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Central-Verein-Zeitung · 1937-04-22 · 16 (22.4.1937) · page 15

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
16 (22.4.1937)
Date
1937-04-22
Page
– (sequence 15)
Language
German
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fsjr. 16 * 4. Beiblatt CYZeitung 22. April 1937— Seite 15 Gh. N. Bialiks frühe Jahre Zu Ernst Simons Bialik-Einführung / Von Leo Hirsch „Sie bitten mich, Ihnen meine Lebensgeschichte mitzuteilen, — glauben Sie mir, ich habe gar keine „Geschichte"; können Sie sich die Biographie eines Menschen nicht vorstellen, die arm an Ereignissen ist? Das Aufwachsen, die Entwicklung von Menschen wie ich, ist der Entwicklung der Masse, zum Verwechseln ähnlich . . Mit diesen Worten begann Bialik in einem Brief an Dr. J. Klausner 1903 seine Autobiographie. Sie enthält nur die Geschichte geiner Kindheit und Jugend, darin aber die entscheidenden Erlebnisse, mit denen fertig zu werden, er tatsächlich bis zu seinem Tode zu tun hatte. „Der Anprall der noch unverarbeiteten frischen Schöpferwelt war so gewaltig, die junge Seele so eindrucksempfindlich, dass hier ein Bild unauslöschlicher und unverdrängbarer Prägung entstand ... Es ist, als habe sich die Erlebnisfähigkeit des Dichters erschöpft, bevor er recht Mann wurde und zu seiner vollen Gestaltungsfähigkeit gelängte", konstatiert sehr treffend Ernst Simon in seinem Bialik-Buch (Chajjim N'achmann Bialik. Eine Einführung in sein Leben und sein Werk. Mit einigen Uebersetzungsproben und Gedichtanalysen. Schokken-V erlag). Für den westlichen Betrachter ist Bialiks Entwicklungsgeschichte durchaus nicht ereignislos, denn auch die Entwicklung der „Masse", der sie :..zum Verwechseln ähnlich" sein soll, erscheint |uns bedeutsam und ergreifend. Die ersten fünf; Jahre seines Lebens sind ihm die glücklichsten, j Der Vater lebt noch und hat als Aufseher und \ Holzhändler „in Gottes Wald" zu schaffen, man hebt unter wolhynischen Bauern, aber jüdisch jund noch gar nicht ghettomässig, und ein j Traumglück bleibt das Leben des Kindes: Auf dem hohen Berg, / auf dem grünen Cras; habe ich als Kind / stumm verträumt mein Glück. Was hab ich gewollt — / Weiss es selber nicht. Weiss ja nur, es kommt / niemals mehr zurück .. t Er ist noch kaum sechs Jahre alt, als die : Trübnisse des Lebens heginnen. Im Cheder ist \ ein betrunkener Lehrer, der ihn prügelt, bis die Mutter mit der Harke den Knaben rächt. Die .Eltern ziehen in die Pechhändler-Vorstadt von IScmiomir, ins Ghetto, der Vater hat eine 'Schäake, und bis in sein eignes Alter kann Bialik das Bild nicht loswerden: „Im Qualm des Xabakdampfes, im bösen Odem des Alkoholgeruches steht der Vater hinter, dem Schanktisch und, unter Verachtung gegen die niederen Wesen, von denen er doch lebt", schaut er ztöschen dem Ausschänken zweier Gläser in die Mischna, die aufgeschlagen vor ihm liegt; „einen erniedrigten Heiligen" nennt ihn die so zornige wie zärtliche Erinnerung des sechzigjährigen Sohnes. Es ist Armut, Elend im Haus, am Sabbat singt man die üblichen Gesänge, aber ..der hungrige Magen des Kindes knurrt die Melodie dazu". Da stirbt der Vater, die Mutter;eht hausieren, die Not wächst, der Knabe kommt schliesslich im Haus des Grossvaters unter. Hier beginnt Bialiks jüdische Erziehung sich zu konkretisieren, und zugleich beginnt die erste grosse Entwicklungskrise. Der Grossvater .