Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 16 (22.4.1937)
- Date
- 1937-04-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XVI. Jahrg. / Nr. 16 Berlin, 22. April 1937 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftestelle (Verlag, Schriftleitunjr, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Oentralglauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin 70341 Die U-V .-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post die die Gebühren durch den Posticronrpis tnortoliühr'lirsJi 81 Pnf ("n^ <-«)•,! OO TA V>r,t ■D^r.f^^;+«i„^.n««'U;;i,^ r..._:i_i -1 o T>„ e r> „^„n__u tv-_ a..~t__J —OSftDK^™»««,»!,«^ T on/formötimn^ ü;Mf>W l7iietolIrr.oHiihrPri F.inTp]- Grundlagen einer Auswanderungskonferenz Von Dr. Werner Landecker Die Presse hat vor kurzem über eine Tagung des Verwaltungsrats des Internationalen Arbeitsamts berichtet, auf welcher beschlossen wurde, bei den Mitgliedsstaaten die Einberufung einer Auswanderungskonferenz anzuregen. Aus Veröffentlichungen *des Internationalen Arbeitsamts, die inzwischen erschienen sind, lassen sich folgende Einzelheiten entnehmen: Der Ständige Wanderungsausschuss des Verwaltungsrats hat am 16. und 17. November 1936 eine Tagung abgehalten. Seinen Beratungen lag ein Bericht zugrunde, in welchem die Ergebnisse von Untersuchungen niedergelegt waren, welche der zweite Direktor des Internationalen Arbeitsamts, Fernand Maurette, und das Mitglied des Amtes Enrique Siewers in Südamerika durchgeführt hatten. Ein Teil dieses Berichtes ist soeben unter dem Titel „Einwanderung und SiedlunginBrasilien, Argentinien und Uruguay" („International Labour Review", Jahrg. 1937, S. 215 ff., 352 ff.) veröffentlicht worden. Die Untersuchung ergibt, dass keines der drei besuchten Länder unter den gegenwärtigen Verhältnissen einer grösseren Anzahl von Einwanderern zu bedürfen scheint, welche in Industrie oder Handel beschäftigt werden können. Meist wird auf ausländische Arbeiter, Techniker und Angestellte nur dann zurückgegriffen, wenn Personen mit den erforderlichen Qualifikationen auf dem nationalen Arbeitsmarkt nicht gefunden werden können, und das ist nur ausnahmsweise der Fall. Die Informationen, welche sich bereits in den Händen der Verfasser befanden, und die sehr strengen Massnahmen, welche in den drei Staaten zum Schutz des Arbeitsmarktes ergriffen worden sind, haben von Anfang an zu der Ueberzeugung geführt, dass in diesen Staaten zurzeit kein Raum für Einwanderer ist, welche zu den angeführten Kategorien gehören. Gleichwohl wurde beschlossen, bei Unternehmern, Arbeiterorganisationen und bei Behörden weiteres Material zu sammeln, welche durch ihre Aufgaben Berührung mit dem Arbeitsmarkt haben. Ueberall wurde die Ansicht bestätigt, dass gegenwärtig eine irgendwie beträchtliche Einwanderung von Personen mit „S t a d t b e r u f e n" nicht in Betracht kommt. Während also alle drei Staaten die Zulassung von Lohnarbeitern beschränkt haben, gilt dies nicht von der Einwanderung von Siedlern; diese war stets, selbst auf dem Höhepunkt der Depression, willkommen. Und dies deshalb, weil in mehr oder weniger beträcht- In dieser Nummer finden unsere Leser u. a.: Frankfurt, Bild einer Gemeinde, von Herbert Wiesenthal Ferner: A. H.: Am Rande. — Leo Hirsch: Bialiks frühe Jahre. — Hans Oppenheimer: Besuch in Locarno. — Dr. Hans Kaiisch: öic völkerrechtlichen Voraussetzungen einer Kantonisierung Palästinas. Die Beilagen: Wirtschaft der Woche. — Palästina- Umschau. — Schachecke. lichem Masse jeder Staat freien Raum für Einwanderer hat, welche als Farmer siedeln wollen. Wenn aber dieser freie Raum zum Vorteil sowohl der Einwanderungswie der Auswanderungsländer ausgenutzt werden