Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 19 (13.5.1937)
- Date
- 1937-05-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XVI. Jahrg. / Nr. 19 Berlin, 13. Mai 1937 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Sehriftleituag, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Central glauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin <0o44. Die C.-V.-Zeituag erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post die die Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügl. 18Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 2,30 RM(umgerechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste 5 gültig. Die 12gespaltene mm-Zeüe 20 RpL, für Steilengesache 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise s. Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschlüsse Dienstag. Platz-u. Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Zum Tage Der göttliche Zwang Schowuaus-Betrachtung, von Rabbiner Dr. Georg Salzberger, Frankiert a, M. A. H. Wenn ein erschütternd grosses Unglück alle Völker in Trauer vereint, wenn einem grossen Schmerze der stärkste und unüberhörbarste Ausdruck verliehen werden soll, dann schweigen die Menschen. Vielleicht aus Ehrfurcht vor denen, die der Schlag vernichtend getroffen hat, vielleicht, weil eben „der Mensch in seiner Qual verstummt'', vielleicht auch, weil man meint, und dies ist wohl der unterbewusst stärkste Grund, dass die Wiederherstellung einer zerstörten Harmonie am sichersten erfolge, wenn sich, für Augenblicke wenigstens, der Mensch von jeder Einwirkung auf die Welt zurückzieht. In diesen Tagen gab es solchen Augenblick des Verstummens, als die Nachricht von der Katastrophe von Lakehurst die Länder durcheilte. Flammend zeichneten sich die Grenzen der Technik gegen den ewigen Himmel ab, für Minuten verstummte das Wellenspiel des Aethers in und nach allen Richtungen, für Minuten trat die sonst so vielfältig gestörte Harmonie der Sphären wieder ein, ebenso äusseres Zeichen einer übernationalen Trauer wie Selbsteingeständnis menschlichen Unvermögens und menschlicher Unvollkommenheit.' IL Seltener ist Schweigen in Augenblicken grosser Freude. Seit unsere abendländische Welt unendlich aufgespalten ist, erlebte sie nur wenige grössere Zeitabschnitte ungestörter Entwicklung, echten Friedens und allgemeiner Freude. Nur manchmal bei grossen Ereignissen scheint es so, als ob sich die Welt auf ihre ursprüngliche Einheit besinne und in festlichem Zusammenklang alle Disharmonien überwände. Die englische Königskrönung scheint uns in vielfacher Hinsicht ein solches Ereignis darzustellen. Die Vertreter aller Nationen nehmen an der Freude des britischen Imperiums teil, das in seinen weiten Grenzen, die 27 Prozent der festen Erdoberfläche und deren Einwohner 25 Prozent der gesamten Menschheit umfassen, in sich einen ungeheuren Raum des Friedens darstellt. Mit allen Bürgern des britischen Reiches nehmen auch seine Juden herzlichen Anteil an den festlichen Ereignissen. Sie werden mit Dankbarkeit und Befriedigung den verhältnismässig kurzen Zeitraum überblicken, seitdem sie nach völliger Vertreibung aus England wieder Bewohner Englands, den noch kürzeren, seitdem sie englische Bürger sein konnten. An den Beweisen königlicher und staatlicher Anjji In dieser Nummer beginnen wir mit dem || Abdruck einer Novelle Das Kind unter dem Schwert | von! Georg Hirschfeld * j | In der nächsten Nummer beginnen wir mit I einem I Sprachkurs x Apprendam brasileiro! I lernt brasilianisch von | Professor Dr. H. Reichmann, Säo Paulo Wenn wir am Pessach-Feste bei der Seder-Feier vier Becher Gott dem Befreier weihen, so gilt der vierte jener höchsten und letzten Befreiung, die in der göttlichen Verheissung ihren Ausdruck findet: „Ich nehme euch mir zum Volke." Dies aber ist die religiös-geschichtliche Bedeutung des Festes der Gesetzgebung, das wir mit dem Chag haschowuaus begehen. Indem Israel in den Bund mit Gott eintrat, indem es sein Gebot auf sich nahm, wurde es zum Volke Gottes.. Unsere alten Weisen werden nicht müde, es darob zu preisen, dass es, loch ehe es wusste, was Gott ihm für ein Joch auferlegte, einmütig ausrief: „Alles, vas der Ewige redet, wollen wir tun und hören." Um so befremdender ist die ganz andere Meinung, die gelegentlich im Talmud über diese freiwillige Unterordnung des Volkes unter das Gesetz sich findet Da deutet ein Rabbi die Wendung der Tora: „Und sie stellten sich unter dem Berge (Sinai) auf" kühn in dem