Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 15 (15.4.1937)
- Date
- 1937-04-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Blatt der jüdischen Trau Nummer 15 3. Beiblatt der G-V.-Zeitung 15. April 1937 Kartothek der Schicksale Werner ist der 15jährige Sohn (sprich: Beugel, Strolch, Lauser usw.) meiner Hausleute. Ein Riesenkerl, sehr breit und massig, mit einem ewig verzottelten dunkelblonden Schopf, mit nie so ganz einwandfreien Händen und einem ziemlich lautstarken Organ; seine hellen Augen lachen eigentlich immer; er ist ein schrecklich gutmütiger Kerl, bei all seiner Rüpelhaftigkeit; ein Baumausreisser. Das, was ich von Werner am meisten kenne, ist ein tief über den Tisch gebeugter Rücken und eine sichtlich sorgfältig schreibende Hand. Anders sehe ich ihn fast nie, wenn ich durch die Wohnung gehe. Den Baumausreisser? Also sitzt er brav über seinen Schularbeiten? Denkt gar nicht dran. Sondern er katalogisiert. Alles Mögliche und Unmögliche. So tobt er seine sonst sehr versteckten bürokratischen Gelüste aus. Er hat ein Taschende Schneiderin MOdellateHef SChÜlgf Oer Schneider für die elegant gekleidete Dame Berlin NW6 .Schiff bauerdamm 12a, a.Bhf.Friedrichstr..02Weidend.2137 geldbuch und ein Einnahmen- und Ausgabenbuch noch ausserdem und ein Buch für Briefmarkeneingänge und ein Bordbuch (hinter dessen Sinn ich Binnenländerin leider noch nicht zu kommen vermochte) und ein Buch, in dem er jede Strassenbahn- oder Omnibusfahrt genau registriert: Tag, Stunde, Wagennummer — ich glaube auch die Durchschnittszahl der Passanten auf der betreffenden Strecke; er hat ein Buch für Briefschulden und eins, in dem er die von ihm geschriebenen Antworten mit Tag und Stunde notiert. Ein Tagebuch ist ja selbstverständlich. Er hat noch unzählige solcher Bücher und, kurz gesagt, anscheinend einen Katalogfimmel, und ich hoffe und wünsche nur für ihn, dass er nicht lebenslänglich dem Katasterbetrieb verfallen möge. Aber jetzt hat der Werner was ganz Neues; ein paar Tage erst liegt die Gründung zurück: er hat eine Menschenkartothek. Das Ganze ist eine Zigarrenkiste und drin liegen sehr viele weisse Zettel. Noch nicht der zehnte Teil von ihnen ist beschriftet, aber dieser Teil ist sehr anständig alphabetisch geordnet. Als Werner mir die Kiste zuerst zeigte, da er meine Sensationslust auf solche Erfindungen ahnt, fragte ich ihn: „Was hast du denn da drin?" „Menschen", sagte er, und sein helles Bubengesicht nahm für mich einen Augenblick lang geradezu mephistophelische Züge an. „Menschen" — das kann er einfach sagen, als ob das gar nichts wäre: Menschen in der. Zigarrenkiste. „Was für Menschen sind denn das?" forschte ich weiter. „Och, so Verwandte und Bekannte." Er sagte das in einem Ton, der eigentlich von den Betreffenden vermuten Hess, dass sie noch zu viel weniger wert wären als zu einer Kartothek, die doch sicher Mühe macht. „Ja, und warum — ich meine, wieso kommst du auf den Gedanken?" — Da steht der Werner so hilflos, wie ich mir denke, dass er in der Schule dasteht, wenn er aufgerufen wird und nichts kann. Er zuckt die Achseln, überlegt noch einen Moment und gibt dann die ganz unsachliche Artwort: „Wenn Sie Die Umstellung, die der judischen Familie nach den verschiedensten Seiten bedeutsame Einschränkungen auferlegte, wirkt sich besonders spürbar in der Kinderstube aus. Aufsicht und Versorgung, der Kinder waren in zahlreichen Fällen einer Angestellten überlassen, deren Pflichten die ohnehin belastete Hausfrau jetzt allein zu tragen hat. Das kleine Kind verursacht in der kleinen Wohnung mehr Unruhe, das zu einer ununterbrochenen Kette von Störungen Verden kann, die eine Entladung nach der anderen herausfordern. — Mit Drohen und Strafen wird das- Kind zur Ruhe