Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 18 (6.5.1937)
- Date
- 1937-05-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XVI. Jahrg. Q Nr. 18 Berlin, 6.;Mai 1937 Pre 1 s 10 Pfennig eig&mer A. H. Am 2. Mai 1837 ist zum ersten Male eine Nummer der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", am 4. Mai 1922 die erste Ausgabe der „C.-V.-Zeitung" erschienen, die in einem ihrer Untertitel — wie man in dem Faksimile an anderer Stelle unserer Festausgabe nachsehen mag, am kleinsten und unscheinbarsten gedruckt — jenen Namen weiterführte. Fünfzehn von den hundert Jahren, deren Rundung uns Anlass zur Würdigung der A. Z. bietet, gehören also bereits unserer Zeitung. Die Jubiläumsbeiträge gelten freilich nur den 85 Jahrgängen zuvor; wir wrollen nicht gefeiert, sondern gelesen sein und lebendig wirken. Es widerspräche auch der geschichtlichen Wahrheit, Feier und Ruhm jenes Blattes auf uns zu versammeln, wie sehr wir auch heimlich hoffen, dass ein wenig des Lobes und der Schätzung der A. Z. auf uns abglänzen möge. Wir sind nicht aus der A. Z. hervorgegangen, wenn auch in unmittelbar zeitlichem Anschluss an die letzte Ausgabe jenes Blattes die erste Nummer der „C.-V.-Zeitung" erschienen ist, sondern aus der Monatsschrift „Im deutschen Reich". Sehr formale Gründe, die nicht einmal aus dem Kreise des C.-V. vorgetragen wurden, fügten in den vielzelligen ersten Zeitungskopf auch noch die ehrwürdige Bezeichnung „Allgemeine Zeitung des Judentums". Aber Worte, zumal, wenn sie zu so geistesmächtigen Formeln zusammengefasst sind, halten Zauberkraft. Unterzeile auf Unterzeile schwand aus dem„C.-V.- Zeitung"-Kopf; immer grösser und sichtbarer wurde die „Allgemeine Zeitung des Judentums". Mit dieser Wandlung des graphischen Bildes vollzog sich auch eine innere Umgestaltung. Die neue „C.-V.-Zeitung" damals sollte und wollte alles andere sein als eine allgemeine Zeitung des Judentums, eine Art jüdischer Generalanzeiger. Im Gegenteil, sie hatte eine besondere Zeitung des Judentums zu sein, Organ im eigentlichen Sinne, also Mund und Sprachrohr des damaligen Centrai-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Allgemein hätte man sie nach der Terminologie jener Jahrzehnte allenfalls in dem Sinne nennen können, dass die in ihr vertretene Anschauung von dem Streben erfüllt war, allgemeingültig zu werden. Denn damals mass man den Wert einer allgemeinen These an ihrer Verwertbarkeit für die eigene, besondere Ansicht. Heilte bemüht sich die besondere Meinung, - vor 'der Allgemein-: wertung zu bestehen. Diese Wandlung, die. alle ernstgeleiteten jüdischen Zeitungen erfasst hat, machte aus der „C.-V.-Zeitung"' eine echte „Allgemeine Zeitung des Judentums". II. Es ist nicht ohne Reiz, auch noch auf andere Unterschiede hinzuweisen, die zwischen dem Blatt von: 1837 und dem von 1922 bestehen mussten. Ludwig Philippson schuf als Einzelner seine Zeitung und um seine Schöpfung herum eine jüdische öffentliche Meinung. Der C.-V. bedeutete in jeder seiner Aeusserungen bereits jüdische Oeffentlichkeit. Sprach dort der Einzelne und wohl oft auch Einsame, so kam hier die Gruppe, die Richtung zu Worte; der Einzelgänger hatte sich nicht nur innerhalb des C.