Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 21 (27.5.1937)
- Date
- 1937-05-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2277379-2277516-2277537--11922-2281491- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr.2T*27.Mai1937 C.-V.-Zeitung Seite 5 Dichter und Komponist Ein Briefwechsel zwischen Richard Fuchs und Karl Wolfskehl m Dr. Richard Fuchs (Karlsruhe) hat, wie wir in Nr. 19 vom 13. Mai mitteilten, für sein Opus „Vom jüdischen Schicksal" den Preis des Reichsverbandes der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland für ein Chorwerk mit Orchesterbegleitung erhalten. Diesem Werk liegen Texte von Karl Wolfskehl und Süsskind von Trimberg zugrunde. Zwischen dem Komponisten und dem Dichter Wolfskehl fand vor Einreichung der Partitur und nach Bekanntgabe des Ergebnisses des Preisausschreibens ein Briefwechsel statt, den wir nachstehend auszugsweise wiedergeben. Die Schriftleitung. ..Karlsruhe, 2. Januar 1937. Herrn Karl Wolfskehl, Recco b. Genua Sehr verehrter Herr, Sie müssen diese trockene Anrede entschuldigen, Titel kenne ich von Ihnen keine, und .verehrter Dichter' kann ich doch nicht schreiben, obwohl ich das gerne tun würde . . . Ich habe einen Teil Ihrer Gedichte in Musik gesetzt, zusammen mit einem alten Gesang des Süsskind von Trimberg. In der Reihenfolge, wie es auf beiliegendem Durchschlag zu sehen ist . . . Die Worte des Süsskind überbrücken geistig einige Jahrhunderte und bringen sie mit dem gewaltigen Klang Ihres Gedichtes zusammen, Dr. Richard Fachs Fot. Rausch und Pester, Karlsruhe wobei gewisse Zitate in der Musik einen inneren Sinn aufdecken, den. kein Mensch hat ahnen können ... Süsskinds Worte wirken textlich und in der Musik wie eine Beschwörung eines Geistes aus dem Mittelalter und es hat für mich — vielleicht auch für Sie? — einen wehmütigen Reiz, einem Ur-vor-Alten geistig gewissermassen die Hand reichen zu dürfen . . . Dr. Richard Fuchs.*' „Recco (Genua), 6. Januar 1937. Sehr verehrter Komponist, Sie sehen, ich tue das, was Sie sich nicht verstatten und damit mir vorenthielten. Wie könnten zwei Künstler sich besser, richtiger, ehrender anreden als mit dem Werknamen; der und nur der macht doch ihren Charakter aus. Dies soll beileibe kein Einwand sein oder gar eine Zurechtrückung, sondern bloss unmittelbarer Ausdruck meiner Sinnesart. Und freilich darüber hinaus noch etwas anderes: Der Ausdruck meiner Freude über, der Spannung auf Ihr Werk. Nach der dichterischen Seite ist die Gruppierung Ihres Chorwerkes ganz vortrefflich. Der starke Auftakt, das elegische Fluten und endlich der beides vereinende, in sich fassende und dabei doch ferngewiss vordrängende Schlusschor, das ist als Struktur sehr schön. Ein ganz besonders lieblich-wehmütiger und rein ästhetisch als Fermate wirksamer Einfall ist es, gleich hinter dem Auftakt die melancholischen Zeilen des Trimbergers zu bringen: Ebenklang und Gleichgeschehen, das durch sieben Jahrhunderte herübertönt! . . . Ihr sehr ergebener Karl Wolfskehl." „Karlsruhe, 12. Januar 1937. Sehr verehrter Dichter, diese Anrede gibt einem doch einen Schock, einfach deshalb, weil zu jedem anderen Künstlerberuf eine gewisse Art von Handwerk gelernt werden