Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 9 (4.3.1937)
- Date
- 1937-03-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XVI. Jahrgang / Nr. 9 Berlin, 4. März 1937 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W 15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin <034*. Die C.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. RedaktionsscLluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügl. 18 Rpf. Bestellgeld. ~' ---------------A Ji" T"J—ur~-----' V"**»"^"^*» v,mau Für Ausland vierteljährlich 2,30 RM(umgerechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Aüsiand 20 Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste 5 güitig. Die 12gespa.Itene mm-Zeüe 20 Rpf., für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise s. Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platzu. Datenvorschnften ohne Verbindlichkeit. Das vierte Jahr Dr. M. E. Kaum zwei Monate nach Jahresbeginn legt der Zentralausschuss für Hilfe und Aufbau bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland seinen Bericht für das abgelaufene Jahr vor. Der Zentralausschuss wurde, wie es in der Einleitung zu diesem umfangreichen Buch heisst, im Jahre 1933 gegründet, „um durch praktische Sozialarbeit ein Höchstmass von eigener Formung in einer schweren Stunde in der Geschichte der Judenheit zu geben". Wir wissen, dass diese eigene Formung nur möglich ist durch die Hilfe des Auslandes. Das American Joint Distribution Committee, die Jewish Colonization Association (ICA) und der Council for German Jewry haben grosse Summen zur Verfügung gestellt. Aber dennoch ist das Werk der Selbsthilfe der Judenheit in Deutschland, wie es in diesem Jahresbericht 1936. deutlich wird, wiederum bewunderungswürdig und imponierend. Das Jahr 1936 hat die Organisierung der Form der Arbeit zu einem gewissen Absehluss gebracht, alle Kraft kann nun dem. Inhalt der Arbeit: Wohlfahrtspflege, Wirtschaftshilfe, Schul- und Bildungswesen, Beruf sumschiehtung, Vorbereitung und Durchführung der Auswanderung nach Palästina und in alle anderen Länder, vor allem nach Uebersee, gewidmet werden. Dabeihaben sich interessante Schwergewichtsverschiebungen als Begleitumstand und Folge des durch die Auswanderung beschleunigten Strukturwandels der Juden in Deutschland im letzten Jahre gezeigt. Ueberseewanderung, Ueberalterung und Schrumpfung der Gemeinden und Verschiebung der Berufsausbildung von der Berufsumschichtung zur Erstausbildung, das sind die drei Gesichtspunkte, die, innig miteinander zusammenhängend, für die Entwicklung in der jüdischen Gemeinschaft im letzten Jahre, schlagwortartig gesprochen, das Charakteristikum bilden. Bäe Waüderungsfrage ist in den letzten zwölf Monaten immer stärker das Kernproblem der Judenfrage in Deutschland und damit auch der jüdischen Sozialarbeit geworden. Während sich noch 1935 die Auswanderungsbereitschaft in gewissen Grenzen hielt, ist der Auswanderungswille der in Betracht kommenden Jahrgänge und Berufe jetzt so gross, dass kaum noch das O b, sondern nur noch das Wohin und eventuell das Wann diskutiert wird. Aber als Gegenpol zu dem Auswanderungswillen der Juden in D eutschland steht in vielen ausländischen Ländern die Tendenz, die Grenzen immer mehr zu schli essen. Und die Statistik zeigt, wie Süd-Osteuropa In dieser 20seitigen Nummer finden unsere Leser u. a.: Die Aufsätze: Bruno Weil: Peru. — Hans Freyhan: Opernpremiere im Berliner Kulturbund. — Ahzg: Die englischen Dominions. — Max Osborn: Georg Witkowskis „Faust". Die Beilagen: Buch und Kunst. — Wirtschaft der Woche. — Sportblatt. -— Palästina- Umschau. In Ungarn und in Rumänien scheint die Judenfrage mit erneuter Heftigkeit in Fluss zu geraten. In zeitlicher Uebereinstimmung haben in beiden Ländern antijüdische Unruhen stattgefunden, die in offiziösen Kreisen teils zustimmende, teils ablehnende Erklärungen hervorriefen. Ungarn Wie aus Budapest gemeldet wird, ist es in der vergangenen Woche an drei ungarischen Hochschulen zu Demonstrationen und Ausschreitungen der Studentenschaft gegen die Juden gekommen. Die Studenten der Universität Fünfkirchen veranstalteten judenfeindliche Kundgebungen, deren Anlass die bevorstehende Promotion dreier jüdischer Kandidaten war. Der Rektor der Universität sah sich gezwungen, die Promotion um einen Monat auszusetzen und die jüdischen Studenten persönlich zu schützen; dennoch erbrachen die demonstrierenden Studenten die Tür des den Kandidaten zu ihrem Schutze angewiesenen Zimmers und misshandelten sie aufs schwerste. Schliesslich musste die Einstellung der Vorlesungen angeordnet werden. Auch am Abend des gleichen Tages kam es zu Kundgebungen in den Strassen der Stadt. . Die Hörer der Wirtschaftsakademie Debrecyn haben sich vor dem Hauptgebäude der Universität versammelt und die jüdischen Studenten zum Verlassen der Hochschule aufgefordert. Auch sonst kam es zu judenfeindlichen Kundgebungen durch die Studentenschaft, die schliesslich von der Polizei aufgelöst werden mussten. Schliesslich haben die Unruhen auch vor der Universität der Landeshauptstadt Budapest nicht haltgemacht. 