-V. gegen die öffentliche jüdische Geleitwort Von DRo HERZFELD«, Vorsitzendem des Jüdischen Centrai-Vereins Die hundertste Wiederkehr des Tages, an dem die „Allgemeine Zeitung des Judentums" zum ersten Male erschien, ist weniger Aniass zum Feiern als zum Besinnen. Wir gedenken der Männer, von denen die Zeitung geschaffen und weitergeführt worden ist. Wir gedenken der Zeiten, die sie heraufführen half und von denen sie emporgetragen wurde. Bei dem Versuch, die unübersehbare Fülle der in diesen Blättern niedergelegten Gedanken und Geschehnisse zu ordnen, lernen wir den Zeitraum eines Jahrhunderts werten. Noch ehrfürchtiger neigen wir uns vor dem Genius unserer Geschichte. Noch stolzer denken wir an unsere Gemeinschaft, die so viele Jahrhunderte der Arbeit im Geiste und am Geiste umfasst. Bewusst wird uns, wie unvergleichbar und nie wiederkehrend jede Epoche ist. Wir erkennen, dass jedes Geschlecht nach eigenem Gesetz Vollendung erstrebt und in dem ihm zugemessenen Räume nach besten Kräften ausschreitet. Wenn wir so die Vergangenheit würdigen und ehren, gelangen wir zu ernsten Gelöbnissen für unseren Lebenskreis. Heisse Wünsche erfüllen uns und helle Hoffnungen für die Späteren, die nach uns kommen und über uns hinauswachsen mögen an jüdischem Willen, an menschlicher Formung und an irdischem Glück fillllllilllllllllllllllllllllilllllllllllillllM Meinung durchzusetzen. Die ideengeschichtlichen Auseinandersetzungen zwischen den jüdischen Gruppen drückten sich in der Regel in oft unfruchtbarem Machtstreit aus. Die gleichen Kämpfe des Einen schufen die Fundamente, auf denen erst jüdische Politik in Deutschland in bestimmtem Sinne denkbar und möglich wurde. Wenn in den grossen und kleineren Arbeiten im Festteil dieser Ausgabe in gewisser Hinsicht Historie getrieben wird, so soll Goethes Satz, dass Geschichte schreiben eine Art sei, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen, dabei, allerdings bedingt, Geltung haben. Es tut gut, von Zeit zu Zeit aufzuräumen und Schutt zu beseitigen, der, weit davon entfernt, die Umrisse edler Formen erkennen zu lassen, die er vordem vielleicht einmal gebildet haben mag, den Boden unfruchtbar macht und neues Keimen verhindert. Auch manches, was noch in unsere Tage hineinragt, ist vergangen, mag auch das Fehlen sichtbarer Zerfallserscheinungen es schwierig machen, es so zu erkennen. Was durch die Zeiten bewährt besteht, das gerade befreit geschichtliche Betrachtung aus der Verkleidung, durch .die Zeit. Und das ist auch nicht vergangen. III. Wir haben durch die Ereignisse der letzten Jahre zu unserer eigenen Arbeit genügend Abstand gewonnen, um es wagen zu können, den Weg zu zeichnen, den sie genommen hat, bis die Ereignisse von 1933 die grosse Kehre brachten. Unsere Zeitung zwischen 1922 und 1933 wird kein Historiker übergehen dürfen, der die Geschichte der deutschen Judenfrage einmal in einer, von der Leidenschaft der Aktualität befreiten Zeit zu schreiben sich bemühen wird. Er wird in ihr finden, wie die lebendigen Strömungen des deutschen Lebens im jüdischen Raum ihre Wellen schlugen, und wie Juden auf dem Gipfel der Emanzipation dachten und ohne Ueber* hebiichkeit voll Dankbarkeit gegenüber den Kräften waren, die ihnen die Tore öffneten. Er wird das ehrliche Bemühen, antreffen, die Haltung der politischen Gruppen zur Judenfrage als eine vom Jüdischen her unpolitische Angelegenheit zu behandeln. Er wird beobachten, wie um die Lösung gerungen wurde, die gestattete, in dem eigenen Verhalten zum deutschen Leben innerhalb des Parallelogramms der Kräfte, die scheinbar zwischen Entjudung und Gleichberechtigung eine untrennbare Ursächlichkeit aufwiesen, Jude I. 5<rf>rgang. W.o. 1. 3citii)iij i>ea SukttfiMitts. . - . ' @in ' ■ unparteilich £>rgan für' alles jübifc&e Ssnterejfe in 55 c r r c f f » o n $tolttt£, 9tcltgfoit, Sitcratur, @cfd>td>tc, <2prad>ftmfcc und'&cHrtrtfK¥., tSTiit Äönigl. Säcöfudjcr aKcvgmi&iäfrcr Gon«ifton.) Slebactcur ■ «Bering x>on Dr. $udnHg.^fetftppf0it,- Saumgärtnerö &uc$feanMimg il'i'iKliniU'Cf tyreSyer in Sfta^cMivß. , > gUSeipjtg, ' Seipjig, öen 2. -sföoi 1S37. Diese Festnummer enthält: berger: ...