Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 14 (8.4.1937)
- Date
- 1937-04-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XVI. Jahrg. / Nr. 14 Berlin, 8. April 1937 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitong, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilong): Berlin W 15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin <0344. Die C.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluß: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt and die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügl. 18Rpf. Bestellgeld." Für Ausland vierteljährlich 2,30 RM(umgerechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebuhren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.) Im Fall-e höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge, — Anzeigengebühren: Preisliste 5 gültig. Die 12gespaltene mm-Zeile 20 Rpf., für Stellengesuche 10 Rpf., für Famiiienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise s. Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platzu. Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Echte Aussprache Unsere jüdische Welt in Deutschland ist eng und hart geworden, und eng und hart bedrängen uns die täglichen Sorgen und Notwendigkeiten. Schon die Jugend, der es sonst vergönnt war, ihre geistige Stellung zum Leben weithin unabhängig von wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu formieren, steht heute unmittelbar im Zwange praktischer Entscheidungen. Viel unnützer Wortschwall ist vor dieser nüchternen Sprache der Tatsachen verstummt, und viele Hände fanden sich zu gemeinsamem Tun, die sonst durch hadernde Köpfe voneinander ferngehalten wurden. Es ist alles nicht mehr so wichtig: zu welchem letzten Ziel, unter welcher jüdischen Gesamtkonzeption diese Berufsvorlehre eingerichtet und jenes Umschichtungslager ausgebaut wird. Man arbeitet — und das hat seine Richtigkeit. Nur manchmal wandelt uns eine Art Sehnsucht nach dem früheren Zustand an. Ganz gewiss nicht nach der unerfreulichen Art inner jüdisch er Polemik, in der die eigene Parteitreue sich am Grade der Ver-. ständnislosigkeit mass, die man dem. Gegner entgegenbrachte. Aber die Sehnsucht nach einem echten Wettstreit der Geister, nach Spruch und Widerspruch, nach der Gewinnung neuer Durchblicke durch das Gestrüpp der jüdischen Tatsachenwelt, nach Klarheit im Geiste wenigstens, wenn schon das Leben sorgenvoll und verdüstert einer praktischen Bewältigung widerstrebt. In diesem Sinne begrüssen wir es freudig, dass die „Jüdische Rundschau" auf den Aufsatz des Vorsitzenden des Jüdischen Centralver.eins, Dr..Herzfeld (Essen), „Assimilation, Dissimilation, Auswanderung" ausführlich erwidert hat. Sie wendet sich gegen die von Herzfeld aufgenommene Unterscheidung einer Assimilation im Dativ und im Akkusativ, von denen diese abzulehnen und jene zu erstreben sei und unterscheidet statt dessen. zwischen einer ungewollten und einer gewollten Assimilation. Die erste habe der Zionismus als eine biologisch und historisch notwendige Tatsache niemals bekämpft; der zweiten jedoch, die folgerichtig aus dem Judentum hinausführen musste, habe seine erbitterte Gegenwehr gegolten. Dem Centraiverein, dessen führenden. Männern eine positiv jüdische Haltung zuerkannt wird, wird zum Vorwurf gemacht, dass seine Anhängerschaft sich trotzdem fast ausschliesslich aus der grossen Masse der indifferenten Juden zusammengesetzt habe, und für die Zukunft wird er davor gewarnt, die Diaspora als Eigenwert zu betrachten, da der Wert der Diaspora nur darin liegen könne, dass sie' „eine nationale und zionistische" sei. So weit der H. F. - Leitartikler der „Jüdischen Rundschau", dessen Ausführungen Diese Nummer enthält u. a.: Die Aufsätze: Irene Triesch, zum 60. Geburtstag. — Dr. Hugo Lachmanski' Premiere im Berliner Kulturbund. — Dr. Ernst C. LölDenthal: 100 000,. weniger. — Bruno Weil: Kolumbien, Wirtschaft und Wanderung. Die Beilagen: Wirtschaft der Woche. — Sportblatt. — Palästina-Umschau.--Die jüdische Gemeinde. — Schachecke. Dreiteilung Palästinas? In den letzten Tagen verdichten sich immer mehr die Gerüchte Und Kombinationen, die dahin gehen, dass die Königliche Kommission eine Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Teil vorschlagen werde. Die englische Presse von der rechtskonservativen „M o rningPost" über „NewsChronicle" bis zum linksstehenden „D a i 1 y H e r a 1 d" veröffentlicht immer wieder Informationen, die in diese Richtung weisen. Es heisst, dass die Königliche Kommission zu der Ueberzeugung gelangt sei, nur eine Radikallösung könne zu einer Bereinigung der arabisch-jüdischen Streitfrage führen, nicht aber ein Kompromiss, das die zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen bestehenden Feindseligkeiten