Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 22 (3.6.1937)
- Date
- 1937-06-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XVI.Jahrg./Nr.22 Berlin, 3. Juni 1937 Preis %0 Pfennig ALLGEH EIN E ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme, Yertriebsabteilung): Berlin "W15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin 70344. Die C.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die G-ebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügl. 18 Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 2,3CfRM (umgerechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer lORpf. (Ausland 20Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzefgengebübren: Preislisten gültig. Die ISgespaltene mm-Zeile^Rpf., für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise s. Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschlnss: Dienstag. Platz- ' ' . Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Männer und Zeiten I. A. H. Mit' Dankbarkeit begehen - die Jaden in Deutschland und die zahllosen Ausgewanderten, denen sein Hilfsverein den Weg gebahnt hat, überall in' der -Welt den 70."Geburtstag von Max War burg. Das Patriarch enalter zeigt keinen Greis: Jugendlich, klardenkend, Meister -in-der Darstellung von Gedanken, die er prüfend in sich vorbereitet, steht er inmitten-eines Werkes, das kein an Jahren Jüngerer aufpersonell geleistet wird, Männer stehen, die nach Herkommen und Fähigkeit, wie das Beispiel in Frankreich, Amerika und jüngst bei der Kabinettsumbildung in England zeigt, qualifiziert wären, ein ungleich grösseres allgemeines Aufgabengebiet zu bewältigen, und die sich uns hier im engen jüdischen Bezirk ohne Ehrgeiz, ohne Machtträume bescheiden zur Verfügung stellen. Es soll diesem Manne kein Re&ume seines Schaffens gezogen werden, gleichsam, als beabsichtige man, einen Saldo seines Lebenskontos zu ziehen. Max Warburg, allem Feiern abhold, mag zu den vielen Opfern, die er unserer grossen jüdischen . Sache bringt, heute noch das hinzufügen, dass er uns die Möglichkeit gibt, ihm, dem Manne, und dem WTerk zu danken, das er führend, gestaltet, und hinter dem er unermüdlich steht und uns damit zugleich zu diesem Werke und zu dessen Gestaltung zu stellen. II. In der festlichen Kundgebung, mit der die Zionistische Vereinigung für Deutschland den 40. Jahrestag ihrer Gründung beging, sind Gedanken vorgetragen worden, die über den Kreis der Zuhörer hinaus bekannt werden sollten, weil sie Gelegenheit bieten, zu grundsätzlichen Fragen Stellung zu nehmen. Wir meinen damit nicht diejenigen Teile, in denen der Jubiläumsanlass zu vereinfachend-zusammenfassender Darstellung der letzten Jahrzehnte jüdischer Geschichte anregte und berechtigte. Man kann mit Genugtuung feststellen, dass auch dabei nicht der Rahmen der Verantwortung und des guten Geschmacks überschritten wurde. Der Ernst der jüdischen Situation in Deutschland und die lastende Ungewissheit der Zukunft in Palästina verboten Fanfaren. So konnte auch der nichtzionistische Gast die Feierstunde mit dem Gefühl verlassen, es mit Partnern zu tun zu haben, bei denen Parteiehrgeiz und Machtwünsche ihre Grenze in der ehrlich gesehenen Wirklichkeit und in der jüdischen Gesamtverantwortung finden. Durch alle gedanklichen Darlegungen schwang der Ton persönlichen Erlebens, und es gibt nichts, was geeigneter ist, Ehrfurcht zu erwecken, als die Einheit von Idee und Leben. Man merkte den Rednern an, dass jeder von