200 antisemitische Studenten der Akademischen Vereinigung „Turul" zogen durch die Strassen und protestierten gegen die Aufführung eines Tonfilms, in dem ein jüdischer Schauspieler mitwirkte. i^uch hier ging die Polizei gegen die Demonstranten vor. Vor dem Physiologischen Institut, an der Philosophischen Fakultät und am Chemischen Institut kam es gleichfalls zu Ruhestörungen. Zwei jüdische Passanten in der Innenstadt wurden niedergeschlagen. Angesichts dieser Ereignisse hat der Ministerpräsident Dr. Kaiman Daranyi gegenüber Vertretern der Presse eine scharfe Erklärung abgegeben. Die Regierung, so sagte er, werde die öffentliche Ordnung unter allen Umständen aufrechterhalten. Der Unterrichtsminister werde Massnahmen* zur Sicherung des ungestörten Universitätsbetriebes treffen. Im ungarischen Abgeordnetenhaus erklärte der Abgeordnete Dr. Fabian, im Interesse der nationalen Einheit müsse für Wahrung von Ruhe und Ordnung eingetreten werden. Der Abgeordnete Dr. Rupert verlangte von dem Ministerpräsidenten mehr als akademische Deklarationen. Polizei und Staatsanwaltschaft müssten ihres Amtes walten. Der Rektor der Universität Fünfkirchen, Dr, Dambrovszky, hat hingegen in einer Versammlung christlicher Studenten versprochen, dass die Fakultäten keine jüdischen Hörer mehr aufnehmen würden, bis die Zahl der jüdischen Studenten bis auf 5 Prozent gesunken sei. Der Rektor begab sich danach nach Budapest zu einer Besprechung mit dem Unterrichtsminister. Rumänien In dem rumänischen Städtchen Bacau in der Provinz Moldau kam es bei der Neuwahl des Stadtrates zu judenfeindlichen Ausschreitungen. Sturmtrupps der National-Christlichen Partei verhinderten Juden, aber auch einen Teil der nichtjüdischen Bevölkerung an der Ausübung ihres Wahlrechts. Zahlreiche jüdische Geschäfte wurden demoliert, 30 Personen schwrer misshandelt. In einigen Fällen sind die Mitglieder des Sturmtrupps in die Häuser eingedrungen, um die politischen Gegner mit nägelbeschlagenen Knüppeln anzugreifen. Militärabteilungen konnten endlich die Ruhe wiederherstellen, doch kam es zu keiner Verhaftung. Diesen Ereignissen ist die Umbildung des rumänischen Käbinetts fast unmittelbar vorausgegangen. Die jüdische Bevölkerung Rumäniens hatte gehofft, die neue. Regierung werde die schwerbedrohten verfassungsmässigen Zustände wieder herstellen. Auf einer wenige Tage nach den Unruhen stattfindenden Konferenz der Bezirkspräfekten und der Generalstaatsanwälte hat Ministerpräsident Tatarescu gefordert, jede Handgreiflichkeit und jede Beleidigung eines Bevölkerungsteils streng zu ahnden. Der Justizminister forderte die Generalstaatsanwälte zu strengem Vorgehen gegen Gesetzesübertreter auf, andernfalls sei die Gesellschaft von Auflösung bedroht. Um die immer wieder aufflackernden Studentenunruhen in Rumänien zu bekämpfen, hat der rumänische Ministerrat beschlossen, die nicht unter der unmittelbaren Aufsicht der Universitäten stehenden Studentenheime zu schliessen. Bemerkenswert ist im Zusammenhange mit den Unruhen in Rumänien und der Stellungnahme der Minister eine Meldung der Neuen Zionistischen Organisation in Warschau. Danach ist im rumänischen Parlament eine Interpellation über den Zehnjahresplan Jabotinskys eingebracht worden, in dem bekanntlich die Auswanderung von 300 000 Juden aus Rumänien nach Palästina innerhalb von zehn Jahren vorgesehen ist. Dass die rumänische Regierung an einer jüdischen Massenauswanderung interessiert ist, scheint auch daraus hervorzugehen, dass der Berichterstatter der Mandatskommission des Völkerbundes, der rumänische Aussenminister, bei deren letzter Sitzung festgestellt hat, Rumänien trete für die Auswanderung jüdischer Bürger nach Palästina ein. stark zahlenmä'ssig die Auswanderung von diesen Vorschriften beeinflusst wird. Die gesamte Wanderung setzt