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Central-Verein-Zeitung · 1937-05-27 · 21 (27.5.1937) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
21 (27.5.1937)
Date
1937-05-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XVI. Jahrg. / Nr. 21 Berlin, 27. Mai 1937 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Wohin geht der Weg in Polen? J-udenpoKtik Jgm Sehatt^n vom WM*&st«°IjitoM?sl& hm Umbruch 9 Von Dr. Kurt Stillsehweig In'zwei Männern kommen die Triebkräfte des polnischen Unabhängigkeitskampfes vor dem Kriege zu sinnfälligem Ausdruck: In Josef Pilsudski und Roman Dmowski. Beide Namen bezeichnen politische Gegensätze: Pilsudski, scharf russenfeindlich, geht aus der Sozialdemokratie hervor; sein Ziel ist klar umrissen; es besteht in der Bildung des grosspolnischen Staates. Dmowski, "auf russische Sympathien bedacht, stützt sich auf das aufstrebende polnische Bürgertum; zu Kompromissen bereit, will er sich, wenn es sein rnuss. mit blosser Autonomie für die Polen begnügen. Verschieden wie die politisch-taktische Grundhaltung beider Männer ist auch ihre Stellung zur Judenfrage: Pilsudskis Mitstreiter im Kampf gegen den Zarismus waren Juden. Viele von ihnen standen in der vordersten Linie der geistigen Front, die für die Unabhängigkeit Polens wrarb; andere reihten sich in die polnischen Legionen ein, um den polnischen Staat mit der Waffe zu erkämpfen. Der aufstrebende Pilsudski musste also in den Juden natürliche Bundesgenossen sehen. Ob man den nachmaligen Marschall Polens als Judenfreund bezeichnen kann, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls gehörte Feindschaft gegen die ehemaligen jüdischen Weggenossen auch nach, dem Aufstieg Pilsudskis nicht zu seinem politischen Dogma. Anders Dmowski. Ihm, der das politische Schwergewicht in einer Stärkung und Fortentwicklung des polnischen Bürgertums sah, erschienen die Juden als das bedeutsamste Hindernis seiner Ziele; So konstituierte er 1896 unter seiner Führung die nationaldemokratische Partei. Ausschaltung des jüdischen Elements, numerische Schwächung der Juden durch Auswanderung — das waren Leitsätze seiner Politik. Die Geschichte hat Pilsudski den Sieg über seinen Gegenspieler verliehen. Aber die judenfeindlichen Thesen Dmowskis sind aus dem polnischen Staatsleben nicht verschwunden. Im Gegenteil haben sie begonnen, auch in den „Pilsudskismns" Eingang zu finden. Hierbei steht die wirtschaftliche Seite der Judenfrage im Vordergrund. Daneben ist das nationale Moment bedeutsam. Vereinzelt spielen auch religiöse Gesichtspunkte und neuerdings rassische Argumente in der Debatte eine gewisse Rolle. I. Die wirtschaftliche Problematik der polnischen Judenfrage resultiert aus der Konzentration der Juden in. den Städten, Aus Unsere Leser finden in dieser Nummer u. a.: Die Aufsätze Gusii Hecht: How do you like Johannesburg Richard Fuchs und Karl Wolfskehl: Ein Briefwechsel Georg Hirschfeld: Das Kind unter dem Schwert Verlauf des Pogroms Erst allmählich gewinnt die Oeffentlichkeit Polens und der Welt Abstand zu den furchtbaren Vorgängen in Brest-Litowsk, über die wir an dieser Stelle kurz in der vorigen Woche berichtet haben. Bekanntlich war es dort im Anschluss an die Ermordung eines Polizisten durch einen halbwüchsigen Juden zu einem mehrtägigen Pogrom gekommen, das die gesamte jüdische Einwohnerschaft des Städtchens in Mitleidenschaft zog. 2000 Menschen, wohl durchweg Familienväter, sind geschädigt. Fast die ganze jüdische Bevölkerung der Stadt hat^Besitz, Arbeitsstätten und^'Wohnungen verloren. Viele Menschen wurden schwer misshandelt und verwundet, einige unter ihn enjebensgef ährlich. Unter dem Eindruck der"Vorgänge hat sich auch ausserhalb der jüdischen Kreise die Bewertung der Unruhen verlagert. Die Tat des jugendlichen jüdischen Mörders wird nach wie vor aufs schärfste verurteilt, aber, zumal bekannt wird, dass der Täter ein herabgekommenes Subjekt war, tritt sie allmählich gegenüber den grauenhaften Vernichtungen, die angerichtet wurden, in der öffentlichen Diskussion zurück. Es verstärkt sich auch der- Eindruck, dass möglicherweise planmässige, systematische Vorbereitung dem Treiben der Unruhestifter zugrunde gelegen