^ar alt und satt an Jahren, er lebte, um Thora zu lernen, und ich war ein wildes Kind, eine Waise, mutwillig und unbändig, und natürlich kam es selten vor, dass wir "beide miteinander zufrieden waren. Die Lehrer, in deren Hände der Grossvater mich gab, walteten buchstäblich mit den Händen, mit festen Händen, ihres Amtes und verbitterten mir das Leben. Ich kletterte auf eine Telegraphenstange — Schläge! Ich schlidderte übers Eis — Hiebe! Ich krähte nachts auf dem Dach wie ein Hahn — Ohrfeigen, Backpfeifen! Und doch waren alle Lehrer zufrieden und jagten ,Reb Mosches Enkelkind* geradezu nach, denn wie im Allotriatreiben, war er auch im Lernen scharf, fähig wirklich unbändig." Die Familie, Onkel und Tanten, deren eigene Kinder weniger befähigt sind, kommen dem angeblich zu schwachen Grossvater zu Hilfe, man schlägt den Waisenknaben und „Feindschaft und Hass verbrühten D]eine Seele und entzündeten mein kleines Herz". Später durchstöbert und „zerliest" er flüt der gleichen Vehemenz den Bücherschrank Grossvaters, Moralbücher und Kaballa, 'Wissenschaft und Gescchichten, und sogleich entzündet das Lesen seine Phantasie. Diese Eigenschaft, Gesichte zu sehen und mich in Jerne Dinge zu vertiefen und Phantasien auszuspannen, stammt noch aus meiner Kindheit, "''enn ich mich in reale Bilder vertiefte, zogen fliegende und wichtige Dinge mich ab, die deinen Augen wunderbar erschienen und Speise Jjad Stoff für meine Phantasie wurden, und eben diese Eigenschaft, diesen Hang, brachte ich später auch in die Welt der Bücher mit." Schon in der ersten Zeit beim -Grossvater zieht es ihn zum Schreiben, er notiert dies und das, was er ^t, Geschichten von Rabbis und ähnliches, 0flne sonderlich auf die Sprache 2m achten, er ynengte vielmehr, so erzählte er später, Hefaisches und Aramäisches durcheinander, „und einmal in einer Stunde der Eile gebrauchte ich!°gar jiddische Wendungen". Er lernt Talmud auf dem W_ege über die Aufklärungsbücher einen Anflug weltlicher Wissenschaft, sein Ideal wird Bildung, Freiheit, eine sehr relative Freiheit, denn schon der Besuch der Talmudhochschule von Woloszyn, meint er, könnte seinen Durst stillen. Tatsächlich bedeutet dann Woloszyn seine Entscheidung zum jüdischen Nationalismus, zur hebräischen Literatur, er flieht aus der Jeschiwa nach Odessa, ins Zentrum bewusst jüdischer Geistesarbeit, wo Achad Haam, Mendele Mocher Sforim, Rawnicki lebten, denen sich Bialik, der 18jährige Verfasser des berühmt gewordenen Gedichtes „An den Vogel", zurechnen musste und durfte. Aber in Odessa musste er hungern, in Schitomir stirbt der Grossvater, der Bruder; zerbrochen kehrt Bialik zurück, die Flucht ins Leben ist misslungen, und er ist „Wieder bei dem welken Alten, % Der, wie Schatten, dürr und mattt Saftlos Antlitz, voller Falten, , ' Schaukelt überm Talmudblatt... Niemals wird das Spinnweb weichen* Dort im Schwarz der Hinierwand, ~\ Voll geschwollner Fliegenleichen;; An der Ecke hingespannt. ' Alte, seid euch treu geblieben, > ■ wollt im Alten ganz versinken: Nun komm ich zu euch, ihr Lieben, — ' - Lasst uns faulen, bis wir stinken!" In oder trotz solchem inneren Zustand heiratet er in Schitomir, oder lässt er sich verheiraten, und sein Biograph Ernst Simon