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Central-Verein-Zeitung · 1937-05-27 · 21 (27.5.1937) · page 9

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
21 (27.5.1937)
Date
1937-05-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Herzl und Bloch Zum 3. Band von J. S. Blochs Lebenserinnerungen Der Florisdorfer Bezirks-Rabbiner Joseph Samuel Bloch, von dem nur wenige , der heute Lebenden mehr als den Namen und die meisten nicht einmal diesen kennen, war eine der markantesten Figuren in dem an originalen Persönlichkeiten so reichen jüdischen Oesterreich der Vorkriegszeit. Der Name dieses aus Galizien stammenden Rabbiners einer Vorortgemeinde Wiens wurde vor 50 Jahren mit einem Schlag berühmt, als er damals als einziger es wagte, den von dem Prager Kanonikus und Professor des Kirchenrechts August Rohling in seinem Buch ..Der Talmudjude" aulgestellten Behauptungen in aller Oeffentlichkeit scharf entgegenzutreten. Der über zwei Jahre sich hinziehende Prozess wurde unter Aufwand eines riesigen gelehrten und juristischen Apparates geführt. Alte Talmudausgaben mussten beigebracht und interpretiert. Gutachten bekannter deutscher. Orientalisten mussten herangezogen werden, die Machenschaften jüdischer Renegaten, die Rohling als Helfershelfer dienten, waren zu entlarven. Endlich sah sich Rohling gezwungen, seine gegen Bloch angestrengte Beleidigungsklage zurückzuziehen. Auf Grund dieses Erfolgs wurde Bloch das gaiizische Reichsratsmandat im Wahlkreis Kolomea angeboten und Bloch wirkte lange Jahre als parlamentarisches Mitglied des Polenklubs und als Anhänger der von den deuischliberalen Juden heftig befehdeten, weil den Nationalitäten freundlichen Regierung des Grafen Taaffe für die Interessen der jüdischen Bevölkerung auf dem öffentlichen Forum der Monarchie. Alles dies liest sich im ersten und zweiten Band der Bloch- ' sehen Lebenserinnerung, die 1922 bei R. L o e - wit in Wien und Leipzig herausgekommen sind, wie ein spannender Roman. Nun hat Chaim Bloch (kein Verwandter, . sondern ein Freund des Verstorbenen) im Auftrag des überlebenden Bruders den dritten Band der „Erinnerungen aus meinem Leben" in dem Wiener Verlag Appel & Co. herausgegeben. Es handelt sich bei diesem aus dem Nachlass veröffentlichten Band um einzelne Nachtragskapitel, welche weniger für das grosse •Publikum als für den Historiker von Interesse sind. Führende Persönlichkeiten der Wiener jüdischen Gemeinde werden geschildert. Sigmund Mayer, Heinrich Klinger, Theodor Ritter v. Taussig. Baron Albert Rothschild und Dr. Alfred Stern. Ein eigenes Kapitel ist Thomas G. Masaryk, dem nachmaligen ersten Präsidenten der tschechoslowakischen Republik, gewidmet, ein anderes einer Reise durch Palästina unmittelbar nach Kriegsende. Weitaus am interessantesten aber sind die Mitteilungen über die Beziehungen zu Theodor Herzl, sowie über die Vorgänge um Blochs Leopoldstädter Reichsratskandidatur im Jahre 1907. Diese Mitteilungen entsprechen nicht, in allen Teilen der herkömmlich gewordenen Geschichtslegende, aber gerade deshalb geben sie dem Kenner unter Vorlage von Originaldokumenten wichtige neue Einblicke in die Entstehungsgeschichte des politischen Zionismus und der jüdischen „Xandespolitik" in Oesterreich. Für die Wiener Verhältnisse ist es charakteristisch, dass Bloch, einer der Gründer der Oesterreichiseh-Israelitischen Union, gleichwohl bestrebt ist, seine positive Rolle in der Bewegung der Zionsfreunde sowie die Förderung, die er Herzl angedeihen liess, ins Licht zu rücken. Tatsächlich gehörte Bloch zu den Ehrengästen und Festrednern der „Kadimah", der ersten jüdischnationalen Verbindung Oesterreichs, die in den SOer Jahren des vorigen Jahrhunderts unter Führung des vor kurzem verstorbenen Nathan Birnbaum