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Central-Verein-Zeitung · 1937-03-11 · 10 (11.3.1937) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
10 (11.3.1937)
Date
1937-03-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XVI. Jahrgang / Nr. 10 Berlin, 11. März 1937 eis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Beschaftestelle (Verlag, Schriftleitang, Anzeigenannahme, Vertriebsabteiltmg): Berlin W15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva8141—45. Telegrammadresse: CentraJglaaben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin <0344. Die C.-V.-Zeitnng erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellangen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügl. IS Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 2,30 RM(umgerechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer .10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge, — Anzeigengebühren: Preisliste 5 gültig. Die ISgespaltene mm-Zeile 20 Rpf., für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise s. Preisliste. Einzelanzeigen nur' gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschlnss: Dienstag. Platzu. Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Tradition Geist und Gestaltung jüdischer Arbeit Eine programmatische Rede des C.-V.-Vorsitzenden Der Centrai-Verein hatte zu einer Kundgebung am Donnerstag abend, in den Brüderverein eingeladen, und viele Hunderte füllten den Saal und die Tribüne bis auf den letzten Platz. Die grossen Organisationen, Reichsvertretung, Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Grossloge und andere mehr hatten ihre Vertreter entsandt. Leider gab es insofern eine Enttäuschung, als zwei der angekündigten Redner, nämlich der Präsident der Reichsvertretung, Rabbiner Leo Baeck, und der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, Direktor HeinrichStahl, wegen Erkrankung in letzter Stunde absagen mussten. Auf dem Podium hatten sich heben dem Redner, dem Vorsitzenden des Centrai- Vereins, Dr. H e r z f e 1 d (Essen), und dem Versammlungsleiter Rechtsanwalt Ferdinand Samoje auch die Berliner Beiratsmitglieder des C.-V. mit den beiden geschäftsführenden Syndici versammelt Nach kurzen einleitenden Worten von Rechtsanwalt Samo 1 e nahm dann Dr. Herzfeld das Wort zu einem programmatischen Vortrag, der in Rückschau und Ausblick die Lebenslinie des Gentral-Vereins, sein Wollen und Werden, darstellte und kritisch beleuchtete. „Die Zukunft ist nur-die Vergangenheit, wie sie eintritt durch ein neues Tor." Dieses .Philosophenwort, so begann Dr. Herzfeld, erinnere uns an die Verbindung, die zwischen der zeitlichen Folge und dem ursächlichen Zusammenhang der Ereignisse bestehe. Wer die Arbeit in der Zukunft gestalte, müsse sich diesen Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Gegenwart vergegenwärtigen. Drei Abschnitte heben sich in der Geschichte des Centrai-Vereins scharf voneinander ab. Die erste Periode umfasse die Zeit von der Gründung im Jahre 1893 bis zum Kriege, der zweite setzte mit der, Jahreswende 1918/19 ein und schloss mit der nationalsozialistischen Machtergreifung. Der dritte Abschnitt, in dem wir uns jetzt befinden, habe am 30. Januar 1933 begonnen. Dr. Herzfeld charakterisierte diese drei Abschnitte nach den Verschiedenheiten ihrer soziologischen, wirtschaftlichen und politischen Grundhaltung, denen sich Aufgaben und Arbeitsmethoden des Central-Vereins jeweils anzupassen hatten. Die Gründungszeit, d. h. der Beginn der 90er Jahre, sei bestimmt gewesen durch ein bürgerliches Weltbild. Der Name ,,Central-Vere'in% den die Männer, die den C.