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Central-Verein-Zeitung · 1937-03-25 · 12 (25.3.1937) · page 13

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
12 (25.3.1937)
Date
1937-03-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 12 * 3.Beib!att CYZeSIgJüj 25. Marz 1937 Of'V''1 Scholem Alechem nacherzählt von Ulli Skolny . „Herr Jona, ich habe für Sie einen Pessachgast. "Noch nie hat ein solcher Gast an Ihrem Tische gesessen." — „Wieso?" — „Weil es kein gewöhnlicher Gast ist, es ist ein Essrog, ein Mann, makellos wie ein Paradiesapfel, ein Jude fein wie Seide, eine schöne und stattliche Erscheinung. Nur einen Fehler hat er, er versteht unsere Sprache nicht" — „Was für eine Sprache versteht er denn?" — „Die heilige Sprache." — „Ist er aus Jerusalem?" — „Das weiss ich nicht, aber er redet sefardiseh, lauter Worte mit ,A'." Dieses Gespräch fand zwischen meinem Väter und Esriel, dem .Schammes, einige Tage vor Pessach statt. Ich war natürlich sehr neugierig, diesen Essrog zu sehen. der unsere Sprache nicht versteht und alle Worte mit A spricht. In der Synagoge fiel mir gleich ein merkwürdiges Individuum mit einer Pelzmütze und mit einem langen türkischen, gelb, blau und rot gestreiften Kaftan auf. Wir Kinder umzingelten diesen eigenartigen Mensehen sofort und begannen, ihn recht unverfroren von allen Seiten zu betrachten. Allerdings haben wir dafür einen gehörigen Anschnauzer vom Schammes einstecken müssen. Nach dem Beten begrüsste die ganze Gemeinde den fremden Juden und sagte „Gut Jonteff * zu ihm. Und er, mit seinen rosaroten, mit einem grauen Bärtchen verbrämten Wangen, antwortete süss lächelnd: Schalom, Schalom. Dieses ungewohnte Schalom, Schalom rief bei uns Kindern gleich ein grosses Gelächter hervor, und Esriel, der Schammes, ärgerte, sich sehr darüber und stürzte mit erhobener Hand auf uns zu, um einige Ohrfeigen auszuteilen. Aber unsere ganze Bande ist ihm entkommen und hat sich dann schleunigst wieder zu dem Fremden hingeschlichen, um nochmals sein Schalom, Schalom zu hören. Und wieder sind wir in ein schallendes Gelächter ausgebrochen, und wieder sind wir Esriels Händen entschlüpft. Stolz ging ich hinter meinem Vater und unserem Gast nach Hause, und alle meine Kameraden beneideten mich. Lange schauten sie uns nach , und ich drehte mich um und streckte ihnen die Zunge heraus. Den ganzen Weg schwiegen wir alle drei, und als wir nach Hause kamen, sagte Vater zu Mutter „Gut Jonteff", der Gast aber schüttelte sein Haupt, so dass die Pelzmütze wackelte, und wieder sagte er: Schalom. Schalom. Ich musste an meine Freunde denken und versteckte schleunigst meinen Kopf unter dem Tisch, um nicht vor Lachen zu platzen. Fortwährend schaute ich unseren Gast an: es gefiel mir sein türkischer, gelb, blau und rot gestreifter Kaftan, es gefielen mir seine roten frischen Backen, verbrämt mit dem schönen grauen Bärtchen, und seine schönen schwarzen Augen, die unter dichten Brauen hervorlächelten. Auch dem Vater schien er zu gefallen. Er freute sich sehr mit ihm, die Mutter schaute zu ihm wie zu einem göttlichen Wesen auf und niemand wagte, ihn überhaupt nur mit einem Wort anzusprechen. Der Vater lies? sich nicht die Ehre nehmen, ihm selbst sein Sederbett herzurichten. Die Mutter war sehr beschäftigt, den Tisch für den Seder vorzubereiten, und Rikel, die Magd, half ihr dabei. Erst vor dem Kidduschmachen fängt der Vater mit dem Gast ein Gespräch an, ich glaube, in der heiligen Sprache und ich bilde mir etwas darauf ein, trotzdem fast jedes Wort zu verstehen: Der Vater „Nu?" — und er meint, der Gast soll mit dem Kiddusch beginnen. Der Gast „Nu—Nu!", das heisst „Nein Sie, nein S i e." Der Vater „Nu—Oh?", warum wollen Sie nicht? Der Gast „Oh—Ih", zuerst Sie. Der Vater „Ih—Eh—Öh—Nu", was schadet es