sich zusammen aus der Palästina-Wanderung, die vom Palästina-Amt, aus der Uebersee- und Europa-Wanderung, die vom Hilfsverein der Juden in Deutschland und aus der Rückwanderung, die von der Hauptstelle der jüdischen Wanderfürsorge betreut wird. Die sehr aufschlussreichen Tabellen, die der Bericht in grosser Zahl enthält, können aber nur diejenigen Personen umfassen, die von diesen Organisationen unterstützt worden sind. Daneben geht die freie und nur nach individualistischen Gesichtspunkten, von einer Gesamtplanung also unberührte, Auswanderung all der Menschen, die auf öffentliche Unterstützung nicht angewiesen sind. Für deren Zahl gibt es lediglich Schätzungen, und beide Faktoren zusammengerechnet, — also unterstützte und geschätzte freie Auswanderung — ergeben für 1936 eine Zahl von 24 000. Von diesen gingen nach Palästina 9000, nach Uebersee 10 000, nach europäischen Ländern 1500 und 3500 Personen wanderten in ihre hauptsächlich ostpreussischen Heimatländer zurück. Damit ist erstmalig die Ueberseewanderung stärker als die Palästina-Wanderung, und dies obschon' die Palästina-Wanderung unter den Unruhen im Lande nicht gelitten hat. Der Bericht des Palästina-Amts gibt sehr interessantes Material über die Zahl der Zertifikatsempfänger, die Grösse der auf ein Zertifikat eingewanderten Familien, die erstaunlich niedrige Zahl der Kinder, die Verteilung der Einwanderung auf die Jahre 1933 bis 1936 und anderes mehr. Sie verdienen, in einem besonderen Aufsatz beleuchtet zu werden. Vorausgenommen seien nur noch die Feststellungen, dass im Jahr 1936 insgesamt 4308 Personen durch das Palästina-Amt erfasst, dass alle Zertifikate voll ausgenutzt wurden und dass lediglich die Einwanderung der sogenannten Kapitalisten durch die Erschwerung des Transfers etwas ins Stocken geraten ist. Der Hilfsverein der Juden in De u t s c h 1 a n d gibt eine wichtige Statistik über die Verteilung der Auswanderung in die verschiedenen Länder. Dabei ist am eindrucksvollsten der Vergleich der Wanderung in europäische Länder und nach Uebersee in den Jahren 1935 und 1936. Während nämlich 1935 noch 927 Personen in europäische Länder wanderten, gingen aus allgemein bekannten Gründen 1936 nur noch 717 vom Hilfsverein beratene Personen in die angrenzenden Länder Europas. Dagegen stieg die unterstützte Ueberseewanderung von 1617 im Jahre 1935 auf fast das Dreifache, nämlich auf 4738 Personen im Jahre 1936. Sehr interessant ist die Verteilung auf die einzelnen Kontinente. Der Hilfsverein gibt hier die Statistik nur jeweils für die ersten zehn Monate des Jahres; die in Klammern gesetzten Zahlen bedeuten die entsprechenden Zahlen des Jahres 1935. Es wanderten also in der Zeit vom 1. Januar 1936 bis 31. Oktober 1936 nach USA 976 (450) Personen, 2 (0) gingen nach Kanada, 38 (17) nach Mittelamerika, 1851 (432) nach Südamerika, 1208 (107) nach Südafrika, 15 (12) nach anderen afrikanischen Ländern, 20 (22) nach Asien, 15 (1) nach Australien. Die Nordamerika-Wanderung hat sich also mehr als verdoppelt, die Südamerika- Wanderung vervierfacht. Die Verzehnfachung der Südafrika-Wanderung ist auf die im Oktober befürchtete Sperrung des Landes für Einwanderer zurückzu- \ führen, die, wie erinnerlich, den Hilfsverein veranlasste, gemeinsam mit der ' Reichsvertretung und ausländischen Stellen : Anfang Oktober eine Sonderfahrt des deutsehen Dampfers j,S t u 11 g a r t" anzuregen, der 540 jüdische Einwanderer nach Kapstadt brachte. Auch die Südamerika- Wanderung ist in ihrer Unterteilung auf die einzelnen Länder durch die Erschwerung der behördlichen Einwanderungs- ■ Vorschriften beeinflusst. Während Chile als Einwranderungsland an Bedeutung ganz verloren hat, sind Brasilien. und Argentinien im Jahr 1936 als Auswanderungsziel; in den Vordergrund gerückt. Nach Argentinien gingen 450 (i'39) Personen, allerdings wurde diese Einwanderung in der zweiten Hälfte des Jahres fast ganz gestoppt, weil nur wenige Personen die staatlichen Einwanderungsvoraussetzungen erfüllen konnten. Nach Brasilien gingen 788 (191) Juden aus Deutschland. Aber auch dieses Land hat inzwischen seine Einwanderungsgesetzgebung verschärft. Auffallend stark ist auch die Einwanderung nach Paraguay und Uruguay gewesen. Paraguay nahm 269 (8) und Uruguay 138 (34) Personen in den ersten zehn Monaten des Jahres 1936 auf. Leider hat Paraguay seine Grenzen inzwischen vollständig gesperrt. Dafür wurden aber mehr zum Ende des Jahres Ecuador und Kolumbien