nur noch verschärfen würde. „MorningPos t" weist zwar darauf hin, dass bestimmte Beschlüsse noch nicht vorliegen, behauptet jedoch Grund zu der Annahme zu haben, dass die folgenden Gedankengänge den Kommissionsempfehlungen zugrunde liegen würden: unter Beendigung des britischen Mandatsregimes in Palästina durch eine internaJionale Uebereinkunft werde Palästina in ein jüdisches Dominion des britischen Empire mit Selbstverwaltungsrechten und in einen arabischen Staat, der nach dem Vorbild des Irak aufzubauen und möglicherweise der Souveränität des Emir Abdulla . von Transjordanien zu unterstellen sein wir-d, aufgeteilt werden.. Das jüdische Dominion solle Mitgliedschaft im Völkerbund erhalten. Haifa werde ein internationaler Hafen bleiben, Jerusalem, Bethlehem und andere Staaten von historischer Wichtigkeit werden einem britischen Völkerbundsmandat zu unterstellen sein. In der schwierigen Frage der Grenzziehung nimmt „Morning Post" an, dass den Juden im allgemeinen das Gebiet zugeteilt werden würde, auf das'sich die jüdische Bevölkerung bereits konzentriert habe, das ist di,e Küstenebene, die von Haifa nach Gaza verläuft und im Norden von Tiberiassee begrenzt wird. Innerhalb dieses Gebietsabschnitts sollen die Juden vollkommene Selbstverwaltung und Unabhängigkeit erhalten, und für die weitere wirtschaftliche Entwicklung allein die Verantwortung tragen. Ein weiteres in Alternative zu dem Plan der selbständigen Gebietsabschnitte aufgetauchtes Projekt, von dem wiederholt die Rede war, nämlich das der Einteilung Palästinas in Kantone, soll nach dem Bericht der „Morning Post" ausdrücklich zurückgestellt worden sein. Seine eigene Meinung zu den von ihm veröffentlichten Informationen fasst das Blatt dahin zusammen, dass der Vorschlag der Kommission nicht nur in Grossbritannien und Palästina, sondern in der ganzen Welt einen tiefen Eindruck machen werde. Die Mitglieder der Kommission rechneten damit, dass die Weltöffentlichkeit zustimmen werde. Das Judentum aber werde wohl enttäuscht sein, weil es die Hoffnung darauf, ganz Palästina zu einer Heimat für die Juden zu machen, aufgeben müsse. Auch die Araber würden dem Plan wahrscheinlich zunächst feindlich gegenüberstellen. Immerhin seien die Vorteile, die sich aus ihm für beide Seiten ergeben würden, auch nicht zu übersehen. Auch „N.e ws C h r o n.i c 1 e" neigt zu der Auffassung, dass der Vorschlag der Kommission auf eine Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Teil hinauslaufen werde. Der jüdische Gebietsteil werde etwa eine Million Menschen fassen können. „Daily Herald" vertritt insofern eine für die jüdische Seite ungünstigere Version, als nach seiner Meldung das jüdische Dominion nur die Küstenebene umfassen würde — also weder das Emek Jesreei noch die jüdischen Siedlungsgebiete in Galiläa —, während der arabische Staat das ganze übrige Palästina nebst Trans-Jordanien, unter der Oberhoheit des damit zum arabischen König erhobenen Emir Abdulla einschliessen werde. Das Gerücht von einer geplanten Kantonisierung Palästinas wird lediglich noch von einer Beiruter arabischen Zeitung aufrechterhalten, die zudem wissen will, dass der arabische Kanton in gewissem Umfange für jüdische Einwanderung geöffnet bleiben wird. Die Zeitung behauptet, dass dieser Plan von Emir Abdulla sowie von gewissen zionistischen Kreisen und von einflussreichen Engländern unterstützt werde. Gegenüber diesem, sich mit aller Macht in den Vordergrund der Erwägungen drängenden Bericht über eine bevorstehende Aufteilung des Landes treten solche Mutmassungen, die eine Lösung der schwebenden Fragen weiter von einer blossen Reform des Einwanderungsrechtes erhoffen, zurück. In diesem Zusammenhang sei lediglich eine Meldung der Jerusalemer jüdischen Zeitung „Dawar" erwähnt, die erfahren haben will, dass die bisherige Einteilung ,der Einwrandere^ip verschiedene Kategorien in ^ukunftj^ftfallen werde. Stattdessen solle einie^emheitliche Jahreseinwanderungsquote^ eingeführt werden, innerhalb derer di& verschiedenen Kategorien entsprechend zu berücksichtigen seien. Das würde bedeuten, dass auch die bisher grundsätzlich unbeschränkte Einwanderung von Kapitalisten in Zukunft einer Begrenzung urMterliegen würde, und dass mit einer solclil.Tin- Neuregelung überhaupt das bisher geltende Prinzip der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes zugunsten einer generellen Einwanderungsfestsetzung aufgehoben werden würde. Ueber das Echo dieser Meldungen in der jüdischen und arabischen Welt berichten wir in der .Palästina-Umschau. hier selbstverständlich — auch in den . Teilen' z. B., in denen sie Herzfeldsche Gedankengänge missverständiich wiedergeben — nur angedeutet werden können. Vor jeder Kritik liegt ihr unbestreitbarer Wert darin, dass