Ihnen, wenn Sie anfangen. Der Gast „Ih—Oh— Eh—Nu", wenn Sie unbedingt darauf bestehen, dass ich anfange — und er nimmt den Becher aus meines Vaters Hand und spricht einen Kiddusch, wie wir ihn noch nie gehört haben und ihn nie mehr hören werden. Vor allem natürlich einen Kiddusch mit lauter A: „Birschut maranan •werabanan werabata". Und seine Stimme scheint nicht aus dem Hals zu kommen, sondern direkt aus dem gelb blaurot gestreiften Kaftan. Ich muss wieder an meine Freunde denken, die sich vor Lachen geschüttelt hätten; wieviel Ohrfeigen wären da geflogen, wenn sie diesen Kidduscb mit angehört hätten. Aber_ da ich ganz allein bin, beherrsche ich mich und frage den Vater die vier Fragen; wir sprechen gemeinsam die Haggada und ich bin sehr froh, dass wir so einen interessanten Tischgast haben. Im Talmud steht: man spreche nicht während der Mahlzeit. Der Gelehrte, der diesen Satz prägte, soll mir verzeihen — aber er kannte wohl kaum das jüdische Leben. Ich bitte Sie, wann hat ein Jude zum Sprechen Zeit, wenn nicht beim Essen, zumal bei Pessach: vor dem Essen kann nicht gesprochen werden, weil man die Haggada aufsagt, und nach dem Essen sagt man wieder die Haggada! — Die Magd Rikel reicht das Wasser, wir waschen uns die Hände, sagen den Segensspruch und machen die Broche über die Mazze. Die Mutter teilt die Fische aus, da endlich krempelt sich der Vater wie zu einer schweren Arbeit die Aermel hoch und lässt sich mit dem Gast in ein langes hebrä- Au8 der Hagada von Mantua Fot. (4) Sonnenfeld Chad-Gadja m der Publizistik des 18. Jahrhunderts In dem schreibefreudigen 18. Jahrhundert, das alles Werden und Geschehen in der chronikartigen Darstellung festhalten wollte, wurden Juden und Judentum sehr häufig zum Gegenstand theologischer und historischer Veröffentlichungen. Vor allem waren es Geistliche der Lutherischen Kirche, in deren Gesichtskreis bei ihren Studien vom Werden der Religion das Schicksal des jüdischen Volkes trat, als Andenken an eine grosse Zeit, aber auch zur ständigen Erinnerung in der Gegenwart, dass Gott mit diesem Volk, das zerstreut unter den Völkern lebte, noch Grosses vorhaben müsse. Da sich neben der literarischen Tätigkeit auch eine stärkere Bewegung der Judenmission geltend machte, um den Heiligkeitsanspruch des jüdischen Volkes durch Uebertritt seiner Glieder an sich zu bringen, war ein stärkeres Interesse an dem Wesen und den Einrichtungen der jüdischen Religion gegeben, dem aber ein Interesse auf politischem Gebiet erst sehr mittelbar folgte: praktische Folgen für das Leben der Juden in Deutschland hat das theologisch-literarische hinneigen zur Judenfrage nicht gehabt. Aus den vielen Veröffentlichungen jener Zeit möchte ich in den Pessachwochen eine kleine Diskussion herausgreifen, die das Lied „Chad Gadja" zum Gegenstand hatte, dessen Erklärung den Theologen Schwierigkeiten machte, zumal es kaum einen rabbinischen Kommentar gibt, der befriedigt; wesentliche Erklärer der Haggada übergehen dies Anhängsel am Sehluss einfach. Für den jüdischen Erklärer genügt es, zu wissen, dass am Ende der Sederfeier Gott als das Ende und Höchste in allen Dingen gepriesen wird, dass er als das Unbewegbare am Ende über allem Kampf der Kreaturen steht. In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts ist das Lied von jüdischer Seite mehrfach erklärt worden; es dürfte während des 16. Jahrhunderts in Deutschland entstanden sein. Die christlichen Theologen aber suchten mehr hinter dem Liede, da sie hinter allen jüdischen Formen und Gebräuchen einen symbolischen Inhalt vermuteten. Allerdings, so wichtige Gewährsmänner — wenn auch einseitig informiert — wie Schudt und Buxtorf, die sonst in Judaicis alle möglichen Kleinigkeiten behandeln, übergehen das Chad-Gadja ohne Erwähnung. Der erste Schreiber, dem