Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 9 (4.3.1937)
- Date
- 1937-03-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 9*3. Beiblatt CYZeitung '4. März 1937j Aus der €*-1 Oberschlesien In einer stark besuchten Arbeitstagung des- Landesverbandss, zu der die Vorsitzenden der: grösseren Ortsgruppen und Persönlichkeiten, die zu den Trägern der jüdischen Arbeit in Oberschlesien gehören, geladen waren, sprach Amtsgerichtsrat i. R. Dr. Goldschmidt aus Berlin als Vertreter der Hauptgeschäftsstelle über die Arbeit des Central-Verems, Justizrat KOchmann (Gleiwitz) über die Tätigkeit' des Oberschlesischen Synagogengemeindeverbandes und Syndikus Dr. Jakob owitz (Beuthen) über die' Aufgaben des Landesverbandes Oberschlesien des G.-V. Am Vorabend hatte Dr. Goldschmidt die Mitglieder der Ortsgruppe Gleiwitz über Arbeit und die Probleme "im Centrai-Verein zu unterrichten. Vor ihm sprach Rechtsanwalt S c h 1 e- Singer (Gleiwitz) über die neuen Einwanderungsbestimmungen in Südafrika und Südamerika. „Südamerika als Auswanderungsziel" behandelt Dr. Erich Bry, Vorsitzender des Landesverbandes Niederschlesien des C.-V. in seinem Vortrag in der Ortsgruppe Breslau des C.-V. am 8. März, 20 Uhr 30, im großen Saal der Lessingloge Eine Woche vorher hatte Professor Dr. Curt B o n d y einem interessiert folgenden Publikum in Gleiwitz über „Das Jüdische Lehrgut in Gr.- Breesen: Arbeitsmethoden, Erfahrungen und Ziele" berichtet. In Beuthen (O.-S.) sprach Rechtsanwalt Dr. Erich Bry (Breslau), der Landesverbands Vorsitzende von Niederschlesien, in einer sehr gut besuchten Mitgliederversammlung über seine „Eindrücke einer Südamerikareise". Einen überzeitlichen Charakter trugen im Gegensatz zu diesem Vortrag die Ideen, die Dr. Ludwig Lewinski in seinem Vortrag „Wo stehen wir geistig?" in Beuthen in geistig ebenso durchdachter wie im Ausdruck vollendeter Form vortrug. In der Aussprache nahm Rabbiner Dr. Keller insbesondere zu der Idee des Diasporajudentums und der geistigen Ausrichtung der jungen Generation vom Standpunkt des gesetztestreueri Judentums mit sehr beachtlichen Worten Stellung. In Ratibor. wo Dr. Lewinski den gleichen Vortrag hielt, steuerte der Ortsgruppen Vorsitzende, Rechtsanwalt Dr. Weber, in der Aussprache wertvolle Gedankengänge bei. In Gr.-Strehlitz sprach Dr. Lewinski in einer vom C.-V. einberufenen Gemeindeversammlung in der Synagoge über „Gegenwartsaufgaben" und beleuchtete dabei mehr die praktischen Fragen im Beruf und in Haus und Familie. In seiner Heimatstadt Oppeln behandelte er das Thema „Auswanderungsprobleme". Rechtsanwalt Dr. Weber (Ratibor) sprach in Hindenburg und Cosel über „Tagesfragen" und errang mit seinen Darlegungen die starke Zustimmung der beiden Versammlungen. In Rosenberg hielt der Ortsgruppenvor- '.-Bewegung sitzende Karmeinsky nach einem Bericht über dief letzte Landesverbandstagung ein einleitendes „Referat über Brasilien". In Neisse sprach der nach Breslau verzogene frühere Ortsgruppenvorsitzende Dr. R e d 1 i e h über „Jüdisches Leben in Breslau". Der Landesverbandsleitendes „Referat über Brasilien". In Neisse sprach in Peiskretscham und Klausberg über „Rückblick und Ausblick zu Beginn des Jahres 1937" und in Neustadt O./S., Oberglogau, Rosenberg und Guttentag über „Jüdisches Schicksal — jüdische Entscheidung". Ihr besonderes Gepräge erhielten die Versammlungen in •Rdsehberg und Guttentag durch die starke Teilnahme von Chaluzim, die sich auch lebhaft an der Aussprache beteiligten. Im Rahmen der „CV.