ihnen das Land, für das sie kämpfen und arbeiten, gesehen, in sich aufgenommen haben, als ^Lebensziel betrachten^oder dass Max Warburg (Archiv) geschlossener mA eMühlungs-fähiger leiten könnte. Hier ist kein Abriss der deutschen Wirtschaftsgeschichte vor allem der Nachkriegszeit beabsichtigt, keine Skizze der Entwicklung Hamburgs nach 1918, in denen die Wirksamkeit von Max Warburg nachgezogen werden sollte. Es genügt zu wissen und auszusagen, was er für die Juden Deutschlands im letzten Jahrzehnt und besonders seit 1933 getan hat. Den Hilfsvereinspräsidenten würdigt an anderer Stelle dieses Blattes sein langjähriger engster Mitarbeiter in der Leitung1 dieser uns freundnachbarlich verbundenen Organisation, die jüdische Wirksamkeit in Hamburg ein Mann aus seiner Nähe dort. Der Jüdische Centrai-Verein ist stolz, dass Max Warburg in seinen Reihen steht, die Jewish Agency verdankt ihm nicht zum mindesten ihre Gründungsstunde in Deutschland. Nie Siat Warburg in feierlichen Pronunciamentos verkündet, dass er bereit sei, Verantwortung zu übernehmen. Aber man.übertrug ihm >ern Verantwortung. Er war eben immer da und vor allem damals, als die besten und die am meisten aufgeschlossenen Kräfte unserer Gemeinschaft aus allen Himmels¬ und jüdischen Parteirichtungen zusammenkamen, um die Neuplanung jüdischer Arbeit vorzunehmen. Mit unverdrossenem Verständnis willen gegenüber unsagbar harthörigen Ohren hat er seinen Einfluss, seine Erfahrung und nicht zuletzt seine charmante Beredsamkeit für die Schaffung der Reichsvertretung eingesetzt. Und seit ihrer Geburtsstunde steht er ihr in ihren schweren, demagogisch und propagandistisch allerdings "kaum auswertbaren Arbeiten zur Verfügung. Man muss sich bei solch festlicher Gelegenheit klarmachen, was es sachlich und moralisch für uns hier und draussen bedeutet, dass hinter der zentralen jüdischen Arbeit, so wie sie jetzt Um Pan»Arahien ' In der arabischen Staatenwelt haben sieb, vor kurzem' bedeutsame aussenpolitische Ereignisse vollzogen. König Ibn Saud, der Herrscher" des mächtigen Grossreiches in Zentralarabien, hat einerseits mit dem kleineren, am Roten Meer gelegenen Nachbarstaat Jemen und anderseits mit dem mesopotamischen Königreich I rak einen erneuten Pakt abgeschlossen. Bekanntlich haben derartige bündnis-mässige Bindungen schon bisher zwischen den drei arabischen Königreichen bestanden. Die soeben erfolgte Erneuerung des Bündnissystems beweist nun in aller Deutlichkeit, wie sehr man seitens der drei nationalistisch ausgerichteten Neustaaten auf eine Verfestigung der gegenseitigen Beziehung zwecks gemeinsamen Vorgehens Wert legt. Diese neu bekräftigte „Triple-Entente" hat nun noch in westlicher Himmelsrichtung eine sehr bedeutsame Erweiterung gefunden. Ihn Sauds aussenpolitische Aktivität hat an der natürlichen Grenze des Roten Meeres nicht haltgemacht. Als der ursprüngliche Binnen- etaat Ihn Sauds durch die Eroberung des Hedßchas von der Ostküste des Roten Meeres Besitz nahm, trat er zu dem jenseits des Meeres befindlichen Aegypten in Nachbarschaft. Hieraus ergab sich für Aegypten eine neue Situation, deren Auswirkungen erst noch festzulegen waren. Die fanatische nationalägyptische Freiheitsbewegung, in der Wafd-Partei organisiert, stand im Kampfe um die Unabhängigkeit des Landes gegen die Engländer in Front. Die mittelbare Nähe Ibn Sauds, der es aus politischen Klugheitsgründen mit den Engländern hielt, löste bei ihr ein begreifliches Missbehagen