Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 17 (29.4.1937)
- Date
- 1937-04-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XVI. Jahrg. / Nr. 17 Berlin, 29. April 1937 Preis 10 Pfennig ALLGEN EIKE ZEITUNG DES JUDENTUNS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, AnzeigeEan nähme, Yertriebsabtcilnng): Berlin W 15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Central glauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin 70344. Die C.-V.-Zeitung erseheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitumrsgebübr) zuzücl. 18 Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 2,30 RM(umgerechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste 5 gültig. Die 12gespaltene mm-Zeile 20 Rpf., für Stellengesache 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise s. Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platzu. Datenvorsehriften ohne Verbindlichkeit. Die Juden Wiens H. J. C. W i e 11, April 1937. Das Interesse, welches die Juden in Deutschland an der Entwicklung des jüdischen Lebens in Wien nehmen, ist verständlich. Die jüdische Gemeinde Wien ist mit über 170 000 Seelen eine der grössten jüdischen Gemeinden Europas, unter den deutschsprachigen jüdischen Gemeinden ist sie die grösste. Trotz dieser Deutschsprachigkeit wäre es aber ganz und gar irrtümlich, zu glauben, dass die Struktur der Gemeinde Wien der Struktur einer im reichsdeutschen Gebiet liegenden jüdischen Gemeinde ähnlich sei. Es ist vielmehr alles im jüdischen Wien anders als es der mit Deutschland vertraute Besucher erwarten möchte. Ja, noch mehr: Es gibt nichts in diesem jüdischen Wien, was eindeutig zu verstehen wäre, die verschiedenartigsten Entwicklungslinien, die entgegengesetztesten persönlichen Einwirkungen laufen nebeneinander her, verwirren sich, und man muss ein „gelernter Oesterreicher" sein, um aus dem ganzen Komplex zum Schluss das Gemeinsame und Einheitliche herauszufinden. Die Wiener Judengemeinde hat sich ebensosehr aus dem reichsdeutschen Zusammenhang heraus entwickelt, wie die habsburgische Monarchie seit dem Verzicht des Kaisers Franz auf die römisch-deutsche Kaiserwürde im Jahre 1806. Damals und noch lange Jahrzehnte später war die Wiener Gemeinde einer im reichsdeutschen Gebiet gelegenen jüdischen Gemeinde ähnlicher als heute. Den Kern der Gemeinde bildeten privilegierte Hofjudenfamilien, und um sie herum gruppierten sich kleinere und mittlere Kaufleute und- Agenten aller Art, die den deutschsprachigen, wenn auch häufig in slawisch oder magyarisch sprechenden Gegenden gelegenen, Judengemeinden Böhmens, Mährens und Ungarns entstammten. Doch blieb die Gemeinde Wien noch auf lange Zeit hinaus sehr klein, sie zählte im Jahre 1857 erst 6000 Seelen, d. h. kaum mehr als 2 Prozent der Gesamtbevölkerung. Im Jahre 1880 dagegen hatte sie schon die Zahl von 72 000 Seelenerreicht und umfasste mehr als 10 Prozent der .Gesamtbevölkerimg. Bei diesem ungefähren und an reichsdeutschen Verhältnissen gemessen sehr hohen Prozentsatz verblieb sie im Grossen und Ganzen und mit geringen Schwankungen bis in die letzten Jahre hinein. Es ist ein weiter Weg, den das jüdische Wien von den Tagen Mannheimers und Jellineks bis zu Chajes und zur Gegenwart hin zurückgelegt hat. Das Ergebnis dieses Weges lässt sich dahin zum Ausdruck bringen, dass die Gemeinde Wien als die heterogenste und in sich uneinheitlichste Grossgemeinde Europas bezeichnet werden kann. Hier treffen westjüdisehe und ostjüdische Bestandteile unvermittelt aufeinander. Nach der Statistik von 1921 waren von der Wiener Bevölkerung in Wien geboren: bei Juden 38 Prozent, bei Nichtjuden 56 Prozent, im sonstigen Oesterreich: bei Juden 4 Prozent, bei Nichtjuden 18 Pro- Einwanderer in Skandinavien Offiziöse Zahlen Und Daten / Von unserem fb.