verwiesen; aber bereits die nächste Gelegenheit bringt irgendeine neue Störung. — Schaut man jedoch näher hin, so ist die Ursache zu häuslicher Unruhe nichts anderes als Unzweckmässigkeit in der Einteilung des Haushalts. Gewöhnlich beginnen die häuslichen Reibereien bereits bei dem Ankleiden des Kindes. Oft sind für ein Kind eine Reihe schwierigster Handhabungen notwendig, um fertig zu werden, das mal sehen wollen — bitteschön; und wo was dabeisteht, können Sie's doch nicht lesen, weil das meine Geheimschrift ist." Und dann gibt er mir den Kasten. Es interessiert mich gar nicht, was der Werner da eventuell in seiner Geheimschrift zu bemerken hatte. Ich sehe die weissen Zettel, sauber mit Namen und Daten — wohl die Geburtsdaten — beschrieben, überzeuge mich, dass wenigstens auch die Eltern unter den Verwandten und Bekannten aufgeführt sind — ja, und weiter gibt es für mich auch nichts zu sehen an dieser Zigarrenkiste. Aber zu denken gibt es eine ganze Menge. Mehr Gedanken, Fragen und Erwägungen heften sich klettenartig an diese eigenartige Kartothek, als weisse Zettel darin enthalten sind. Wie ein kleines Orakel kommt mir das vor: der 15jährige Junge mit der Zigarrenkiste vor sich, in der noch eine Riesenmenge unbeschriebener Blätter liegen und in der auf den wenigen beschriebenen schon so unendlich viel Schicksal liegt — Schicksal, allein in den Adressen, die zwischen allen fünf Erdteilen hin und her gehen und keinen der oft nicht ganz einfachen Städtenamen und Strassenbezeichnungen hat der Junge falsch gesehrieben; er jongliert schon ein bisschen mit diesen Begriffen und hat, in seiner Jungenart, manchen Abschied von „so Bekannten und Verwandten" längst verwunden, den auch er schon mitgemacht hat Warum hat der Werner sich diese Kartothek angelegt? frage ich mich immerzu. Es muss doch irgendein innerer Grund da sein, es kann doch nicht nur Spielerei sein? Und nur Fragen wieder sind es, die mir antworten: Fühlt er vielleicht das ständige Gleiten in dieser seiner 'Zeit und sucht unbewusst sich mitten unter den Menschen einen ganz winzigen Ruhepunkt seiner Gedanken und Gefühle zu errichten? Will er noch härter sein als das Leben schon ist und es sich nicht ersparen, ganz sichtbar und greifbar Menschen aus seinem Kasten herausnehmen oder anderswo einordnen zu müssen? Sucht er auf diese bildhafte Art unter den verwirrten und verwirrenden Wegen 'der Menschen schon seines nächsten, kleinen Kreises seinen jungen Weg — sucht er ihn so unter diesen weissen Zetteln, von denen ihm jeder einen Menschen bedeutet, wie einer vor einer grossen Reise mit dem Finger über die Landkarte fährt? ' Oder ist es eine brennende Ungeduld, die ihn heute schon das Bekannte quasi ad acta legen und das Unbekannte geniesserisch vor sich ausbreiten läset, bis sich die weissen kleinen Flächen, ganz allmählich, mit Gewissheiten — oder mit Ungewissheiten? — füllen? Und tausend andere Fragen klammern sich an die kleine Zigarrenkiste. Warum die zur Menschenkartothek gemacht wurde? Der Werner weiss es bestimmt nicht und ich auch nicht. Ich ahne nur, dass er sie eines Tages in irgendeine Ecke schmeissen oder lachend selbst dem Feuer preisgeben wird und dass der Steppenwind unseres Lebens ihn aufheben und fortwirbeln wird in die Weite der Geschehnisse und das alles mit einer Schnelligkeit, die einem kaum Zeit lässt, auch nur einen Kartothekzettel auszufüllen. Hilde Marx. sei es, dass die Kleider so hoch gehängt worden sind, dass das Kind sie nicht ohne Mühe erreichen kann, sei es, dass die Schnürbänder keine Pinne besitzen oder die Wasserkanne zu schwer ist, so dass das Kind sich nicht selbst das Wasser eingiessen kann. Gerade solche Kleinigkeiten machen das Kind, auf dessen. Selbständigkeit es mehr als je