Sinne, dass sie buchstäblich unter dem Berge gestanden hätten. Der Heilige habe nämlich den Berg wie einen Kübel über sie gestülpt und zu ihnen gesprochen: „Wollt ihr die Tora annehmen, so ist es gut, wo aber nicht, so findet ihr hier euer Grab." Diese merkwürdige Deutung in ihrer drastischen Gleichnissprache enthält nicht nur die Wahrheit, dass das Dasein Israels seinen einzigen Inhalt und Sinn darin hat, Erfüllung des Willens Gottes zu sein; sie stellt uns zugleich vor die Frage, was es mit der Freiheit des Menschen gegenüber diesem göttlichen Willen nach jüdischer Auffassung auf sich hat. Der Mensch ist nicht geschaffen frei zu sein. Mit stärkster Betonung spricht R. Eleasar Hakappar es in den „Sprüchen der Väter" aus: „Wider deinen Willen wurdest du gebildet und wider deinen Willen wurdest du geboren, wider deinen Willen lebst du und wider deinen Willen stirbst du und wider deinen Willen wirst du einst Rechenschaft ablegen müssen vor dem König aller Könige, dem Heiligen, gepriesen sei Er!" Aber auch die Tora macht in ihren Erzählungen die Unfreiheit menschlichen Handelns deutlich. War Abraham frei, als Gott ihm befahl: „Zieh hinweg aus deinem Vaterlande, aus deiner Heimat und nus deinem Vaterhause in das Land, das ich dir zeigen werde"? War Isaak frei, da er gebunden auf dem Holzstoss lag, gewärtig als erkennung jüdischer Leistung durch Adelsprädikate und durch Ordensverleihungen nehmen sie teil. Aber nicht nur für die englischen Juden, sondern für die Juden aller Länder ist die Lage des englischen Judentums in dem grössten Reiche der Welt, nicht unwert, freudig begrüsst zu werden. Sie bezeugt, dass die Stellung der Juden im Staate aus zwei Komponenten erwächst: aus dem den Juden innewohnenden Willen, dem Staate, in dem sie leben, zu nützen, und aus dem staatlichen Willen, sie sich nutzbar zu machen. In England sind beide Elemente zu glücklicher Einheit zusammengewachsen. III. In dieser Woche begehen wir das Fest unserer grossen Gesetzgebung am Sinai. Seit jenen Tagen gibt es für die Kulturmenschheit allgemeinverbindliche moralische Grundsätze. Es sei im Zusammenhang mit der englischen Krönung daran erinnert, wie die Bibel, die dem neuen König überreicht wird, in dem uralten Krönungs- Opfer dargebracht zu werden? Gegen seinen Willen ist Joseph nach Aegypten gebracht worden. Zögernd, ja wenn wir der Pessach-Haggada folgen, widerstrebend, „gezwungen durch göttliches Gebot" ist Jakob dahin übergesiedelt. Und selbst die berufenen Knechte Gottes, die Propheten, nehmen nicht freiwillig ihre Sendung auf sich. Mose wehrt sich mit immer neuen Fragen, Bedenken und Einwänden, als Gott ihm am brennenden Dornbusch den schweren Auftrag gibt, Retter seines Volkes zu werden, jeremia will sich seinem Prophetenamt entziehen: „Ach, Herr, ich bin so jung!" Und auch später sträubt er sich wieder und wieder, die furchtbaren Drolrungen auszusprechen, die Gott ihn aussprechen heisst! Jona sucht vor Gott zu fliehen, um nicht den heidnischen Niniviten Umkehr predigen zu müssen. Sie alle zwingt der Ewige, freundlich zuredend oder schweigend oder zürnend, den Weg zu gehen, den Er ihnen vorgezeichnet. Wenn schon nicht seine Führer, um wieviel weniger nimmt das Volk sein Geschick freiwillig auf sich. Dass es sich gegen die Entbehrungen und Gefahren der langen Wüstenwanderung auflehnt und mehr als einmal nach dem „Haus der Sklaven" zurückkehren möchte, wo es doch Brot und Fleisch ^u essen hatte, ist noch ein Geringes. Aber selbst dann, wenn es um seine Rettung geht, gehorcht es erst recht dem ZwTange. Der Midrasch erzählt von Israeliten, die während der dreitägigen Finsternis in Aegypten sich heimlieh zu den Aegyptern schlugen, nur um nicht mit ihren Brüdern befreit zu werden. Die Bibel selbst erzählt, dass die Aegypter die Kinder Israel in der Nacht des Auszugs drängten, das Land zu verlassen, dass diesen nicht Zeit blieb, ihr Brot säuern zu lassen, dass sie „aus Aegypten vertrieben wurden". So sah die Freiheit aus, der die Befreiten vermeintlich jubelnd entgegenzogen! Auch am Schilfmeer weigern sie sich weiter zu ziehn, obwohl hinter ihnen Mizrajims Heeresmacht mit neuer Knechtschaft oder mit dem Tode droht. Und selbst ihre vielgerühmte Bereitschaft am Sinai, alles zu tun, was Gott gebieten würde, soll aus der Furcht vor dem drohenden Ende, aus unausweichlichem Zwang zu erklären sein! So könnte es scheinen, als redete unsere Religion dem Zwange das Wort, eine zeremoniell charakterisiert wird. Es heisst dort, sie sei „das