-Berichterstatter Die nächste Nummer der C.-V.-Zeitung erscheint am 6. Mai in verstärktem Umfang aus Anlass des hundertjährigen Bestehens der Allgemeinen Zeitung des Judentums In dieser Nummer berichten unsere Korrespondenten u. a. aus: Holland, Oesterreich, Palästina und Skandinavien. Kopenhagen, 26. April. Die skandinavischen Staaten haben seither bewusst davon Abstand genommen, über die Zahl der Emigranten und die Handhabung der Fremdengesetzgebung öffentlich Rechenschaft zu geben. Die gegen die Regierungen erhobenen Vorwürfe waren widerspruchsvoll; von der einen Seite wurde behauptet, die Länder würden von Emigranten aus Deutschland überschwemmt, von anderer Seite, die Regierungen zeigten sich unmenschlich. Die Regierungen hatten es demgegenüber vorgezogen zu schweigen, und sich auf die eine oder andere Aufklärung in einer Kommissionssitzung eines der Parlamente beschränkt. In letzter Zeit waren aber in den einzelnen Ländern Zahlen im Umlauf, die es den Regierungen geboten erscheinen Hessen, die Reserve aufzugeben und Klarheit zu schaffen. Es kann nicht zweifelhaft sein, dass hierzu Grund war. Vor wenigen Monaten sprach man in Schweden von 30 000 Juden aus Deutschland, kurz darauf war bereits die Rede von 40 000: eine dänische Zeitungwusste von 15- bis 20 000 . nichtdänischen Juden im Lande, ohne dass die offenbare Unsinnigkeit dieser Zahlen im allgemeinen auf Widerspruch stiess. Die zuständige schwedische Stelle hat dies selber mit einer gewissen Verwunderung festgestellt. Nunmehr sind detaillierte Zahlen für Schweden und Dänemark bekanntgegeben worden. Der Leiter des schwedischen Sozialamts, Bergström, hat sich in der Stockholmer Zeitung „Dagens Nyheter" geäussert; in Dänemark hat Justizminister Steincke in einem Rundfunkvortrag die Emigrationsfrage behandelt. In Schweden haben im Jahre 1934 insgesamt 5570, im Jahre 1935 5858 und im Jahre 1936 7036 Ausländer gelebt. Die plötzliche Steigerung beruhte so gut wie ausschliesslich auf einer Einwanderung aus den nordischen Grenzländern und war eine Folge der schwedischen Hochkonjunktur. Unter diesen Ausländern befanden sich 2127, bzw. 2394 bzw. 2462 Deutsche. Ein grosser Teil dieser Deutschen bestand aus Facharbeitern, namentlich Monteuren, die mit der Ueberwindung der Weltwirtschaftskrise in steigendem Masse in Schweden Anstellung fanden. Bergström gibt ihre Zahl mit etwa 1000 an. Eine weitere grosse Gruppe bilden nach ihm die deutschen Zirkusartisten. Die Zahl der Juden aus Deutschland mit „mosaischem Glaubensbekenntnis", ferner der „Rassejuden ohne ausdrückliches Bekenntnis zur jüdischen Glaubensgemeinschaft und ohne jüdische Namen sowie der Halbjuden" wird von Bergström mit 6- bis-8000 für das ganze Land angegeben. Ein nicht geringer Teil hiervon hält sich jedoch, worauf Bergström noch besonders hinweist, in Schweden nur mit der Absicht späterer Weiterwanderung auf. Dänemark hat nach den Darlegungen seines Justizministers 600 russische Emigranten; die Zahl war ursprünglich wesentlich grösser, hat sich aber dadurch reduziert, dass die Mehrzahl in der Zwischenzeit das dänische Bürgerrecht erlangt hat. Die Zahl der deutschen Emigranten