ankommt, unlustig und mürrisch. Neben dem Ankleiden bilden die Schularbeiten eine Quelle von Unzuträglichkeiten. Da wird z. B. das Kind zum Arbeiten an den Familientisch gesetzt, statt dessen sollte man ihm eine Arbeits- oder Spielecke anweisen, die wirkt Wunder, auch wenn sie auf die primitivste Weise eingerichtet ist. Das Kind weiss dann, wo es hingehört. Vor allem muss auch das Spielzeug immer wieder auf seine Zweckmässigkeit hin geprüft werden. Bei den meisten fertigen Dingen, die man dem Kinde so nebenbei kauft, oder die man ihm in die Hand gibt, zeigen 6ich Sinnlosigkeiten. Das Kind sitzt an seinem Tischchen, um Abziehbilder zu machen, die es geschenkt bekommen hat; sie taugen nichts. Das Kind will mit Buntstiften zeichnen, sie brechen ab; es will gummiertes Buntpapier benutzen, es klebt nicht. Häufig gibt man dem Kind, das zeichnen möchte, zerknitterte und unansehnliche Bogen, weil sie ja „doch nur verkritzelt werden". Es ist kein Wunder, wenn das Kind niemals lernt; seine Sachen in Ordnung zu halten, bei einer Sachezu bleiben und mit Freude zu arbeiten. Es wird in keiner seiner Veranlagungen gefördert, wenn die ihm zur Verfügung gestellten Mittel unzureichend sind. Viele Mütter schieben die Verantwortung für die sachgemässe Unterweisung des kleinen Kindes auf den Kindergarten und vergessen, dass diese Unterweisung im Elternhaus mit der gleichen Geradlinigkeit fortgesetzt werden müsste, ja, dass der Kindergarten eigentlich die sinnvolle Anleitung, die Aufgabe der Mutter sein müsste, nur ersetzen sollte. Das Leben und die Tätigkeit des kleinen Kindes muss genau so sein festes Fundament haben, wie die Erwachsenen es für sich beanspruchen. Auch seine Einreihung in den Arbeitsverlauf des Tages muss sinnvoll und einsichtig vorgenommen werden. Bekommt das Kind z. B. Haushaltsarbeiten übertragen, die es aus Mangel an zureichenden Hilfsmitteln nicht ausführen kann, so darf sich die Mutter nicht wundern, wenn das gleiche Kind später alle ihm aufgetragenen Arbeiten nur halb beendet. Gibt man dem Kind beispielsweise ein zu grosses oder zu nasses Handtuch zum Abtrocknen des Geschirrs, oder lässt man alle Gegenstände in für das Kind unerreichbarer Höhe stehen, so ist jede Anleitung überflüssig. Häufig schickt man die Kinder, besonders wenn es sich um kleine Knaben handelt, die gern umherlaufen, immer wieder von neuem auf die Strasse, um dieses und jenes einzuholen, was vergessen wurde, statt ihnen auf einmal alle Aufträge wohldurchdacht zu geben. Es mag dem Kinde Spass machen; doch es wird niemals eine Einteilung lernen. Oft aber reisst Die Mutter (vor dem Schulgebaude) Noch zehn Minuten . . . Dieser Knirps! Zum Lachen! Kommt jetzt also mit einer richtigen Schulmappe aus der Schule . . . Dieses rote Gebäude, diese Steintreppen, die langen Reihen der Kleiderhaken an den Wänden, diese Luft . . . das kenne ich doch . . .!? Wie war denn das? . . . Auf einmal ist alles wieder da: Die Schulzeit, die glücklichen Tage und die unglücklichen (lieber Gott, lass doch die Schule abbrennen oder wenigstens den Lehrer krank werden!); der Jugendbund mit seinen Idealen und Zielen und die Zeit des „Wandervogels". Längst vergessene Geschichtszahlen kommen ins Gedächtnis, treten an in Reih und Glied: 586 v. Chr. Zerstörung Jerusalems, 323 v. Chr. Tod Alexanders des Grössen, 44 v. Chr. Ermordung Casars . . . Höchstes Glück: die I, welch ein Unglück eine IV! Unter der Bank das verbotene Buch . . . wie hiess es doch gleich . . . „Das Geheimnis der alten Mamsell" oder „Trotzköpfchen". Der Schwärm für diesen oder jenen Lehrer, wie war man so herrlich albern! Die Postkarten der Filmgrössen (mit tauschen: 2 Fern Andra gegen 1 Henny Porten . . .). Diese Geheimnistuerei mit all und jedem! Und diese romantischen Zukunftspläne . . . Mutti, Mutti, komm schnell nach Haus, wir wollen Schule spielen! Der Junglehrer So eine Rasselbande! Na, heute will ich sie noch toben lassen. Nein, danke, ich esse keine Schokolade. Wie heisst du denn? Was ist dein Vater? Hallo, Kleiner, lass den Schwamm liegen. Hört mal her, ich will euch eine Geschichte erzählen . . . seid doch mal ruhig! Unmöglich, sich hier durchzusetzen. Singe nachher, mein Kind, nachher singen wir alle zusammen. Warum weinst du denn?