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Central-Verein-Zeitung · 1937-03-18 · 11 (18.3.1937) · page 18

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
11 (18.3.1937)
Date
1937-03-18
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Jüdisches Leben — jüdischer Geist Max Grünewald: Autorität und Gemeinschaft. Den Schlussvortrag 'der unter Sem Gesamtth'ema „Autorität" stehenden ' Donnerstagreihe 'des Berliner Jüdischen Lehrha.uses hielt Rabbiner Dr. Max Grünewald (Mannheim). Im jüdischen Lebensbezirk ging Autorität verloren, so führte er aus, seit wir aufgehört haben,- auf der Ebene des Gesetzes zu leben. Das Gesetz war zwar nie etwas Eindeutiges und Stabiles, es war auch in der letzten Epoche seiner Herrschaft nicht mehr auf alle Lebensgebiete anwendbar; trotzdem blieb es die Grundlage jeder Autoritätsbildung. Später trat an Stelle der Halachisierung eine Agadisierung des Lebens, unter der alle Auslegungen des^Gesetzes einschliesslich der Religionsphilosophie zu verstehen sind. Die Folge der Loslösung vom geschriebenen Gesetz war eine Entwicklung des Judentums in eine ungeheure Mannigfaltigkeit der Richtungen. Es gab keinerlei Einheitlichkeit mehr, kein Judentum, sondern eine Vielzahl von Judentümern. Hand in Hand damit ging auch die Abwendung von der Geschichte. Die heutige Situation, besonders in Palästina, ist dadurch charakterisiert, dass massgebende jüdische Kreise die geschichtliche Kontinuität sprengen wollen. Darin liegt aber zugleich eine Abwendung vom Judentum, denn im Judentum ist Autorität an die Anerkennung einer wirkenden Geschichte gebunden. Bei aller Bedeutung, die man der inneren Autorität für die vergangene Zeit zuzumessen hat, darf nicht vernachlässigt werden, dass neben dieser inneren Autorität auch eine äussere stand: die Macht, die sich im jüdischen Leben meistens in Form eines gesellschaftlichen Zwanges darstellt. Das Gesetz wurde immer repräsentiert durch--Menschen, die es ausübten, es ist an charismatische Persönlichkeiten gebunden. Darin liegt vielleicht heute eine Chance. Denn Persönlichkeiten, die durch alle Schichten hindurch im Judentum 'Geltung haben und in ihnen Autorität besitzen, sind auch heute sichtbar. Im übrigen aber ist Autorität heute nur in kleinen Gruppen zu finden.. Im grossen Zusammenhang kann sie nur von Fall zu Fall verwirklicht werden. Das mag daran liegen, dass unsere Publizi-' tät verbraucht ist, vielleicht überhaupt an der Dekadenz' des öffentlichen Lebens. Zerstörte Autorität aber bedeutet zugleich ein zerstörtes Vertrauensverhältnis zur Welt.' Wenn Wert-, massstäbe fehlen, keine Persönlichkeiten und Gedanken da sind, an denen man sich zu orientieren hat, gibt es z. B. auch keine Erziehung. Es geht also bei der Suche um Autorität um das ganze gesellschaftliche Leben, um die Lebensnorm überhaupt. Inmitten dieser Situation ist es unsere Aufgabe, um Autorität zu kämpfen. Schon in diesem Kampf macht sich ein neues Vertrauensverhältnis zum Leben bemerkbar. Wir sind nur Weiterreichende, nur Vermittelnde, wir haben nur zu verhindern, dass ein Vacuum entsieht. [Wir müssen uns bemühen, die heute noch fortwirkenden Elemente der Vergangenheit hinüberzuretten in eine neue Lebensordnung, in der aus Quellen, die sich heute erst andeuten, wieder Autorität entstehenkann. So klang der Vortrag und mit ihm die Vortragsreihe trotz der klaren und scharfen Analysen, die sie bot, positiv aus. Sie hat eines der zentralen Gegenwartsprobleme in vielfältig neuer Sicht gezeigt und zahlreiche Ansalzpunkte zu seiner gedanklichen Durchleuchtung und tatsächlichen Bewältigung beigesteuert. E. R.