beträgt 1512, darunter 200 Kinder. Hierbei entfallen auf die jüdische Emigration 845, während der Minister den Rest in politische Gruppen und Geistesarbeiter unterteilt Zu den 845 jüdischen Auswanderern aus Deutschland treten 168 Chaluzim, die zu Ausbildungszwecken in' der dänischen Landwirtschaft vorübergehend Aufenthalt und Arbeit gefunden haben. Für Norwegen sind offizielle Zahlen bisher nicht bekannt geworden; die Zahl der in den letzten Jahren aus Deutschland eingewanderten Juden liegt jedoch bestimmt nennenswert unter den für Schweden und Dänemark veröffentlichten Ziffern. Insgesamt sind hiernach im Laufe der letzten vier Jahre 2000 bis 2300 Juden aus Deutschland nach Skandinavien ausgewandert. Vorher lebten in Schweden 6500, in Dänemark 6000 und in Norwegen 1500 Juden. Die Rechtslage ist in allen skandinavischen Ländern in den wesentlichen Zügen übereinstimmend. Ausländer haben das Recht, sich drei Monate im Lande aufzuhalten. Ein längerer Aufenthalt sowie die Ausübung einer selbständigen oder unselbständigen Arbeit bedarf der Genehmigung- Die Ausführungen des dänischen Justizministers zur Handhabung des Fremdenzent; im Ausland: bei Juden 53 Prozent, bei Nichtjuden 26 Prozent. Es lässt sich also feststellen, dasshinsichtlich der herkunftsmässigen Zugehörigkeit nach Wien und Oesterreich einerseits, nach dem Ausland andererseits, die jüdischen und die nichtjüdischen Bevölkerungsteile eine völlig entgegengesetzte Zusammensetzung aufweisen. Unter „Ausland" sind in erster Linie diejenigen Länder verstanden, welche vor dem Jahre. 1918 inländische Teile der Monarchie waren, also die Gebiete der heutigen Tschechoslowakei, Ungarns und Polens. In freier Schätzung kann man damit rechnen, dass von den 170 000 jüdischen Einwohnern Wiens etwa 50 000 derjenigen alteingesessenen Bevölkerungsschicht zuzurechnen sind, deren Eltern schon in Wien gelebt haben. Etwa 40 000 Menschen kommen aus den Sudetenländern und gliedern sich jener ersten Schicht nach Herkunft und Gesinnung ziemlich leicht ein. Es handelt sich meist um ein mittelständisches, aus Kleinstädten kommendes und ursprünglich schon deutschsprachiges Bevölkerungselement. Beinahe im gleichen Mass gilt dies von der nächsten Schicht, die schätzungsweise ungefähr 20 000 Menschen umfasst und deren Herkunft in Ungarn und in der früheren ungarischen, seit Kriegsende tschechoslowakischen Slowakei zu suchen ist. Aus diesen Kreisen rekrutiert sich der grösste Teil der orthodoxen Mitglieder der Schiffschul, welche der Agudas Jissroel angehört. Der restliche und grösste Bestandteil von ungefähr 60 000 Menschen stammt aus dem jüdischen Osten, vor allem aus Galizien. Man kann damit rechnen, dass etwa 35 000 von diesen polnischen Juden noch heute die polnische Staatszugehörigkeit besitzen, während ungefähr 25 000 seit Kriegsbeginn neu eingebürgert worden sind. Die weitaus grösste Mehrzahl dieser in sich besonders solidarischen Gruppe ist erst seit 1914 zugewandert. Der russische Einbruch in Galizien hat viele Tausende von Menschen als Flüchtlinge nach dem Westen in die Hauptstadt des ^Reiches gefegt, darunter einige der bekanntesten chassidischen Rabbinerfamilien. Nur ein sehr geringer Teil dieser Neueinwanderer hat sich mit einer ebenfalls sehr kleinen Schicht schon vor dem Kriege in Wien ansässiger ostjüdischer Familien verbunden und dem alten österreichischen Charakter der Wiener' Judengemeinde eingefügt. Der grösste Teil lebt in engen kleinstädtischen- Verhältnissen, materiell