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Central-Verein-Zeitung · 1937-03-11 · 10 (11.3.1937) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
10 (11.3.1937)
Date
1937-03-11
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 10 * 3. Beiblatt €Mlfeifiin# Tl. Marz 1937 Mmmstamsst&llmmgem Das jüdische Kind in der Kunst „Kinder sind-etwas -Himmlisches", schrieb 1799 Dorothea Mendelssohn an Rahel Levin, und sie dachte an die beiden Malersöhne, von denen sich, obwohl sie an der Wende des Biedermeiers mit seinen vielen Kinderbildern stehen, kein Knaben- oder Mädchenbildnis erhalten hat. Erst aus späterer. Zeit haben wir Beweise dafür, dass Eltern ihre Kinder malen Hessen in dem Gefühl, gerade die Jugendjahre der Kinder mit allen spezifischen Zügen. und Eigenheiten auf der Leinwand festhalten zu wollen. Und wenn man heute drangeht, Kinderporträts einzufangen in des Wortes tiefster Bedeutung, so hat das -darüber hinaus auch den Zweck, sich ein greifbares, immer lebendiges Andenken zu schaffen an die, die in die Weite, ziehen werden. Die Ausstellung des Sekretariats für Bildende Kunst im Kluhheim des Frauenbundes, Berlin, ist weit dayafi entfernt, etwa eine typologische Schau zu bedeuten. Sie will es auch gar nicht sein, (Jehn es sind so* mannigfaltige, so aus dem Gesjamtrahmen fallende kindliche Erscheinungen zü sehen, dass es in ■ jeder Beziehung schwer fällt, eine einheitliche Linie inhaltlich und künstlerisch zu finden. Vom Baby angefangen, das Erich Wolfsf e 1 d drei Tage nach der Geburt mit hoher Kunst gezeichnet, das Margar,ethe Nehemias in bezaubernden Momenten belauscht haben muss, über die Bilder der Kleinkinder hin zu den Porträts der Schulkinder, über die Darstellungen junger Mädchen hin zu den Porträts der Jünglinge — ein weiter Weg — auch im Künstlerischen. Die Maler, haben mit den Problemen' gerungen, mit dem, was ihnen heranwachsende Menschen in jenen Porträtsitzungen erzählt haben mögen, in jenem Gegenüber, das ja alles ausmacht und alles löst. Wenn Erich Wolfsfeld sich die „Studie zur Opferung Isaacs" von der Seele malt, jenen ekstatisch blickenden Knaben, wenn er auf der anderen Seite die Salzmann-Kinder lebensvoll radiert, so mag in dieser Gegenüberstellung bereits die ganze Skala der Empfindungen, koloristisch und kompositionell, ange-' deutet sein. Viele andere Bekannte führt die Schau mit Kinderb'ildern vor. :Clara Gump.e r tz mit dem „Kindergärten", einem Stück" lebendigster Gegenwart, Martha Friedlände r - L e w e n z mit einem KnaberibiMriis. das ihre interessante Palette zeigt, AdeLe Reifenberg mit einem Porträt „Gerda N.", psychologisch gut geraten, Beatrice Lion, die sich nun auch als Bildnismalerin in den „Schwestern" vorstellt, Martha. Cohn- Lebenheim mit ein paar ihrer bekanntgewordenen Linolschnitte, N e 11 y N o r d e g g mit efoer treffend und knapp gegebenen Kinderzeichnung und einem farbig schönen Oelgemälde. Um sie herum die Kinderbilder der Neuen Naturalisten,. ein Mädchenbildnis. voll Klarheit von Annelise Ratkowski- -B r'a ü n, sehr .gut beobachtete und koloristisch gesehene Arbeiten von Max Heimann und Gertrud Bursch-Dreyfuss, und neu in ihrem Kreise Frieda Bradt mit mehreren Köpfen, die sie als fleissige und anregende Malerin zeigen. Neu auch Jakob Raskin, ein russischer Künstler, dessen „Traum eines Knaben" eine Synthese aus Chagall und Strindberg darstellt und von den Veranstaltern der Ausstellung mit viel künstlerischem Spürsinn herausgestellt ist. Er bringt auch eine Zeichnung die' seine Problemstellung noch deutlicher macht. 