-J. Franz Landsberger: Rembrandts biblische Darstellungen Im Jüdischen Lehrhaus Karlsruhe zeigte der Redner an Hand guter Lichtbilder des Meisters Auffassung und Entwicklung in der Wiedergabe biblischer Stoffe. Er erklärte Rembrandts Liebe zu jüdischen Motiven aus der Toleranz, die die eben aus der spanischen Herrschaft befreiten Niederlande entwickelten. Kein Blutseinschlag ist für diese Vorliebe des Künstlers ausschlaggebend gewesen. Aus der Beobachtung der Juden formen sich die Züge seiner jüdischen Gestalten, die menschlichere ~und ergreifendere Züge gewinnen, als manche vom reinen Schönheitsideal ausgehenden Darstellungen der Italiener sie dem gleichen Stoff zu geben vermögen. Die Gegenüberstellung von Darstellungen des gleichen Stoffes durch die Italiener, durch Dürer und durch Rembrandt verdeutlichten gerade in dieser Hinsicht den Vortrag ungemein. Rembrandt hat sich nicht vor krassem Naturalismus gefürchtet; aber ihm fehlt auch die Zartheit nicht, wie sie etwa aus der „Vision Daniels"'' spricht. Mit zunehmenden 'Jahren wird Rembrandt ruhiger und breiter, und manche erschütternde Darstellung erklärt sich aus der Wiedergabe des eigenen leidvollen Schicksais. Stg. Ignaz Maybaum: Die heutige Glaubenssituation des Judentums In der Synagoge Lindenstrasse, Berlin, sprach Rabbiner Dr. Maybaum über dieses Thema, wobei er insbesondere die Einstellung zu Palästina untersuchte. Der Streit zwischen Hermann Cohen und Martin Buber war ursprünglich kein Parteienstreit, sondern ein echter Religionsstreit über 'die Frage, ob Judentum, eine Volksgemeinschaft oder eine Religionsgemeinschaft sei. Dieser Streit ist nach Maybaums Ueberzeugung dahin - zu entscheiden, dass die einzige legitime jüdische Gemeinschaft weder Staat noch""Kirche, sondern schlechthin, die „Kehilla", die Gemeinde, ist. In weiteren, sehr interessanten Ausführungen, die besonders die Auseinandersetzungen . zwischen Herzl und Baron Hirsch beleuchteten.. legte Maybaum dar, dass der Palästina-Gedanke vom Jüdisch-Religiösen her unbedingt zu bejahen sei, während man vom Politischen her Palästina durchaus nicht mit letzter Notwendigkeit bejahen müsse. Gerade vom religiösen Standpunkt misst Maybaum den Bünden" besondere Bedeutung bei, die als einaltrige Gemeinschaft der mehraltrigen organisierten Gemeinde gegenüberstehen. Sie stellen ein Stück Natur dar, die als solche ungeistig ist. Daher ist die Haltung der Bünde in der Regel nicht so sehr eine geistige als vielmehr eine mythische, an Zeichen und Symbole verhaftete. Als jüdisch indessen kann diese Einstellung wie auch das vom Heroischen bestimmte chaluzische Ideal, dem Maybaum seine höchste Achtung keineswegs versagte, nicht bezeichnet werden,," T". Gü. Lo. .- Olga Bloch: Jüdische Volkskunst Im Klubheim des Jüdischen Frauenbundes widmete Margarete Jacoby herzliche Worte dem Gedenken an Gertrud Mosse. Anschliessend sprach Dt. Olga Bloch an Hand von Originalen aus der Sammlung Carlebach über jüdische Volkskunst. Man sah wertvolle Stücke aus Holz, Pappmache, Steingut und Porzellan und wundervolle graphische Blätter dieser reichhaltigen Sammlung. Alle diese Stücke, ials VolfoEunstwerke Schöpfungen von Unbekannten, verstand Olga Bloch in sinnvoller Weise in Zusammenhang zu setzen mit der Zeit und Umwelt, in der sie entstanden; damit gewannen ebenso der Stich von der „Fahrt zur Leipziger Messe" wrie der jüdische Händler oder Geldwechsler ein eigenes, ferngebundenes Leben: über alle Zeiten hinweg, wie über Länder und Meere, schien der „Ewige Jude" zu schreiten. — Diese Nachmittagsveranstaltung vermittelte in beiden Teilen den zahlreichen Zuhörerinnen einen starken Eindruck, für den sie herzlich "dankbar wären. ' H. M. - Zu unserem Bericht über Rabbiner Dr. Hueo Hahns (Essen) Vortrag: „Jöhudä Halevi" (C.