-V. gründeten, dieser neuen Schöpfung gaben, habe zu Beginn weniger den Tatsachen als dem Wunsche entsprochen, alle . Juden deutscher Staatsangehörigkeit zu vereinen und dieses Ziel in absehbarer Zeit: ganz , oder nahezu zu erreichen. Die Wahl dieses- Namens zeige deutlich, dass. man mit diesem Verein eine Gemeinschaft — mit dem begrenzten Zweck, die zwar staatlich garantierte, aber in der Praxis nicht restlos gewährte Uneingeschränkte Gleichberechtigung durchzusetzen — gründen In dieser 24seitlgen Nummer finden unsere Leser u. a.: Stuttgart und Ubn Bild zweier Gemeinden von Hans Oppenheimer Ferner die Aufsätze: Der jüdische Künstler in USA. — Dr. Fritz Friedlaender: Hoffnungsloses Geschlecht? — Anneliese Landau: Jacques Fromental-Halevy, Die Beilagen: Wirtschaft der Woche. — Palastina- Umschau. — Sportblatt. Drr Herzfeld •Essen Fot. Abraham wollte. Jene stark individualistische Zeit aber sei einer Gemeinschaftsgründung, deren Voraussetzungen Gemeinschaf tsbewusstsein und ' Gemeinschaftsverpflichtung sind, ungünstig gewesen. Wohl seien zahlreiche jüdische Männer und , Frauen, dem Rufe des Centrai- Vereins gefolgt, aber es.habe die Tiefenwirkung gefehlt; man fühlte sich nicht zum Mit-Arbeiten verpflichtet. Das Hemmnis des Zeitgeistes, charakterisiert durch den Drang zum freien- Wettbewerb, der. den Blick für die Verflechtung und Verklammerung des Gesamtgeschehens trübte, habe sich auch in dem Fehlen eines ausreichend starken Gefühls für die Gemein-' schafts-Ehre gezeigt Zu dem Mangel an Tatkraft und Willen, sich für die Gemeinschaft der jüdischen Minderheit einzusetzen, kam noch der Mangel an jüdischem Wissen. So war es die' Aufgabe des Centrai-Vereins, zunächst durch volkstümlich gehaltene Schriften, Bücher und Vorträge, Wissen zu vermitteln und zu verbreiten und die Menschen für ihre Gemeinschaftspflicht zu interessieren. Daneben musste der C.-V., um die Gemeinschaft zu festigen, die zentrifugal wirkenden Kräfte . abwehren, dem - Indifferentismus die Fehde ansagen, und alles daran setzen, . den jüdischen Kern zu erhalten. Er musste die Würde wahren und würdelosen Anbiederungsversuchen wehren. Damit war seine klare Grenze - gezogen : gegen eine Assimilation, die zur Auflösung geführt hätte. In dem zweiten Geschichtsabschnitt fuhr Dr. Herzfeld fort, trat neben den freien Wettbewerb immer mehr die Planung, Durch das zunächst unbewältigte Nebeneinander beider Richtungen entstanden zwar zunehmend starke Spannungen und besorgniserregende Reibungen, aber der Gemeinschaftsgedanke begann Allgemeingut zu werden, und so fand auch der Centrai-Verein mit seinem Willen zur Gemeinschaft grösseres Verständnis. Seine Arbeit konnte sich vertiefen, seine Publikationen gewannen an Umfang und Wirkungskraft. Als Gewinn dieser Zeitspanne stellte - Dr. Herzfeld wachsendes Verständnisfür das Gefühl der Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft .und für die Gemeinschaftsehre fest. - Er schilderte dann,-wie immer lauter der Ruf nach einem positiven Programm erscholl, wie aber auf der anderen Seite der innerjüdische Richtungsstreit Kraft und Zeit in Anspruch nahm. In diesem Kampf der Meinungen seien Julius Brodnitz-und Ludwig Holländer stets als Warner und Mahner aufgetreten. Sie hätten es zwar abgelehnt, die Meinungsverschiedenheiten zu verwischen, aber sie kennzeichneten jede Uebertreibung als ein Unglück und forderten, dass die unvermeidliche Auseinandersetzung den Rahmen