'Beim Durchwandern der sehr umfangreichen Ausstellung, muss der Referent noch Käte Levin stein und Kurt Jansen nennen, er muss auch die Bildhauer und Bildhauerinnen erwähnen, die es weniger, leicht haben, Kinder darzustellen als die Maler-Kollegen. Aber obwohl ein so lebenspendender Faktor wie die Farbe wegfällt, gelangen Ottilie Wollmann, Viola Böhm, Rudolf Marcuse, Edith Samuel und Alexander Oppler Kinderporträts so gut, dass man den Wunsch aussprechen möchte, ihre Plastiken einmal in weiterem Rahmen vorgeführt zu sehen. Dr. 0. B. Ausstellung Richard Colin Im Foyer des Theaters in der Kommandantenstrasse hängen Bilder von Richard Colin. Eine anregende Bekanntschaft vermitteln sie mit dem Maiwerk eines Künstlers, der in sich ein Mass von Reife hat, die wir brauchen.- Besonders zu buchen, dass es nicht so sehr viel Proben seiner Kunst sind, die geboten werden: ein paar Landschaften, ein paar Porträts, Stilleben, Pastelle und Oelgemälde. Richard Colin ist ein Maler der Frauen, er malt das etwas schwermütig dreinschauende Mädchen in der roten Bluse Ludwig Schwerin: Mädchenkopf (Pastell), das junge Geschöpf mit der Puderdose in der Hand, kokett und schamhaft zugleich, oder das frische Kind im buntgeblümten Sommerkleid. Und der ,.Mädchenkopf" in Grau spiegelt die arbeitende Persönlichkeit unserer Zeit im Ausdruck und im Einerlei der Farben. Koloristisch in bester Ordnung ferner die Landschaften vom Lago Maggiore, aus Lugano, aus dem Tessin. In den Blumenstücken berauscht sich Richard Colin an den Farben, seine „Chrysanthemen", sein „Weg mit Feuerlilien", Viola Böhm: Micha Fot. (2) Grete Kar plus Baby-Studie Ausschnitt aus einer Zeichnung von Professor Erich Wolfsfeld Fot. Sonnenfeld das Pastell mit den Zinien und den Alpenveilchen beweisen es. Ganz sachlich malt er ein Bild wie die „Messe in Rothenburg", wo jedes Dach der alten Häuser und jedes Dach der Buden auf dem Messeplatz einzeln gesehen und gemalt sind. Neu in dieser Ausstellung sind die Preisangaben neben jedem Bild. Man kann sich' denken, dass Menschen, die geschmackvolle Bilder kaufen, sich für diese Bewertungen interessieren. Dr. 0. B. Wiener Liebermann-Ausstellung Die Ausstellung von Werken Max Liebermanns in Wien ist ' am Tage vor ihrer Schliessung von Erzherzog Anton und sedner Gemahlin Erzherzogin Ileana, einer Schwester des Königs von Rumänien, besucht worden. In Wiener . Kunstkreisen ist es aufgefallen, dass von den offiziellen Stellen weder zur Eröffnung noch später ein Vertreter in der Ausstellung-erschienen ist. ¥; ,v Am 1. März fand die Generalversammlung des Jüdischen Museums-Vereins im Jüdischen Museum zu Berlin statt. Professor Franz Landsberger referierte zunächst über die rege Werbetätigkeit des Vereins, die im Jahre 1936 einen Zuwachs von 36 Mitgliedern ergab. Durch die Mittel, die der Verein dem Museum bereitstellen konnte, wurden Werke namhafter jüdischer Künstler erworben, über die die C.-V.