gegründet wurde, und ebenso gehörte er zu denjenigen, die Herzls Judenstaat-Manuskript schon vor der Veröffentlichung zu lesen bekamen. Freilich war Bloch nicht nur ein Gegner des Parteizwanges überhaupt und damit auch des Parteizionismus — „Ich bildete immer nur meine eigene Partei — mit mir allein", so spricht er von sich selbst —, sondern auch ein Gegner der politisch-diplomatisierenden Mittel, mit denen Herzl das Palästinaproblem vorwärts zu treiben suchte. Ueber die Beziehungen der beiden hervorragenden Männer, Herzl und Bloch, zueinander sind die Akten noch nicht geschlossen. Bloch erscheint in den Herzischen Tagebüchern als ängstlicher Egoist und als ein Mann, der aus diesem Motiv heraus Herzl Steine in den Weg legt, wo er nur kann. Bloch wehrt diese Angriffe ab, indem er darlegt, wie sehr er bereit gewesen sei, journalistisch mit dem organisierten Zionismus auch in späterer Zeit ebenso zusammen zu arbeiten, wie im Beginn der Bewegung. Es wird beiderseits viel unschöner Staub aufgewirbelt, aber von keiner Seite wird die einfache Wahrheit festgestellt, dass zwei so eigenwillige und dabei so grundverschiedene Charaktere ihrer Natur nach nicht zusammen arbeiten konnten: Herzl, ohne fundierte jüdische Kenntnisse, aber von einer grandiosen Idee besessen, ein faszinierender junger Mann, der als Führer der Juden auftrat und alle Herzen bezauberte, und Bloch, ein gescheiter alter Talmud ist östlicher Schulung voll Verantwortungsgefühl, der auf historische Verdienste stolz war und geehrt, nicht beherrscht sein wollte. Zu diesem persönlichen Gegensatz, der auch ohne die kleinliche Wienerische Gehässigkeit einer gewesen wäre, kam ein sachlicher, dpr in Blochs Aufzeichnungen nur durchschimmert, ohne ganz deutlich zu werden, hinzu: Bloch bezeichnet sich als „Zionist", er wünscht und fördert als solcher „ein jüdisches Gemeinwesen in Palästina", aber den „Judenstaat" lehnt er als „politische Phantasterei" ab. Das, was er befürwortete, war gerade jene Siedlungsarbeit ohne Rechtsbasis, die Herzl Zeit seines Lebens wütend bekämpft hat. Um dessentwillen der rigorose Ausschluss des galizischen Zionisten Salz aus der Partei, um dessentwillen keine Einigung mit dem Pariser Baron Edmond Rothschild! Und da sollte Bloch, der politisch „packeln", aber journalistisch und im Denken selbständig bleiben wollte, geschont werden? Das hätte dem Ausschliesslichkeits- Max Stern: „Reisigsammlerin" Ernst Dreifuss: (Zu der umstehenden Besprechung) „Mein Lehrer" Fot. (2) Sonnenfeld fflluIlHIlIlllIillliilillllillllllliH prinzip der jugendlichen zionistischen Bewegung strikt widersprochen! Heute hängen in Palästinadie Bilder von Theodor Herzl und Edmond Rothschild friedlich beisammen, man hat längst gelernt, auf beiden Gleisen zu fahren, weil man gezwungen ist, innerhalb der gross gewordenen Partei die Kompromisse zu schliessen, die man in den bewegten Anfängen dem — wirklichen oder vermeintlichen— Gegner versagt hat. Dazu kommt, dass Bloch der Vertreter einer jüdischen Nationalitätenpolitik in Oesterreich war zu einer Zeit, als der Herzische Zionismus jede auf Dauer berechnete Arbeit in der Diaspora und für die Diaspora als vom einzigen wahren Ziel ablenkend ablehnte. Heute dagegen beherrschen zionistische „Landespolitiker", deren Ideenkreis wie der Blochs auf Adolf Fischhof zurückgeht, die Wiener Gemeindestube. Sehr nachdenklich ist das .,Gedenkblatt", das der Herausgeber Chaim Bloch am Sehluss des Buches dem toten Freund und Lehrer widmet. Aus diesem Nachwort scheint hervorzugehen, dass' sich im Blochschen Nachlass noch weitere Dokumente befinden, auf deren Veröffentlichung der Herausgeber, ja schon seinerzeit der Autor, „um der Wege des Friedens willen" verzichtet hat. Wenigstens an einer Stelle spricht