-V.- Zeituns Nr'. 10 von 1937) ist nachzutragen, das3 das Referat im Jüdischen L ,eh r h a us W i es - " b aden gehalten wurde, Abravanel-Feier für die Berliner Jugend Der Vorstand der Berliner. Jüdischen Gemeinde hatte die Schüler der oberen Klassen der Gemeindeschulen zu einer Abravanel-Feier in der Synagoge Kaiserstrasse versammelt. Die Festrede über Don Isaak Abravanel hielt Dr. Fritz Bamberger. Frommes Gefühl, die Leidenschaft zu wissen und ein unentrinnbares Schicksal, sagte er, gestatten keinem von uns, sich nur als Einzelmenschen zu fühlen; so nahm auch er den Gedanken der endlosen Kette auf, die nicht eine Bürde, sondern eine Sicherheit bedeute, die nie genommen werden kann. In leicht fasslichen, plastisch formenden Worten zeichnete dann Dr. Bamberger den jungen Menschen die Gestalt Don Isaak Abravanels; sie hörten von einer bildungserfüllten Jugend, von dem Neunzehnjährigen, der sein erstes religionsphilosophisches Werk herausgab und von der glanzvollen Laufbahn des jungen Menschen Abravanel, der von Alfonso V. zum Schatzmeister gemacht wurde; sie sahen diesen Mann hineingestellt in die Zeit einer Wende, als das portugiesische Reich kurz vor seiner ungeahnten Ausdehnung stand, als die Buchdruckerkunst eben erfunden war und der Geist der Menschheit neue Weite und neues Weltbewusstsein gewann: sie hörten, wie Isaak Abravanel auch in seiner glanzvollsten Zeit alles Jüdische besonders pflegte, wie er sich tätig einsetzte, wo Kot war, und wie dieser Mann dann durch Neid und Verleumdung nach dem Tod des Königs gestürzt wurde und fliehen musste; sein Schicksal, das ihn immer wieder, wo er auch war und bis zu seinem Tode, zu den hohen Staatsgeschäften drängte, zum Wohl der Judenheit. Als "die wahrhaft grosse Tat im Leben dieses Mannes wurde geschildert, wie auch er, der von der Austreibung der Juden in Spanien ausgeschlossen sein sollte, den Wanderstab ergriff, obgleich er es schwerer hatte als viele seiner Volksgenossen, da ihm auch das nahe Portugal, aus dem er zuerst hatte fliehen müssen, versperrt war. Don Isaak Abravanel, so führte der Redner aus, stand am Ende einer Zeit, von der er das Grosse, Unvergängliche bewahrte und in seinem Sohn der Zukunft wreitergab .— am Ende einer Zeit, die mit Chasdai ibn Schaprut begann und Leben und Werk auch des Dichters Gabirol und Jehuda; Halevis und des Maimonides umschloss; die Ver- "■ s'chiedenheit dieser .Grossen, die kurz gezeichnet wurden, formte Dr. Bamberger zu dem gemeinsamen Vorbild. Dann erhielten durch Dr. Alexander die sechs besten Schüler der Volksschulen und der Mittelschule als Prämiierung ihrer Leistungen und zum Ansporn aller wertvolle Bücher. Die jüdischen Sängerknaben unter Leitung von Erwia Jospe sangen aus Psalmen in alten Vertonungen von Salomone Rossi und Hammerstein und gäben so der schönen Feier einen schönen, würdigen Rahmen. H.M. Aus der wissenscKaftlicHeri Welt Der aus Breslau stammende Architekt-Günter Hirschel-Proks eh, der bereits -vor einigen Wochen mit einer Auss'tMurig"'eigener Entwürfe in Santiago de Chile grossen Erfolg hatte, erhielt für ein auf einer neuen Ausstellung ausgestelltes Bild den Grossen chilenischen Staatspreis, die höchste Auszeichnung, die Chile für künstlerische Leistungenvergibt und die mit einer ansehnlichen Geldprämie verbunden ist. . Gemeinderabbiner Dr.