haben. Verstärkt wird der tiefe Eindruck, den das Ereignis von Brest-Litowsk auch in polnischen politischen Kreisen zu machen beginnt, durch eine Reihe von Ausschreitungen, die ananderen Orten Polens verübt wurden. In L o d z sind drei Juden von unbekannten Tätern überfallen und niedergeschlagen, worden. Iii Ba ra n o w i c z in Südostpolen wurden zehn Juden schwer misshandelt. In der. Ortschaft Neu-Swe nz i a n im Kreise Wilna hat man an der Synagoge und zahlreichen jüdischen Häusern Zerstörungen angerichtet. Die ernstesten Unruhen in der vergangenen Woche waren wohl in der Ortschaft K amien- Koszyrski. Dort waren schon mehrere Tage hindurch deutliche Anzeichen bevorstehender Ausschreitungen zu verspüren gewesen, ohne dass jedoch die vom Jüdischen Parlamentsklub angerufene Polizei Gegenvorkehrungen getroffen hätte. Beunruhigend ist auch hier, dass man eine Bande von Terroristen festgestellt hat, die unter der Anführung bekannter antisemitischer Rädelsführer aus dem zaristischen Russland die Umtriebe systematisch organisiert hat. Auch in den Orten Nur, Fensno und Prysz kam es zu Ausschreitungen, die allesamt erheblichen Sachschaden im Ge-, folge hatten. Was an diesen Nachrichten ebenso auffällt wie an den Vorgängen in Brest- Litowsk, ist der Umstand", da~ss die Polizei nicht nur versagt hat, sondern den Exzessen anscheinend in bewusst passiver Haltung gegenüberstand. Die Feststellungen, die eine nach Brest-Litowsk entsandte amtliche Untersuchungskommission getroffen hat, lassen erkennen, dass der grosse Umfang der Unruhen in erster Linie darauf zurückzuführen ist, dass den Exzedenten kein energisch Einhalt gebietender Wille gegenüberstand. Erst am Mittag des Hauptpogromtages wagten die Angreifer in jüdische Häuser und Geschäfte einzudringen, nachdem das vorangegangene Geplänkel, das im wesentlichen in der Zertrümmerung von Fensterscheiben bestanden hatte, ungeahndet geblieben" war. Sehr zweideutig war auch das Verhalten des Gouverneurs von Brest-Litowsk, der — eigenartiges Zusammentreffen — das gleiche Amt im Kreise Radom innehatte, als es dort zu dem Pogrom von Przytyk kam. Er soll durch seine Instruktionen an die Polizei die Angreifer geradezu ermutigt haben. Die Polizisten "sahen den Zerstörungen ruhig zu, ermunterten sogar die Angreifer noch durch Zurufe und warnten sie nur davor, sich am Leben der Juden zu vergreifen. Massnahmen der Regierung Immerhin haben diese Dinge der Re-' gierung anscheinend doch zu denken gegeben. Die Einsetzung der amtlichen Unfersuchungskommission war hierfür nur ein äusseres Zeichen. Es verlautet, dass Ministerpräsident Skladkowski incognito in Brest-Litowsk geweilt und dort persönlich eine Untersuchung durchgeführt hat. Dieses Gerücht stimmt ganz zu der Persönlichkeit des Ministerpräsidenten, der für solche plötzlichen Inspektionen bekannt ist. Vielleicht ist es hierauf auch zurückzuführen, dass der Stadthauptmann vonBrest-Litowsk ebenso wie der Leiter der politischen Abteilung bei der Wojwodschaft „wegen ungenauer Berichterstattung . an die vorgesetzten Behörden und'' Unterlassung entschlossener Massnahmen zur Unterdrückung der Unruhen im Keime" ihres Amtes enthoben wurden. Ihre moralische Wirkung hat diese Massnahme freilich verfehlt, weil man den Wojwoden als den in erster Linie Verantwortlichen im Amte gelassen hat. Auch die Gerichte verfolgen im allgemeinen eine durchgreifende Praxis. Sämtliche Juden, die im Zusammenhang mit den Ausschreitungen verhaftet waren, .wurden auf freien Fuss gesetzt, abgesehen natürlich von den beiden Fleischern, die mit der Ermordung des Polizisten Kendziora in Verbindung stehen. Hingegen wurden zwei Bauern wegen Beteiligung an den Ausschreitungen zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Beide Angeklagten erklärten, gedruckte Zettel erhalten zu haben, die die Aufforderung zum Angriff auf die Juden enthielten. Weitere Strafprozesse stehen bevor. Auch die Vernehmungen der amtlichen Untersuchungskommission nehmen ihren Fortgang. Der Vorsitzende hat bereits öffentlich erklärt, er habe sich derartige Zerstörungen nicht vorstellenkönnen. Inzwischen ist nun die Ruhe völlig wieder hergestellt. Die Stadt nimmt langsam wieder