und geistig und entfernt sich selbst in der jüngeren Generation kaum von seinem ursprünglichen galizischen Ausgangspunkt. So ist "es gekommen, dass die rechts sind über Dänemark hinaus belangreich. Er machte das Asylrecht zum Ausgangspunkt seiner Rede. Er erklärte, dass Dänemark seine Ehre in eine liberale Ausdeutung des Asylrechts setze; diese Auffassung gerate aber in Widerspruch mit dem Gebot der Rücksichtnahme auf die wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit des Landes, das noch keine Arbeitslosigkeit kenne. Unmenschlich wolle Dänemark nicht sein, menschlich könne es aber oft nicht sein. Als einzige rationelle Lösung der Fragen schlug er eine prozentuale Verteilung aller Emigranten auf die einzelnen Staaten vor. Der Völkerbund habe diesen Gedanken oft erörtert, aber während der ewigen Erörterungen wüssten hunderte von unglücklichen Menschen nicht, ob sie gekauft oder verkauft seien. Der Minister hob das gute Einverständnis mit dem dänisch-jüdischen Komitee für nichtarische- Auswanderer ausdrücklich hervor und betonte, dass Aufentbaltsbewilligungen besonders häufig erteilt würden, wenn der Aufenthalt zu zwecken der Aus - b i 1 d u n g geschehe. Eine besondere Regelung sei noch für die jungen Juden getroffen, die Landwirtschaft in Dänemark lernten, um später in Palästina zu siedeln. Dabei legte der Minister Wert auf den Wunsch der Regierung, dass nicht unverhältnismässig viele Ausländer sich an ein und derselben Stelle aufhielten. Ueber das Asylrecht hinaus wird in den nordischen Ländern das Recht zum Aufenthalt nur in Ausnahmefällen erteilt, namentlich dann, wenn der Ausländer bereits früher sich längere Zeit in einem der Länder aufgehalten hat, wenn seine Familie eingeboren ist oder besondere wirtschaftliche Interessen seinen Aufenthalt im Lande nahelegen. Eine Arbeits erlaubnis setzt jedoch in aller Regel voraus, dass der Ausländer über Spezialkenntnisse verfügt, die sich im Lande anderweitig nicht finden. Es kann angenommen werden, dass die amtlichen Ausführungen in Schweden und Dänemark, die ein verhältnismässig breites Echo in der gesamten Presse gefunden haben, dazu beitragen, die agitatorisch ins Volk getragenen Parolen von einer angeblichen Judeninvasion zu diskreditieren. Reste der Grossbourgeoisie mit den Rothschilds und Gutmanns an der Spitze, die Wiener Kleinbürgerschaft und Angestelltenschaft, die sehr zahlreiche Intellekfuellenschicht, in der westjüdische und ostjüdische Elemente zusammenstossen, und schliesslich die grosse Schicht der ostjüdischeh Kleinbürger, Proletarier und Luftmenschen nebeneinander her leben, und dass nur in sehr geringem Masse von einem allmählichen Zusammenwachsen dieser Schichten gesprochen werden kann. Die Trennung ist selbst innerhalb der Orthodoxie bemerkbar: Die um die Agudah gesammelten Kreise sind nahezu ausschliesslich ungarischer, die dem Misrachi anhängenden Schichten überwiegend polnischer Herkunft. Innerhalb des Wiener Zionismus und somit auch innerhalb der Wiener gemeindlichen Institutionen von heute haben vielfach. Juden polnischer Herkunft Führung und massgebenden Einfluss. Die Uneinheitlichkeit in der Zusammensetzung der Wiener Gemeinde lässt sich auch auf einem anderen Weg verfolgen. Wien ist der Sitz einer Extremen, westlichen Assimilation. Die Taufbewegung, die die gesamte deutschsprachige Judenheit am Beginn der Emanzipationsepoche ergriffen hatte, ist in Wien im Grunde genommen nie beendet worden. Während sie