aus. Die weitere Entwicklung, arbeitete aber Ibn Saud in die Arme. Der englisch-ägyptische Zwist wurde durch den erst'kürzlich abgeschlossenen englisch-ägyptischen Freundschafts- und Bündnisvertrag, in dem die erfahrenen Briten dem Nilstromland weitgehende politische Selbständigkeit gewährten, auf güt-" lichem Wege aus der Welt geschafft. Nun war . die Bahn für Ibn Saud frei: vor einiger Zeit hat er einen Vertrag mit Aegypten zum Abschluss gebracht, der die bisherigen Unstimmigkeiten bereinigt und das gegenseitige Verhältnis in den Grundzügen regelt. Die Vermutung liegt nicht fern, dass dieser Vertrag die Vorstufe einer Anlehnung Aegyptens an das irakisch-saudisch-jeme- ' nitische Bündnissystem darstellt. Dies um so mehr, als das neuere Aegypten trotz seiner Völkermischung vorzugsweise ein arabisches Land ist. Man darf daher, mit gebotener Vorsicht, den neuen saudisch-ägyptischen Vertrag als einen ideologischen Zuwachs des um sich greifenden panarabischen Nationalismus verbuchen. Gleichzeitig ist, von der Nordhälfte des Nahen Ostens her, eine andere bedeutungsvolle aussenpolitische Aktion im Gange. Wie erinnerlich, ist bereits vor zwei Jahren zwischen der Türkei, Irak, Iran (Persien) und Afghanistan ein Nichtangriffspakt zustande gekommen. Neuerdings bemüht sich die unter Kemal Atatürks kraftvoller Führung wiedererstarkte Türkei, den Vier - Mächte- Block, in dem sie dominiert, durch eine Annäherung an das Bündnissystem der südlicheren arabischen Staaten zu erweitern. Eine derartige Bemühung ist ja an sich nicht neu, gewinnt aber durch den verstärkten Elan, mit dem sie betrieben wird, ein verändertes Aussehen. Werden die Umrissg einer interessenpolitischen Einigung der gesamten Welt des Vorderen Orients etwa sichtbar? Dass es mit der Verwirklichung der politischen Idee der panarabischen Bewegung noch gute Weile haben dürfte, dafür dienen Aeusserurigen zum Beweis, die von zwei führenden Persönlichkeiten in letzter Zeit getan worden sind. König Ibn Saud hat — der Reichsausgabe der „Frankfurter Zeitung" vom 15. Mai zufolge — die panarabische Bewegung als eine „Bewegung der arabischen Staaten zur Vereinigung ihrer Wirtschaftsgebiete und Pflege der gemeinsamen Kultur mit dem Ziel, alle Araber unter einem gemeinsamen Dach zu vereinigen" bezeichnet. In dieser zurückhaltenden Formulierung .ist die ethisch-politische Leidenschaftlichkeit des panarabischen Motivs einem etwas farblosen ökonomischen und kulturellen Zweckrationalismus gewichen. Noch deutlicher ist General Bekr S i d k y geworden, der unlängst ein diktatorisches Regime im Königreich Irak aufgerichtet hat. Er, der übrigens Kurde und kein Araber ist, hat sehr nüchtern erklärt: zuerst komme in jedem arabischen Staat die Aufgabe der innerpolitischen und wirtschaftlichen Konsolidation, und dann erst könne über panarabisehe ■ Fragen verhandelt werden.. ■ Aus dieser Erklärung Bekr Sidkys lassen sich unschwer die Gründe ablesen, die auf ein Stocken, wenn nicht gar einen Stillstand der nationalarabischen Einheitsbewegung hindeuten. Nur ein Moment könnte jener Bewegung, wie überhaupt dem nationalpolitischen Unabhängigkeitsdrang der vorderasiatischen Völker, einen Erfolg versprechen, wie sie ihn wünscht: nämlich die freiwillige Unterordnung unter eine oberhoheitliche Führung. Aber so sehr auch die Machtstellung Ibn Sauds, der am ehesten für diese Aufgabe in Betracht käme, mit ihren grösseren Zwecken gewachsen ist, so sind doch zurzeit die übrigen