- Ja, ich bin euer Lehrer. Warum? Mein Gott, was antwortet man auf so eine Frage! Was willst du? Du willst mir was ins Ohr sagen? Setzt euch jetzt mal alle hin . . . setzt euch alle hin! Kennt ihr die Geschichte vom ... Staren-Lied Fiel leiser Schnee nicht heute über Nacht? Doch als der junge Tag dann zu sich selbst erwacht, Pfeift auf dem dunklen, kahlen Zweig der Star — Der grauen, schweren Wolke, die vorüberzieht, Dem scheuen Sonnenstrahl singt er das Lied Vom Frühling, der da kommt in jedem Jahr. Er singt von des Allmächt gen, Grossen Hand, Der ihm, dem "Winzigen, die Strasse fand, Zurück zur Heimat, über Berge, Tal und Meer — Auf dürrem Zweig, vom rauhen Wind umtost, Singt doch ein kleiner Vogel, mutig und getrost. Von lichter, warmer Sommertage Wiederkehr. L.L. man das Kind sogar aus seinem Spiel oder seinen Schularbeiten heraus, weil es nur „schnell einmal herunterspringen soll", als ob das Kind der kleine Laufbursche der Hausgenossen wäre, das deren Vergesslichkeiten wiedergutmachen muss. Wird das Kind heute in den Pflichtenkreis der Familie eingereiht, so muss das in einer Weise geschehen, die dem kindlichen Vermögen und Wesen entspricht und es vor Ausnutzung und Zersplitterung bewahrt. Beginnt man rechtzeitig, das Spiel und die Arbeit des Kindes ernst zu nehmen und dem Tageslauf genau so einzugliedern wie die Pflichten und Neigungen der Erwachsenen, so wird das Kind nicht nur nicht stören, sondern im Gegenteil helfen. Denn gerade die Kinder haben ein starkes Bedürfnis, alles, was sie beginnen, so zu lassen, dass sie Gelegenheit finden, sich als „wesentlich" zu empfinden; das entspricht ihrem kindlichen Geltungsbedürfnis und ihrem gesunden Ehrgeiz. Zu alledem aber ist, je stärker die Belastung an Arbeit und je begrenzter die Mittel sind, straffste Uebersieht im ganzen Haushalt notwendig und vor allem auch' in der Kinderstube! „Ein i kann ick schon.." Das Kind Warum sind denn hier so viele Kinder? Ob wohl in dem Schrank Spielsachen sind? Ich heisse Peter. Weiter? — Was weiter? — Peter Schwersenz. Ein „i" kann ich schon schreiben. Wie heisst denn du? Bist du unser Lehrer? Mach doch mal den Schrank auf! Hast du auch einen Rohrstock? Da ist ja Alfred aus dem Kindergarten! Alfred! Aalfreed, ich bin auch hier!! Meine Tüte ist viel grösser, bloss schade, dass so wenig Bonbons drin sind, unten ist ja alles leer! Zu Hause spiele ich auch Schule. Warum fragt denn der Lehrer soviel? Mein Papa ist Ingenieur. Doch weiss ich, was das ist: so mit elektrisch. Und was der Papa von Artur ist, weiss ich auch: der singt. Ich kann auch singen, soll ich mal? . . . Au, ja, eine Geschichte! Ach, die kenne ich ja schon. Nachher zum Schluss kann der Freier die dritte Frage doch noch richtig beantworten. Ich will mal raus . . . morgen komm ich wieder. Text und Foto Herbert Sonnenfeld Zweckmässigkeit in der Kinderstube Von Meta Samson Gedanken am ersten Schultag Fritz Baum Nachf. Inh. Hanna Löwenstein Waitzstrasse 17 J 6 09M Pfundwäsche la ausfuhrung HM 0.28 Kaufhaus FeüxRichter Inhaber: Adolf Borowski Neukölln Hermannstrasse 161 - seit 1906 __ MOC!@S3lOfl BrSa'uer Bamberger Straße 22. B 5. 2474 eleganteste Maßanfertigung nach französisch. 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