-Kulturarbeit in Oberschlesien" sprach Dr. Hans Zernik (Gleiwitz) über „Die Sabbatgesetze in der Bibel". Einen hohen ästhetischen Genuss brachte der Vortrag von Baurat i. R, Kurt Wolff (Beuthen) über „König Saul, eine grosse tragische Gestalt in der Geschichte Israels". In der CV.-Frauenarbeitsgemeinschaft in Oppeln hielt Rabbiner Dr. Hirschberg an fünf Abenden einen Bibelkurs über die Propheten ab. Frau Erna Brauer sprach über „Geselligkeit, gestern, heute, morgen", Frau Jungmann über „Kindergeselligkeit" und endlich Frau Paula Kassel und Frau Schlesinger über das Thema „Was soll mit der schulentlassenen Jugend geschehen?" In der CV.-Frauenarbeitsgemeinschaft in Hindenburg werden regelmässig von den einzelnen Damen Pressereferate gehalten. Ausserdem spricht Dr. Wohlgemuth (Hindenburg) in einem Vortragszyklus über „Soziale Probleme in der jüdischen Geschichte". Zwischendurch hielt Lehrer S t r a u s e (Hindenburg) einen Vortrag über „Inhalt und Form der Festtage mit ihren Gesängen", wobei seine-Ausführungen durch Schallplattenvorführungen "wirksam untermalt wurden. J. J. Gross-Berlin Am 22. Februar hielt Professor Dr. Max A p t in der Delegierten-Versammlung des C.-V. Gross-Berlin einen Vortrag über „Konstruktive Auswanderungspolitik", in dem er seine gleichnamige im Philo-Verlag erschienene Broschüre nach vielen Richtungen hin ergänzte. In der sehr angeregten Aussprache, die sich an den Vortrag anschloss, ergriffen das Wort: Dr. Alfred H i r s c h b e r g, der frühere Vorsitzende der Berliner Gemeinde Geheimrat Stern, das Kuratoriumsmitglied des Hilfsvereins Willy D r e y f u s s, Dr. Arthur Prinz, Regierungsbaurat Rosenfeld, Rabbiner Dr. Karl Rosenthal und Dr. Werner van der Zyl. Mitteldeutschland In Mühlhausen (Thür.) ßprachen in der dichtgefüllten Synagoge Landgerichtsrat i. R. Dr. Kurt Cohn (Chemnitz) und Syndikus Kurt S a - b a t z k y (Leipzig) über das Thema „Jüdisches Schicksal — Jüdische Aufgabe". Die Leitung lag in den Händen des Ortsgruppenvorsitzenden Adolf Weil. Ueber das gleiche Thema sprachen dieselben Referenten in B1 e i c h e r o d e in einem vom Landesverband Mitteldeutschland einberufenen Vortragsabend. In Bleicherode fand gleichzeitig eine Neuwahl des Ortsgruppenvorstandes statt. Vorsitzender. . wurde,. Richard Rothe n b e r g, stellvertretender Vorsitzender Fritz Strup.p und Kassierer Alfred L e b.a c h. Vorträge über Auswanderungsrecht im Jüdischen Central-Verein Die .für Montag, 8. März, und Mittwoch, 10. März, angesetzten Vorträge des Devisenberaters Pr. Heinz Cohn über Auswanderungsfragen (Rechtsgrundlage, Verfahren, Transfer) sind auf Mittwoch. 10. März, und Donnerstag, 11. März, 20.30 Uhr (Logenhaus, Kleiststrasse 10, Roter Saal) verlegt worden. Dr. Pinchas Kohn 50 Jahre alt Der Mitbegründer und frühere Präsident der Weltorganisation Agudas Jisroel, Rabbiner Dr. Pinchas Kohn, wird am 5. März 50 Jahre alt. Kohn, ein, Schüler Samson Raphael Hirsche, übt seit einigen Jahrzehnten das Amt eines Rabbiners in Ansbach aus. Seine Tätigkeit hat ihn aber schon frühzeitig über den Rahmen dieser Gemeinde hinausgeführt. So übernahm er 1921 die Leitung des Zentralbüros der Agudas in Wien. Er hat auch in London, Genf und auch in Palästina eine wirksame Tätigkeit für die Aguda entfaltet. Die dem Jubilar nahestehende Presse widmet ihm bedeutsame Aufsätze, die die grosse Verehrung erkennen lassen, die Pinchas Kohn in seinen engeren