es auffiel, war Wagenseil (1633—1705), der bekannte unvoreingenommene Professor in Altdorf bei Nürnberg, der Juden und Judentum mit wachsendem Verständnis darstellte. In seiner „Belehrung von der J ü - di s c h -1 e u t s c h e n Red- und S c h r e i b - A r t" (Königsberg 1699) möchte er eine Erklärung geben, gesteht aber, was das Lied bedeute und wohin es ziele, Hesse sich eher fragen als beantworten. „Unter so vielen Juden, die ich in Teutschland, Frankreich, Italien und Holland hierüber zu Rathe gezogen, hat sich nie keiner gefunden, der mir den geringsten Bescheid hätte zu geben wissen." Ein Prager Rabbiner antwortet nach einigen Monaten in einem hebräischen Brief, dessen Inhalt schon eher wunderlich zu'nennen ist. Wagenseil hält daher seine Auslegung mehr für scharfsinnig als wahrhaft und ist der Meinung, dass das Lied keinerlei Heimlichkeiten enthalte, sondern dass es nur als fröhliches Tafellied aufzufassen sei. Dennoch fragt er den gelehrten Kenner der Kabbala, den Geistlichen Knorr von Rosenrot h, nach einer Erklärung an, die er in seinem „Antwortschreiben an Wagenseil" gibt. Dem mystisch geschulten Manne fällt eher eine Erklärung ein, als dem Juristen Wagenseil. In den Stufen, die das Lied beschreibt, sieht er die Entwicklung der jüdischen Geschichte symbolisiert und deutet das „Zickelein" historisch. Die genaue Ausführung des Rosenrothschen Gedankens gibt der Propst HerrmannvonderHardtin seinem Haedus, der jeden Vers sinnreich mit geschichtlichen Tatsachen belegt. Er betrachtet das Lied als Aenigma (Rätsel) und deutet viel hinein. „Nach dem ersten Vers wäre das Zickelein das Volk Israel; die zween Pfennige Moses und Aaron, die das Volk Israel aus Egypten geführt; und das Vaterlein Gott der HERR." In diesem Sinn geht es weiter von den Assyrern zu den Babyloniern, zu Cyrus, Alexander, den Römern, den SarazeneiL welche die Römer aus dem gelobten Land verjagt haben. Nach deni achten wäre der Schochet Gottfried von Bouillon, der die Sarazenen verjagte, im neunten verjagt der Türke die Christen wieder. „Nach dem-zehenden bedeute der liebe Herr : Gott, der den Engel des Todes geschechtet, den Herrn Messiam, der die Türken aus dem gelobten Land hinausstossen, dieses schöne Land den Juden wieder einräumen, und sein irdisches Reich darinnen aufrichten würde." Solche wunderbaren Dinge entdeckte der Propst, der als Phantast bekannt war, in dem harmlosen Lied. Bald wurde sein Haedus von einem getauften Juden namens Leberecht ins Deutsche übersetzt und als seine eigene Erklärung dargestellt, so dass der gelehrte Pfarrer Bodenschatz in seinem deutschredenden Hebräer seiner Freude Ausdruck gibt, dass endlich ein Jude die Geheimnisse dieses Liedes öffentlich enthüllt habe! Aber er war das Opfer eines: Abschreibers geworden; denn der nächste und gründlichste Diskutant erklärte, „dass ein Geheimnis von den Juden wohl nicht zu erfahren sei." Ich meine Christian Andreas Teuber in seinem Traktat „Chad-Gadja— Das ist Wahrscheinliche Muth'massung von dem alten und dunckeln Jüdischen Öster-Liede „Ein Zickelein", der 1732 in Leipzig erschien. „Zu finden in Teubners Büchladen". Diese Schrift fällt bereits in die Zeit der Judenmission, das Instituium Judaicum in Halle war kurz zuvor gegründet worden; daher will der Verfasser der Zeitstimmung Genüge tun: „Da man anjetzo damit umgehet, dieses arme Volck eines besseren zu unterrichten und zur Christi. Wahrheit zu bekehren . . .", will er auch das seinige beitragen. Er geht äusserst gründlich vor, hat selbst Auskünfte über das Lied einge- Bedaüete, die Waren dürfen nicht ausgeführt werden. — Er hätte sich Mühe und Kosten gespart, wenn er den Wirfschaftstail der C.-V. -Z E I T U N G gelesen hätte. Bestellschein umseitig I

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