„und" die Wissenschaft — Margarete Edelheim: Redaktion ohne Telephon — Ernst Fraenkel: Vier Redakteure'— Fritz Friedlaender: Jüdisches Geschichtsbewusstsein — Alfred Hirschberg: In eigener Sache — Heinz Kellermann: Die Zeitung der „gemässigten Reform" — Ernst G. Löwenthal: Vor- •klänge von „Hilfe und Aufbau" — Hans Oppenheimer: Schmökern — ■ Kurf Pinthus: Literaturbericht — Eva Reichmann- Jungmann: Am Quell der Ideologien — Kurt Julius Riegner: Grundlagen einer Gemeindepolitik — Ferner Bilder, Inserate und Kuriosa zu sein und zugleich dem Staate zu geben, was des Staates ist. Mit Ueberraschung oder mit — Genugtuung, je nach dem Vor-Urteil, mit dem der Forscher an die Probleme herangeht, wird er lesen, wie man hier bemüht war, die Wirkungen der gesellschaftlichen Auseinanderentwicklung von besitzenden und nichtbesitzenden Juden in den Jahren der Arbeitslosigkeit und des schrumpfenden Mittelstandes zu hemmen. Vorgänge wie „rote Assimilation" — Abkehr jüdischer, proletarischer Schichten von einem zu bürgerlichen Formen vielfach erstarrten Judentum — und „weisse Assimilation" — Aufgehen bildungs- und besitzgesättigter jüdischer Kreise in sozial ihnen gleichscheinender nichtjüdischer Umwelt — wurden untersucht und ihre Ergebnisse nicht nur leidenschaftlich bekämpft, sondern auch durch positive Anstrengungen zu paralysieren versucht, wüe man jene Menschen dem Judentum und im Judentum erhalten könnte. Die nationaljüdische Idee war damals weder für die eine noch die andere Gegenwirkung generell aussichtsvoll. Aber der Forscher wird zugleich eine warmherzige, keineswegs antiquiert philanthropische, sondern sehr bewusst den Rahmen überkommener Begriffsbestimmungen vom Wesen des Judentums sprengende Haltung zu allen jüdischen Aufbauplänen finden, vor allem in Palästina. Er wird auch auf eine Apologie stossen, die diesen Namen nur noch nach ihrer Wirkung verdient, wreil sie allen wissenschaftlichen Ansprüchen ernsthaft Rechnung trägt. Und je nach seiner Einstellung wird der Historiker in der Fülle der Namen und Leistungen jüdischer Menschen auf allen Gebieten des menschlichen Daseins innerhalb des jüdischen Lebensraumes und in der Welt überhaupt entweder eine Bestätigung der These finden, dass die Juden einen über ihren Anteil weit hinausgehenden Einfluss gewonnen und ausgeübt haben, oder, dass ausserordentliche Fähigkeiten innerhalb dieses Menschenkreises erweckungsfähig waren, durch die sich soviel Namen ihren Glanz schaffen und durch die Zeiten bewahren konnten. Es ist nicht möglich, und niemand wird die Absicht haben, die 11 Jahresbände von 1922—1933, die, in jeder grossen Bibliothek nachzulesen sind, in ihrem Sinn und Inhält umzudeuten. Sie stehen für sich, ehrlich auch in dem, worin die Geschichte ihre Meinung zum Irrtum wrerden, ihre Absicht ins Leere gehen liess. Rückwirkende Korrektur. geht über die Kraft der Geschichte. IV. Die Ereignisse von 1933 leiteten einen dritten Abschnitt in der Geschichte unserer Zeitung ein. Auswahl, Gruppierung und Gestaltung des Stoffes wurde grundlegend anders. Das Format wandelte sich. Die Vereinszeitschrift nahm mehr und mehr die' Gestalt einer allgemeinen Zeitung für jüdische Fragen an. Es geziemt sich, an' dieser Stelle der Männer zu gedenken, die unserem Blatte bis dahin ihren Stempel aufgedrückt hätten: Ludwig Holländer, der jüdische Parteiführer mit der encyclopädischen Neigung, zunächst durch einen Redaktionsfachmann ohne Bindung an jüdischen Stoff unterstützt, durch Ernst Goth, den Frühverstorbenen, der mit Liebe und Geschick die ersten Schritte der neuen Zeitung betreute, und durch Alfred Wiener, der als Schüler Paul Nathans jüdische Kenntnis und politisches Geschick mit journalistischem Ideenreichtum zu verbinden wusste.