muss, während jedes Kind glaubt, die Sprache als solche zu können. Ihr Antwortbrief hat mich zu meinem freudigen Schreck empfinden lassen, dass Sie die künstlerische Idee der gewählten Reihenfolge der Gedichte schon, ohne die Musik zu kennen, intuitiv erfasst haben. Aus Ihren weiteren Worten entnehme ich, wie gross Ihre Aufnahmefähigkeit für Musik überhaupt ist, und da inzwischen auch die Photokopien angekommen sind, überlege ich nicht lange, sondern sende Ihnen anbei eine Partitur und einen Klavierauszug.....Am liebsten würde ich selbst einmal zu Ihnen nach Recco kommen, vielleicht kann ich es diesen Winter ermöglichen. Ich habe das Werk, wie ich schon schrieb, zu einem Preisausschreiben eingesandt und kann natürlich jeizt meinen Namen nicht öffentlich nennen. Davon abgesehen jedoch wird eine Aufführung nicht nur materielle Schwierigkeiten haben .... Und nun empfehle ich mein Werk Ihrer Kritik. In ausgezeichneter Hochachtung Ihr ergebener Dr. Richard Fuchs." Am 19. Januar bestätigt Wolfskehl den Empfang der Noten. Am 10. Mai teilt Richard Fuchs dem Dichter Wolfskehl die Tatsache mit, dass das Chorwerk preisgekrönt worden sei und fügt hinzu: „Es drängt mich, Ihnen zu danken für die anregende Kraft Ihrer gewaltigen Dichterworte, und ich glaube, dass in der gefundenen Vertonung uns beiden ein Werk gelungen ist, dag einmal dereinst kein schlechtes Zeugnis geben wird für den heroischen Geist, mit dem wir unser ungeheures Schicksal zu erleiden befähigt waren .... Und nun bitte ich Sie herzlichst, mir bald zu sagen, ob und wie Sie selbst schon Gelegenheit hatten, das Werk am Klavier zu hören." Der Dichter erwidert sofort am 12. Mai: ..Ihr Brief heischt und erhält sofortige Antwort! Antwort? Mehr: Widerhall und freudigen Glückwunsch! Wie schön, dass der Spruch der Wissenden so einhellig, so stark für Sie zeugt und für Ihr Werk! Ich habe Ihnen von Herzen zu danken, dass, was ich gesprochen, in Ihnen schöpferisch gewaltet hat. ,Muss nicht der Schenkende danken, da?s der Empfangende nahm?' Und welche Wechselwirkung bei solchem Zusammenspiel! Jeder gibt, jeder empfängt. Noch brennender ist nun mein Verlangen, Ihr Werk kennen zu lernen. Noch brennender und doch immer noch in Entfernung gerückt seine Erfüllung. Keinen Menschen habe ich finden können, trotz vielfachen Bemühens, der Sie mir hätte interpretieren mögen .... Nur so viel für heute. Halten Sie mich bitte auf dem Laufenden oder machen Sie mich zum Mitlaufenden auf dem Geburtsweg und Werdegang Ihres Werkes. Ich folge mit grösster Spannung und Sympathie." Erich Wolfgang Korngold 40 Jahre Als der Zwölfjährige bei Alexander v. Zemlinsky Kompositionen zu studieren beginnt, bringt er seinem Lehrer schon eigene kleine Arbeiten für Klavier mit: Märchenbilder, Pantomimen. Die eine, die Pantomime ,.Der Schneemann", findet Zemlinsky so hübsch, dass er sie instrumentiert und 1910 in Wien uraufführen lässt. Und sie gibt Wien sein Wunderkind, seine Sensation und — seinen Skandal. Denn Korngold hat zwei grosse Fehler, die ihn sein ganzes Leben hindurch verfolgen werden: er ist Jude, und er ist der Sohn des Musikkritikers der Wiener „Neuen Freien Presse", Dr. Julius Korngold. Aller Hass gegen den