soll, bedarf es der Organisation. Der Bericht stellt eine allgemein bekannte und bedauerte Tatsache fest, dass sich gegenwärtig eine derartige Organisation, sofern sie überhaupt besteht, noch im embryonalen Zustand befindet. Die Aufgaben einer solchen Organisation sollen nach Ansicht des Berichts teils in Siedlungsplanung, teils in der Beschaffung öffentlicher Mittel — sei es des Auswranderungs-, sei es des Einwanderungslandes — zur Finanzierung der Siedlung, teils in der Ueberwachung privater Siedlungsunternehmungen bestehen. Für private Siedlungsunternehmungen käme indessen ein mit dem Wohl der Siedler vereinbarter Nutzen nur dann in Betracht, wenn entweder der Siedler, mit eigenen Mitteln versehen sei, oder wenn es sich um noch nicht urbar gemachtes und darum billiges Land handle. Der Bericht erhebt die Forderung, eine Organisation zu bilden, an welcher die offiziellen Institutionen sowohl der Auswanderungsals auch der Einwranderungsländer beteiligt wären. Einer solchen Organisation könnte eine internationale Körperschaft wie die Internationale Arbeitsorganisation, welche zugleich desinteressiert und gut informiert ist, wertvollen Beistand leisten. Auf Grund dieses Berichtes hat der Ständige Wranderungsausschuss folgende Resolutionen beschlossen (Resume mensuel des travaux de l'Organisation Internationale du Travail, Jahrg. 1936 Nr. XI, S. 77f.): 1. Der Ausschuss gibt dem Wunsch Ausdruck, die beteiligten Regierungen mögen eine sorgfältige Vorbereitung von Plänen zur Erschliessung gewisser Teile Latein a m e r i k as für Siedlungszwecke in Angriff nehmen; das Internationale Arbeitsamt möge hierfür den Regierungen, soweit sie es wünschen, seine Dienste zur Verfügung stellen, um an Ort und Stelle diejenigen Untersuchungen vorzunehmen, welche geeignet sind, eine internationale Zusammenarbeit einzuleiten. 2. Er schlägt vor, einen „Korrespondenzausschuss für Wanderungen" zu errichten, welcher es dem Internationalen Arbeitsamt ermöglichen würde, Gutachten von Sachverständigen einzuholen, die den wichtigsten Ländern angehören, welche, sei es als Ein- oder Auswanderungsländer, sei es aus anderen Gründen, am Wanderungsproblem praktisch interessiert sind. 3. Er bittet den Verwaltungsrat, den Direktor des Internationalen Arbeitsamtes zu ersuchen, für die Verhandlungen der . nächsten Völkerbundsversammlung rechtzeitig eine Denkschrift vorzubereiten, in der die Grundzüge des vom Internationalen Arbeitsamt gesammelten Materials über das Aus- und Einwanderungsproblem und seine. Abhängigkeit von den bevölkerungspolitischen und "wirtschaftlichen Bedürfnissen gewisser Länder dargestellt werden sollen. 4. Der Direktor solle ferner aufgefordert werden,. unverzüglich bei den Mitgliedstaaten der Internationalen Arbeitsorganisation Erkundigungen darüber einzuholen, ob sie am Zusammentritt einer Sachverständigenkonferenz für Wanderung zu Siedlungszwecken interessiert seien; er solle diese Konferenz einberufen, sobald eine Anzahl von Staaten, welche ausreiche, um nützliche Ergebnisse zu erzielen, dies begehrt habe. 5. Das Internationale Arbeitsamt solle prüfen, ob das Passvisum für Wanderarbeiter vereinfacht werden könne. 