-Zeitung in ihrer Nr. 3 von 1937 ausführlich berichtet hat. Der Verein veranstaltete im letzten Jahre sieben Vorträge. Der Gesamtbesuch des Museums steigerte sich im Jahre 1936 auf 14 413 Personen gegen 11 218 im Jahre 1935. Die beiden grossen Ausstellungen des Jahres 1936, die Liebermann-Gedächtnis-Ausstellung mit 5676 und die Ahnenbilder-Aus- Hoffnungsloses Geschlecht? Die C.-V.-Zeitung bringt in ihrer Ausgabe vom 18. März eine Sonderbeilage über die Beruf smöglichkeiten der jüdischen Jugend. D.Schriftl. Das Thema vom hoffnungslosen Geschlecht ist in der neueren Literatur gar oft angeschlagen worden. 1880 veröffentlichte Hermann Bang seinen berühmt gewordenen Roman „Hoffnungslose Gechlechter", während aus dem Untergrund der bitteren Nachkriegsjahre Rudolf Borchardts viel zu wenig beachteter Novellenband „Das hoffnungslose Geschlecht" emporstieg. So durchaus verschieden bei Bang und Borchardt die individuellen Anlässe der dichterischen Zeichnung auch sein mochten, das Brüchigwerden einer überkommenen Lebensform, diei Fragwürdigkeit des überlieferten Gutes, ist letzten Endes bei beiden der eigentliche Anstoss zu der Auseinandersetzung mit dem Thema. ' Bei Bang spürep wir den Umschlag der leichtfertig - optimistischen Stimmungen des vorigen Jahrhunderts ins Vorgefühl kommenden ■ Unheils; bei Borchardt bereits den Einbruch einer sich gesichert wähnenden Welt. Nimmt man nun nach dem Abstand mancher Jahre beide Bücher wiederum zur Hand, so will es einen dünken, als ob die Tragik der dort dargestellten Konflikte, die sich aufs Allgemeine beziehen, minder erheblich erscheint im Vergleich zu der Schwere des'Schicksals, das speziell über, das gegenwärtige jüdische Geschlecht hereingebrochen, ist. Oder täuschen wir uns etwa? Empfinden etwa nur die Menschen der Uebergangsgeneration die verlorenen Möglichkeiten des Daseins? Trauern nur wir einem versinkenden Lebensgefüge, in dem bürgerliche Sicherheit als erstrebenswertes Ideal galt, nach? Ist der Risiko-Charakter des heutigen Lebens nur uns voll bewusst und gilt nur für uns der Werfel- Vers: „Was wir halten, ist nicht mehr zu halten?" Wäre es nicht naheliegend, anzunehmen, dass'die heranwachsende jüdische Generation (die in der Kriegszeit und im Nachkriegsjahrzehnt Geborenen) gar nichts mehr weiss von dem sicher regulierten Flussbett, in dem der Strom des bürgerlichen Lebens breit und behaglich einherfloss? War nicht die Jugendbewegung, in der Vorkriegszeit entstanden, bereits eine Abkehr von dem Idol der bürgerlichen Normalität? Gewiss wird uns niemand bestreiten, dass die Art und Weise, wie die gegenwärtige jüdische Jugend in Deutschland-auf die vollständige Veränderung unserer Lebenssituation reagiert hat, einer genauen Untersuchung bedarf. Wie wirkt die schwere Tatsache der Not an Lebensraum auf unsere Jugend ein? Ist sie, in Erinnerung an die bürgerliche Freizügigkeit, die ihre Elterngeneration genoss, etwa mutlos gestimmt? Oder ist jene Erinnerung etwa schon verblasst und einem neuen Willen zum Aufbau gewichen? Wenn wir diese Fragen zufriedenstellend beantworten wollen, dürfen wir uns nicht auf blosse Vermutungen verlassen, sondern wir müssen unsere Jugend selbst zü Worte kommen lassen. Das soll in . der Form geschehen, dass wir bezeichnende Aeusserungen junger jüdischer Menschen, die im vorigen Jahr von der Schulbank hinweg ihren Weg