- K o'b e r (Köln) hat in der Jewish Historical Society in L o n d o n einen Vortrag, über die historische .Bedeutung der , Juden in' Deutschland für die jüdische Kultur gehalten, bei der der Chief Rabbi Dr. Hertz den VoTsitz führte. ■ : < : Die Wiener Medizinische Gesellschaft veranstaltet anlässlich ihres 100jährigen Bestehens Vorträge medizinischer Kapazitäten aus dem In- und Ausland. Unter den angekündigten österreichischen Vortragenden befinden sich auch mehrere jüdische Gelehrte, wie Professor Schnitzler, Professor Frankel, Professor Haj ek, Professor Neumann usw. Im Auftrag des Präsidenten der polnischen Republik hat der polnische Gesandte im Haag dem Amsterdamer jüdischen Bankier D. H. van Dam in Anerkennung seiner Verdienste um die Förderung der holländisch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen die Insignien . eines Offiziers des Ordens Polonia Restituta überreicht. Der Verlag L. Mazac bereitet für das nächste Jahr eine tschechische Uebersetzung des Talmuds vor, die von Dr. J. Hirsch, Rabbiner in Tarlin und Dozent an der Karls-Universität in Prag, stammt. Der anlässlich des 300jährigen Descartes- Jubiläums für den 6. August einberufene neunte Internationale Philosophen - Kongress wird unter dem Vorsitz des führenden französisch-jüdischen Philosophen Henri B e r g s o n stattfinden. Unter den Gelehrten befindet sich auch eine Reihe namhafter jüdischer Philosophen. Gelegentlich des Jubiläums der Harvard Universität wurde auf die grossen Stiftungen hingewiesen, die der Mäzen Karl-Loeb der "Universität vermacht hat, besonders auch auf die mehr als tausend. Stücke umfassende Heine- Sammlung, die Loeb von Sally Kirschstein erworben hatte. Besonders interessant ist neben den vielen darin enthaltenen Bildern, Manuskripten und .Briefen die Sammlung sämtlicher Ausgaben des Buches der Lieder, darin ein Exemplar der Erstausgabe mit Heines Widmung an Leopold ZunzT In New-York erschien das „Jahrbuchzu Ehren des 250jährigen Jubiläums der jüdischen Presse' 1686—1936", redigiert von Jakob " Schatzky, herausgegeben von der amerikanischen Abteilung des Jüdischen Wissenschaftlichen Instituts. — Die amerikanische Abteilung des Instituts hat einen Preis von 500 Dollars für „das beste Buch über das jüdische Amerika" ausgeschrieben. . : Dem jüdischen. Gelehrten Professor Leopold Moll, der sich grosse Verdienste. um. die österreichische Jugendfürsorge und um den Rückgang der Säuglingssterblichkeit, erworben hat, ist in Wien ein Denkmal errichtet worden. Der feierlichen Enthüllung des Denkmals wohnten Vertreter der Regierung, der Stadt Wien und der Israelitischen Kuliusgemeinde bei. Der Nachfolger Professor Molls, Universitätsprofessor Reusz, wies in seiner Gedenkrede darauf hin, dass Professor Moll auch für die Jugendfürsorge ausserhalb Oesterreichs bahnbrechend gewesen ist. als die Kamps und Urwälder Brasiliens. Aber einerseits Ueberseewanderung zu empfehlen und gleichzeitig vor ihr zu warnen, erinnert an das Beispiel von jenem Geburtstagskind, das sich des mütterlichen Auftrags, den unbeliebten Klassenkameraden einzuladen, mit den Worten entledigt: „Ich lade dich herzlich ein. Aber wehe dir, jv-erm du auch kommst." ...nn. Suche nach Land Ueber die Pläne der „Freiland-Ligä für territorialistische Kolonisation" sprach in Wien gegenüber einem Vertreter der ITA das Mitglied des Zentralausschusses Dr. J. Kruk i(Paris). Er ging davon aus, dass die Judenhot vor allem in Osteuropa eine ungeahnte Schärfe erreicht habe, dass Palästina nur einen Bruchteil der zur Auswanderung Gezwungenen