6. Das Amt solle untersuchen, ob es zweckmässig sei, den zuständigen Organen der Internationalen Arbeitsorganisation die Frage zu unterbreiten, welche "Behandlung den Einwanderern nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und der Billigkeit zukomme. Der Verwaltungsrat des Internationalen Arbeitsamts hat auf seiner 78. Tagung vom 4. bis zum 6. Februar 1937 die Vorschläge seines Ständigen Ausschusses für Wanderungsfragen geprüft und gebilligt. Er hat sich damit die soeben angeführten Beschlüsse des Ausschusses zu eigen gemacht. Es wird hervorgehoben, dass die Anregung zur Vorbereitung von Plänen, welche die Erschliessung gewisser Teile der lateinamerikanischen Länder für Siedlungszwecke zum Gegenstand haben, den beteiligten Regierungen übermittelt werden soll („Internationale Rundschau der Arbelt", Jahrgang 1927, S. 252 f.). II. Versucht man, sich ein Urteil über die Bedeutung zu bilden, welche diesen sich im Rahmen des Internationalen Arbeitsamtes abspielenden Vorgängen beizulegen ist, so muss zunächst der Wert von Untersuchungen hervorgehoben wTerden, die unter Leitung so kompetenter Persönlichkeiten durchgeführt wurden, und welche das im Mittelpunkt des Interesses stehende Jüdische Sorge in Holland Von unserem H-Berichterstatter Amsterdam, 18. April 1937. Holland steht gegenwärtig im Zeichen 'der bevorstehenden Parlamentswahlen, die Ende Mai stattfinden werden. Bereite jetzt verspürt man überall eine rege Wahltätigkeit und die üblichen Prophezeiungen über die Aussichten der einzelnen Parteien bleiben auch nicht aus. Für das holländische Judentum sind diese Wahlen von besonderem Interesse, denn unter den vielen Parteien, die sich um einen Sitz in der Kammer bemühen, befindet sich auch die „Nationalsozialistische Bewegung Hollands" (NSB-), deren Propaganda seit längerer Zeit eine antisemitische Note trägt. Die NSB. ist eine faschistische Partei, die laut ihrem Programm und den dazu veröffentlichten Kommentaren in der Judenfrage dem italienischen Vorbilde folgen will. Ausdrücklich wird jeder Rassenantisemitismus abgelehnt, die offizielle Parteileitung behauptet auch immer wieder, nicht judenfeindlich zu sein, und formell können sogar Juden Mitglieder der Partei werden (früher gab es eine ganze Anzahl jüdischer Mitglieder). Tatsächlich wird aber seit etwa anderthalb Jahren eine ständig zunehmende judenfeindliche Propaganda auf allen Gebieten getrieben, die sich vor allem ßehr stark gegen die Einwanderung von Juden aus Deutschland richtet. In den beiden Presseorganen der Partei: „Volk en Vaderland" und „Het Nationale Dagblad" erscheinen dauernd Artikel, die offen und versteckt antisemitische Parolen enthalten, und kürzlich erst erklärte der Leiter der Bewegung, der Ingenieur A. A. M u s s e r t, dass die Partei zwar nicht antisemitisch sei, mit der übermässigen Beherrschung der Juden auf allen Gebieten aber ein Ende machen werde, sobald sie an die Regierung käme. Für Holland, das klassische Land der Glaubensfreiheit und der religiösen Toleranz, ist dieser aufkommende Antisemitismus etwas völlig Neues. Man hat es in der ersten Zeit einfach nicht , glauben wollen, dass eine politische Partei offen gegen Juden oder jüdische Gruppen Stellung nimmt. Der grösste Teil der holländischen Bevölkerung - ist von Grund auf tolerant; die Toleranz gegenüber dem religiös Andersgläubigen und das Entgegenkommen gegenüber dem .Fremden, sind ja durchaus typische Eigenschaften, des Holländers, die seit Jahrhunderten zum Volkscharakter gehören und gegenüber dem jüdischen .Bevölkerungsteil seit der Einwanderung der ersten Juden aus Spanien und Deutschland ständig zur praktischen Auswirkung gekommen sind. Die Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden sind ausserdem in den meisten westeuropäischen Ländern ganz anderer Natur als in Holland, wo es unter den Amsterdamer Juden eine ausgesprochen arme Schicht und ein wirkliches Arbeiterproletariat gibt. Gerade die Angehörigen dieser Schichten stehen in besonders engen Beziehungen zu den Angehörigen der sozial gleichen, nicht jüdischen Schichten; kurz, die Voraussetzungen für den Erfolg einer antisemitischen Propaganda sind erheblich geringer als in vielen anderen Ländern. Dennoch ist der Holländer 