Chaim Bloch ausdrücklich davon, dass sein Lehrer auf seinen Rat von der Bekanntgabe wichtiger Briefe, die sich in seinen Händen befanden, abgesehen habe. Oder sollten diese Briefe nicht mehr vorhanden sein? Aber, wie es damit auch stehen mag, beide, Autor wie Herausgeber, lassen recht deutlich als ihre Meinung erkennen, dass auch der Herausgeber der Herzischen Tagebücher durch allerhand Weglassungen die historische Wahrheit getrübt habe. Als Historiker muss man eine solche Einstellung bedauern. Die Siege und Niederlagen jener Tage gehören der Novelle von r Gsorg Hirschfeid 2. Fortsetzung Doch die Mutter erriet ihn. Noch mied ihr Herz, ihn aufzustören. Sie sah, dass er einen Fund getan in der Wirrnis seiner Jugend — den wollte sie ihm nicht nehmen. Treue Pflege brauchte er nach der nie erlebten Anstrengung, kräftige Nahrung. Dankbar fühlte er den verschwiegenen Dienst der Mutter. Am" nächsten Morgen hatte er sich gefunden — ein entschlossener Jüngling nahm von Diblaim Abschied. Doch sie liess ihn nicht ohne Erklärung fort. Es kränkte sie, dass er so gehen sollte. „Wo verbringst du heute den Tag? Dort, wo du gestern gewesen?" „Weisst du es, Mutter?" „Warum willst du mir dein Liebstes verschweigen?" „Das will ich nicht." „So nimm von mir, was du brauchst — Nahrung, eine warme Decke, Oel für die müden Füsse. Deine Mutter kann für dich sorgen." „Weisst du, warum ich geschwiegen?" „Ja, Geber. Denke an mich und lasse die Arbeit nicht zuviel werden. Sie ist heilig, solange sie dir frommt." „Habe Dank, dass du sie heilig nennst. Sie ist mehr für mich, als für andere. Ich finde den Lohn, den ich brauche." Er liess sie in stiller Freude daheim. Zum Arbeitslager eilte er. Dennoch kamen Tage, die ihn vor neue Rätsel stellten. Hier gab es Fragen, die nur ein Mann löste, die Mutter nicht. Erfüllte die Wirklichkeit, was die Erwartung der Jugend war? Während der Mittagsrast hörte Geber die Gespräche seiner Arbeitsgenossen. Sie waren selten heiter, sie schienen immer Nachteile in der neuen Tätigkeit zu fin den. Man glaubte an die Unerschöpflichkeit der königlichen Kasse, aber die Löhne blieben hinter der Erwartung zurück. Dass nicht mehr versprochen wurde als man empfing, war gut, doch es lag im Wesen der Geworbenen, dass sie sehr stolz auf ihren Anspruch waren. „Salomo soll — Salomo kann", war ihre ständige Rede. Geber widerstrebte es, den hohen Namen zu' nennen. Für ihn gab es nur den König. Er wurde noch tiefer in sich selbst zurückgedrängt. Unter stiller Last schaffte er weiter. Was in ihm gärte, ahnte niemand. Auch die Mutter hätte es nicht erfasst. Aber ein Wunsch formte sich in ihm. ein tiefes Verlangen, das er über alles stellte: Er hatte den König noch nie ge- sehen. Nur von fern, in einer goldenen Wolke, zwischen jtanzenden Frauen. Der König war ein Mensch, und der Tempel sollte das höchste Menschenwerk werden. Geber genügte die edle Sage nicht mehr, die von ihm erzählte, in der Schule, zwischen den Spielen. Als Arbeiter kam er dem König näher. Er wollte ihn sehen, dem er seine Arbeit dankte. Am Abend des dritten Tages erfüllte sich sein Wunsch. Sonst betrat König Salomo den Bauplatz erst, wenn die Arbeiter entlassen waren. Heute aber sah man plötzlich die goldene Sänfte zur Höhe tragen, während alles Volk noch schaffte. Hoch über Geber entstieg der Herrscher und blickte als deutliche Gestalt umher. " Diblaim hatte ihrem Sohn die -reine Andacht Geschichte an und damit hat 'die politische Leidenschaft, Hass und Gunst der Parteien, ihr Recht an ihnen verloren. . Keinerlei taktische Rücksichten rechtfertigen es heute, dass selbst die kleinste Kleinigkeit an Einzelzügen dem Gedächtnis der Nachlebenden vorenthalten wird. Unsere Grossen werden nicht geringer, wenn man sie menschlich