aufnehmen könne, während in den übrigen Ländern eine Einwanderung so gut wie unmöglich sei. Die Freiland-Liga, die heute in Belgien, England, Frankreich, Polen, Rumänien, den Vereinigten Staaten und Australien vertreten . sei, zähle zu ihren Führern bekannte Zionisten, wie Oberrabbiner Dr. M. Gaster und Leopold Kessler in England, Professor Brutzkus und Andre Spire in Paris. Von englischen Politikern, die die Pläne der Liga unterstützen, nannte er Lord Arnold, Lord Mamhead, Lord Listowel, Vyvyan Adams, Lloyd George, Oberst Wedgewood und andere. Kruk kündigte an, dass die mit der australischen Regierung aufgenommenen Verhandlungen weitergeführt werden würden. Auf Grund der vor einiger Zeit durch die Presse gegangenen Erklärungen des französischen Kolonialministers Moutet habe das Pariser Komitee der Freiland-Liga sich die Aufgabe gestellt, eine Fachexpedition in die französischen Kolonien, zu entsenden. Im Berthold Levy Verlag erscheint zu Pessaeh eine neue Schrift des Trierer Oberrabbiners Dr. Adoli Alt mann „Die jüdische Volksseele". * Max Untermayer-Raymer sang erfolgreich in Konzerten in New-York und Hab an a und in eignem Radioabend in Habana, „Sabbat-Propaganda" Aus Palästina wird gemeldet: „In einer vom Hauptrabbinat unter Mitwirkung des Gemeinderates und der Organisationen der .Sabbathüter' einberufenen Sitzung wurde beschlossen, die Tage vom 7. Adar bis zum 7. Nissan zum .Propagandamonat für den Sabbat4 zu erklären." Von urher gehört der Sabbat zum Rhythmus 'des jüdischen Lebens. Seine Bedeutung wurde in der Welt der Ueberlieferung so hoch eingeschätzt, dass er über alles gestellt wurde, dass man ihn als die Krone der Schöpfung ansah, als das Ziel alles Schaffens Gottes. Im Schöpfungsplan, so wird gesagt, stand der Sabbat zu Beginn, in der Ausführung aber bildete er den Schlusestein (vgl. aus Lecha dodi: ssof maasse, bemachaschawa techila). Der Sabbat, dessen Beobachtung alle anderen Gebete aufwiegt, ist die für Israel bestimmte Braut, die unlösbar zu ihm gehört. Wie jedes jüdische Gesetz, das ursprünglich mit dem Leben des Volkes verbunden und nicht von ihm abtrennbar ist, fügt sich der Sabbat in keine einzelne Kategorie des menschlichen Lebens ein, man kann ihn nicht einordnen in die gewohnten Klassen des Denkens und des täglichen Lebens. Er ist keine bloss „religiöse" Form, und er ist nicht durch diese oder jene Umstände bedingt. Der Sabbat ist einfach und klar allumfassend jüdisch, greift in das ganze Leben ein, zwingt den jüdischen Menschen, den von Urbeginn gegebenen Rhythmus weiterzuleben und ihm ohne Ueberlegung und Einordnung in die Zwangsform logischer Kategorien — in spanische Stiefel eingeschnürt — zuiolgen. Denn das Leben will gelebt und nicht gedacht und in. Begriffe gezwängt werden. Wie nun: was soll da ein „Propagandamonat für den Sabbat", von dem plötzlich in der hebräischen Presse in Palästina die Rede ist? Was bezwecken das Hauptrabbinat und die Verbände, die sich an diesem Feldzug gegen die Gesetzesübertreter beteiligen? Was hat Propaganda hier m suchen?. Soli de?