sie mit dazu beitragen, das Wort Assimilation seines gefährlichen Schlagwort-Charakters zu entkleiden.. Denn , In dem Masse, in dem seine Bedeutung , vertieft wird, in dem man unterscheidet, . was an ihm gut und was böse, was historisch gefordert und was willkürlich hinzu- . gefügt ist, wird es unmöglich, es länger . wie bisher zur schlechthinnigen Brandmark .' küng des Gegners zu missbrauchen. Assk , müation als historische Notwendigkeit bestimmter, so und so gelagerte Epochen wird anerkannt da und dort; hier nur.die automatische? Dort auch die willensmässige? Das. sind schwierige und feinsinnige Unterscheidungen. Sie verbannen den so geläuterten Begriff für immer aus dem Parteilexikon der handfesten Schimpfworte. Die Unterscheidung selbst aber ist aufschlussreich genug, und zwar gerade auch da, wo sie fehl geht. Sie gibt vor, eine wesensmässige Verschiedenheit aufzuzeigen und zeigt doch nur eine quantitative. Dazu macht sie sich einer Vernachlässigung der je nach der geschichtlichen Situation voneinander abweichenden Bewusstseinslage schuldig, die zu gewissen Zeiten das als gewollte Assimilation erstreben liess, was als ungewollter historischer Prozess' sich ohnehin vollziehen musste. Es ergibt sich nämlich, dass, gruppenmässig gesehen, gewollte und ungewollte Assimilation dauernd ineinandergreifen, sich verstärken, sich überschneiden und überhaupt in ihren Ergebnissen kaum voneinander abhebbar sind. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die aus dem Ghetto in die europäische Weite hinaustretenden Juden die geistige, kulturelle und wirtschaftliche Eingliederung in ihre Umwelt, die sich von diesem Zeitpunkt an automatisch an ihnen vollzog, auch wollen mussten. Sie hätten die ihnen historisch sowohl wie jüdisch gestellte Aufgabe gröblichst .missverstanden, wenn sie sich der europäischen' Durchleuchtung ihrer jüdischen Bezirke' wider- . setzt hätten, und es hätte für ihre geistige . Aufgeschlossenheit und schöpferische Kraft; ein ^schlechtes Zeugnis bedeutet, wenn sie , die neue Weltstunde, die für sie angebrochen war, nur passiv und automatisch an sich hätten geschehen lassen, anstatt sie in einem grossartigen Rausch der Begeisterung aktiv mitzugestalten: Damals nämlich, in jener ersten Phase — wir müssen hier der grösseren Klarheit wegen leider gewaltsam schematisieren — gab es noch die Dativassimilation, von der H. F. behauptet, dass sie immer gescheitert sei und immer scheitern müsse. Damals gab es noch den lebendigen Strom jüdischer Fülle und die echte Partnerschaft, durch die die Begegnung zwischen zwei Positionen sich zu einem höheren Dritten gestalten kann. Die jüdischen Schöpf ungen des 19. Jahrhunderts auf religiösem, wissenschaftlichem und organisatorischem Gebiet, durch die das Judentum in Deutsehland in jener Epoche zum Träger der jüdischen Hegemonie in der Welt wurde, sind die sichtbaren Züge dieser neuen Gestalt. Automatismus und Passivität hätten nicht hingereicht, sie unauslöschlich ins jüdische Antlitz zu graben. Aber dann kam eine andere Phase. In ihr war das Erreichte selbstverständlich geworden, und in den Herzen der Juden brannte nicht mehr der Schmerz vergangener Leiden und nicht mehr der Jubel der neuen Freiheit. Es begann die Gleichgültigkeit und der Abfall. Zwar hatte es das bei einzelnen immer gegeben; aber als typische Massenerscheinung trat es doch erst auf, als die Güter der Emanzipation hinreichend gesichert schienen. Die Entwicklung einer solchen Bewusstseinslage bei . einer Minderheit, deren nationale Angleichung von der Mehrheit gefordert und deren religiöse, durch die herrschende, auf Lösung konf essioneller Bindungen gerichtete . Toleranzidee mindestens nicht gebremst wurde, entspricht in -gleicher .Weise einem automatischen Prozess wie die oben geschilderte. Sie entstand nicht, weil sie über das notwendige Mass der Angleichung hinaus gewollt wurde, sondern sie wurde gewollt, weil sie entstand. Man musste das Gegenteil, die Umkehr, die jüdische Erneuerung wollen, um sie aufzuhalten. Der Centraiverein , ist vom. Zeitpunkt seiner Gründung an gegen diese auflösende Assimilation aufgetreten. Er wollte ein Hineingehen in die Kultur der Umwelt — gewiss; aber nur bis zu dem Punkte, wo die Zersetzung des Judentums begann. Er hat bewusst den Gedanken der Assimilation nicht „zu Ende gedacht", nicht dorthin vorgetrieben, wo "es nach H. F. nur noch einen Schritt gab bis zur. Taufe. Oder besser, weil er ihn zu Ende gedacht hat, und weil im Leben ringsherum einzelne den Weg des Abfalls zu Ende gingen, deshalb hat er für alle hörbar, die guten Willens waren, laut und deutlich dekretiert: Bis hierher und nicht weiter! Er war — lehawdil — so wenig „radikal", wie die jüdische Lehre in ihrer unentwirrbaren Mischung aus Bestand-