Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 15 (15.4.1937)
- Date
- 1937-04-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XVI. Jahrg. / Nr. 15 Berlin, 15. April 1937 Press 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS GeschäftesteHe (Verlag, Schriftleitung. Anzeigenannahme, Vertriebsabteilan-g): Berlin W15. Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Centralglaoben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin 70344.- Die L.-V .-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschlüsse Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den_ Post- _ --------------------stag. Redaktionsschlüsse Dienstag. Bestellungen lr *iBe^gspreis ^ierteljährlic^ 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügl. 18 Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 2, »,v~,w... Zustellung erfolgt c----------------------- }RM(umgerechnet in <Jie Landeswährung^einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengetmhren: Preisliste 5 gültig. Die 12gespaltene mm-Zeile 20 Rpf., für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise s. Preisliste. Einzeianzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platzu. Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. *Fm€i£seh@r, Maßstab I. A. H. Je bewegter ein Zeitabschnitt ist, je lebhafter der einzelne nach den Ereignissen ausspäht, an denen er Inhalt und Grenzen der Geschehnisse bestimmen zu können hofft, um so häufiger hört man das Wort vom geschichtlichen Augenblick. Es ist begreiflich, dass der Mitlebende den Umkreis seines eigenen Daseins und seiner Entwicklung besonders wichtig nimmt. Man würde sonst mit diesem Begriff sparsamer umgehen und zweckmässigerweise der späteren Zeit überlassen zu bestimmen, wann einmal ein solcher Zeitpunkt, ein solches Ereignis war. Wenden wir einmal selbst diese Methode auf die Vergangenheit an, so werden wir bescheidener in der Verwendung eines so grossen Wortes. Dem forschenden und prüfenden Sinn erschliessen sich unzählige Einzelheiten, die in unserer Geschichte auch in den stillen Abschnitten, geschweige denn in den bewegteren, anzutreffen sind und die von den Zeitgenossen fraglos als entscheidende Wendepunkte empfunden worden sind, die wir heute aber, wenn überhaupt, meist nur als interessante, kulturelle oder politische Arabeske zu viel weiträumigeren und viel weiter hinstrebenden Ereignissen beurteilen. Goethe hat vor etwa fünf Generationen niedergeschrieben, es sei in unseren — also seinen — Tagen wohl kein Zweifel übrig geblieben, dass die Weltgeschichte von Zeit zu Zeit umgeschrieben werden müsse, weniger auf Grund neu entdeckter Geschehnisse als neuer Ansichten über sie. In diesem Sinne mag es berechtigter sein, geschichtliche Augenblicke dann anzunehmen, wenn ein im Kern verändertes Denken über Sinn und Gang der Geschichte anhebt, als beim Vorliegen blosser Fakten. In der Tat sind die geistigen Ereignisse geschichtsbildender als die sogenannten Realitäten, wenn man ihre Wirkung in die Zeit hinein prüft. Nimmt man die Geschichte als die Zusammenfassung von unentrinnbarem und von gestaltetem Geschehen, so ist die Bedeutung des Unentrinnbaren — der grossen und ewigen Gesetzmässigkeiten — wesentlicher als die des Gestalteten. Jene schafft das Weltbild, in dem diese nur die einzelnen Nuancen bedeuten. In den Ge-. Schichtstabellen der abendländischen Welt findet man die wertbezeichnenden fetten" Zahlen übereinstimmender bei den grossen geistigen, als bei den anderen Ereignissen. Das menschliche Gestalten der Geschichte ist aber nur sinnvoll, wenn es mit dem Willen geschieht, dass es vor der Deutung der Geschichte einer Gemeinschaft Stand hält. Sonst ist allenfalls die Bezeichnung »politische Taktik" gerechtfertigt. In der jüdischen Gegenwart ist die Versuchung, von geschichtlichen Augenblicken zu sprechen, besonders gross. Je weniger Diese Nummer enthält u. a.: Die Aufsätze: Bruno Weil: Panama. — Heinz Berggrün: Das Märchen vom jüdischen Schneider. — Hilde Marx: Kartothek der Schicksale. — Dr. Fritz Aron: Neuere Zahlen über die jüdischen Aerzte. Die Beilagen: Wirtschaft der Woche. — Das Blatt der jüdischen Frau. — Spprtblatt. — Der Briefmarkensammler. — Palästina- U mschau. 