'natürlich nicht völlig gefeit gegen den Einfluss einer geschickten antisemitischen Taktik, und je schlechter die wirtschaftlichen Verhältnisse sind, um so mehr Anziehungskraft haben diese Tendenzen. Der aufkommende Antisemitismus in Holland ist daher eins 'der meist erörterten Themen in allen Kreisen. Die jüdische Presse berichtet hierüber von Woche zu Woche mehr, und die Abwehrartikel werden ständig häufiger. Da die gegnerische Presse auf derartige Entgegnungen absichtlich nicht eingeht, gibt es kaum eine Möglichkeit, den judenfeindlichen Einfluss zu bekämpfen. Die offiziellen jüdischen Instanzen verfolgen diese Entwicklung aufs Allergenaueste, sind jedoch in' der Oeffentlichkeit bisher nicht hervorgetreten. Unter der jüdischen Bevölkerung kann man drei Schichten unterscheiden.,Während die eine Gruppe es für ausgeschlossen hält, dass in Holland ein Antisemitismus in konkreter Form zur Entwicklung gelangen kann, befürchtet eine andere Schicht eine ernsthafte Weiterentwicklung mit entsprechenden wirtschaftlichen und sozialen Folgen für das holländische Judentum. Die dritte Gruppe geht noch darüber hinaus und stellt unter dem Einfluss der Entwicklung der Judenfrage in Deutschland eine mehr als pessimistische Prognose. Welche ' Aussichten hat der Antisemitismus in Holland nun wirklich? Bestimmt steht fest, dass er niemals in der Form eines Rassenantisemitismus zur Auswirkung gelangen wird. Bei günstiger wirtschaftlicher Lage wird die Abneigung des Holländers, d. h. vor allem des Mannes auf der Strasse gegen jede religiöse Intoleranz stark genug sein, um akute Ausbrüche zu vermeiden. Die Gefahr bleibt aber dennoch bestehen. Die N. S. B. stützt sich nämlich in der Hauptsache auf arbeitslose und entwurzelte Schichten des Bürger- und Bauerntums, die . unter der Krise sehr gelitten haben und deren heranwachsende Jahrgänge durchaus geneigt sind, die Schwierigkeiten ihres wirtschaftlichen Fortkommens den Juden zur Last zu legen. Die Anhängerschaft der N. S. B. ergab auf Grund der letzten Provinzialwahlen, umgerechnet auf das ganze Land, einen Anteil von etwa 8,5 Prozent der Parlamentssitze. Jetzt rechnet man mit 10 Prozent, doch kann dies sogar zu hoch gegriffen sein, da sich die wirtschaftlichen Verhältnisse bestimmt in Holland gebessert haben und die Anhängerschaft durch die rückgängige Arbeitslosigkeit wahrscheinlich abnehmen wird. Das aber sind Wahlprophezeiungen, die mit unserem eigentlichen Problem nichts zu tun haben. Worauf es für uns ankommt, ist folgendes: Die antisemitische Propaganda nimmt auf allen Gebieten zu und wird, wenn auch vielfach inoffiziell, von einer politischen Partei betrieben, die als Fraktion (und sei sie noch so klein) Sitz und Stimme im Parlament haben wird. Entscheidend ist daher nicht die Zahl der Mandate, sondern zunächst einmal diese Grundtatsache. Eine geringere Anzahl Mandate bedeutet ja nicht unbedingt einen Untergang der Idee. Ausserdem ist die Position des holländischen Judentums weder bei 5, noch bei 10 Prozent erschüttert. Ob die Partei zwei oder drei Mandate mehr oder weniger erhält, ist politisch wahltechnisch sicherlich sehr interessant. Vom jüdischen Standpunkt aus gesehen, ist aber das Allerwichtigste die immer zu wiederholende Tatsache, dass in Holland eine Partei in das Parlament kommt, die in ihrem Programm zur Judenfrage überhaupt Stellung nimmt, diese Stellungnahme in verschärfter Form zum Ausdruck bringt und die antisemitische Taktik so zu einem geeigneten Mittel der Werbung von politischen Anhängern macht. Diese Gesichtspunkte sind im Augenblick für das holländische Judentum von primärer Bedeutung, und darum sind die jetzt bevorstehenden Wahlen von so akutem Interesse.