der Gemeinschaft, weder sprengen noch gefährden dürfe. Schon in diesen beiden ersten Perioden hätten die Führer des Centrai-Vereins, zuerst Maximilian Horwitz und Eugen F u c h s, dann B r 6 d n i t z und Holländer, immer wieder den Gedanken an ein Gesamtjudentum hochgehalten und sich vor, in und nach dem Kriege an aller jüdischen Arbeit beteiligt, die aus diesem Gedanken entsprang. Es sei eine logische Fortsetzung dieser Haltung gewesen, als Julius Brodnitz in der dritten Periode nach 1933 in der Erkenntnis, dass die kleine jüdische Minderheit in dieser Schicksalsstunde einig und geschlossen sein müsste, unter Verzicht auf jegliches Parteiprestige zur Zusammenarbeit aller Richtungen aufgerufen und zur Gründung der Reichsvertretung den Anstoss gegeben habe. In», diesem dritten Abscfinitt hat sich die Verwirldicnung des Gründungszieles des C.-V., die Erlangung der uneingeschränkten; Gleichberechtigung, als undurchführbar erwiesen. „Es würde notwendig, die alte Fahne einzurollen." Der. Vereinszweck wurde neu dahin bestimmt als: die Juden in Deutschland seelisch, rechtlich und wirtschaftlich zu betreuen.. Die massgebenden'Vereinsinstanzen erkannten, dass sachgemässe Mitarbeit an einer den Aufnahmemöglichkeiten der Welt angepassten Auswanderung geboten war. Trotzdem war die Frage, ob durch diesen Ablauf nicht das Hauptsälichste des C. V. erledigt und nur das Nebensächliche, das Sekundäre, geblieben ist, unbedingt zu verneinen. Denn schon oft haben Bewegungen nicht ihr An- fangsziel erreicht und doch Bedeutsames geleistet.. Was Haupt-, was Nebensache, ist, kann erst nachträglich entschieden werden. Das wichtige Ziel, die Gemeinschaft zusammenzuschweissen, ihre Menschen mit Pflicht und Verantwortungsgefühl zu erfüllen, sie zum Eintritt für die Gemeinschafts- . ehre zu bringen, ist geblieben. Aus diesem historischen Rückblick zog Dr. Herzfeld dann die Schlussfolgerungen. Er stellte fest, dass das Emanzipationszeitalter abgeschlossen, dass wir aus Politik, Kultur, Gesellschaft sowie aus den führenden Stellungen in der Wirtschaft ausgegliedert seien, und dass Staat und Nationalsozialistische Partei unsere Dissimilation verlangen. Es fehle nicht an unserem Willen, dieser Forderung zu entsprechen. Aliein diesem Wollen seien Grenzen gezogen, die sich nicht überspringen, lassen. Dr. Herzfeld verwies zu diesem Problem auf seihen "Leitartikel in' Nr. 8 der C.-V-Zeitung. Wilhelm Stapel habe kürzlich in einem Vorträg-die Assi milanten dahin gekennzeichnet, dass sie' ihr Judentum aufzugeben trachten und mit Blut und Geist in den Gastvölkern aufgehen wollen. Diese Begriffsbestimmung decke < sich . völlig .mit dem, was .der, C.-V. seit je. als eine Assimilation, die zur jüdischen Auflösung führe,. schärfstehs bekämpft habe. Wenn wir damit am Kern, dös Problems angelangt seien, so könne er, sagte Dr. Herzfeld, als berufener "Sprecher ' des Jüdischen Centrai-Vereins erklären: „Wir trachten nicht danach, unser Judentum aufzugeben. Uns ist die Erhaltung unseres Judentums, unseres Judeseins Herzenswunsch und heilige Verpflichtung. Mit allen Kräften widersetzen wir uns der Selbstaufgabe, der Preisgabe von Blut und Geist. Wir haben die. biologische und geschichtliche, die religiöse und soziale Tatsache unseres Judentums stets anerkannt." Aus diesem Bekenntnis leitete Dr. Herzfeld die Verpflichtung zur Vertiefung unseres Wissens vom Judentum und zu einer entsprechenden geistigen Vorbereitung und Schulung auch der' Aus- I. A. H. Dem betrachtenden Geiste wird es in der Regel