'der einzelne in jüdisches Fundament eingebaut ist, um so häufiger und Avechselnder wird er Vorgänge, die sein jüdisches Dasein berühren, als jüdisch-geschichtliche Augenblicke werten. Und je* öfter er jüdische Zukunft von den Menschen und Mächten der Welt bestimmt ansieht, um so ungewisser wird ihm unser Schicksal inmitten der verwirrten und ungewissen Weltlage scheinen. Er wird die Bedeutung von Konstellation und Koalition zu würdigen wissen, die, wie die Geschichte lehrt, häufig schon in dem Augenblick entwertet sind, in dem sie abgeschlossen wurden. Aber er wird sich zugleich vergegenwärtigen, dass die grossen geistigen Ereignisse erst lange nach ihrer Entstehung ihre wirkliche Macht erwiesen haben. Umgrenzte Gebiete sind teilbar, der Geist ist unteilbar. 1917 hat man die Bekanntgabe der Balfour-Deklaration in jüdischen Kreisen zweifelsohne als einen geschichtlichen Augenblick empfunden. Nach 20 Jahren wird man geneigt sein, eine bescheidenere Wertung als angebracht anzunehmen. Und sicherlich wird man die Veröffentlichung des Peelberichts Ende Mai wiederum als geschichtlichen Augenblick bezeichnet finden, wenn nicht die Erfahrung von diesem grossen Wort abraten sollte. Es ist nicht ohne Nachdenksamkeit, dass die grossen Ereignisse des jüdischen^ Geistes noch nach Jahrtausenden ein- und unteilbar gelten, während die jüdischgeschichtlichen Ereignisse auf der Basis abendländischen Geschichts- oder politischen Gestaltens in ihrer Gültigkeit zwischen 20 oder 120 Jahren begrenzt sind. Man weiss genau so wenig, wie lange eine Wahrheit gültig bleibt, wie man nur Vermutungen anstellen kann, wie lange es dauert, bis eine neue sich durchgesetzt hat. IL Während die Teilung Palästinas leidenschaftlieh erörtert wird, gewinnt die Einheitlichkeit der Diaspora einerseits und ihre Unentbehrlichkeit für Palästina andererseits ständig an Gewissheit. Der Kampf um das Land wird praktisch nur zu einem geringen Teile von den Juden im Lande selbst geführt, wie hoch man auch die moralische Haltung, das kulturelle Gewicht und die Wirtschaftskraft der 400 000 in Palästina werten mag. Viel schwerer wiegen Wille 'und Kraft der jüdischen Diaspora, deren völkerrechtlich anerkannter Ausdruck die zu gleichen Teilen aus Zionisten und Nichtzionisten bestehende Jewish Agency ist. Die Nuancen der Stellungnahme gegenüber den erwarteten und befürchteten Palästinaplänen Englands sind, verschiedenartig. Die einen werden auf das Politische weniger Wert legen als auf das Soziale und Kulturelle; andere werden nachrechnen, wie lange die Balfourdeklarä— tion unbestritten blieb und werden mit einer nur relativ zureichenden Sofortlösung in der Gewissheit einverstanden sein, dass es sich auch nur um eine Z eitlösung handeln wird, soweit man die ausser-; jüdischen politischen Kräfte in Rechnung setzt; wieder andere werden die Totalansprüche ohne Rücksicht auf die tatsächlichen Machtverhältnisse unverändert aufrechterhalten wissen wollen. Das England von 1917 war ein anderes England als das der Lausanner Konferenz, und das England von 1935 ist ein anderes als das von 1937. Auch die arabische Welt war in den Jahren, als Oberst Lawrence arbeitete, anders als nach der Anerkennung der arabischen Staaten. Auch noch vor Jahresfrist, als die Palästina-Unruhen begannen, stand sie machtpolitisch und in der Weltstimmung anders da als heute. Die ernsthaften Zionisten haben sich immer dagegen gewehrt, die Antithese von der. unsicheren Diaspora und dem sicheren Palästina aufzustellen. Es wäre darum nicht nur falsch, sondern auch ungerecht, in diesem Augenblick von nichtzionistischer Seite die Gefährdetheit Palästinas mit der Ferdinand Samoje zum Gedenken Der Jüdische Centrai-Verein hat einen überaus schweren, einen unersetzlichen Fat. Helga Mayer-Landauer Verlust erlitten. Unerwartet ist uns Ferdinand Samoje entrissen worden. Einer unserer allerbesten, der zuverlässigste und treueste ist dahingegangen. Bis zum letzten Atemzug war Ferdinand Samoje aufgeschlossen für jede neue Aufgabe und stets bereit, neue Pflichten zu übernehmen. Immer einsatzbereit stand er ohne Scheu vor Verantwortung jederzeit zur Verfügung. Im