Wertvollste, das die Welt hervorgebracht hat. Hier ist die Weisheit; dies ist das königliche Gesetz; dies sind die lebendigen Orakel Gottes". Mit dem Gefühl des Stolzes und gleichzeitig der Verpflichtung einem solchen geschichtlichen Geschenk gegenüber begehen wir das Schowuaus-Fest. Das Madagaskar- Projekt Der französische Kolohienminister Marius Moutet hat zwei Mitglieder der polnischen Madagaskarkommission, die mit der Erforschung der Ansiedlungsmöglichkeiten für Juden in Madagaskar betraut ist, zu einer längeren Unterredung empfangen. Bei dieser Gelegenheit hat der französische Kolonienminister Moutet seine Warnung wiederholt, etwa bei unglücklichen Menschen Hoffaungen zu erwecken, die sich als Illusionen erweisen müssten. Madagaskar käme niemals für 5ine_ Massen aus Wanderung, sondern nur für die Absiedlung weniger in Frage. Die wesentlichsten Punkte der Unterredung vfurden in Religion, 'die als erstes unter ihren gegeschiehlichen Festen „das Fest unserer Freiheit" eingesetzt hat, eine Religion, die uns täglich den Gott vor Augen hält, der uns aus dem Lande Aegypten herausgeführt, die selbst den Sabbat, die Krone der Weltschöpfung, mit der Erinnerung an den Auszug aus Aegypten verknüpft, eine Religion, die an die Spitze ihrer höchsten Offenbarung den Ewigen stellt, der von sich kündet, dass er dich befreit hat aus dem Hause der Knechte, eine Religion, die Menschlichkeit fordert gegenüber jedem Sklaven und als Ziel der Weltgeschichte eine Zeit erhofft, erfleht und erstrebt, wo es keine Knechte mehr geben wird, es sei denn Gottesknechte! Nein, wenn eine Religion ihren Bekermern die Liebe zur Freiheit ins Herz geprägt hat, so ist es die unsere, die uns lehrt: Nie wieder zurück nach Aegypten! Und lehrte es uns nicht unsere Religion, so lehrte es unsere Geschichte. Unser Volk hat je und je unter leiblichem oder seelischem Druck gestanden, nur selten hat ihm hell und warm die Sonne politischer und religiöser Freiheit geleuchiet. Aber es geht ja nicht um menschlichen, sondern um göttlichen Zwang, und dieser, um ein Wort aus einem Briefe Franz Rosenzweigs aufzunehmen, stammt aus der Kraft der göttlichen Liebe. Zu ihrem Heil hat Er wider ihren Willen die Erzväter, die Propheten Israels gezwungen, zu tun, was sie kurzsichtig oder furchtsam zu tun sich weigerten, zu unserem Heil hat Er uns Blinde und Schwächliche gezwungen, den Weg zu gehen, den wir freiwillig nicht gegangen wären. Dem Fest der Freiheit tritt das Fest der Gesetzgebung gegenüber; «<ases ist die Vollendung von jenem. Es gibt nur eine wahre Freiheit, sie heisst: freiwillige Unterordnung unter das Gebot. Mach Seinen Willen zu deinem Willen, so wird er deinen Willen zu dem seinen machen. Willig oder wider Willen, freudig oder freudlos, wir müssen Gottes Willen tun. Aber in der Willigkeit, mit der wir ihn tun, klingt unser Wert, in der Freudigkeit liegt unser Glück. Wenn wir wahrhaft das Wort unserer Ahnen vom Siuai nachsprechen: „Alles, was der Ewige geredet, wollen wir gehorsam tun"', dann haben wir, wie drückend auch die Zeit auf uns laste, jene höchste Stufe der Freiheit erreicht, der der letzte, der reine Becher vom Seder-Abend gilt: „Wir sind Gottes Volk geworden". einem Communique zusammengefasst, das der Minister der Jüdischen Telegrafen-Agentur übergab. Es lautet: ' „Die polnische Regierung hat bei der französischen Regierung angefragt, ob es ihr eventuell möglich sein würde, einer bestimmten Zahl polnischer Bürger die Niederlassung in französischen Kolonien zu gestatten. Unsere Antwort lautete, dass wir grundsätzlich in einem solchen Vorschlag Vorteile für beide Seiten erblicken können, vorausgesetzt, dass den Anzusiedelnden ausreichende Mittel zur Verfügung gestellt werden und dass sie zu landwirtschaftlicher Arbeit geeignet sind. Ich betonte, dass die Unternehmung durchaus keine leichte sei, es sei sehr schwierig, Neuland durch ein Experiment von verhältnismässig kleinem Umfang und mit einer sehr beschränkten Zahl von Menschen zu erschliessen. Ich wies darauf hin. dass es nach unseren bisherigen Erfahrungen ziemlich lang dauern wird, bevor Europäer sich kolonialen Verhältnissen anpassen können. Wir stehen Kolonisationsexperimenten in Madagaskar freundlich gegenüber, weil wir eine liberale Haltung gegenüber befreundeten Nationen einnehmen, die keinen Kolonialbesitz haben, in dem sie ihre Bürger ansiedeln könnten; dies soll aber nicht in dem Sinne ausgelegt werden, dass wir einen Exodus von Menschen hervorzurufen wünschen."