Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 12 (25.3.1937)
- Date
- 1937-03-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XVI. Jahrgang / Nr. 12 Berlin, 25. März 1937 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUNS Geschäftsstelle rVerlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme. Vertriebsabteilung): Berlin W 15, Eraser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin 70344. Die C. V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. RedaktionsseLluss: Dienstag Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf.. (einschl. 22.74 Rpf. Postzeitunssgebuhr) zuzügl. ISRpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 2,30 RMfnmgerechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf iAusland 20 Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste 5 gültig. 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Von der Befreiung aus ägyptischem Joch wird der Gedanke bis zur letzten grossen Befreiung getragen, vom Pessach Mizrajim zum Pessaeh Heossid dem Pessach der Zukunft, für das Jerusalem der sinnbildhafte Ausdruck bleibt. Die Religion liebt solche Uebergänge, solche kühnen Bögen, mit denen sie die Weltgeschichte überspannt und aus der Zeit in die Ewigkeit hineingreift. Es ist dieselbe Weite, "die auch der . Prophet Jesaja überbrückt, wenn er in seinem 10. Kapitel, der Haftara des letzten Pessachtages, von der Gefahr in den Tagen Hiskias und von der wunderbaren Errettung erzählt, die nach alter Ueberlieferung auch in einer Sedernacht sich vollzogen habe, und wenn er von diesem Bericht den weiten Bogen schlägt zur messianischen Verkündigung in Kapitel 11, also von der damaligen Errettung zu der ewigen. So ist Pessach das Fest der Ueberschreitung, nicht nur in dem uns geläufigen Sinn, den es nach dem 2. Buch Moses hat, da Gott an den Häusern der Kinder Israel vorübergeht, — es ist das Fest des Ueberganges überhaupt, für den der erzählte. orientalische Brauch eine so bezeichnende Form gefunden hat: Meawdus 1'cherus. Pessach ist, so könnten wir auch sagen, das Fest des Ueberganges von der Befreiung zur Freiheit. Auf dieser Strasse bewegen wir uns seit den Tagen Mizrajims und sind bemüht, in der Freiheit den Sinn der Befreiung zu linden. Was aber ist Freiheit? Bedarf ihr Sinn, bedarf das Verlangen nach ihr einer. Erklärung? Ist es nicht etwas Selbstverständliches, ein instinktives Verlangen, ein elementares Recht? Ist es notwendig, an die begeisterten, die schwärmerischen, die zündenden und zürnenden Worte zu erinnern, mit denen die Dichter aller Zeiten die Freiheit besungen haben? Ist einer von den hohen Gedanken veraltet oder überflüssig geworden? — Wir wüssten keinen Gedanken, der dem Wesen einer wahren und richtig verstandenen Freiheit mehr entspräche, als das Wort, das Mose in göttlichem Auftrage an Pharao richtet: „Gib mein Volk frei, dass es mir diene!" „Gib mein Volk frei". — Das allein hätte doch wohl genügt. Das war eine klare Forderung, die auch ein Pharao verstanden hätte, wenn er auch nicht geneigt war, sie zu erfüllen. Unverständlich musste ihm der Zusatz bleiben, „dass es mir diene". Warum Gottesdienst statt Pharaonendienst? Sein Zweifel war gar nicht so unberechtigt. Die meisten Menschen hätten sich gleich ihm mit der ersten Hälfte des Satzes begnügt und nicht eingesehen, dass sie ihren Sinn erst durch die zweite Hälfte bekommt; sie hätten nicht begriffen, dass von der ersten zur zweiten Hälfte sich derselbe ungeheure Bogen spannt, der uns vorhin erschienen, der Uebergang vom Ursprung zur ewigen Bestimmung, von dem natürlichen Verlangen nach Freiheit das der Mensch mit jedem Lebewesen teilt, zur sittlichen Vollendung, in der die Freiheit erst ihren Sinn und ihre Berechtigung erhält. „Freiheit? Ein schönes Wort, wer's recht versteht. Was wollen sie für Freiheit? Was ist des Freiesten Freiheit? Recht zu tun." Wir können getrost auch mit diesem Egmont-Wort die vorhin genannte Forderung Moses an Pharao ihrem Sinne nach erklären. Hier wie dort sehen wir den Uebergang vom Auszug zum Ziel, verbunden durch einen weiten Bogen. Das Ziel scheint die Befreiung zu sein; in Wirklichkeit ist sie der Ausgangspunkt, sie ist nicht das Ende, sondern ein Anfang. Darum musste des Mose Werk ebenso ein