Kreisen, aber auch weit darüber hinaus, geniesst. Ehrung von Rat Neumeyer Zum, 70. Geburtstag von Oberlandesgerichtsrat i. R. .Dr. Alfred .Neumeyer, dem Vorsitzenden des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden und der Israelitischen Kultusgemeinde München, stifteten der Bayerische Landesverband, die Zionistische Vereinigung für Deutschland, der Keren Hajessod, die Jewish Agency und der Keren Kajemet einen in Palästina auf den Namen des Jubilars zu errichtenden Garten von 500 Bäumen. Aus den Familien : „Frau Marie H e i 1 b r o n (Hindenburg O/S.) feierte am.19. Februar ihren.85. Geburtstag. — Nathan Ta u, Mitglied des, Vorstands der Ortsgruppe Beuthen O/S. des Centrai-Vereins und früheres langjähriges Mitglied des Repräsentantenkollegiums, vollendete am 25. Februar sein 70. Lebensjahr. — Dr. Artur Gumbert, früheres Vorstandsmitglied des Landesverbands Hannover des Centrai-Vereins, wurde am 3;~Mäfz 6(T Jahre alt. — Siegfried Bellak (Bad Ems), der mehr als zwei Jahrzehnte Lehrer und Prediger in Zittau/Sa. war. wird am 7. März 75 Jähre altl — Max Korn (Berlin-Charlottenburg) begeht am 7. März seinen 80. Geburtstag. — Sanitätsrat Dr. Bernhard Ascher (Berlin-Charlottenburg) vollendet am 10. März sein 75. Lebensjahr. — Georg Förster (Gleiwitz O/S.) feiert am 11. März seinen 70. Geburtstag. Am 6. März feiert Betty Aron geb. Fuchs ihren 80. Geburtstag. Besonders dankbar wird stets ihrer sozialen Arbeit gedacht werden: so am Kinderheim in Oberrochwitz, am Kinderhort und im Mädchenheim der. Fraternitasloge. Bis in die letzte- Zeit besuchte sie die Abende für „Erwerbstätige und alleinstehende Frauen und Mädchen" und nahm an allen Kulturveranstaltungen inter-i essierten Anteil. Ist sie doch durch ihre beiden Söhne und ihre Enkelin* eng mit dem künstlerischen und wissenschaftlichen Leben Dresdens verknüpft. Auch in der Ortsgruppe des Central-Verems, die ihr Schwiegersohn Rudolf Apt seit einem Jahrzehnt leitet, war Betty Aron stets eine treuverlässliche Helferin. E.B. Voranzeigen Berlin 7. März, 20 Uhr 15 Min.: Künstlerhilfe der Jüdischen" Gemeinde. Notstands-Kabaretc. Künstlerische Leitung Willy Maschke. Tanzpalast Alt-Wien (Residens-Fest-. säle)" Landsberger Strasse 31-. 18. März. 20 Uhr 30 Min.: Rambam-Lehrhaus. Arbeits-» gemeinschaft von Rabbiner Dr. Altmann „Einführung in das Pessacbfest". Synagoge Münchencr Strasse. 10. März, 20 Uhr 30 Min.: Verband Polnischer Juden. Dr. jur. Werner Salinger ..Die Rechtsstellung des Ausländers im deutschen Recht". Schulaula der. Mädchenschule Kaiserstrasse. 14, März, 16 Uhr 30 Min.: Musikalischer Nachmittags-: Tee. Charlotte Hirschfeld (Rezitation). Heiniich Korn (Bariton), Oskar Manczyk (Cello). Cläre Manczyk und Dr. Willi Aion am Flügel, Dr. Heinrich Kuhn (Vortrag). Haus Alice Simon, Wannsee, Bismarckstrasse 3. 14. März, 20 Uhr 15 Min.: Tanzabend Elsa Caro (Juana Manorska). Leo Taubmann (Flügel). Hildegart Le^vin (Schlagzeug). Grosser Festsaal des Brüderrereins, Kurfürstenstrasse 115/16. Frankfurt a. M.: 8. März. 20 Uhr 30 Min.: Gesellschaft für jüdische Volksbildung. Dr. Eduard Schreiber „Leopold Korapert". Sitzungssaal der Westend-Synagoge. Lehrhaus Berlin Donnerstag-Reihe: „A u t o r i t ä t". Die Offene Arbeitsgemeinschaft wird vom 4. März auf 18. März verlegt. Am 11. März, 20K Uhr, Logenhaus, Kleiststrasse 10, Schlussvortrag der Reihe: Max Grüne» wald (Mannheim): „Autorität und Gemeinschaft.0* Montag-Reihe: „Jüdische Kultur« geschiente