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Central-Verein-Zeitung · 1937-05-13 · 19 (13.5.1937) · page 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
19 (13.5.1937)
Date
1937-05-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seife 4 'C-VXEtffang Hr/19* 13.Man937, Kundgebungen übersandten. Der Erzbischof von Westminster und der Bischof von Durham erliessen Botschaften, in denen auf die besondere- Funktion der Juden als geistliche Lehrer der Menschheit hingewiesen wurde. Der Arbeiterführer George Lansbury sandte ein Begrüssungsschreiben, in dem es unter anderm heisst: „Was wir Zivilisation nennen, ist ohne Religion nicht nur Tod, sondern auch fluchbeladen. Die Menschheit wartet auf den Ruf zu wahrem, auf Duldung und guten Willen beruhenden religiösen Frieden, auf einen Ruf, der uns verstehen lässt, dass die Grundlage für Frieden und Sicherheit nur darin befunden werden können, dass wir gewillt sind, einander so zu behandeln, wie wir selbst behandelt zu werden wünschen." Eine Glückwunschkundgebung der Versammlung an das Königspaar wurde von dem Privatsekretär mit aufrichtigen Dankeserklärungen erwidert. Auf der Tagung selbst forderte der Präsident der Agudas Jisroel in England, H. A. Goodman, in seinem Referat eindringlich eine stärkere Sicherung des Sabbatschutzes, der Kaschrut und Treue zur Tora. In einer Resolution wird die Durchführung einer einheitlichen Hilfsaktion für die Juden in Polen sowie eine Vertretung der orthodoxen Judenheit in der Leitung der Hilfsarbeit für die Juden in Deutschland gefordert. Bezüglich Palästinas wendet sich die Resolution gegen die Schaffung eines „jüdischen Kleinstaates*' unter Ausschluss Jerusalems und verlangt Durchdringung des Aufbauwerks mit jüdischem Gesetz und jüdischem Geist. Orthodoxe Rabbiner Amerikas gegen Erleichterung der Ehescheidung Der Verband der orthodoxen Rabbiner Amerikas veröffentlicht in einer Broschüre die Entscheidung von 1500 rabbinischen Autoritäten aller Länder zum sogenannten. Aguna-Pröblem. Hierin wird übereinstimmend erklärt, dass eine Frau, deren Mann verschollen ist, nicht geschieden werden könne. Anlass der Veröffentlichung bilden die Bemühungen der konservativen (nach europäischer Terminologie religiös-liberalen). Rabbiner Amerikas, durch. .eine Reform, die Scheidungsfähigkeit der Aguna durchzusetzen. Aus den Familien Elias Ottenheimer (BouMd/Württbjr.) besing am 26. April seinen 90. Geburtstag.:^— Frau Aususie B u s c h- ' h o f f (Elberfeld) feierte am -2$ April ihren" 85. Geburtstag. — Rudolf B e r n h e i m (Stuttgart, zur Zeit Berlin- Grunewald) beging am 11. Maiyseinen 90. Geburtstag. — Mas Salomon (W.-Bärmen) "vollendete am 12. Mai sein 70. Lebensjahr. — Bernhard Wolff (Berlin-Charlottenburg) -wurde am 12. Mai 70 Jahre alt. — Frau Auguste B o s c n o w (Berlin W 15) begeht am IG. Mai ihren S5. Geburtstag. — Frau Rosalie A r o n geb. Moses feiert am 16. Mai ihren 90. Geburtstag. — Albert Mendel (Wunstorf/Hann.). Vorsteher der Synagogengemeinde, wird am 16. Mai 70 Jahre alt. — Moses c h w a b e (Jever i. Old.) vollendet am 17. Mai sein 80. Lebensjahr. — Bernhard j6 c h l e s i n g e r (Naumburg, Bez. Kassel) begeht am"18. Mai seinen SO. Geburtstag. — Frau Martha Lewinthal geb. Gronau ist im 73. Lebensjahr gestorben.^— Rabbiner Dr. Gelles (M.