ins Leben suchten, an dieser Stelle wiedergeben. Es handelt sieh dabei um wortgetreue Auszüge: aus den Niederschriften durchschnittlich vierzehn- bis fünfzehnjähriger Jugendlicher, die nach Absolvierung der Aufbauklasse einer jüdischen Volksschule im Berliner Zentrum sich vor die abschliessende Aufgabe gestellt sahen, über die Sorgen, Hoffnungen und die Erwartungen,-die sie beim Schulabgang erfüllten, sich offen auszusprechen. Wir leiten ihre Bekenntnisse hin und wieder mit einigen Bemerkungen ein, die die Persönlichkeit und — soweit uns bekannt;— das Milieu des Elternhauses unserer jugendlichen Gewährsmänner kennzeichnen sollen. Wolfgang P., ein sehr ' lebensfroher Junge, der mit seinem übermütigen Temperament seinen Lehrern recht viel zu schaffen machte, entstammt wohlgeordneten Verhältnissen. Da er direkte Not nur vom Hörensagen kennt, ist das Gewahrwerden der jetzigen Schwierigkeiten für ihn besonders niederdrückend. „Ich meike", so gesteht er, „dass meine Elternrecht hatten, als sie sagten, die Schulzeit sei "eine der schönsten Zeiten des Lebens. Ich: war aller Sorgen des Lebens enthoben." U.eber seine'Berufspläne äussert er: „Ich möchte sehr gern ein Handwerk erlernen, doch es gibt keine Lehrstellen. Arische Meister dürfen keine Juden beschäftigen. Die sehr dünn gesäten jüdischen Lehrmeister sind schon unerhört überlaufen. Deshalb habe ich mich halbwegs entschlossen, Kaufmann zu werden. — Auf - jeden Fall gehe ich mit Angst und -Bangen in den jetzt beginnenden Lebenskampf." Einer entsprechenden Stimmung begegnen wir bei Heinz B., was umso verwunderlicher ist, als er durch bündische Erziehung seine Prägung erhalten hat. Vielleicht mögen bestimmte persönliche Entscheidungen ihn von dem eigentlich naheliegenden Weg der Hachschara abhalten. Heinz> ein geistig sehr , interessierter und charakterlich selbständiger Junge, reflektiert wie folgt: „Man soll nun einen Beruf ergreifen. Man steht vor der Wahl. Was will man denn eigentlich werden, jeder bekommt einen Schreck, keiner hat darüber nachgedacht, ohne ein gewisses Grusem zu empfinden. Nun bleibt einem nichts ■ anderes übrig, als Tag' für Tag zur, Berufsberatung und zum Arbeitsnachweis zu rennen, und sich jedesmal zu ärgern, wenn man umsonst hingelaufen ist. So hat sich keiner das Leben nach der Schule vorgestellt, aber jeder hofft, dass er eine Stelle bekommen wird, und hoffentlich wird diese Hoffnung nicht betrogen/' Manche Jungen spüren den Zusammenhang zwischen ihrem privaten Ergehen und dem Schicksal einer Generation. Hans- Rolf S., ein ziemlich frühreifer und doch durchaus sympathischer Typ aus Berlin W, der bereits Dostojewski liest und sich gern als „Erwachsener" geriert,. äussert sich hierzu: „Wir müssen jetzt den Ernst des Lebens begreifen, in den Beruf eintreten und arbeiten. Manche Jungen müssen mit dem Gehalt, das sie bekommen, mithelfen, die Miete oder Pee BttefUäfet Mmmi in diesen Tagen und erhebt die Abonnements¬ und Zustellgebühren für die C.-V.-Zeitung in Höhe von für die Monate April, Mai, Juni 1937. Nur wer die Postquittung einlöst, erhält die Zeitung ohne Unterbrechung zugestellt. Alle Adressenänderungen,. Nachsendewünsche, Beschwerden usw.sind stets dem zuständigen Postamt zu melden. 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