I." Am 8. März, 20^ Uhr, Aula, Joaehimsthaler Strasse 13, Fritz Bambergerl „Kulturkreis der Renaissance". Hebräische Lehranstalt der Jüdischen Gemeinde, Klopstockstrasse 58, und Gr. Hamburger Strasse 29. Zu Beginn des Sommersemesters werden neue Klassen für Anfänger eingerichtet. In allen Stufen für Fortgeschrittene werden Neuaufnahmen vorgenommen. Seelische Winterhilfe 27. Veranstaltung am 6. März, 20 Uhr: Schlusskonzert in der Neuen Synagoge, Oranienburger Str. 30. Mitwirkende: Lily Dymont (Klavier), Max K o n i n s k i (Rezitation), Paul Lichtenstern (Orgel), Orchester der Kiinstlerhilfe der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Leitung: Dr. Fritz B e r e n d. Es sprechen: Rabbiner Dr. Max Nassbaum und Max Gundersheim. Karten für Hilfsbedürftige unentgeltlich im Winterhilfsbezirk Mitte, Koppenplatz 6, Winterhilfsbezirk Norden, Pappelallee 314, Winterhilfsbezirk Osten, Alexanderstrasse 53. 28. Veranstaltung, Kinder-Nachmittag, 10. März* 15.30 Uhr, 29. Veranstaltung, Bunter Abend, 10. März, 20 Uhr: Cafe Leon, Kurfürstendamm 155/56. Mitwirkende am Kinder-Nachmittag: Jani B a 11 a n,- Ingeborg Blumen stein, Charlotte Hirsch* f e 1 d, Hanni Rosenthal, Jonny Schwersenz; am Klavier: Erna Klein. Mitwirkende am Bunten Abend: Erich Lowinsky sagt an: Curt A b r a m o w i t z, Jani B a 11 a n, Rahel Ermolnik o f f, Maja Fünkenstein. Walter Goldstein, Susanne Landsberg, Henri Hock, Hanni Rosenthal. Jonny Schwersenz, Kinderorchester des II. Waisenhauses Pankow der Jüdischen Gemeinde zu Berlin; am Klavier: Erna Klein, Gustav Säbel. Karten für Hilfsbedürftige unentgeltlich im Winterhilfsbezirk Charlottcnburg. Bleibtreustrasse 3. Küstriner Strasse 7, Tile-Wardenberg- Strasse 26a (Laden). * Postscheckkonto: Berlin 93 446. Lebensfragen oder Lebensdoktrinen? Wer der Jugendbewegung entstammt, "wird wissen, dass junge Menschen stets von einem Streben nach Ganzheit erfüllt sein müssen. Dieses Bemühen aber ist oft gepaart mit einer gewissen Einschichtigkeit der Betrachtungsweise, die leicht in Dogmatik ausartet. Einen Beweis hierfür lieferte die Berliner Kundgebung des „Hechaluz" am 24. Februar, zu der sich Georg Josephthal und Boris Eisenstadt das Thema „Lebensfragen jüdischer Jugend in dieser Zeit" gewählt hatten. Die kritische Situation, in der sich das Palästinawerk seit den Unruhen befindet, macht es offenbar notwendig, die Verringerung der realen Anziehungskraft durch eine Verstärkung der ideellen Bindung auszugleichen. Jeder, der sich bereits aus der Zeit vor 1933, als die Gegebenheiten eine Mitwirkung von jüdischen Menschen in Deutschland am Palästinawerk als' überflüssig erscheinen Hessen, mit Palästina verbunden weiss, wird es begrüssen, dass, gerade unter jungen ' Menschen, die Epoche des Konjunkturzionismus überwunden ist, und dass nunmehr wieder der geographischen Entscheidung ' für Palästina eine innere Entscheidung für jüdische Gemeinschaftsarbeit vorausgehen muss. Insoweit stimmen wir mit den beiden Rednern des Abends durchaus übereih. Um so-bedauerlicher aber erscheinen uns die. übrigen Ausführungen, die sie machten. Wennwir einmal ganz von den sattsam bekannten Klageliedern über die vielzitierten überwundenen 120 Jahre seit dem Emanzipationsbeginn absehen, so ist es doch ein gefährliches Bemühen, die Bedeutung Palästinas durch eine Unterbewertung, um nicht zu sagen Diffamierung der Ueberseeauswanderung unter Beweis zu stellen. Niemand wird zwar bestreiten, dass der