-Gladbach) beging am 8. Mai sein 25jähriges Amtsjubiläum. Am 30. April starb Frau Seiraa Pinczower (Beuthen O/S) die Witwe unseres unvergessenen Freundes Emanuel Pinczower. Das Hinscheiden der edlen, wohltätigen Frau wird von allen Kreisen in der Gemeinde, insbesondere den Armen. Alten und Kranken tief betrauert. Fabrikbesitzer Adolf Cahn, der vieie Jahre die Ortsgruppe Heiligenstadt des Centrai-Vereins mit starker Hingabe geleitet hat. ist nach langem schweren Leiden verschieden. Adolf Cahn war auch Vorsitzender des Gemeindevorstands. Auf wirtschaftlichem Gebiet verstand er, sein Unternehmen, die Zigarrenfabrik Adolf Cahn & Co., zu einem der bedeutendsten der Branche in Mitteldeutschland zu entwickeln. Professor Ignaz Jastrow Vor wehigen Monaten ging durch, die Presse die Nachricht, dass Ignatz Jastrow. der Altmeister der Volkswirtschaftslehre,. sein achtzigstes Lebensjahr vollendet habe. Keiner von seinen zahlreichen Freunden und Schülern hätte wohl gedacht, dass es das letztemal war, an dem uns Gelegenheit gegeben war, ihm unsere Glückwünsche auszusprechen. Noch bis in die letzten Tage hinein erfreute er sich einer geistigen und Fat. Hedi Schiff körperlichen Frische, die den Gedanken an ein . Erlöschen dieses reichen Lebens nicht hätte aufkommen lassen wollen. Jastrow war eine der ganz grossen Persönlichkeiten, die die Berliner Universität während des letzten halben Jahrhunderts aufzuweisen hatte. Er war es geworden durch die Untadeligkeit seines Charakters, seinen emsigen Fleiss, sein umfassendes Wissen und nicht zuletzt durch . seine seltene pädagogische Begabung. Wenn Jastrow, der frühere Beirat der Aeltesten der Kaufmannschaft von Berlin, dann lange Zeit Stadtrat von Charlottenburg war, mehrere Jahre Rektor der Handelshochschule und schliesslich , mit 63 Jahren ordentlicher Professor der Staatswissenschaften an der Berliner Universität wurde, so verdankte er diese glänzende Laufbahn sicherlich nicht irgendwelcher besonderen Protektion, sondern er, der aus dem kleinen posenschen Oertchen Nakel stammte, durfte sich sagen, dass er sie einzig und allein seinen Leistungen zuzuschreiben hatte. Wie oft hatte er doch als junger Mann mit abgezogenem Hute im Vorzimmer stehen müssen! Jastrow war für uns jüngere Generation der Volkswirtschaftler, der wie kein anderer es verstand, uns in die schwierigen Probleme des Wirtschaftlebens einzuführen. Dies . vermochte er vornehmlich deshalb in so einzigartiger Weise, weil er die dem jungen Studenten doch noch recht fremde Materie wie kein anderer durch Tatsachen und Beispiele aus anderen Wissensgebieten nahebringen konnte; lehrte doch Jastrow eine Disziplin, die er nie studiert hatte; vielmehr war er zum Historiker herangebildet worden. Seine Lehrer waren Nietzsch und Ranke gewesen. Während das Bild Rankes, dem er bei seinen grundlegenden Arbeiten zu seiner Weltgeschichte half, noch bis zuletzt über seinem Schreibtische hing, hat er die Dankbarkeit K. W. Nietzsch gegenüber nie vergessen. Und gleich wie dieser seine Hauptaufgabe in der Lehrtätigkeit erblickte, so hat Jastrow bis zuletzt seine besondere Fürsorge der Heranbildung eines wissenschaftlich gut durchgebildeten Nachwuchses zugewandt. Als Historiker hat Jastrow begonnen. Gleich seine erste grosse Arbeit, die er 1885 als Neunundzwanzigjähriger veröffentlichte, wird vom allgemeinen Verein für deutsche Literatur preisgekrönt. In diesem Jahre habilitiert er sich an der Berliner Universität. Was er in der Folgezeit schreibt, ist vielfach heute noch von hohem Interesse. Aber es hält ihn nicht allzu lange bei dieser Arbeit. Die