-Sabbat als eine. neue Erfindung, als eine nützliche Ware auf dem Gebiete religiöser Gebrauchsartikel angepriesen werden? Will man ihn jenen ■ Ungläubigen annehmbar machen, indem man ihn mit schönen Reden umkleidet? — Wie arm wären das jüdische Volk geworden, wie arm die Juden in der Welt, wenn sie Propaganda zu machen hätten für ihr Leben und für ihr Sein! Alte Volksbräuche, Sitten und äussere Formen, die im Laufe der Jahrhunderte vergessen worden sind, kann man vielleicht künstlich beleben, und etwas Neues kann dann wachsen. Aber der Lebensrhythmus selbst ist da — oder er ist nicht da. Entweder er lebt und fühlt, dass er lebendig ist: was soll dann Propaganda? Oder aber er ist tot, eingetrocknet und mumifiziert: dann mag man dem Leichnam eine pietätvolle Trauerrede halten. Wir glauben, dass der Sabbat lebt. Aber der Ansatzpunkt zu seiner Erneuerung muss wo anders (liegen. Er ist vielen Juden unbekannt geworden, und sie wissen nichts von ihm. So muss er wieder lebensnah eingegliedert werden in das Leben des Juden, -er muss mit neuem — altneuem — Sinn erfüllt werden. In Palästina, von avo der zitierte Aufruf kommt, lebt man nach der jüdischen Woche, und Sabbat bedeutet dort wirklich Arbeitsruhe. Wenn hier die alltäglich - soziale Wirklichkeit zum Ausgangspunkt genommen wird, wenn hier angesetzt wird, um den Sabbat wieder sinnvoll einzuordnen in das Leben, wenn er von hier aus das gesamte Leben umfasst — dann ist Propaganda nicht mehr' nötig. Die Einordnung des Sabbat in das neue jüdische Leben ist vielleicht ein pädagogisches Problem, aber sicher kein politisch-propagandistisches.; Das hebräische Wort Ta'amula, welches wir — dem Sprachgebrauch entsprechend — mit „Propaganda" wiedergegeben haben, kommt, von einem Stamme, der Mühe und Arbeit bedeutet. Mühe mag es kosten, Arbeit muss angewandt werden, um von. einem kleinen lebendigen Kreise ausgehend, den Sabbat wieder zum Mittelpunkt des Lebens zu machen, zu dem alles hinstrebt Sind in dem die iffiooh© ih^ Ziel imdet. Zwei-* mal wird der Sabbat in der Tora eingesetzt:-in der Schöpfung und in der Sinaigesetzgebung. Beide Male, da Gott von seinem Werke ruht und da der Knecht und. der Sklave gleich jeder Kreatur ruhen sollen (der hebräische Text benutzt an den beiden Stellen die gleichen Worte!), ist an zentralster Stelle von ihm die Rede. Und da wollte das Hauptrabbinat „Propaganda" machen? Einen Monat lang? Der 7. Adar gilt in der Tradition als der Todestag unseres Lehrers Mose. Er hat uns den Sabbat gelehrt. Wenn der „Propagandamonat" irgend etwas erreichen kann, so wohl nur das, dass für diejenigen, die von der Propaganda berührt werden, am 7. Nissan auch der Sabbat tot ist: gestorben bei den Reden und in den Versammlungen derer, die ihn propagierten, als handelte es sich um ein Produkt des Landes, einen Exportartikel, der noch den nötigen Stempel bekommen muss. Der Sabbat ist keine Ware, und jüdisches Leben braucht nicht angepriesen zu werden; es wirkt und atmet trotz aller, die sich darum bemühen. . F. Ar. Jüdische Familienf orschung Das soeben erschienene Heft 44 der Mitteilungen der Gesellschaft für jüdische Familien- Forschung enthält wiederum eine Reihe' genealogisch und kulturhistorisch beachtenswerter Beiträge. Rabbiner Bernhard Brilling, Breslau, widmet sich in einem ausführlichen Beitrag der Geschichte der Personenstandsregister bei den Juden unter besonderer Berücksichtigung Schlesiens. Dr. L. Moses, Wien, setzt seine Ermittlungen über die Geschichte der mährischen Familie Siebenstein aus der vorangegangenen Nummer fort. Bernt Engelmann, Düsseldorf, berichtet über die Entwicklung der 1671 aus Wien vertriebenen Familie Chalfan. Toni O e 1 s n e r, Frankfurt a. M., befasst sich in ihrem Aufsatz mit den Beziehungen der Familienforschung zur historischen ^Forschung. Ueber einen unbekannten italienisch-jüdischen Maler aus dem 17. Jahrhundert, Leone Bassevi, gibt Professor Dr. Bruno K i s c h interessantes Material. Miszellen, Buchbesprechungen und Suchblatt schliessen das Heft ab,. -g-

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