Fragment bleiben wie das aller, die nach ihm an der Befreiung seines Volkes gearbeitet haben, Davids und Salomos ebenso wie Josuas und Sefubabels, Esras und der Makkabäer. Von ihnen schlingt sich die Kette weiter zu den Menschen und den Zeiten, die alle deutlich erkennen lassen, dass die ganze Geschichte nichts anderes ist als ein steter Uebergang. Die falschen Messiase, die immer wieder auftauchenden Trugbilder einer neuen glücklicheren Zeit — ob der eine Sabbatai Zwi hiess und ob die Zeit unter dem Zeichen der Emanzipation stand, oder ob wir an irgendwelche anderen Namen an dieser Stelle denken — alle verhiessen sie das Ende der Knechtschaft, die endgültige Befreiung. Aber alle mussten sich täuschen und haben enttäuscht. War ihr Wille schlecht? War ihre Kraft .unzulänglich?. Waren die Menschen nicht reif zu endgültiger Erlösung? Wir vermessen uns nicht, eine Antw7ort darauf geben zu wollen.- Wir sehen nur, dass die Vorsehung die Zeit noch nicht für gekommen hält, uns aus dem „Uebergang" zu lösen. Wir bleiben Menschen des Ueberganges. Wir sind auf der Wanderung, die Lenden gegürtet, den Stab Blick auf Frankreich mit folgenden Beitragen: Arno Herzberg: Der Rahmen des jüdisch-politischen Lebens Heinz Kellermann: Zwei Welten Leo Hirsch: Geschichte einer jüdischen Jugend Julius Bab: Der neue Jules Romains Heinz Berggrün: Bekenntnis zur Einsamkeit Dr. Arnold Sack: Leon Blum Gespräche Goethes mit Eckermann u. a. Pessach-Beüage Scholem Alechem: Der Gast am Sederabend Lothar Rothschild: Chad-Gadja in der Publizistik. Buch und Kunst Kurt Pinthus: „Jüdische Welt" Hans Oppenheimer: Aus der Werkstatt des Lexikonredakteurs Jacob Picard: .,Der Mensch und die Steppe" / Zum Tode Alfred Flechtheims Alfred Auerbach:' Jacques Offenbach u.a. Die Belagen Palästina-Umschau Kinderblatt Wirtschaft der Woche Sportblatt Schachecke Theatsr, Musik, Film. Ferner: Bruno Weil: Ekuador Dr. Eva Reichmann-Jungmann: Wechselwirkung in Zahlen. in der Hand, gleich Abraham und Jakob, gleich dem Geschlechte des Auszugs, gleich den Generationen vor uns. WTanderer sind wir seit Jahrtausenden; aber nicht der „Ewige Jude", den die Menschheit als Zerrbild sieht, und der ein Uebermensch sein müsste, wenn er das Attribut „ewig" mit Recht trüge, das nur einem zukommt. Wir sind, das wissen wir, Menschen der Wanderschaft, Menschen des Ueberganges. Daran mahnt uns das Pessaehfest immer wieder von neuem. Wir wrissen aber auch, dass nicht nur wir solche Geschöpfe sind, dass alles, was Menschenantlitz trägt, vergänglich ist und immer nur einen Uebergang darstellt. Glück, Behaglichkeit, Wohlstand, bürgerliche Sicherheit und Ruhe, alles Uebergänge, flüchtige Erscheinungen. „Uns ist gegeben, an keiner Stätte zu ruhen." Wer könnte sich ruhigen Besitzes endgültig erfreuen? Wer hat die Gewähr, dass ihm erhalten bleibt, was er gewonnen? Der Wechsel, im menschlichen Leben überall sichtbar, vollzieht sich vielleicht rascher bei uns; was keinem Menschen, keinem Volke, keiner Klasse, keiner Zeit erspart ist, ist bei uns nur zum Paradigma geworden; an uns kann man es leichter ablesen. Auch hierfür bietet uns das Pessaehfest den treffendsten Ausdruck „Ho lachmo anjo". Wir übersetzen das meist mit: „Brot des Elends." Das ist nicht ganz richtig, denn a n j o heisst „Armut". Ünd doch behält es in tieferem Sinne seine Richtigkeit. Elend ist, wer elilenti, d. i. aus dem Lande, heimatlos ist. Elend ist also das fremdeLand, die Unheimat, die in Wahrheit die Urheimat aller Menschen ist. Keiner kann von dieser Erde im tiefsten Sinne „zu Hause'' sagen. Brot des Elends geniesst darum jeder Mensch, auch wenn er auf seiner Scholle sitzt und das Brot selbst gesät und geerntet hat. Zu dem Anfang unserer Haggada, an dem dieses Wort vom Brote der .Armut steht, macht Abarbanel, dessen Jubiläum jetzt begangen wird, eine schöne Bemerkung. Die Worte: „L achmo anjo d i a c h o 1 u" ergeben mit ihren Anfangsbuchstaben das neue Wort L o a d, „für immer". — Das Brot des „Elends" wird immer des Menschen Nahrung sein, so liegt" es in seiner Bestimmung begründet. Nicht alle erleben mit Bewusstsein diese Tragik des Menschendaseins, viele wandern, ohne es zu wissen, über dem Abgrund.. Der Mensch, der um das Leben weiss, sieht sich als das