ein normales .Aussehen an. Polizeistreifen sichern die Strassen. Die Behörden haben Vorsorge getroffen, dass photographische Aufnahmen von den zerstörten Stadtteilen verhindert werden. Der Sabbatgottesdienst nahm in der Synagoge, deren Fenster fast durchweg zertrümmert sind, einen ruhigen Verlauf/ Sehr bemerkenswert ist, dass das Pogrom von Brest-Litowsk auch politische Rückwirkungen haben dürfte. In der Presse wird es nach wie vor eifrig diskutiert. Die judenfeindlichen Zeitungen äussern über die wirtschaftliche Katastrophe der jüdischen Bewohner der Stadt unverhohlen ihre Befriedigung. In diesem Zusammenhang berichten sie auch über die Folgen des antijüdischen Boykotts im Lande,' der bisher, zur Liquidation von 826 Unternehmungen in 37 Städten geführt habe und nur geringfügig sei im Vergleich zu den bevorstehenden Massnahmen? In der jüdischen Presse wird teilweise eine Regierungshilfe für die Pogromopfer gefordert. Ein^Beleg für die Nojiage der Juden ist die Forderung des Bürgermeisters von Brest-Litowsk an die Regierung, finanzielle Hilfe zu leisten, da ein Defizit von 200 000 Zloty zu erwarten sei. Der Ministerpräsident hat zunächst auch die Durchführung einer Hilfsaktion für die Pogromopfer üi ganz Polen bewilligt. Der Vorsitzende des Jüdischen Parlamentsklubs, Sejmabgeordneter Dr. Emil Sommerstein, hat eine Interpellation über die Vorgänge im Sejm eingereicht. Sie enthält eine detallierte Schilderung der Geschehnisse und wendet sich gegen das Vorgehen der Polizei. An den Ministerpräsidenten wird vor allem die Frage gerichtet, was er vorbeugend zu tun gedenke, und ob die Schuldigen bestraft worden seien. Den Geschädigten müsse eine Entschädigung zugebilligt werden. Die Judenheit Polens hat unter Führung der jüdischen Parlamentarier, die übrigens sämtlich persönlich beim Ministerpräsidenten vorstellig geworden sind, am 24. Mai von 12 bis 2 Uhr einen Proteststreik abgehalten. Alle jüdischen Geschäfte, Fabriken, Werkstätten und Büros, Restaurants, Cafes, Verbände und Gemeindestellen, haben während dieser Zeit ihre Räume geschlossen gehalten. In Warschau kam es zu einer Kundgebung, die aber von der Polizei zerstreut wurde. Der Rabbinerverband Polens will angesichts der Leiden, die über die Juden in einer Reihe von Ländern gekommen sind, in Verbindung mit ausländischen Rabbinerverbänden einen Weltfasttag proklamieren. . Echo'im Ausland Die anwachsende Not, die die Unruhen im Gefolge hatten, hat sogleich auch die Hilfsbereitschaft der' ausländischen Juden auf den Plan gerufen. Die Direktoren des Joint Distribution Committee, Dr. Bernhard K a h n und David Schweitzer, haben sich sofort nach Polen begeben und dort Hilfsmassnahmen eingeleitet. Der Joint hat einen ausserordentlichen Hillsbeitrag von 20 000 Dollars für Brest-Litowsk im Rahmen einer grösseren Bewilligung für die polnischen Juden zur Verfügung gestellt. Der Verband der jüdischen Gesellschaften Frankreichs hat einen ersten Beitrag von 25 000 Francs überwiesen und eine Sammlung eingeleitet. Auch die jüdische Gemeinde in Tientsin in' China hat einen Beitrag überwiesen. Vom New- Yorker jüdischen Arbeiterkommittee trafen 5000 Dollars ein. In Polen selbst ist eine grosse Hilfsaktion im Gange. Unter Leitung eines Kommittees, das sich aus Vertretern aller jüdischen Organisationen zusammensetzt, werden die nötigen Massnahmen getroffen. Die Zeitungen propagieren eine Sammlung zur Beschaffung von 'Brot. Besonders regen sich die Sympathien für die Opfer von Brest-Litowsk in Amerika. Der Verband der polnischen Juden hat an den polnischen Botschafter in Washington ein Protesttelegramm gerichtet, in dem er sich dagegen verwahrt, dass für die Tat eines einzelnen die jüdische Gesamtheit verantwortlich gemacht werde. Dr. Stephen W i s e hat als Vertreter des American Jewish Congress mit dem Staatssekretär des Auswärtigen, H u 11, die Möglichkeit eines diplomatischen Schrittes Amerikas in Warschau erwogen. Die öffentliche Meinung der Vereinigten Staaten findet sehr scharfe Worte für die Vorkommnisse. Das polnische Volk werde sich bei Wiederholung solcher Dinge die Sympathien der Welt verscherzen, K. J. ß.

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