betont die Güte dieser Ehe. Auf Drängen des Schwiegervaters, der einen Raw aus ihm machen wollte, wozu aber Bialik nicht mehr „fromm" genug ist, versucht er sich im Holzhandel und, als das schief geht, im bitteren Beruf eines Kinderlehrers in Sosnowicze. Nach neun Jahren endlich gelingt es Dubnow, Rawnicki und Achad Haam, Bialik nach Odessa zu bringen, an die Spitze einer hebräischen Schule, dann des Verlages „Moria" (1905), und die verlegerische und redaktionelle Tätigkeit, die fortan einen guten Teil seiner Arbeit bedeuten sollte, hat dank Bialiks „Gewissenhaftigkeit der Sprache gegenüber, seiner Verantwortung vor dem iWort und seiner auf die programmatische Bestandsaufnahme und Rettung der hebräischen Gesamtliteratur hinzielenden Verlagspolitik" der hebräischen Renaissance einen grösseren Dienst erwiesen, als überhaupt zu ermessen ist. — Wir sind in dieser Erörterung der sehr dankenswerten Bialik-Einführung Ernst Simons gefolgt, in der die Betrachtung von Bialiks Dichtungen naturgemäss einen grossen Raum einnehmen. Diese Analysen sind ungemein gescheit und eindringlich, gute Scherer-Schule, und zumal sie mit mancherlei vorzüglich übersetzten Gedichtproben erfüllt sind, lohnt es sich sehr, sie zu lesen. Bialik gehört ja immer noch zu denen, die mehr gelobt als bekannt sind, und Ernst Simon ebnet dem Leser einen Weg zu den frühen Dichtungen der Odessaer Jahre, den Liebesliedern, den grossen Poemen des Zorns und den berühmten „prophetischen Gedichten, zu der Aggada- und der Gabirol-Ausgabe, zu den letzten Versen nach dem langen Schweigen des Dichters und zu seinen Uebertragungen, von denen Simon bemerkenswerter Weise gerade die des „Wilhelm Teil" als eine Art Heimholung betrachtet WTenn man an Simons kluger und schöner Arbeit eine Kleinigkeit aussetzen darf, so ist das die fast völlige Verschwiegenheit gegenüber Bialiks Beziehung zum Jiddischen. Vor einigen Monaten ist in Amerika eine jiddische Gesamtausgabe von Bialiks Dichtungen erschienen, und kurz nach dem Krieg gab es auch eine einbändige Ausgabe sämtlicher jiddischen Verse Bialiks, die, so gering sie auch ihr Editor Bal- Machschowes in seiner Einleitung schätz^ diese Beziehung doch keineswegs bedeutungslos erscheinen lässt. Nicht nur die jiddische Sprache hat ihm mancherlei zu danken, auch Bialik musste wohl einen eigentümlichen und trotz allem gelegentlichen Widerstreit manchmal unabwendbaren Zug zum Jiddischen gehabt haben, zumal er so zentrale grosse Dichtungen wie „In der Stadt des Würgens" und „Das letzte Wort" selbst in die „Muttersprache" umdichtete. Er hat ferner Heines „Prinzessin Sabbath", Jehuda Halewis Zionide und die Meerlieder ins Jiddische übertragen. Von seinen Volksgedichten aber haben einige wenige, besonders „Unter die grininke Bäumelech", die Chassidim-Tänze „Ein Fröhliches" und das zarte, hier eingangs zitierte „Auf dem hohen Berg" einen so besonderen, starken und nur im Jiddischen möglichen Ton und eine so dichte Gefühlssubstanz und Ausdruckskraft, dass Bialik und die jüdische Literatur ohne sie ärmer wären. Besuch in Locarno Weltenbummlers „Einsames Leben" Louis-Ferdinand Celine: Tod auf Borg. Verlag Julius Kittls Nachfolger, Leipzig—M.