Geschöpf des Ueberganges. Er sieht sich kommen von dieser oder jener Bindung her, er sieht sich gehen zu dieser oder jener Lösung und Befreiung hin. Er weiss, er bleibt auf dem Wege; er ist der Wanderer, der keine Ruhe findet, ehe er nicht die Augen zum letzten Schlummer geschlossen hat Deprimieren kann diese Erkenntnis nur den, der nach rückwärts blickt. Wer nach vorwärts schaut, wer den „Uebergang" erkannt hat, für den ist der Trost bereit, der schliesslich ' in allen menschlichen Dingen, der einzige Trost ist, dass alles Irdische zwar vergänglich, dass es aber auch ein Uebergang ist. Von diesem Uebergänge singen wir in festlichen Tönen: „Von der Knechtschaft zur Freiheit, vom Kummer zur Freude, von der Dunkelheit zum grossen Licht." Wir können das auch mit Worten eines Mannes sagen, den eine ähnliche Erkenntnis erfüllt, der sich auch als einen Menschen des Ueberganges, der steten Wanderung, des unbeirrbaren Vorwärtsschreitens betrachtet hat, mit Worten Goethes: „Wir heissen euch hoffen." Gegürtet A. H. Als sie Aegyptens vertraute Umwelt verliessen, standen sie nicht zum ersten Male gegürtet, um einer neuen Heimat entgegenzuzielien; denn für eine Gemeinschaft ist auch nur noch in der Erinnerung lebendiges Tun der Ahnen ein Stück des eigenen Verhaltens. Man steht nicht nur auf den Schultern der vergangenen Geschlechter, man trinkt auch von dem Wasser, das jene mühsam ergraben hatten, nur weiter vom Quell entfernt. Die „Gottesunruhe" Abrahams, des Wanderers zu neuen geistigen Welten, schlummerte bei jenen, die den ersten Seder hielten, tief in den Seelen. Der Zug der Brüder Josefs aus dürrem Lande einer gesicherten Nahrungsstätte lag zeitlich näher und mochte den meisten zunächst verständlicher sein. Immer ist das sachlich Gegenständliche mit seinem Nutzen und mit seinem Schaden leichter als Beweisgrund, verwendbar denn Idee und Vorstellung, die in einer unmittelbaren Gegenwart keine Bestätigung finden. Aegyptens Fleischtöpfe tauchen seit jenem Zuge, der durch die Wüste in ein eigenes Land, führen sollte, nicht nur in unserer Geschichte immer und besonders dann auf, wenn es so aussieht, als ob Existenz gegen Idee eingehandelt werden könnte. Man kann Leibriemen und Gürtel aus demselben Material wählen, sie sind nicht das gleiche. Wir gingen auf die zahllosen Züge durch die Geschichte häufiger gezwungen als durch eigenen Wunsch bestimmt. Wie wir ankamen und wie wir wiederkehren, das lag, das liegt mehr nur an uns. Die vierzig Wüstenjahre schufen das Volk, das sein Land erobern konnte; die Jahrzehnte des babylonischen Exils Hessen den Geist entstehen, durch den wir überall heimatfähig geworden sind. Seit dieser Zeit braucht die Unterscheidung zwischen Land der Väter und Heimat in der Welt nicht mehr der zwischen Idee und Existenz gleichgesetzt zu werden: Wo immer wir gegürtet als Juden gehen, ist echter jüdischer Aufbruch, ob er in die . Ferne führt oder in die WTeite unseres eigenen Inneren. Nach langen Epochen relativer Stetigkeit ist unsere Generation in einen Zeitraum grosser Wanderungsbewegungen eingetreten. Vom Rande des Stromes, der von Osten nach Westen durch unsere Gemeinden hindurchflutete, sind wir in ihn hineingezogen worden. Hunderttausende, Millionen Juden erleben die Festtage in aufbruchbereiter Stimmung. Es ist fast so, als ob die Geschichte eine Zusammenfassung aller Schwierigkeiten vornähme, die Juden überhaupt auferlegt werden können, um zu prüfen, wo der Durchbruch in unseren Kern und damit die Vernichtung unseres Seins möglich sei. Seit jenem 1. April 1933, dessen Wiederkehr diesmal in die Festtagswoche fällt, ist in den Seelen der Juden in Deutschland das Aufbruchgefühl nicht erloschen. Wir haben niemals den Standpunkt vertreten, dass ohne jenes Ereignis der Untergang unserer Gemeinschaft aus eigenem Verschulden im normalen Ablauf der Dinge eingetreten wäre. Solche Unterschätzung unserer Zukunftskraft war meist dort anzutreffen, wo man unsere Vergangenheit zu gering achtete. Aber wir sind seit jenen Tagen unmittelbarer in die jüdische Geschichte eingeschaltet, und wir sehen, wie sich in dem engen Räume unseres jüdischen Lebens Kräfte regen, die ohne Illusionismus einen Abbruch auffangen, um ihn in einen Aufbruch zu verwandeln. Es