leichter fallen, das Entstehen einer bestimmten einer Gemeinschaft eigentümlichen Tradition zu verfolgen, als ihr Sehwinden innerhalb eines gewissen Raumes in ihren einzelnen Phasen nachzuweisen. Aus zahllosen Quellen realer oder legendärer Natur strömen die Vorstellungen zusammen, auf denen die Sonderhaltung einer bestimmten Familie, einer Gemeinschaft, eines Volkes beruht. Meist ist durch eine grosse Persönlichkeit, ein unvergessbares Ereignis in der Entstehungsgeschichte der Gruppe gleichsam ein Staudamm geschaffen worden, der die Ueberlieferungsteile sich ansammeln lässt, um sie als klaren und starken Strom zu entlassen, der durch die Zeiten fliesst und auf seinen Wellen bewusst und gewollt Geschichte trägt. Schwerer dagegen lässt sieh verfolgen, wie und in weichem Zusammenhange eine grosse Ueberlieferung in schmale und oft trübe Rinnsale versickert. Man kann allenfalls das grosse entscheidende Ereignis datumniässig angeben, von dem an ein- "bisher . stolz tragender Wille müde die Last zu Boden gleiten liess, die ihm von den Vätern aufgetragen war. Aber danaeh lässt sich nur im einzelnen an Symptomen ablesen, wie weit die Auflösung der überkommenen - Vergangenheit bereits gediehen ist. Dabei darf nicht übersehen werden, dass mit Tradition nicht nur Wanderer her. Bei denen, die in Palästina die neue Heimat finden, sei die Treue zum Judentum selbstverständlich. Um so wichtiger sei es, diejenigen zu festigen, die in andere Länder, vor allem nach Uebersee gehen, in denen sie keinen jüdischen Rückhalt finden. Dr. Herzfeld ging dann auf die berufliche Vorbereitung der Jugend ein, begrüsste ihr Drängen zur Landwirtschaft und zum Handwerk, aber warnte auch davor, Geist und Bildung ,zu: unterschätzen.' Die Juden seien immer das Volk des Buches gewesen. Der Lernende, der Gelehrte habe stets besonderes Ansehen im Judentum genossen. Wir dürften keineswegs zur geistigen. " Unfruchtbarkeit kommen. Unserem Nachwuchs ständen nur beschränkte materielle Möglichkeiten zur Verfügung. Wenn ihm nun etwa auch noch das Bildungsstreben genommen würde, so kämen wir zu einer Proletarisierung. Das gelte sowohl für die, die hier bleiben müssen, wie für die, die wandern wollen. Dieses Wandern koste Unsummen, schon deshalb sei es nur für eine begrenzte Masse möglich; um so wichtiger sei es, die Auswahl, so vorzunehmen, dass sie die Geeignetsten treffe. Der Central-Verem habe nicht nur iür die zu sorgen, die fortgehen, sondern ebenso für die, die hier bleiben müssten. Der Weg dieser Menschen sei der schwerste. Denn die. -Auswandernden haben die Hoffnung auf Wiederaufbau, die Hierbleibenden dagegen sehen eine Zeit vor sieh, in der Jugend einen Seltenheits- Wert darstellen werde. Für diese Hierbleibenden arbeite der Central-Verein auf dem Gebiet der rechtlichen und wirtschaftlichen Beratung in engster Mitarbeit mit den anderen federführenden Organisationen und Gemeinden. So stelle sich das Bild unserer Gemeinschaft dar als das einer sich täglich an Zahl verringernden, in einzigartiger Notlage befindlichen Minderheit. Ihre Lebensgrundlage, schloss Dr. Herzfeld seine klaren und eindrucksvollen Ausführungen, hat sich plötzlich einschneidendst verändert, aber ihr Lebenswille, ihre Lebenskraft sind intakt. So arbeiten wir ungebrochen und unbeirrt weiter an der Festigung des Gemeinschaftsbewusstseins, des Gemeinschaftsehrgefühls für Erfüllung der Gemeinschaftspflichten, kurz an der Erhaltung und Kräftigung von Judentum und Judenheit.

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