nimmt. Dr. Werner Cahnmann der Bescheidenheit verliehen. Geber hatte nie gewagt, ein vorgefasstes Bild von ihm zu tragen. Er blickte kniend empor, er sah und erfasste. Dass der wirkliche König menschlich blieb, war gut. Kleiner von Gestalt, als man ihn geschildert, stand Salomo über Geber, ein fester, gedrungener Mann, schwarzlockig, mit kurzem, nicht wallendem Bart. Ein goldener Reif, der den grossen Karfunkel, das Zeichen seiner Würde, trug, umschloss den Kopf. Weiss und schlicht fiel sein Gewand. Er stand allein, und niemand durfte ihm nahen, ohne gerufen zu sein. Dies war König Salomo. Das Arbeitsvolk kniete nicht mehr. Man musste sich erheben. Verboten war es, des Herrschers ferner zu achten. Er prüfte den Bau, von Räten und Meistern umgeben. Alles war ihm vertraut, er brauchte keine Erklärung. Nur wenn der König ein Wort an ihn richtete, durfte der Arbeiter sich ihm zuwenden. Es geschah nicht oft. Mild und schlicht liess der Herrscher die Leute bei ihrer Arbeit. Er war ihr Vater dennoch, jeder konnte seiner Sorge gewiss sein. Doch Geber stockte das Herz, als der Zug sich wider Erwarten seinem Arbeitsplatz zuwandte. Er kam — nun war es nicht mehr zweifelhaft. Er prüfte das kleine Gebälk zuerst, es schien ihm wichtiger als die grossen Träger. Geber durfte noch nicht aufblicken. Sein Freund hielt ihm das Holz, er führte die Säge. So taten beide ihre Pflicht, als ob nur gaffendes Volk sich näherte. Doch hinter Geber stockte der Zug. Man blieb stehen, es konnte nicht anders sein. Die beiden Kameraden erregten des Königs Teilnahme. „Wende dich zu mir, Jüngling. Sage deinen Namen, deine Herkunft." Eine wunderbare tiefe Stimme traf Geber. Er richtete sich auf, er wandte sich. Salomo stand vor ihm. Die Heilige Schrift. Neu ins Deutsche übertragen. Vierter Band: Ketubim.- Schrifttum. J. Kauffmann Verlag, Frankfurt a. Main, 1937. Mit dem Erscheinen dieses Bandes liegt die gesamte auf Veranlassung der Jüdischen Gemeinde Berlin herausgegebene Bibelübersetzung vor. Die „Preislieder" hat Emil Bernhard Cohn, die „Sprüche" Emil Levy, „Ijob" Harry Torczyner, „Der Lieder Sang" Georg Salz» berger, „Ruf, „Klagelieder" Caesar "Selig* mann übersetzt; Ludwig Levy hat „Kohelet", Elias Auerbach „Ester", „Danijel", „Esra", „Nehemja" sowie „Zeitbegebenheiten I und II" übertragen. Die literarische Verschiedenheit der in diesem Bande vereinigten Schriften, die eine Fülle bibelwissenschaftlicher Probleme enthalten, hat die Uebersetzer vor eine besonders schwierige Aufgabe gestellt. Da der massoretische Text zugrundegelegt wurde, war zwar der Aufgabe der Uebertragung der Weg in dieser Hinsicht vorgezeichnet und allen auf textlichen Konjekturen, beruhenden Uebersetzungen von vornherein die Grenze gesetzt. Dass dies die redaktionelle Arbeit Professor Torczyners nicht leicht gemacht hat. wird jeder zu würdigen wissen, der seine textkritische Methode kennt. Gerade deswegen muss es Bewunderung erregen, welche neue Möglichkeiten des Textverständnisses sich auch: bei Beibehaltung des überlieferten Textes ergeben. Besonders in der Hiob-Uebersetzung Torczyners, „Geber, Herr. Meine Mutter ist Diblaim, eines Kriegers Witwe." Der Blick des Königs ruhte länger, als man es sonst erlebt hatte, auf diesem Jüngling. ..Der Prophet sandte dich?" „Ja, Herr!" ..Diene dem heiligen Werk. Erfreue ferner deine Mutier." Eine Hand berührte segnend Gebers Haupt. Dann ging der königliche Bauherr weiter. . Betäubt blieb Geber bei der Arbeit. Die anderen lauschten, fast bestürzt. Es wurde deutlich, dass sie den unzugänglichen Kameraden jetzt anders betrachteten. In Geber war kein Verlangen da- 'Oeukea Sie dama: Wer uns neue Abonnenten zuführt, hilft am Aushau unserer C.-V.-Zeitung mit. 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