soziale Frage, die in den neunziger Jahren in den Vordergrund des allgemeinen Interesses rückt, packt auch ihn, und von diesen Problemen aus findet er den Weg in die Volkswirtschaftslehre, ohne jedoch jemals ganz die Liebe zur Wßlt der Geschichte zu verlieren. Ja, noch in hohem Alter, als Fünfundsiebzigjähriger, veröffentlicht er seine Weltgeschichte in einem Bande, an der er fast zwei Jahrzehnte gearbeitet hat. Sein Arbeitsgebiet ist das. eines Polyhistors: er schreibt über Geschichtsschreibung und Geschichtsunterricht, allgemeine Geschichte und deutsche Geschichte, Lokalgeschichte und Geographisches, über praktische und theoretische Nationalökonomie, Finanzwissenschaft, Geld und Kredit, Statistik und auswärtige sowie innere Politik, Heer und Marine, Recht und Gericht, Verkehr, Unterricht, Kunst und Wissenschaft, Kirche und Verwaltung, und er schreibt mit einer Sachkenntnis, die von niemandem übertroffen wird. Er liest ein Kolleg über philosophische Grundlagen der Nationalökonomie, hält ein Kolloquium über volkswirtschaftliche Studien in der Bibel, kurz, es gibt fast kein Gebiet aus dem Bereiche der Geisteswissenschaften, mit dem er sich nicht irgendeinmal beschäftigt und auseinandergesetzt hätte. Ein Mann wie er musste die Studentenschaft an sich ziehen, und es war kein Zufall, dass er seine Vorlesungen und Uebungen in Hörsälen abhalten musste, die 400 Personen fassten. Trotzdem aber verstand es Jastrow wie kein anderer, in persönlichen Kontakt mit seinen Schülern zu kommen. So unglaublich es klingt, nur wenige der Berliner Hochschullehrer werden sich rühmen können, mit ihren Schülern so eng verbunden gewesen zu sein wie Jastrow. Aus der grossen Zahl seiner Hörer wählte er sich einige wenige aus, die er in sein Kolloquium lud oder die auch des öfteren zu seinen jours fixes kommen durften, wo es. immer' eine angeregte Unterhaltung gab und wo manche Bekanntschaft mit erlauchten Grössen des geistigen Berlin geschlossen wurde. Wen immer man aber auch traf, niemand, der ihm an Wissen überlegen gewesen wäre- Gerhard Schmidt. Geheimrat Dr. Oskar Rosenthal Oskar Rosenthal, der neben seiner umfangreichen Praxis als Dermatologe mit grösstem Eifer und in nie ermüdender Forscherarbeit sich wissenschaftlich betätigte, wovon seine zahlreichen Arbeiten und Veröffentlichungen in der Fachliteratur zeugen, hat am 27. April seine klugen, gütigen Augen für immer geschlossen. In seltener Frische des Körpers und des Geistes wurde er im 85. Lebensjahr unerwartet und schmerzlos von dieser Welt abberufen, in der ihm zwar schwere Schicksalsschläge und Enttäuschungen nicht wusste es sofort! Es musste das Kind der anderen sein. Ein wilder Blick zu Hagit. Sie schlief noch immer, sie stellte sich schlafend. Auch an ihrer Brust lag ein Kind. Es trank, es labte sich. Nicht an der Mutter! Der Betrug musste enthüllt werden. Diblaim schrie ihn der Erwachten in das Gesicht. „Du hast die Kinder vertauscht! Du hast das deine im Schlaf erdrückt und willst mir nun meines nehmen! Pfui über dich! Dein Sohn ist tot! Mein Sohn lebt! Gib mir meinen Sohn wieder!" Ein rasender Kampf ohne Ergebnis. Was blieb übrig? Diblaim kannte in der Leidenschaft ihres Rechts keine Scheu. Sie wusste, heute war Gerichtstag in Jerusalem. Der König sass vor dei Stadt. Jede Klage im Lande konnte zu' ihm kommen. Da zwang Diblaim die Freundin zu dem sonst gemiedenen Wege. Am hellen Morgen zogen die beiden zur Stadt und nahmen die Säuglinge