Vater — und Musikkritiker sind ja nun einmal die bestgehassten Menschen — steht auch gegen den Sohn auf, von der Presse, von der Künstlerschaft aus. Aber ausserhalb Oesterreichs beginnt man plötzlich seinen Namen zu nennen. Arnold Rose, Bruno Walter, Friedrich Buxbaum bringen das Klaviertrio des Dreizehnjährigen in Wien, in Graz, zur Aufführung. In Berlin muss Bruno Walter plötzlich absagen. Da übernimmt der Komponist selbst den Klavierpart; denn erspielt ganz ausgezeichnet Klavier. Arthur Schnabel spielt in Wien und in. Berlin seine Klaviersonale, 1912 bringt Köln schon eine ganze Korngold-Woche, und vier Jahre später beginnt die Reihe der grossen Opern: „Violanta" — „Die tote Stadt" — „Das Wunder der Heliane", Opern, die in realistischer oder in mystischer Gestaltung immer wieder um das gleiche Problem kreisen: heisse, begehrende, unerwiderte Liebe. Der Achtzehnjährige packt konzessionslos mit aller Realistik zu: „Violanta". Zehn Jahre später hebt der fast 30jährige den gleichen Fragenkreis in das zeitlose Licht abgeklärter Mystik: Violanta wird zur Heliane. Zwischen beiden Opern „Die tote Stadt", die, mit 22 Jahren geschrieben, all das in eine milde Traumwelt taucht. Der Mord, den der dunkle, begehrende Mann an der ihn verschmähenden Frau begeht — er begeht ihn in allen drei Opern — ist nur ein Traum. Korngold zeichnet die Welt dieser drei Frauen in einer heissen, ekstatischen Musiksprache, die am Orchester von Richard Strauss, an der Farbenglut der „Elektra", der „Salome", gebildet ist. Das Orchester spielt diese Musik gern: denn-sie scheint aus dem Orchester geschöpft und geschrieben. Die Sänger singen diese Opern gern, weil sie diese Melodien fast von selbst singen. Und das gleiche sagen die Sänger, wenn sie seine Lieder singen. Ein Wiener Kind macht eben Musik, wie sollte sie nicht „wie von selbst" klingen? Das Letztvollendete ist eine Filmmusik zu dem Mark- Twain-Stoff ..The prince and the pauper" An vorbei waren, wurde das Radio ausgeschaltet; nachher sollte Mozart gesendet werden. Aber dennoch wunderbar, denn nach dem nerrlichen Film „Good earth" (nach dem Roman von Pearl Buck) vergassen die Frauen ihre rotgeweinten Naschen einzupudern und im Kino war es ganz still. Aber war diese Stille nicht wieder beredt genug, um dir und mir und uns allen, zuzuflüstern, dass die von einer guten Erde kommen müssen, die in einer fünfzig Jahre alten Stadt, von „good earth" erschüttert werden können? In der Umgebung dieser Stadt liegen Lehmhäuser, an deren Wänden rote und blaue Kreidezeichnungen eingekratzt sind, Zeichnungen, die wir aus den Museen aus der Abteilung „Kunst der Primitiven" kennen. Und hier drängen sich die Menschen vor den Schaltern, um eine Eintrittskarte zu dem kommenden Gastspiel eiuer Londoner Operntruppe zu bekommen. In fünfzig Jahren wurde eine Stadt mit Wolkenkratzern und Strassenbahnen, mit aller nur möglichen Zivilisation von Goldgräbern gegründet. Eine Goldgräberstadt noch heute! Vor ihren ersten Häusern liegen die Wälle: Breite Kegelstümpfe, gelblich weiss, die flachstirnigen Goldminen. Sie geben Johannesburg die „Johannesburger Aussicht", die von jedem Wohnungsfenster zu sehen ist: sie lassen sich nicht vergessen, die