beteiligten islamischen Staaten keineswegs bereit, seine Hegemonie freiwillig anzuerkennen. Jeder der Staaten ist mit peinlicher Sorgfalt darauf bedacht, die frisch erkämpfte Autonomie vor jeder Einschränkung zu bewahren. Die über die eigene Staatlichkeit hinausweisende panarabische bzw. panislamische Idee ist doch nicht — wie die Erklärung des irakischen Staatsmanns beweist — stark genug, um den „staatlichen Egoismus" des einzelnen zurückzudämmen. Die zwischen den Nah-Ost-Staaten abgeschlossenen Beistands- und Nichtangriffsverträge büssen ihre politische Stosskraft dadurch ein, dass sie nicht die Subordination der übrigen unter eine führende Vormacht, sondern nur eine Staaten-Konföderation auf der Basis der Gleichberechtigung und Autonomie des einzelnen vorsehen. Die panarabische und gar erst die panislamische Ideologie hat sich an der massiveren Idee der nationalstaatlichen Autonomie gebrochen. Daran wird auch nichts dadurch geändert dass die oben wiedergegebenen Aeusserungen Ibn Sauds und Bekr Sidkys bei den ideologischen Schwärmern des Arabertums und weiterhin des Islams Enttäuschung, Verbitterung, nicht zuletzt scharfen Widerspruch ausgelöst haben. Gerade.die Einstellung gegenüber den europäischen Grossmächten beweist zur Genüge, wie sehr es der arabischen Nationalbewegung an einem .einheitlichen Vorgehen mangelt. Unabhängig voneinander und ohne fühlbare Rücksichtnahme aufeinander haben der Irak, Saudi-Arabien oder Aegypten ihre Verträge nvit England geschlossen. Syrien musste — gewisse irakische Sympathiekundgebungen billig abgerechnet — allein zusehen, wie es seine Unabhängigkeit dem französischen Mandatar ab- : ringen konnte. Die arabischen Aufständischen in Palästina haben auf den vollen Kräfteeinsatz des panarabischen Nationalismus vergeblich gehofft. Die jeweilige Bindung an England zwang die arabischen Neustaaten zur Zurückhaltung. Alle diese Symptome sprechen dafür, dass die Realisierung eines panarabischen Reiches, von dem die . arabischen Idealisten träumten, in der gegenwärtigen Weltstunde in weite Ferne gerückt zu sein scheint. Jenseits dieses Wunschbildes kann man in der politischen Wirklichkeit der vorderasiatischen Staatenwelt ein zentrifugales und ein zentripetales Prinzip unterscheiden. Der panarabische Nationalismus, der alle vorhandenen Kräfte auf den Mittelpunkt der religiös - rassisch - völkischen Renaissance-Idee hin konzentriert, stellt eine zentripetale Kraft dar. Der nationalstaatliche Realismus, der sich die Selbständigkeit despolitischen Handelns nicht verkürzen lassen will, wirkt sich-als eine die nationalideologische Einheit sprengende zentrifugale Kraft aus. So lange die panarabische Idee die Kreise des einzelstaatlichen nationalen Realismus und Egoismusnicht stört, ist ein Zusammenwirken beider. Kräfte immerhin möglich. Insofern waren . wir berechtigt, eingangs zu vermerken, dass der neu bekräftigte Pakt zwischen den drei arabischen Staaten wahrscheinlich auf die Innehaltung einer gemeinsamen politischen Linie hindeutet, unbeschadet der Wahrung der Interessen der einzelnen Partner. Dr. Fritz Friedlaender. In dieser Nummer f inden unsere Leser u. a., Aufsätze über: Alfred Adler — Rudolf Borchardt — Max I. Friedländer — Compars Herrmann — Max Warburg — Ignaz Zollschan. Ferner: Fritz Schwerzschild: Ludwig-Tietz-Werkstätte in Jagur — Sommerpremieren in den Kulturbünden Die Beilagen: Wirtschaft der Woche 'alästina-Umschai Sportblatt - ' Apprendam brasilei