mit, den lebenden und den toten. König Salomo — noch sah Diblaim ihn in seiner jungen Herrlichkeit — sass unter einer. Tamariske und hielt Gericht. Um ihn waren die Räte des Reiches, Krieger und Henker. Von allen Seiten drängte das Volk. Es fügte sich aber, dass die beiden Huren von der Hebrongasse alsbald vorgelassen wurden. Sie durften ihren seltsamen Streitfall'darlegen und fielen einander ins Wort, bis der König ihre Leidenschaft entwirrte. Er sprach: „Hier stehen zwei Weiber. Das eine trägt, ein lebendes, das andere ein totes Kind. Dieses Weib sagt, das lebende ist mein, das andere beteuert: mein Kind lebt, das ihre ist gestorben. Nein, ruft jene, ich fand es ja tot an ihrer Brust, während sie schlief, sie hat es selbst im Schlaf erdrückt. Nun behauptet sie. es sei das meine, das ich für das ihre eingetauscht hätte, während sie schlief. In Wahrheit hat sie den Tausch vollzogen, denn mein Knabe lebt, man fand ihn lebendig bei mir, und der andere ist von der Mutter erdrückt worden." , Diblaim schrie: „Sie lügt, Herr König! Mein Sohn lebt! Der andere starb! Ich tötete mein Kind nicht! Mörderini" Beide tobten vor dem König, Diblaim snd Hagit, erspart geblieben sind, in der er aber auch als Lohn für seine unermüdliche Arbeit Anerkennung und Wertschätzung im reichsten Masse, erfahren hat. So wurde ihm, dem Mitbegründer der Berliner Dermatologischen Gesellschaft als Erstem und Einzigem die Würde eines Ehrenpräsidenten auf Lebenszeit verliehen. Unvergessen in der medizinischen Wissenschaft bleibt, was er als Generalsekretär des 5. Internationalen Dermatologenkongresses in Berlin im Jahre 1904 geleistet hat. Seine grosse Beredsamkeit, seine genaueste Kenntnis der Fachliteratur und sein selten gutes Gedächtnis gestatteten ihm, sich bei jeder passenden Gelegenheit an der Aussprache über einen interessanten Fall oder ein aktuelles Thema zu beteiligen. Er war bei allen bedeutenden Dermatologischen Kongressen im In- und Auslande zu sehen und wirkte durch Vorträge und Demonstrationen seltener Fälle belebend und befruchtend auf ihren Verlauf. So war er als Forscher und Praktiker hervorragend, und ebenso bewährte er sich ganz besonders als Lehrer seiner zahlreichen Schüler, denen er freigiebig aus dem unerschöpflichen Quell seines umfangreichen Wissens spendete und zugleich unendlich viel von seinem grossen Menschentum gab. Bei uns, seinen Schülern, in der medizinischen Wissenschaft und bei den zahlreichen Patienten, denen er Heilung brachte, wird sein Andenken für immer fortleben. Dr. med. Georg Seegali. Moritz Feibusch. Bei der Katastrophe des Luftschiffes „Hindenburg" ist der Fabrikbesitzer Moritz Feibusch aus San Francisko ums Leben gekommen. Moritz. Feibusch war aus Anlass einer Familienfeier bei seiner Mutter und seinen Geschwistern in Berlin gewesen. Er ist seit 1896 in Amerika ansässig und hat dort aus eigener Kraft ein grosses Unternehmen aufgebaut. Nachdem er dreissigmal mit dem Schiff den Ozean überquert hat, hatte er sich aus Anlass seines 60. Geburtstages die besondere Freude, nun einmal mit dem Luftschiff zu fahren, selbst geschenkt. Die Familie Feibusch stammt aus Rogasen; am- Weltkrieg haben 11 Söhne teilgenommen; zwei von ihnen sind gefallen. In den nächsten Tagen verlässt Philipp Lachs, bisher Vorsitzender des Religiös-Liberalen Vereins der Synagogen-Gemeinde Breslau und 2. Vorsitzender der Breslauer Ortsgruppe des Jüdischen Centrai-Vereins, Deutschland, um nach