Minen, die einer Stadt Sinn und Existenzberechtigung gegeben haben. S i e lassen die vielen Lichter aufleuchten, die einen so fassungslos machen, wenn man am Abend oben am Northcliff steht. Hon; do ijou fifce Johannesburg? Alles wunderbar! Denn die Goldminen überschritten nicht ihr Reservat. Sie stampften nur die Wolkenkratzer, nicht eine gleich dem Fahrstuhl zum siebzehnten Stock gut funktionierende Kultur aus dem Boden. Das überliessen sie den Menschen, die sich jetzt bei der Opernkasse drängen und nach „good earth" leise sind. Gebiet weiterschreitend, dass er mit der kammermusikhaflen, kapriziösen Bühnenmusik zu Shakespeares „Viel Lärm um nichts*' begonn-m. Eine Zeitlang hatte man versucht, Korngold nur als Wunderkind abzustempeln und in der „Toten Stadt" seine Erfüllung zu sehen. „Das Wunder der Heliane" hat Korngold aus der Wunderkindzeit herausgehoben. Wir warten. Und geben heute dem Vierzigjährigen unverändert Sympathie und Hoffen. Dr. Anneliese Landau. Dirigentenjubiläum Theodor Schönbergers Theodor Schönberger begeht am 1. Juni sein 25jähriges Jubiläum als C h o r d i r i g e n t der Berliner Jüdischen Gemeinde. In der Nähe seines Ehrentages auf seine Lebensarbeit hinzuweisen, gebietet Herzenspflicht. Aus einem schlichten, künstlerisch stark interessierten Potsdamer Kantorenhause stammend, wird Schönberger bald nach Absolvierung des Gymnasiums Schüler des Sternschen Konservatoriums. Männern wie Gernsheim. Ehrlich und Dreyschock verdankt er sein pianistisches und universelles musikalisches Wissen. Nach Jahren emsigen Studiums wird an derselben Ausbildungsstälte der Schüler zum Lehrer und Meister für zahllose Musiker der Welt. Schönberger war, vermöge seiner charakterlichen Eigenschaften und seines starken Intellekts, der geborene Pädagoge. Pianisten von bedeutendem Rang und Namen haben ihm. dem kein blendendes Vituosentum liegt, ihr Wissen und Können zu danken. Es konnte nicht ausbleiben, dass er als Sohn eines bis heute unvergessenen Mannes sich auch der Synagogenmusik zuwandte: Vor 25 Jahren berief ihn die Jüdische Gemeinde Berlin als Chordirigent an die Synagoge Lützowstrasse. Wenige Jahre späier wurde ihm das gleiche Amt in der Synagoge Fasanenstrasse übertragen, an der er mit vorbildlicher Pflichttreue wirkt. Kein sich despotisch gebärdender Dirigent, der dem ihm ..unterstellten" Chor gebieterisch seine Auffassung aufzwingt, sondern auch hier der künstlerisch empfindende Leiter eines dynamisch ungemein fein abgetönten kleinen Tonkörpers. Seit Bestehen der Lehrerbildungsanstalt des Preussischen Landesverbandes vermittelt Schönberger auch dort den Hörern sein reiches musikpädagogisches Wissen. Inmitten restloser Erfüllung seiner Lebensaufgabe kommt nun sein Feiertag, der ihm gewiss die gebührende Würdigung seines verdienstvollen Wirkens bringen wird. Sei Schönberger noch lange der Mittler einer heiligen jüdischen Kunst für diejenigen, die kummerbeschwert in das Gotteshaus kommen, um dort Erhebung und Befreiung ihrer bedrückten Seele zu finden. M. D. JDonPasquale' in anderer Besetzung Die Donizetti - Aufführung des Berliner Kulturbundes hatte an einer Reihe von Abenden eine andere Besetzung aufzuweisen. Um den