Jahre 1919 wurde Ferdinand Samoje in den Hauptvorstand des Centrai-Vereins berufen. Seitdem hat er im Leben des Centrai-Vereins eine immer entscheidendere Rolle gespielt. Er war Vorsitzender der Sätaungskommission und ständiger Vorsitzender der wichtigen Wahlausschüsse. Darüber hinaus war Ferdinand Samoje Mitglied des Beirats und stets dabei, wenn entscheidende Vereinsfragen auf der Tagesordnung standen. Oft hat er den Vereinsvorsitzenden vertreten. Dieser Mann vereinigte die lautersten Charaktereigenschaften mit einer ungewöhnlichen Begabung, mit einem erstaunlichen vielseitigen Wissen und einer nie versagenden Arbeitskraft. Ehrgeiz und Geltungsbedürfnis waren ihm fremd. Ferdinand Samoje kam es nur auf die Sache an. Durch sein gütiges, gleichmässig liebenswürdiges Wesen und durch seine Kunst, Gegensätze auszugleichen, war er allgemein beliebt und verehrt. Als wahrer Ritter ohne Furcht und Tadel hat Ferdinand Samoje sich in unseren Herzen ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Dr. Herzfcld-Essen. Heber die Trauerfeier berichten wir im 1. Beiblatt dieser Nummer der Diaspora zu vergleichen. Es ist zu begrüssen, wenn Feststellungen und Forderungen, die vor kurzem im jüdischen Bereich noch als Kühnheiten bekämpft worden sind, heute Selbstverständlichkeiten bedeuten. Die Ablehnung einer politischen Auswirkung Palästinas auf die Rechtssituation der Diaspora ist allgemein geworden. Aktuelle Belege sind die Diskussion über Faschismus und Zionismus und die Rede von Brodetsky auf einer Londoner jüdischen Tagung, als er die Lage der polnischen Juden behandelte. Ebenso wichtig, vielleicht sogar noch wichtiger, ist der Vorgang, dass man auch in den über die Judenfrage nachdenkenden Kreisen Englands beginnt, sich von der dogmatisch zugespitzten zionistischen Vorstellung von der Lösung der Judenfrage abzukehren und realpolitischer zu denken. Die englische Diskussion über die Notwendigkeit für die jüdischen Massen, die zur Wanderung gezwungen sind, neben dem sehr engen und leicht verstopften Ventil Palästina auch noch andere* geeignete Gebiete in den „leeren Räumen des Britischen Empires" zur Verfügung zu stellen, bleibt permanent, gewinnt an wirklichem Gehalt und wird auch politisch bedeutungsvoller, je mehr England aus Gründen des Gleichgewichts in gewissen Teilen seiner Einfluss-Sphäre Teillösungen in Palästina vornehmen muss. Es wäre ein verfehlter Massstab, wenn von radikaler zionistischer Seite ein jüdisches Palästina mit einer auf jeden Fall beschränkten Aufnahmefähigkeit für die jüdischen Massen, vor allem des Ostens, als bedeutungsvoller angesehen würde als der Ausgleich des Gleichgewichts im Schicksal der jüdischen Diaspora. Man könnte fast meinen, dass die jüdische Diaspora um so entschlossener sein wird, sich ohne Unterschied ihrer parteimässigen Einstellung zum Zionismus für Palästina einzusetzen, je stärker sich der Zionismus in der Welt seinerseits bereitfindet, die ideologische Eroberung von Menschen der Diaspora weniger wichtig zu nehmen als die praktische und rechtliche Hilfe überall dort, wo sie jetzt oder in Zukunft erforderlich wird. Die praktische Förderung der grossen jüdischen Diaspöraprobleme" darf nicht ruhen, auch wenn die Regelung der Palästinafragen in der Schwebe bleibt, was unter Umständen noch Jahre hindurch der Fall sein kann. Das wäre ein falscher Massstab. Die angelsächsische Judenheit zur Lage in Polen Konferenz in London Von unserem B. R.-Berichterstatter London, 7. April. . Die britische Sektion des Jüdischen Weltkongresses (World Jewish Congress) hatte eine Konferenz in London einberufen, auf der über die Lage der Juden in Polen Bericht erstattet wurde. Dr. Baron gab einen kurzen Ueberblick über die wirtschaftliche und soziale Situation der 3,1 Millionen Juden polnischer Staatsangehörigkeit, die 9 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten. Von diesen leben etwa 1 Million vom Handel, etwa 20 000 Familien leben von Landarbeit, 175 000 sind Handwerker, 300 000 Industriearbeiter. In allen diesen Bezirken wurde der Lebensstandard der jüdischen Bevölkerung durch anti-jüdische Gesetze und andere Massnahmen seit fünf Jahren ständig herab-