-Ostrau, 1937. Das erste Buch dieses Autors, das mit vollem Recht den Titel „Reise bis ans Ende der Nacht" führt, hat in Frankreich und anderen Ländern Bewunderung und gleichzeitig Entsetzen erregt. Leicht verständlich, dass die Akademie Goncourt davor zurückschreckte, durch die Verleihung des Goncourt-Preises sich mit diesem einmaligen, schwer einzureihenden Werk solidarisch zu erklären, das wie ein von Riesenfaust geschleuderter Felsblock im wohlbestellten Garten der französischen Literatur einsam und trotzig emporragt. Wirklich, Louis-Ferdinand Celine, der in einem Pariser Vorort als Armenarzt tätig ist, führt den Leser durch alle Schrecken des Seins bis ans Ende der Nacht. Sein neues Buch ist dem Wesen nach eine Fortsetzung dieser gnadenlosen Reise. Wäre es nur eine schonungslose Chronik, in der unerfreuliche Tatbestände abgehandelt werden, so bliebe es immerhin innerhalb der Grenzen des naturalistischen Romans. Aber es ist gerade das Charakteristikum des Werkes, dasses jede Grenze sprengt. Ist es eigentlich ein Roman? Ist es nicht vielmehr ein Schrei, der durch den Schlaf 'der Welt gellt, ein Traum eines Fieberkranken, dem seine Qual eine Hellsichtigkeit verleiht, die dem Gesunden versagt ist? Celine, der im französischen Schrifttum wohl kaum einen Vcrrläufer hat, „beschreibt" das Leben nicht, er springt es an wie eine Naturkraft, er zermalmt es, er geht bis ans Ende. Wenn sein Werk auch an Ueberfülle des Stoffes zu bersten scheint, nicht aus dem-Stofflichen erwächst Art, Eigenart (und vielleicht auch Unart) dieses autobiographischen Versuches, der, wie selbst die heftigsten Gegner Celines zugeben werden, im grossen Sinne des Wortes ein document humain ist, eine Bereicherung unseres immer noch so geringen Wissens vom Menschen. Das Vordergrund-Thema des neuen Buches ist das Schicksal eines Pariser Knaben, der an sich selbst, seinen Trieben, seinen Eltern, seiner Umwelt, der Arbeitslosigkeit, der Armut, der Verlorenheit, der Sinnlosigkeit seiner Existenz leidet. Reichlich früh spielt er mit den Blumen des Bösen, der arme Junge, nichts Menschliches bleibt ihm fremd. Aber dies Los mag ihm mit vielen gemeinsam sein. Wir würden das Geschehen freudloser Knabenjahre nicht mit so leidenschaftlicher Anteilnahme verfolgen, wenn diese gallenbittere Lebensbeichte nicht gleichzeitig eine Kette von Visionen wäre, die das kleine und das grosse Welttheater in sich schriessen. Und wenn die Abgründe der Hölle sich noch so weit auftun, der Glanz des Himmels wird spürbar, wenn auch mehr als Ahnung denn als Gegenwart. Aus dein Gewimmel der Fratzen werden Gesichter kenntlich, Menschengesichter. Wer sich von Celines Buch nur abgestossen fühlt, wer es lediglich als Hexenkessel, als Chaos begreift, wird ihm nicht gerecht, und für Leser dieser Art scheinen die Worte bestimmt, die in Hebbels Tagebüchern stehen: „, . . Es gibt keinen Punkt auf der Erde, der nicht zugleich in den Himmel hinauf und ih den Abgrund hinunterführt" „ . . F. M. üeber ein halbes Jahr ist vergangen, seitdem ich an einem gewitterschweren, von Treibhausluft erfüllten Tag den Zug in Locarno verliess, um hoch oben in Monti noch über Madonna del Sasso Richard Katz, den Weltenbummler von einst, in der Abgeschiedenheit seines Gartens zu besuchen. Viele Tage hatte der Regen sich über das Tessin ergossen. Noch immer zogen die Wolken tief über die Berge, der See spiegelte sich wie flüssiges Blei. An den Reben hingen