erfreulichen Ablauf der~heiteren Oper war insbesondere Mascha B e n j a k o w s k i verdient, deren nettes Aussehen und hübsche Behandlung ihre lockeren hellen Koloratursoprans die muntere Witwe Norina zum Mittelpunkt werden Hess. Der Don Pasquale von Walter Ries war etwas zu beweglich und wirkte so tölpelhafter, als der brave Alte es verdient hätte, dagegen war wieder der Liebhaber Ernesto von Richard Dresdner recht sparsam mit den darstellerischen Mitteln — beide jedoch, Bass und Tenor, zeigten sich gesanglich den wohlklingenden Melodien und Rhythmen durchaus gewachsen. Der verschmitzte Dr. Malatesta war bei dem stimmgewaltigen Walter Olitzki in besten Händen "geblieben. Berlhold Sander leitete Solisten und Orchester sicher und sauber, der von ihm sorglichst einstudierte berühmte Chor des dritten Aktes musste dein Publikum zu Gefallen wiederholt werden. Ein sehr erfreulicher Abend. Kai. Kulturbund-Spielplan der Woche Theater in der Komnumdantenstr. 57, 20 Uhr 15 Min.: 31. Mai: Z.V.f.D.,Veranstaltung; 1. Juni: Chorkonzert (Abt. 2. 3, 12, 13): ..Jean" 2. Juni (Abt. 4 und 14), 3. Juni (Abt. 5 und 15) und 6. Juni (Abonnement und Abt. 48). Reform-Synagoge. Johannisstr. 1(>. 20 Uhr 15 Min.: 31. Mai: Vortrag Dr. Anneliese Landau; 2. Juni: Chorkonzert (Abt. 24, 25, 26, 27, 28, 35, 36, 37. 3S) und 3. Juni (Abt. 1, 11, 21, 29. 31, 34, 39. 41, 51). Kleinkunstbühne im Briidervereinshaus. Die letzten beiden Vorstellungen der Revue „Bitte einsteigen!" von Willi Rosen und Max Ehrlich finden am 29. und 30. Mai, 20 Uhr 30 Min., statt. In diesen Vorstellungen tritt ebenfalls zum letzten Male vor ihrer grossen Amerika- Tournee die vom Publikum mit so sensationellem Erfolg aufgenommene akrobatische Tänzerin Lilii Sandberg auf. Dazu die Originalbesetzung mit Max Ehrlich an der Spitze. Vortragsverlegung. Der zweite Vortrag von Dr. Anneliese Landau (gelbe Marken) am 31. Mai 1937 findet in der Synagoge der Reformgemeinde, Johannissir. 1«, am gleichen Tage statt. Der Opernchor des .Jüdischen Kulturbundes Berlin bringt in seinen Juni-Konzerten unter Leitung von Bcrthold Sander Madrigale altenjjliselicr und altkalienischer Meister als Uraufführung das im musikalischen Preisausschreiben des Rcichsverhandes der jüdischen Kulturbünde lobend erwähnte Werk: 142. Psalm von Chajes für Gemischten Chor, Streichiimntett und Harmonium: ferner neue jüdische und jiddisch-palästinensische Gesänge. Der Ii e 1 «r i s e h e Rundfunk übertrüsrt am 3(1. Mai, 15 Uhr, eine Aufführung des Oratoriums „Elia s" von Mendelssohn. Ernest Blochs hebräische Rhapsodie für Violincello und Orchester. Schelomo (Salomon). ist am 31. Mai, 21K Uhr, über den Brüsseler Sender zu hören. Die Pariser Rundfunkstation sendet am 1. Juni. 20^ Uhr, Manuel Rosen th a 1 s Sinfonie „Jeanne d'Arc" unter Leitung des Komponisten. vierzehnstöckigen Wolkenkratzers. — Die Eloffstreet sieht von oben_betrachtet wie die Hauptstrasse einer Ameisengrossstadt aus. Hunderte und hunderte Autos rasen in beiden Richtungen. Auf einmal stocken die Chevrolets und Fords, die Packards und Chryslers. Das Verkehrslicht wird rot, es wird grün, wieder rot, wieder grün, die Wagenkette wird beängstigend lang — und unbekümmert rollt über