spezifische Charakter der jüdischen Palästina-Siedlung mit keiner anderen jüdischen Gemeinschaftsform der Welt zu vergleichen ist. Aber ebensowenig darf bestritten werden, dass die beiden Existenzformen der jüdischen Gemeinschaft, das Leben in Palästina und in der Diaspora, einander ergänzen und in einer fruchtbaren Wechselwirkung zueinander stehen, die gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Selbst wenn man aber von diesen jüdisch-geistigen Momenten, die eine Erhaltung der Diaspora rechtfertigen, absieht, so lassen schon die wirklichen Gegebenheiten die Forderung einer einseitigen Palästinaauswanderung als töricht erscheinen. Als vor einiger Zeit Jabotinsky in Polen die Auswanderung eines grossen Teils der jüdischen Bevölkerung nach Palästina vorschlug, erhob sich auch unter den polnischen Zionisten ein Sturm der Entrüstung wegen der Undurchführbarkeit und Unverantwortlichkeit dieses Planes. Wenn aber schon die drängenden Massen Polens auf einen gemeinsamen Ausweg verzichten müssen und alle Auswanderungsmöglichkeiten aufzugreifen gezwungen sind, so muss dies in gleichem Masse für die Juden in Deutschland gelten. In der Praxis hat sich diese Erkenntnis auch schon längst durchgesetzt. Wovor wir uns aber hüten müssen, ist, dass Ueberseewanderung und Palästinawanderung mit weltanschaulichen Vorwänden gegeneinander ausgespielt werden. Die Lage der jüdischen Jugend in Deutschland, die eine neue geistige und wirtschaftliche Existenzmöglichkeit ausserhalb des Geburtslandes finden muss, ist zu ernst, als dass wir uns den Luxus leisten könnten, aus theoretischen Gründen, die der jüdischen Wirklichkeit völlig widersprechen, auf irgend eine Auswanderungsmöglichkeit zu verzichten. Es wäre bedauerlich, wenn innerhalb der jüdischen Jugend die Verschiedenheit der Auswanderungsziele auch zu einem Auseinanderklaffen des inneren Zusammenhaltes führen würde, und wenn sich beide Gruppen, statt einander zu ergänzen, bekämpfen würden. Wer heute behauptet, dass jüdische junge Menschen, die nicht nach Palästina, sondern in andere Länder auswandern, einen Irrweg beschreiten, erweist damit der jüdischen Jugend einen schlechten Dienst Er stösst diese Menschen, indem er sie mit billigen Phrasen als jüdisch minderwertig brandmarkt, aus der jüdischen Gemeinschaftsarbeit aus. Nichts aber sollte heute dringlicher sein,' als gerade diesen Menschen durch . eine jüdische Gemeinschaftserziehung einen inneren Fundus zu geben, damit sie auch im neuen Wohnland als Juden ihr Leben gestalten. Werner Rosenstock. Vorträge Boris Eisenstadt: Autorität im Kibbuz In der Donnerstagreihe des Jüdischen Lehrhauses Berlin unter dem Gesamtthema „Autorität" sprach am 18. Februar Boris Eisenstadt über „Autorität im Kibbuz". Die erste Generation der Chaluzim, so führte er aus, war erfüllt von dem Bestreben, zu beweisen, dass Autorität nicht nur durch äussere Machtentfaltung und Druck einer nichtjüdischen Instanz, so wie man. es ausserhalb Palästinas gewohnt gewesen war, entstehen könne. Die Auflehnung gegen diese überwundene Situation gab ihnen die Kraft, in den damaligen verhältnismässig kleinen Kwuzot ohne äussere Organisation Autorität zu verwirklichen. Sie war eine Sache des eigenen Gewissens, die jeden Augenblick im Bewusstsein stand,: ohne dass es äusserer Druckmittel und Kontrollmassnahmen dazu bedurfte. Die Rentabilität der Kwuzot jener Zeit bewies, dass dieses fast „naturwidrige" System sogar wirtschaftlich sich