Texas auszuwandern. Mit Philipp Lachs verliert die Breslauer Synagogengemeinde einen ihrer hervorragendsten Männer. Seit frühester Jugend in der religiös-liberalen Bewegung tätig, hat er in Breslau auch im Jüdischen Centrai- Verein und im religiös-liberalen Schulwerk, das er mitbegründet hat, hervorragend mitgearbeitet. Im Gemeindevorstand, dem er viele Jahre angehörte, betreute er das Wirtschafts¬ und Wohlfahrtsdezernat. Er ist der Begründer der 1933 errichteten Beratungsstelle, die er seitdem vorbildlich geleitet hat. In der letzten Sitzung der Gemeindevertretung wurde ihm durch die Vorsitzenden der Gemeindevertretung und der Gemeinde, Rechtsanwalt Rosent h a 1 und Stadtrat a. D. L e s s, der Dank der Gemeinde ausgesprochen und zum Ausdruck gebracht, dass die Arbeit von Philipp Lachs weit über den Bezirk der Breslauer Gemeinde hinaus anerkannt sei. Der Gemeindevorstand hat beschlossen, als Zeichen der Dankbarkeit ein Bild des Scheidenden in der Beratungsstelle anzubringen. Der Religiös-Liberale Verein hat Philipp Lachs zum Ehrenmitglied ernannt, seiner Stelle übernimmt der bisherige 2. Vorsitzende des Vereins, Dr. Rosenstein, den Vorsitz; 2. Vorsitzender wird Dr. Korn. Schw. Er hörte sie an und betrachtete sie.. Dann senkte er sein Haupt, um nachzudenken. „Bringt mir ein Schwert!<e rief er nach einem Schweigen. Das Schwert wurde gebracht. „Das eine Kind ist tot, das andere lebt. Beide Frauen verlangen das lebende. So bleibt nur Teilung. Nimm das Schwert, Henker, und triff, mit einem Schlage! Dann mag jede die Hälfte haben!" Schon hob der Henker die blanke Schärfe. Da stürzte sich Diblaim zwischen ihn und das Schwert: „Halt ein! Das Kind soll leben! Gebt es der anderen!" „Und was sagst du?" fragte Salomo, sich zu Hagit wendend. Sie starrte zerrissen vor sich nieder: „Man teile das Kind. Wie mein König sagt." Da erhob sich der hohe Richter: „Lass es leben! Diese da bekommt es ganz! Sie ist die Mutter!" Unter dem Jubel des Volkes wurde der Knabe Diblaim übergeben. Hagit aber machte sich in stiller Schmach davon. Dies war Salomos Urteil, von dem sie noch heute sprachen in den Ländern bis ans Meer. Dennoch hatte das Kind, dem es gegolten, nie erfahren, wem es sein Leben dankte. Geber war dem König ergeben. Dass er unter seinem Schwert gelegen, ahnte er nicht. Es war ein stilles Gelübde, das durch das Volk ging: man ehrte das Geheimnis des Knaben, weil seine Mutter den schweren Weg zur Läuterung gegangen war. Nach dem Königsurteil halte Diblaim die Hebronstrasse nicht wieder betreten. Sie schwor ihr Dirnenleben ab — jung und 6chön noch gewann sie sich das Dasein durch schwere, rastlose Arbeit. Nur ihrem Kinde, das nun ganz das ihre war, diente sie. Der König aber, alser von solcher Läuterung hörte, schenkte dem Weibe ein gutes Haus und einen fruchtbaren Garten.. Dort baute Diblaim ihr Leben und das ihres Sohnes auf. Sie galt als eine Kriegerwitwe, die des'> Königs Gnade gefunden. Dabei blieb es. Geber erfuhr heranwachsend nur dies. Unbelastet blieb seine glückliche Kindheit (fotiselzung folgt) Die Mutter schüttelte den Kopf: „Ueber dir ist kein Zauberspruch. Seine Weisheit ist nicht für uns. Was wurde ihm zuteil, da er die Sprache der Vögel verstand? Er ist ein sterblicher Mensch. Sei froh, mein Kind, dass du nicht so begnadet bist. Lebe und freue dich deines Lebens. Glaube an das Rätsel. Die Lösung kommt ohne Weisheit." „Wann, Mutter?" „Wenn die Tage schwinden, wenn der Abend •erglüht. Reife, mein Sohn. Wir müssen warten auf uns selbst. Nun komm, wir wollen die Feigen von den Bäumen nehmen. Sonst wirft sie uns der Wind herab." II. Nacht lag über Haus und Garten. Diblaim schlief nicht. Mit offenen Augen lag sie und dach'te an ihren Sohn, der junger Müdigkeitbald erlegen. Er ahnte nicht, was die Mutter wusste. Einen Beweis hatte sie nicht, aber sie las in Gebers Augen. Was war zu tun? Niemand konnte dieses Haus versetzen, diesen Garten verpflanzen. Sie hatte nicht die Gewalt, ein Weib von der Hebronstrasse zu vertreiben. Hagits Hütte stand noch, ihr Acker war steinig wie ehedem. Diblaim kannte den traurigen Besitz, Geber ahnte nichts davon. War nicht ihr eigenes Leben dort zuerst verronnen? In Not und Pein, in endloser Schande? Wenn Geber ahnte, wo seine Mutter einst gewesen! Aber sie war seine Mutter. Das entschied. Auch jetzt, nach Jahr und Tag, als die alte Sorge wieder aufkam, als sie auf die reinen Atemzüge des Sohnes lauschte. Sie war seine Mutter! Niemand durfte ihr den Sohn streitig machen! Der höchste Richterspruch im Lande, das Königsurteil, hatte ihr den Sohn erkannt. Salomo gelang es vor Gott, den ewigen Beweis zu Hefern. Diblaim dachte weit zurück. Sie sah sich wieder jung und süsser Reize voll an der Hebronstrasse. Mit der jungen Hagit sah sie sich, der Leidensgefährtin. Die beiden Hetitermädehen waren Kriegerbeute gewesen. Aus ihrer Heimat nach Israel verschleppt, geschändet und verlassen, Opfer der wilden Söldner. So bargen sie sich an der Hebronstrasse, wo die schlechten Häuser Jerusalems standen. Es gab kein anderes Brot für' sie, sie mussten ihre junge Schönheit verkaufen. Das düstere Los der „Freudenmädchen" trugen sie unverschuldet Hagit und Diblaim, vom Schicksal zusammengeschmiedet, teilten ihre ■Hütte und das Sündengeld. Aber ihr Dasein stürzte doch noch um. Was hoffnungslos erschienen, wurde Hoffnung. Ihr Gefühl war nicht erstorben. Mutter wurden beide. In einer Frühlingsnacht zeugten unbekannte Männer ihnen das Leben. Sie wussten nichts von diesen Vätern, die sie beim Morgengrauen entlassen. Sie gebaren in der Hebronstrasse, die beiden. Jede trug einen Sohn an der jungen Brust. Dann aber kam die fürchterliche Nacht. Hagit suchte ihren kranken Schlaf und warf sich auf ihrem Lager. So achtete sie des Säuglings an ihrer Seite nicht und es geschah, dass sie Schlaf fand, aber ihr Kind im Schlaf erdrückte. Als der Morgen graute, entdeckte Hagit, was sie getan. Ihr kam ein teuflischer Entschluss. Sie sah die Freundin schlummern, das gesunde Söhnchen im Arm. Ihm konnte nichts geschehen. Da erhob sich Hagit lautlos. Sie nahm die kleine Leiche von ihrem Lager und trug sie zu der Schlafenden hinüber. Wer" sollte den Betrug entdecken? Noch ähnelten die Kinder einander so, dass jede Wahl in Ungewissheit fiel. Hagit nahm das lebende Kind von Diblaims Brust und legte das tote an seine Stelle. Dann warf sie sich abermals nieder. Stunden vergingen. Es wurde Tag. Diblaim erwachte. Der erste Griff ihrer Hände galt dem Sohn.. Sie wusste, dass 9ie ihm kein Leid getan. Jetzt aber musste er getränkt werden. Sie legte fi das Kind an ihre Brust, doch bald fühlte sie, .'dass das Mündchen nicht trank, dass es kalt und leblos herabfiel. Alles vergebens. Diblaim fuhr auf und untersuchte das Kind. Es lebte nicht mehr. Sie trug es, von Tränen gewürgt, zum Lieht, und siehe; es war nicht ihr Kind, Sie

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