die Strassenkreuzung ein achtspänniger Ochsenkarren. — Aus einem eleganten Geschäft trippelt auf wolkenkratzerhohen Stöckelschuhen mit Schleierhütchen und Nerzcape, Locken und Löckchenfrisur eine Wolke Chanel heraus. Draussen stehen auf blossen Füssen zwei braune Beine, an jedem Gelenk mindestens zwei Kilogramm Eisendraht als Schmuckreif gewickelt. Welche kommt der anderen absonderlicher vor? Die Kontraste lassen sich nicht lumpen: sie treiben ihr Spiel auch auf dem seltsamen Gebiet des Wetters. Kein Winterrock scheint, in der Frühe warm genug zu sein, wenn man klappernd den Weg zur Arbeit antritt. Zum Lunch lehnt man die heisse Suppe ab, es ist so lächelnd warm auf der Restaurantterrasse. Am Sonntag ist man nach eineinhalb Stunden Autofahrt in Hartebeespoort und ist in den Tropen. Rund um den Stausee braten alle Lebewesen. Man ist achthundert Meter tiefer als in Johannesburg, das Land ist grün, und viele rund nach unten, gezogene Bergköpfe schauen einem zu. wenn man mitten im Wintermai ins Wasser springt. Ja.1 sogar in die Worte schlüpfen die Kontraste hinein: in Wintermai und Junischnee. Sie lassen auch dann nicht locker, einen zu überraschen, wenn man sich im Besitz wohlhabender Freunde behaglich schmeichelt und sich auf deren wunderbaren Rasenterrassen ebenso behaglich sonnt. Ueber Nacht, nein über einen Börsenvormittag ist Rasen und Terrasse verschwunden, — die Autos stehen wohl noch in der Garage, aber wie kommt man zu Benzin? Solche Börsendebacles ziehen hier viel weitere Kreise als in Europa. Es ist nicht nur der Aktienbesitzer betroffen, das kleinste Geschäft in der Stadt, jeder Angestellte spürt die Folgen. Die Stadt ist in einem Landmeer von unendlichen Ausmassen einsam auf „Gold" gebaut. Von der Goldindustrie, von dem Börsenstand hängt alles, alles ab. Die Landwirtschaft wird vom Staat mit ungeheuren Subventionen mühselig aufrechterhalten. Unter den zwei Millionen Weissen zählt man Zehntausende „poor whites", völlig verarmte Farmer, denen es schlechter geht als einem europäischen Arbeitslosen. Auch hier wieder der tragische Kontrast zu anderem mächtigen Reichtum. Aber, wie ist es doch mit der Antwort auf „hört; do tjou like Johannesburg?"' Wunderbar! Denn gerade huschte in einem feinen dunklen Mädchengesicht ein verlegenes und glückliches Lächeln vorbei, als ein noch dunklerer Boy seine prachtvollen Zahnreihen aufblitzen liess. — Schrecklich! Denn gerade fuhr in einem langen Auto ein bleicher müder Mann vorbei. Er warf aus dem Fenster die zerknüllte Zeitung mit den letzten Börsenberichten. Herrlich! Denn mitten in dem gelbgrauen Steppenland, eine halbe Stunde von Johannesburg entfernt, steht eine stolze schwarze Baumsilhouette aufgerichtet gegen den Himmel. Keine Palme in einer Wüstenoase kann stolzer dastehen. Die unbeirrbare Majestät. Und in Houghten setzen die Gärtner in die Felsstufen der Rasenterrassen Blumensamen und nach zw?ei Wochen scheint es zu knospen. Und den Villen gegenüber liegt der Golfplatz und hinter dem Wald kam gestern langsam der runde Mond hervor. — Aber . . . die Dame des Hauses rief den Boy, damit er die Jalousie herunterlasse. Das Mondlicht störe beim Bridgespiel. Und als die Börsennachrichten