungslagers bezeichnete. Die Aerzteschaft beschloss den korporativen Anschluss an das Regierungslager. Hingegen hat die Zentrale Aerztekammer "für Polen die Einführung des numerus' clausus abgelehnt, aber die Anlegung einer Minderheitenkartothek beschlossen. Ueber den Anteil der Juden an der Bevölkerung Polens berichtet das Ergebnis der Volkszählung von 1931. das jetzt erst veröffentlicht wird. Von den 31915 800 Einwohnern (ohne Militär) gaben 8,6 Prozent jüdisch oder hebräisch als ihre Muttersprache an. Dem religiösen Bekenntnis nach gliedert sich die Bevölkerung Polens in 64,8 Prozent Katholiken, 11.8 Prozent Orthodoxe, 10,4 Prozent Griechisch-Katholische, 9,8 Prozent Juden und 3,1 Prozent andere Bekenntnisse. K. J. R.