die tiefblauen Trauben und die Wege waren von den Stachelfrüchten der Esskastanien und von herabgeschwemmten Steinen übersät. Das Häuschen lag abseits der Fahrstrasse. Ein holpriger Weg führte zur Gartentür, viele Stufen noch weiter zum winkeligen Haus selbst. Es hat eine ehrwürdige Geschichte. Vor hundertundfünfzig Jahren war es ein Kuhstall. Aber das merkt der Besucher nicht, der sich an der Helle der kleinen Räume erfreut; er merkt es noch weniger, wenn er hinaustritt in den Garten. In diesen Tagen muss es dort oben prangen und blühen und die Hände des Besitzers und des Gärtners werden nicht ausreichen, um der Natur in ihrem Aufbruch nachzukommen, die Hunde Rio und Bamba zu bändigen und Maja die Katze. Wochen nach diesem Besuch hab ich das neue Buch von Richard Katz, sein „Einsames Leben" (Verlag Eugen R e n t s c h, Zürich) gelesen. Und ich bin froh, dass ich es nachher tat. Es -blieb mir damals erspart, Worte zu machen über ein Buch, dessen menschliche Qualität mich jetzt so innig berührt, und dessen dichterische Form die Formlosigkeit ist. Vielleicht hätte ich den Ausflug gar nicht unternommen, wenn ich das Kapitel „Besuche" damals schon gekannt hätte. Allerdings glaube ich, gegen die von Katz aufgestellten Formen nicht Verstössen zu haben. So war die Lektüre des Buches keine Ueberraschugn, sondern eine Bestätigung. Als Motto steht ihm ein Goethewort voran: „Und wie wir auch durch ferne Lande ziehn, Da kommt es her, da kehrt es hin; Wir wenden uns, wie auch die Welt entzücke, Der Enge zu, die uns allein beglücke." Gewiss, diese Enge ist eine andere, als die, in die wir Juden hier heute gestellt sind. Es ist die freiwillige Beschränkung eines' Mannes,' der sich aus dem Getriebe der Welt zur Naturzurückgewendet hat und zur Zwiesprache mit dem Geist der Jahrhunderte. Diese Wendung nach Innen hatte schon das vorausgegangene Buch „Die drei Gesichter Lucifers" angekündigt. Sie wurde inzwischen vollzogen. Ein paar Zitate können besser als langatmige Untersuchungen dem' Leser den Geist des Buches vermitteln. „Ich kann nicht dichten, ich kann nur beschreiben!" Es gibt wenige Schriftsteller mit diesem Bekenntnismut. Doch auch das Beschreiben ist eine Kunst, und Katz versteht sie oft ins Dichterische zu steigern. „Es ist schwierig, einfach zu schreiben. ,Feilen' bedeutet Fortnehmen, nicht Hinzufügen; das gilt auch für den Schriftsteller." Es ist ihm Ernst um die Sprache, wie ernst, das mag man dem Kapitel „Vergleiche" . entnehmen, einer humorvollen Stilanalyse über das Wesen des Vergleichs als Mittel des sprach; liehen Ausdrucks. Auf nur fünf Seiten ist im Abschnitt „Zweite Heimat" soviel Treffendes über das Wesen der Heimat, des Gastes in einer neuen Heimat gesagt, dass man es Satz für Satz hierhersetzen möchte: „Langfristiger Aufenthalt in der Fremde verläuft im allgemeinen von der Illusion zur Enttäuschung." Oder: ,,Wer in der Fremde lebt, soll nicht versuchen, sie zu belehren. Der Wunsch m i t ihr zu leben, ist nur im Ausnahmefall vollkommener Anpassung erfüllbar. So bleibt nur der Ausweg, in ihr zu leben, ohne ihre Gewohnheiten zu stören." Vom Guten das uns Verwandte zu lesen, so formuliert Katz etwa seine Meinung über ..Das Wunder des Lesens". Dort heisst es auch: „Ich habe es so wenig eilig, dass ich in dieser turbulenten Zeit' keine .aktuellen' Bücher lese. Die sind oft überholt, bevor sie noch gedruckt sind. Sondern ich lese jetzt alte Bücher über weiträumige Geschichtsperioden. Die Lesezeit der letzten Monate wandte ich an den Flavius Josephus, und seine Schilderung hat mein Verständnis . der Gegenwart bereichert ... Mich fesselt die an Prophetie grenzende Möglichkeit, aus ähnlichen Voraussetzungen der Vergangenheit ähnliche Schlussfolgerungen für die Zukunft zu ziehen ..." Und an anderen Stellen lesen wir etwa: „Du Hundl — Nur seinen besten Freund sollte man so nennen dürfen" oder „Nur Böse und Narren eifern gegen den Glauben ... Glaube ist Gnade. Das versteht, wer an den Tod denkt." So ist dieses Buch. Es hat keinen Anfang und es hat kein Ende. Es ist ein Mosaik bunter Lebenssteine, aus dem sich das Bild des Autors formt. Ein Buch \on Hunden und Pflanzen, nennt es der Verlag. Ein Buch voll Menschlichkeit, Weisheit und Heiterkeit muss man hinzufügen. An seinem Ende stehen diese Zeilen: „Vielleicht besteht dies Buch im Sturm der Zeit, vielleicht verweht's wie Laub — ich bin bereit." Diese Erzählung vom einsamen Leben, wie wir es heute leben müssen, geht uns nahe, und bringt Saiten in uns zum Klingen, die erschlafft waren und an die zu rühren, uns der sorgenvolle Alltag keine Zeit Jiess. Hans Oppenheimer. Albert Moll: Ein Leben als Arzt der Seele. Karl Reissner, Dresden, 1936. Die Biographie Molls bringt dem Leser die mit Recht unbestrittenen Verdienste des Verfassers um die Sexualwissenschaft und Psychotherapie, im besonderen die Suggestion und Hypnose zum Bewusstsein. Die Darstellung ist flüssig und interessant und lässt auch pikante Einzelheiten der Zeitgeschichte nicht vermissen. Jedoch sind die allzu scharfen Angriffs gegen seine sachlichen und persönlichen Gegner zu bedauern. Dies um so mehr, als man den Eindruck hat. dass Moll die cbarakterlichen Licht- und Schattenseiten zuungunsten seiner Stammesbrüder ungerecht verteilt hat. Hierüber kann einen auch nicht die Tatsache hinwegtrösten, dass der Verfasser sein eigenes Licht nicht unter den Scheffel stellt. Moll hätte sich selbst einen besseren Dienst erwiesen, wenn die kleinlichen Nörgeleien fortgeblieben wären, zumal seine wissenschaftliche Bedeutung aus der Geschichte der Psychotherapie nicht wegzudenken ist. Dr. Walter Schindler. Werner Kraft: Wort aus der Leere. Manfred Rothschild Verlag, Jerusalem. Ein neuer Ton in der neuesten jüdischen Lyrik deutscher Sprache ... ein Ton nicht nur aus dem Herzen, das sich in der Leere, im Chaos fühlt, sondern ein Ton aus der Kraft des in seiner Unheimlichkeit und Hintergründigkeit empfundenen Wortes, das diese Leere zu füllen, dies Chaos zu ordnen sucht. Ein ausserordentlicher Wortkünstler dichtet hier, der sich freilich hüten muss, in Künstelei zu verfallen. Krafts Gedichte sind nicht leicht zu lesen; sie müssen oft erst aufgelöst werden wie ein Rätsel. Meist lohnt es sich, diese Lösung zu finden. kp. BESTELLZETTEL Senden Sie mir bis auf Widerruf die C-V.- Zeitung 66 Pfennig für Mai und Juni 2ahle ich bei Vorlage der Postquittung an den Briefträger. Name: . Ort:_ Strasse:_ Ausschneiden und mit- 3 Pfg. frankiert (oder unfrankiert) senden an: C.-V.-Zeitung, Vertrieb, Berlin W 15, Emser Strasse 42. J 2, Oliva 8141. *

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