bewährte. . - ■"Die'Situation änderte sich in dem Augenblick, in dem eine neue Generation in die schon bestehenden Kwuzot eintrat. Die Gemeinschaft wurde grösser und das selbstverständliche und ungeteilte Wir-Bewusstsein wurde differenziert in ein Bewusstsein der ersten und zweiten Generation. In diesem Stadium musste zu dem immanenten Urgefuhl der Autorität die Autorität einer Institution hinzukommen. Trotzdem sollte der Druck immer noch, als der Druck einer freiwilligen Gemeinschaft, der Verminderung der Freiheit als Freizeitbegrenzung und nicht als Freiheitsberaubung empfunden werden. Die Träger dieser neuen Autorität wurden der Siddur Awoda, d. i. die Arbeitsverteilungsstelle im Zusammenhang mit der öffentlichen Meinung des Kibbuz.-Das Bewusstsein, dass der Kibbuz jedem seiner Mitglieder zur "Heimat werden müsse, dass jeder vom andern abhänge, und dass er sich als vollwertiges Mitglied zu bewähren habe, . ist die Quelle, aus der diese öffentliche Meinung? ihre "Autorität herleitet. Als eines der schwierigsten Probleme ergab sich bald die Frage, wie weit die Autorität im Kibbuz zu reichen hat. In dieser Hinsicht sind die Jüngeren regelmässig die viel Radikaleren. Sind sie im allgemeinen, geneigt, den Machtbereich der Gemeinschaftsautorität weit auszudehnen und der persönlichen Freiheit des einzelnen nicht viel Spielraum einzuräumen. Ein gesunder Ausgleich zwischen Autorität und Freiheit im Kibbuz ist eines seiner wichtigsten Entwicklungsziele. Der Redner schloss seine sehr wertvollen Ausführungen, die noch zur Vertiefung mancher Einzelfragen reizten, mit einer Schilderung der Autorität in der kibbuzischen Kindererziehung, die er als ein weitgehend geglücktes Gebiet der Gemeinschaftsentwicklung erwies. E. R.-J. Max Wiener: Don Isaak Abarbanel Die Montagabend-Vortragsreihe der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, Berlin, fand ihren Abschluss mit einem ausserordentlich interessanten und gehaltvollen Vortrag von Rabbiner Dr. Wiener über den spanisch-jüdischen Bibelexegeten und Religionsphilosophen Isaak Abarbanel. Nach einer kurzen Darstellung des Lebensweges von Abarbanel, der in wechselvollen Windungen und Schicksalen von Lissabon über Toledo und Neapel nach Venedig führte, ging der Vortragende vor allem auf die geistige Bedeutung Abarbanels ein. Abarbanel war nicht so sehr Denker und Schöpfer als vielmehr Gelehrter, wobei ihm sein ungeheures Gedächtnis sehr zugute kam. Er beherrschte ausser dem jüdischen Schrifttum das gesamte Wissen seiner Zeit und zitierte lateinische Schriftsteller ebenso wie die Scholastiker, Albertus Magnus und Thomas v. Aquino. Weit stärker als seine Vorgänger auf jüdischtheologischem Gebiet war er ein Mensch des Mittelalters. Er hat das Fremde indessen stets nur studiert, um das Jüdisch-Eigene immer wieder zu beleuchten und immer neu zu erarbeiten. Im Gegensatz zu Maimonides hat Abarbanel die orthodoxe Seite des Judentums unterstrichen und ausgebaut. Maimonides und seine Schule hatten die Bestimmung des Menschen — und insbesondere auch des jüdischen Menschen — vor allem darin gesehen, die Wahrheit zu erkennen und zu immer höheren Wahrheiten und Erkenntnissen aufzusteigen; der Einzelmensch stand im Mittelpunkt ihrer Betrachtung, Denken und Glauben waren nur verschiedene Erscheinungsformen einer allumfassenden Einheit. Zu denen, die diesen Rationalismus ablehnten und die Umkehr in die alte jüdische Gläubigkeit vollzogen, gehörte auch Abarbanel. ' Gü.Lo.